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Stefan Schäfer: Das Politische in der Sozialen Arbeit

Cover Stefan Schäfer: Das Politische in der Sozialen Arbeit. Wahrnehmungen des Politischen in Fürsorge und Sozialpädagogik der Weimarer Republik. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2020. 408 Seiten. ISBN 978-3-7344-0996-7. D: 44,90 EUR, A: 46,20 EUR.

Reihe: Wochenschau Wissenschaft.
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Thema

Soziale Arbeit ist politisch: so selbstverständlich wie umstritten. Mit der Ökonomisierung des Sozialen seit den 1990ern verlor das Politische, sowie derzeit wieder eine Re-Politisierung gefordert oder wahrgenommen wird. Stefan Schäfer prüft die politische Verortung Sozialer Arbeit ausgehend von Hannah Arendts Begriff des Politischen. Schäfer nimmt wichtige Theoretiker_innen der Weimarer Republik in den Blick, diskutiert ihr Verhältnis von Sozialem und Politischem und leitet daraus Anforderungen ab für die aktuellen Debatten.

Autor

Stefan Schäfer, promovierte mit dieser Arbeit in der Erziehungswissenschaft an der Universität Frankfurt/M. und ist seit 2020 Lehrkraft für besondere Aufgaben an der TH Köln in der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften.

Aufbau

Mit „auf den Schultern von Riesen“ öffnet Stefan Schäfer den weiten Blick über ausgewählte Theorieansätze Sozialer Arbeit in der Weimarer Republik. Er ordnet sein Werk als „kritisch-reflexive Historiographie politischer Sozialer Arbeit“ ein und benennt in seiner Promotion, dass es kein historiographisches Werk zur Verhältnisbestimmung von Sozialem und Politischem gäbe. Diese arbeitet Schäfer über fünf Kapitel aus: dem theoretischen Rahmen zur Verhältnisbestimmung, mit seinem Ausgangspunkt bei Hannah Arendt; dem Perlentauchen nach einer Metapher von ihr als methodisches Werkzeug; der exemplarischen Durcharbeitung historischer Fragmente – wie Perlen, die aus tiefer See an die Meeresoberfläche gehoben werden – von vier Theoretiker_innen (Kerschensteiner, Klumker, Baum und Mennecke), um zusammenzufassen, schlusszufolgern und mit einem Fazit „auf dem Weg zur Demokratie“ die Zukunft öffnend. Das umfassende Literaturverzeichnis ermöglicht die eigene Re-recherche.

Inhalt

Schäfer zeigt „Übungen im politischen Denken“ (Arendt) auf und denkt mit der angeblichen Offenheit eines „Denkens ohne Geländer“ mit Arendt über Arendt hinaus, um schließlich Schritt für Schritt sein Geländer im Boden zu verankern.

Im ersten Kapitel führt Schäfer in vier Diskurse ein. Die aktuelle Forderung der Re-Politisierung Sozialer Arbeit kontrastiert er mit den Deutungen der Politikimmanenz und ihrer Widersprüchlichkeit, das Immanenz eine „un-politische“ Soziale Arbeit ausschlösse. Einen Zugang verschafft sich der Autor über Hannah Arendt und ihrer Historiografie des Politischen in der Differenzierung von Privatheit und Öffentlichkeit und dem Verschwimmen der Grenzen zwischen beidem und der Grenzbearbeitungen. Die dritte Perspektive ist die Differenzierung von Sozialem und Politischem in der Bestimmung des Gegenstandes einer politischen Theorie Sozialer Arbeit. Viertens zeigt Schäfer, dass diese beiden Begriffe aufeinander verwiesen seien und es in einem komplexem Begriffsgefüge um die Verhältnisbestimmung beider zueinander ginge.

Das zweite Kapitel beschreibt den methodischen Zugang der Arbeit. Weiter gilt die Orientierung an Hannah Arendt. Wenn auch von ihr nicht ausgearbeitet, so doch im Ansatz entwickelt, greift Schäfer das „Perlentauchen“ als zentrales Arbeitswerkzeug auf. Das Perlentauchen, ein kreatives und anregendes Instrument, das die Schätze aus den Tiefen des Meeres, der Geschichte, an die Oberfläche hebt, in die politische Gegenwart, um sie kontingent, geschichtsoffen, neu zu interpretieren. In Vorbereitung des dritten Kapitels begründet der Autor den Bezug auf die Weimarer Republik und seine vier ausgewählten Exponent_innen dieser Zeit.

Diese arbeitet Schäfer im dritten Kapitel durch. Alle Autor_innen beleuchtet er in gleicher Weise. Er analysiert das Verhältnis von Sozialem und Politischem, die Historisierung der Verhältnisse beider und bestimmt ihr Verhältnis zueinander. Dabei werden jeweils Ambivalenzen von Politischem und Unpolitischem deutlich, Perspektiven des Gesellschaftlichen und dem dann doch Unerreichten, dem schließlich unpolitischen, in Schäfers Urteil. Für Georg Kerschensteiner (1854-1932) soll soziale Liebe die politische Herrschaft ersetzen, was Schäfer mit Arendt als „hoffnungslos verlogen“ zurückweist. Mit Christian Klumker (1868-1942) rückt die Analyse der (Un)Wirtschaftlichkeit ins Zentrum. Klumker sieht beispielsweise die Verarmung von Menschen in sozialer und ökonomischer Ungleichheit in der Wirtschaft verankert. Gleichsam verbleibt Klumker in seinen Vorstellungen der bürgerlichen und kapitalistischen Wirtschaft verbunden. Im Wesentlichen verbleibt Klumker damit in den Grenzen des gegebenen Rahmens des Ökonomischen. Schäfer vermisst das gesellschaftlich verändernde, das überschreitende Potenzial. Als dritte vermisst Schäfer Marie Baum (1874-1964), die die Familie und die Gesundheit ins Zentrum stellt. Diese gelte nach Baum auch als Vorbild staatlicher Organisation. Mit ihr wandert der Autor auf der Grenze von Privatheit und Öffentlichkeit. Das Öffentliche gilt als der politische Raum, das Private als geschützter. Die Grenzen sind umkämpft und lassen sich verschieben. Schutz und Offenheit sind dabei ambivalente Perspektiven die sich zwischen Hilfe und Kontrolle bewegen, wobei hier die Kontrollperspektive Oberhand zu halten scheint. Der vierte Akteur ist Carl Mennicke (1887-1958). Er beschäftigt sich mit den sozialen Lebensformen, ihren immanent politischen Bedeutungen, orientiert auf die demokratische Frage und politische Bewegungen als emanzipatorische Akteure. Hier sieht Schäfer gute Anschlussperspektiven.

Das abschließende Kapitel nimmt zusammenfassend die fünf zuvor erarbeiteten Kristallisationsformen des Politischen in den Blick: Moral (Kerschensteiners Liebe), Ökonomie (Klumker), Familie (Baum), Demokratie (Mennicke) und die Pädagogisierung des Privaten. Schäfer zeigt auf, dass das Verhältnis von Politischem und Sozialen eher auf Abschließung orientiert als auf Öffnung. Eine Re-Politisierung findet sich für Schäfer in einer politischen Theorie Sozialer Arbeit, die mit einem Freiheitsbegriff verknüpft ist, der die Möglichkeiten der Welt öffnet. Dies ist die Perspektive „auf dem Weg zur Demokratie“ in seinem Fazit. „Das Politische ist und bleibt ein Wagnis und eine Zumutung für alle diejenigen, die mit der Welt, wie sie ist, nicht einverstanden sind und gerade um der Welt willen anfangen zu handeln“.

Diskussion

Der vorliegende Band ist eine Promotion, dementsprechend grundlegend ist die Ausarbeitung. Schäfer rekonstruiert den Re-Politisierungsdiskurs der Sozialen Arbeit. Er analysiert das Verhältnis von Sozialem und Politischem, bezieht diese auf das Verhältnis von Privatem und Öffentlichem auf der Basis Hannah Arendts Theorie und nutzt ihr methodisches Werkzeug des Perlentauchens, mit dem Schäfer vier prominente Akteur_innen der Sozialen Arbeit der Weimarer Republik untersucht. Die Arbeit ist eine „Verhandlung von Sozialer Arbeit im Rahmen von Geschichte und Politik“. Spannend ist die Diskussion zwischen Politikimmanenz, Apolitizität, der Forderung nach Re- bei gleichzeitig formulierter Immanenz in ihrer Widersprüchlichkeit, dass Immanenz die Apolitizität ausschlösse. Gleichwohl diskutiert der Autor die Diskurse als „Re-Politisierung“. Schäfer betrachtet auch Bezüge zwischen politischer Bildung und Demokratiebildung und verdeutlicht, das politische Voraussetzungen des Sozialen bedeutsam sind: das Politische als Voraussetzung. Die Voraussetzung zum weltveränderndem, emanzipatorischen Handeln. Das ist Stefan Schäfers Geländer.

Fazit

Schäfer nimmt mehrere Stimmen auf, die die Politikimmanenz der Sozialen Arbeit ausdrücken. Damit fokussierte er im „Modus des Anfangens“ was am Ende stehen soll: der Blick richtet sich auf die gesellschaftlichen Konflikte und Brüche, auf Widerständigkeiten, Gegenmacht und Möglichkeiten und damit auf die Offenheit emanzipatorischer Entwicklungen. So hat „Politik es mit der Welt zu tun“ wie es Hannah Arendt formuliert. Freiheit beginnt, wo die Sorge um das Leben aufgehört hat. Der Band selbst ist eine „Übung im politischen Denken“.


Rezension von
Erik Weckel
M.A., Politikwissenschaftler, Dozent an verschiedenen Hochschulen, u.a. an der HAWK Hildesheim in der Sozialen Arbeit, Erwachsenenbildner
Homepage www.schritte-gehen.com
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Zitiervorschlag
Erik Weckel. Rezension vom 12.08.2021 zu: Stefan Schäfer: Das Politische in der Sozialen Arbeit. Wahrnehmungen des Politischen in Fürsorge und Sozialpädagogik der Weimarer Republik. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2020. ISBN 978-3-7344-0996-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27539.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


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