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Frithjof Bergmann: Neue Arbeit, neue Kultur

Cover Frithjof Bergmann: Neue Arbeit, neue Kultur. Arbor Verlag (Freiburg) 2004. 433 Seiten. ISBN 978-3-924195-96-0. 24,80 EUR.
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Autor

Frithjof Bergmann, Jahrgang 1930, stammt aus Sachsen. Als junger Mann in die USA ausgewandert, versuchte er sich in verschiedenen Berufen, u.A. als Tellerwäscher und Hafenarbeiter, bis er begann Philosophie zu studierten. Schließlich promovierte er und begann seine Karriere als Universitätsdozent. Er hatte Lehrstühle an verschiedenen Universitäten, so lehrte er Philosophie und Anthropologie an der University of Michigan in Ann Arbor, arbeitete an den Universitäten Princeton, Stanford und Chicago und war Gastdozent an der Universität Kassel. Inzwischen emeritiert, reist er um die Welt, hält Vorträge und versucht seine Ideen Politik und Wirtschaft näher zu bringen. Er gilt als der "Visionär der Arbeit" wie er in der Wochenzeitschrift DIE ZEIT genannt wurde.

1984 gründete Bergmann mit General Motors ein Zentrum für "Neue Arbeit" in Flint/Michigan. Dies war das erste seiner Art, seitdem entstanden etwa 30 weitere Zentren in den Vereinigten Staaten, Kanada, Europa insbesondere in Deutschland sowie in Asien und Afrika.

Das Konzept "Neue Arbeit"

Sein Konzept "Neue Arbeit" verbindet sich mit der Idee: das Leben der Armen und Arbeitslosen durch wirtschaftliche Innovationen zu verbessern, ihnen neue Perspektiven zu eröffnen. Dabei kommen umweltbezogene, technische, wirtschaftliche und philosophische Prinzipien zum Tragen. Die herrschende Wirtschaftsweise sieht er in einer Sackgasse, gekennzeichnet einerseits durch Massenarbeitslosigkeit und Konzentrierung des Kapitals auf der anderen Seite. Mit seinen Ideen zur Neuen Arbeit hat er eine inzwischen weltweit beachtete Alternative entwickelt. Dabei geht es ihm nicht um Umsturz und grundsätzliche Veränderung, sondern um Korrekturen, die die Welt und die Gesellschaft in der wir leben, erträglicher, stabiler und letztlich überlebensfähiger machen.

Inhalt

In seinem Buch "Neue Arbeit, neue Kultur" wendet sich Bergmann an eine breite Öffentlichkeit, die sich für alternative Ideen zur Arbeitswelt interessiert, der aber das Fachchinesisch von Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern nicht eingängig ist. Die Zukunft unserer Arbeitswelt malt er durchaus in düsteren Farben. Die aktuellen Versuche mit Globalisierung, Massenarbeitslosigkeit und der dadurch bedingten Verunsicherung und Zukunftsangst fertig zu werden, gelten ihm als halbherzig und wenig tauglich. Er kritisiert sie als ein Herumdoktern am bestehenden System, an dessen Verbesserungsfähigkeit er aber zweifelt. Für Bergmann zeigt sich hier eine Krise unserer westlichen Kultur, deren Bewältigung aus sich heraus durchaus möglich ist, die jedoch ein Umdenken bei gesellschaftlichen Verhaltensnormen und Denkmustern erfordert.

Kapitelüberschriften wie die folgenden mögen das Spektrum dieses Buch aufzeigen:

  • der Tod des Sozialismus,
  • die Armut der Begierde (dort stellt er dar, dass Menschen gar nicht mehr wissen, was sie eigentlich für sich erreichen wollen)
  • oder auch "Die Kraft der weltweit gebündelten Ideen",
  • "Feminismus" (hier stellt er seine Erfahrung dar, dass Frauen zu seinen Denkansätzen zur Neuen Arbeit leichter aufzugreifen vermögen),
  • bis hin zu "High-Tech-Eigen-Produktion als materielle Grundlage des Lebens"
  • und "Der Reichtum, den neue Arbeit bringt".

Bergmanns Vorschläge sind durchaus für die Praxis gedacht, für ihn hat sich das Industriezeitalter mit seiner Massenproduktion in großen Industriekomplexen überlebt, zumindest ist es in seiner jetzigen Form nicht mehr fähig, genügend Menschen in Arbeit zu bringen. Stattdessen propagiert er dezentrale Produktion in kleinen Betrieben, wo die Kreativität der dort Beschäftigten gefordert und gefördert wird. Bergmanns Vorschlag, die Arbeitszeit in drei Bereiche aufzuteilen, ist ein Ansatz ,der mittlerweile auch klassischen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern diskutabel erscheint. Bei dieser Dreiteilung handelt es sich um

  • Lohnarbeit,
  • Zeit, in der wir einer Beschäftigung nachgehen, die uns wirklich Freude macht,
  • und das letzte Drittel der High-Tech-Eigen-Produktion zur Selbstversorgung.

Zur Kritik

Wenn Bergmanns Vorschläge in Teilen als soziale Romantik oder als utopisch erscheinen mögen, werden sie von ihm selbst aber dennoch als realisierbar dargestellt, und das nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen. So berichtet er über ein Gefängnisprojekt. Unter den dort einsitzenden Jugendlichen kam es regelmäßig zu Unruhen mit Gewaltanwendung. Um Beratung gebeten, kam Bergmann schließlich die Idee, mit einer Firma zu kooperieren, die Motorräder zusammenbaute, aber, da sie in wirtschaftlichen Schwierigkeiten war, gerne Hilfe annahm. Die Jugendlichen im Gefängnis waren von diesem Projekt ganz und gar begeistert, arbeiteten, weil es ihnen Spaß machte und die Unruhe unter ihnen ließ spürbar nach. Es gibt viele Beispiele in seinem Buch, die zeigen, dass gute neue Ideen Erfolg und Zustimmung bringen, doch zeichnet sich hierin die Bereitschaft der Gesellschaft ab, sich grundsätzlich neu zu besinnen? Eine andere Frage, die sich aufdrängt ist die, ob Bergmanns Vertrauen in die Möglichkeiten der High-Tech-Eigen-Produktion, in der er eine Alternative zur jetzigen Form der industriellen Produktion sieht, tatsächlich berechtigt ist. Auch dafür müssen die Voraussetzungen geschaffen werden, die - wie man vermuten kann - wesentlich mit einer Förderung im naturwissenschaftlich-technischen Bereich zu tun hat. Auf die bildungsrelevanten Elemente zu seiner Vision von "Neuer Arbeit" geht Bergmann in seinem Buch nicht ein; ist auch nicht sein eigentliches Thema. Doch über seine Gedanken in diesem Zusammenhang, hätte der Leser wohl gerne etwas erfahren.

Fazit

Neue Arbeit, Neue Kultur ist ein lesenswertes Buch. Bergmann gelingt es in sehr eingänglicher Form seine Leser für seine Ideen bezüglich der Neugestaltung unserer Arbeitswelt, mit dem Ziel die Arbeit zu individualisieren und der Massenarbeitslosigkeit zu beseitigen, zu interessieren. Seine Beispiele spiegeln seine lange Erfahrung im akademischen Lehrbetrieb als auch in der Lösung von praktischen Aufgabenstellungen wieder. Es ist ein Buch, das man nicht leicht aus der Hand legt. Man spürt die reiche Erfahrung und die Begeisterung des Autors, mit der er seine Thesen vertritt. Es gelingt ihm, immer wieder neue Aspekte seiner Überlegungen von Kapitel zu Kapitel ins Feld zu führen und so einen weiten Bogen zu spannen, der Kulturelles, Philosophie und Wirtschaftswesen ebenso einschließt, wie soziale Utopien und Szenarien unserer Alltagswahrnehmung. Dank gebührt auch dem Übersetzer. Er hat Bergmanns Arbeit in eine schnörkellose, für interessierte Laien und Fachleute ebenso goutierbare Sprache gegossen.


Rezension von
Dr. Gerd Manstein
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Zitiervorschlag
Gerd Manstein. Rezension vom 07.06.2005 zu: Frithjof Bergmann: Neue Arbeit, neue Kultur. Arbor Verlag (Freiburg) 2004. ISBN 978-3-924195-96-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2754.php, Datum des Zugriffs 06.12.2021.


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