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Reinhard Haller: Das Wunder der Wertschätzung

Cover Reinhard Haller: Das Wunder der Wertschätzung. Wie wir andere stark machen und dabei selbst stärker werden. Gräfe und Unzer (München) 2019. 208 Seiten. ISBN 978-3-8338-6744-6. D: 17,99 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 24,50 sFr.
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Thema

Dieses Buch ist erstmals 2019 erschienen und liegt jetzt bereits in der 7. Auflage vor. Der Autor möchte zu einer neuen Wertschätzungskultur beitragen, indem er dieses elementare menschliche Grundbedürfnis skizziert und in verschiedensten Zusammenhängen diskutiert.

Autor

Prof. Dr.med. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und Neurologe mit eigener Praxis in Österreich. Außerdem ist er tätig als Gerichtsgutachter und Sachverständiger. Seine Bücher „Die Narzissmusfalle“ und „Die Macht der Kränkung“ wurden Bestseller.

Entstehungshintergrund

Im Vorwort macht der Autor die Vorherrschaft von Leistung und Profit, die Überbetonung von Individualität sowie die Digitalisierung mit ihrer Anonymität des Einzelnen für einen rauen Ton im gesellschaftlichen Umgang miteinander verantwortlich. Gleichzeitig sieht er eine wachsende Sehnsucht nach mehr Wertschätzung. Diese Tendenz möchte er unterstützen, indem er für eine neue Kultur der Wertschätzung sensibilisiert.

Aufbau

Der Autor beleuchtet das Thema Wertschätzung aus verschiedenen Blickwinkeln. Die (nicht durch nummerierten) fünfzehn Kapitel des Buches lassen sich grob in drei Abschnitte unterteilen.

  1. Es beginnt mit der gesellschaftlichen Perspektive (soziale Kälte, Mangel an Zuwendung), leitet über zum einzelnen Menschen und dessen emotionaler Grundausstattung. Der Mensch brauche Empathie wie Muttermilch.
  2. Ein zweiter Teil nähert sich dem Thema von der Gegenseite: beschrieben werden fehlende Wertschätzung, Kränkung, Neid, (zerstörerisches) Schweigen, Arroganz und Aggression sowie Burn-out als verbrannte Wertschätzung.
  3. Dem folgen im dritten, letzten Teil eine Reihe konstruktiver Hinweise (in Kapiteln) zu Lob und Dankbarkeit, Wertschätzung in Partnerschaften und Organisationen, Wertschätzung leben mit kühlem Kopf und innerer Ruhe.

Einige Zitate berühmter Menschen stehen den Kapiteln voran, es gibt Beispiele aus der Praxis und vier Kapitel enden jeweils mit einer Liste von „Impulsen“: Anregungen, was hilfreich sein und was ich selber tun kann.

Zwei Seiten Literaturempfehlungen ergänzen die genannten Aspekte.

Inhalt

Das Kapitel 1 Wertschätzung in Zeiten sozialer Kälte ist zugleich Bestandsaufnahme und Plädoyer für mehr Empathie.

„Der Mensch bleibt trotz des gefühlskalten Zeitgeistes ein liebes- und lobesbedürftiges Wesen… Fehlende Wertschätzung …begünstigt psychische Probleme. Dagegen kommt die Kultivierung der Wertschätzung…dem Individuum, der menschlichen Gemeinschaft zugute.“(S. 6 f.)

In diesem Überblick sieht der Autor aber auch den Widerstand gegen die Tendenz der sozialen Kälte und will mit seinem Buch eine Lanze für die Wertschätzung brechen: „die Achtung menschlicher Werte, die Pflege der Empathie, die Bewahrung von Respekt und Würde.“(S. 10)

„Besondere Beachtung findet die Interaktion zwischen der Wertschätzung, die wir anderen entgegenbringen, und dem eigenen Selbstwert“ (S. 11 f.), daher fordert der Autor beides: „Eine Kultur der Wertschätzung kann nur entstehen, wenn sie gegeben und gefordert wird.“ (S. 12)

In Kapitel 2 Der Mensch – das empathiebedürftige Wesen umreißt der Autor verschiedene Konzepte von Einfühlung und unterscheidet in emotionale, kognitive und soziale Empathie.

Er beschreibt den Menschen als „ein liebes- und liebensbedürftiges Wesen, das heißt, er will Zuwendung und Anerkennung nicht nur empfangen, sondern auch an andere weitergeben.“ (S. 16)

Wichtige Wegbereiter für die Bedeutung der Empathie waren Sigmund Freud und Carl Rogers mit ihren therapeutischen Konzepten wie der klientenzentrierten Psychotherapie.

Die menschliche „Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, ihre Empfindungen und Gedanken zu erspüren“(S. 16) …bedarf zugleich der Selbstempathie, denn Voraussetzung für empathisches Verhalten ist Selbstwahrnehmung.

„Je besser wir die eigenen Gefühle und inneren Abläufe erspüren können, desto sensibler werden wir für Empfindungen, Emotionen und Gedanken anderer sein.“(S. 19)

Dieses Kapitel endet mit den Hinweisen dass „Empathische Menschen …in vielen Bereichen intelligenter und …ausgeglichener“ sind, dagegen sei „fehlende Empathie oft mit Intoleranz, Vorurteilen und Stereotypenbildungen verbunden.“(S. 23 f.)

Obwohl Empathie so wichtig für einen guten mitmenschlichen Umgang ist, seien die Empathiewerte innerhalb von 30 Jahren um 40 Prozent zurückgegangen (untersucht in 2011).

Die Hintergründe für diesen Wertewandel sieht der Autor u.a. im Wirtschaftsliberalismus und seiner Konkurrenzatmosphäre. Mehr dazu im folgenden Kapitel.

In Kapitel 3 Die emotional verhungernde Gesellschaft macht er sieben Gründe für die „Krise der Wertschätzung“ verantwortlich:

  1. Der Trend zu übertriebener Selbstverwirklichung, Selbstdarstellung und -verherrlichung
  2. Die Digitalisierung von Emotionen … macht uns zu Analphabeten des Gefühlsausdrucks
  3. Die Sucht nach Skandalen und Beschämung mit tragischen Folgen (cybermobbing)
  4. Die radikalisierte Sprache … spaltet die Gesellschaft in ganz gute und ganz böse Individuen
  5. Die Maske der coolness
  6. Unser Umgang mit den Alten „in einer dem wirtschaftlichen Nützlichkeitsprinzip… unterworfenen Welt scheint die Würde des Alters keinen Wert mehr zu haben“(S. 37)
  7. Der Ehrbegriff in der Krise: nach außen verlacht – im Inneren ersehnt.

Das nächste Kapitel 4 widmet sich den Begriffen Werte und Selbstwert.

Was sind Grundwerte, wie entsteht Selbstwert… „nur Menschen mit gutem Selbstwert sind in der Lage, anderen Anerkennung und Respekt entgegen zu bringen.“(S. 50) Zitat Peter Henatsch 'Wertschätzung erfahren und Wertschätzung entgegenbringen bedingen einander wie Aussaat und Ernte'. (S. 51)

Wie stärkt man die eigenen Ressourcen, wenn der Selbstwert außer Kontrolle gerät? Wie kann Wertschätzung zu einer Haltung werden?

Das wird genauer untersucht im nächsten Kapitel 5 Die sieben Stufen der Wertschätzung.

Der Autor unterscheidet zwischen Wertschätzung und wertschätzender Haltung. „Im Idealfall entwickelt sich aus fallweise wertschätzendem Verhalten eine entsprechende Grundhaltung, welche als Teil der Gesamtpersönlichkeit unseren Charakter maßgeblich prägt.“(S. 57)

  • Liebe
  • Vertrauen
  • Wertschätzung
  • Anerkennung
  • Respekt/​Achtung
  • Achtsamkeit

Aufmerksamkeit/​Beachtung

Das Fundament, auf dem alles aufbaut, sei Aufmerksamkeit und Beachtung. „Manche Menschen tun sehr viel, um Aufmerksamkeit zu bekommen. … Hinter alldem steht der Wunsch, beachtet, wahrgenommen, geschätzt, bewundert und letztlich geliebt zu werden.“ (S. 58)

Es folgt eine Beschreibung des Modethemas Achtsamkeit als besonderer Form der Aufmerksamkeit. Als Gegenstück werden Gedankenlosigkeit und Unachtsamkeit benannt. „Mag sein, dass die Wertschätzungskrise unserer Zeit auch mit einer gewissen Gedankenlosigkeit in einer stressdurchdrungenen und reizüberladenen Lebenswelt zu tun hat.“(S. 63)

Als weitere Stufen werden Respekt und Anerkennung behandelt, schließlich Vertrauen als wichtiger Faktor des Zusammenlebens, sowie die Liebe als höchste Form der Wertschätzung.

Dieses Stufenmodell der Wertschätzung findet der Autor bereits in den Ausführungen von spätmittelalterlichen Theologen wie Eckhart von Hochheim, genannt Meister Eckhart (1260 – 1328).

Das Kapitel 6 widmet sich dem Gegenpol der Wertschätzung, der Kränkung. Es endet mit zwei Seiten hilfreicher Impulse, wie man am besten damit umgehen kann.

Das nächste Kapitel 7 nimmt einen weiteren Gegenpol in den Fokus: Wie Entwertung funktioniert. Als Stichworte, die hier behandelt werden, seien Neid, Demütigung, Zynismus genannt. „Hinter Zynismus und Sarkasmus steht immer ein hohes Maß an Aggressionspotenzial. Es ist meist nach außen gerichtet… Da es sich aber auch gegen die eigene Person wenden kann, unterbindet es die Wertschätzung auf allen Ebenen.“(S. 98)

Ein eigenes Kapitel 8 handelt von der Vielseitigkeit des Schweigens. Wertschätzendes wird zerstörerischem Schweigen gegenübergestellt.

Schließlich erfahren wir im Kapitel 9 vom Narzissmus als zu viel der Selbstwertschätzung. Der Widerspruch, der sich aus dem zu viel des (eigenen) Selbstwertes für die Wertschätzung des Gegenüber ergibt, wird dargestellt an Hand von fünf Hauptmerkmalen dieser Persönlichkeitseigenschaft.

Im Kapitel 10 Weniger Wertschätzung, mehr Aggression werden die zwei Phänomene Amok und Terror als Folge mangelnder Wertschätzung und Kränkung diskutiert. „Während Amokläufer sich persönlich zu wenig wertgeschätzt fühlen, reagieren Terroristen vornehmlich auf Entwertungen von Idealen und Zielen ganzer Kollektive.“(S. 131) Der Autor vermutet im internationalen Trend zu motivarmen Gewaltverbrechen einen Zusammenhang mit Kränkungserlebnissen, Alltagsfrustration und mangelnder Zuwendung bzw. Beachtung.

Kapitel 11 Burn-out & Co. – die verbrannte Wertschätzung

Hier geht es recht ausführlich um eine „Vielzahl psychischer Störungen, die das bedeutendste Negativgefühl der modernen Gesellschaft beschreibt“ (S. 137), deren Ursache der Autor in einem Mangel an Wertschätzung sieht. Dieser „depressive Erschöpfungszustand – nichts anderes ist Burn-out – … ist die Störung der Leistungsgesellschaft, die Kampfesverletzung der Tüchtigen, fast könnte man sagen der Stolz der Industriegesellschaft.“(S. 139)

Die Erschöpfung teilt er in drei Bereiche – psychische, soziale und körperliche Erschöpfung ein. Als beste Medizin gegen Burn-out empfiehlt er: Wertschätzung. Sie „ist nicht selbst Therapie…wohl aber als Voraussetzung unerlässlich. … Der Patient erkennt, das Wohlbefinden und Ausgeglichenheit Werte sind, für die man sorgen muss, … das bedeutet eine bessere Wertschätzung der eigenen Bedürfnisse und Gesundheit.“(S. 151 f.)

Hier endet der zweite Teil, in den vier Kapiteln des letzten Teils geht es um Hinweise, wie wir es besser machen können.

Das Kapitel 12 Psychologie des Lobens und Dankens enthält wichtige Hinweise für Führungskräfte wie für Eltern. „Lob motiviert, ruft Zufriedenheit und Stolz hervor und stärkt das Selbstvertrauen“ (S. 155). Zugleich warnt der Autor vor zu viel und falschem Lob wie bei der „beliebten Sandwich-Methode (die Kritik wird zwischen zwei positive Feedbacks gepackt), …das Lob wird als emotionales Druckmittel und eine subtile Form der Erpressung empfunden.“ (S. 162)

Er bietet eine Liste von Impulsen, wie die wertschätzenden Aspekte im Alltag umsetzbar sind. Ein Beispiel: „Formulieren Sie Lob immer mit ganz eigenen Worten, nie als schematische Floskel…loben Sie weniger das Ergebnis als die Anstrengung und die Konzentration, die aufgebracht wird. Damit unterstützen Sie besonders Kinder darin, sich kreativ und motiviert an Aufgaben heranzuwagen und Scheitern nicht als Katastrophe zu erleben.“(S. 168)

Es folgen jeweils ein Kapitel Wertschätzung für Liebes- und Lebenspartner sowie Gewinn für alle: ein gutes Betriebsklima.

Wertschätzungsprobleme stehen an vorderster Stelle für Beziehungskrisen. „Wertschätzung kann … nicht alle Probleme fernhalten …, wohl aber garantiert sie die Intaktheit der Basis einer Partnerschaft“(S. 177).

Im Kapitel zum Betriebsklima wird „Ein Wertschätzungsdefizit … gerade im beruflichen Bereich (als) Stressor ersten Ranges“(S. 182) dargestellt. Unter der Überschrift Psychoterror Mobbing beschreibt der Autor außerdem den klassischen Mobber als an Über- oder Unterforderung, an Minderwertigkeitsgefühlen und Identitätsproblemen leidenden Täter. Dagegen ist das „Vorbild einer Führungskraft eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung einer Wertschätzungskultur in einem Unternehmen.“(S. 186)

Beide Kapitel beinhalten neben analytischen Beschreibungen konkrete Anregungen für die Umsetzung einer Kultur der Wertschätzung. So kann jedeR etwas aus diesem Buch ziehen.

Abschließend regt der Autor im letzten Kapitel 15 Wertschätzend leben zu Gelassenheit als besonders förderlicher Voraussetzung für eine wertschätzende Haltung an. „Denn ein gelassener Mensch kennt sich, seine Schwächen und seinen Wert. … Während Wertschätzung nach außen gerichtet ist, …dient die Gelassenheit eher der Eigenstärkung und dem Selbstschutz“. (S. 199 f.)

Diskussion

Der Autor gibt einen umfassenden Überblick von der „emotional verhungernden Gesellschaft“ über „die sieben Stufen der Wertschätzung“ zu Einzelaspekten wie Entwertung und Narzissmus, über Beziehungsarbeit zum Betriebsklima und schließt mit „Wertschätzung leben“ ab.

Ich fand keinen wirklich roten Faden. Beim Lesen drängte sich mir der Eindruck auf, der Autor hat ein mindmap erstellt: das Wort Wertschätzung dick in die Mitte gesetzt und davon ausgehend Begriffe abgeleitet, die einen Bezug dazu haben. Das hat den Vorteil: Man muss es nicht hintereinander weg lesen, sondern kann einzelne Kapitel nach Interesse lesen. Einiges steht auch gut für sich alleine: z.B. „Wertschätzung für Liebes- und Lebenspartner“ oder „Gewinn für alle: Ein gutes Betriebsklima“, diese Kapitel könnte man so auch in der Zeitschrift Psychologie Heute abdrucken.

Fazit

Letztendlich fand ich wenig Neues und auch nichts Falsches. Dieses Thema ist immer aktuell, in Zeiten der Pandemie vielleicht noch einmal mehr. Das Buch regt an mehr über Wertschätzung und die eigene Haltung dazu nachzudenken.


Rezension von
Dipl. Päd. Sabine Kamp-Decruppe
Mediatorin BM e.V., tätig u.a. im Psychosozialen Dienst der Friesenhörn GmbH
Homepage www.sabine-kamp.de
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Zitiervorschlag
Sabine Kamp-Decruppe. Rezension vom 22.01.2021 zu: Reinhard Haller: Das Wunder der Wertschätzung. Wie wir andere stark machen und dabei selbst stärker werden. Gräfe und Unzer (München) 2019. ISBN 978-3-8338-6744-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27553.php, Datum des Zugriffs 02.03.2021.


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