socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Otto Kernberg, Manfred Lütz: Was hilft Psychotherapie, Herr Kernberg?

Cover Otto Kernberg, Manfred Lütz: Was hilft Psychotherapie, Herr Kernberg? Erfahrungen eines berühmten Psychotherapeuten. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2020. 192 Seiten. ISBN 978-3-451-60266-5. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Um es sich einfach zu machen, könnte man über das Thema des Buches festhalten, dass es darin um Gott und die Welt geht. Und auch wenn das zutreffend wäre, geht es um weit mehr. Primär handelt es sich um Aufzeichnungen von mehreren Treffen zwischen Manfred Lütz und Otto Kernberg, die sich in ihren Gesprächen über die unterschiedlichsten Angelegenheiten austauschten. So geht es um das Leben und die darin gemachten Erfahrungen Kernbergs, aber auch um seine Ansichten und Meinungen zu verschiedenen Themen. Es handelt sich daher um eine bunte Mischung aus Porträt, Autobiographie, Erzählung und Fachbuch. Dem mittlerweile fast 93-jährigen Otto Kernberg, immer noch einer der bedeutendsten Vertreter seiner Zunft, wird dadurch eine Möglichkeit gegeben, sich selbst in den Mittelpunkt zu rücken und mehr über sich mitzuteilen, als über seine Arbeit zu sprechen.

Autoren bzw. Gesprächspartner

Manfred Lütz, der Interviewer, ist Psychiater, Psychotherapeut und katholischer Theologe. Er ist Chefarzt eines Fachkrankenhauses für Psychiatrie in Köln-Porz. Als Autor verfasste er sowohl fachliche, wie auch populärwissenschaftliche Bücher. Neben seiner klinischen Tätigkeit ist er als Kabarettist unterwegs.

Otto Kernberg, der Interviewte, ist Psychiater und Psychotherapeut und in eigener Praxis sowie als Professor an der WeillCornell-University in New York tätig. Er gilt als einer der führenden Psychoanalytiker und weltweit renommierter Experte für Persönlichkeitsstörungen.

Entstehungshintergrund

Die Entstehungsgeschichte bildet gleichzeitig die Einleitung zum Buch. Lütz beschreibt darin, wie er Kernberg anlässlich eines von ihm organisierten Vortrags kennengelernt hat. Aus der für Lütz überraschend persönlichen Vorstellung ist über viele Jahre hinweg eine Arbeitsbeziehung aber auch immer mehr eine Freundschaft erwachsen. Durch die sich dadurch verändernden und zum Teil auch persönlicheren Gesprächsinhalte entstand die Idee, ein Buch über diese Gespräche zu verfassen. Nach Ansicht von Lütz war trotz des großen Bekanntheitsgrades von Kernberg nicht viel über sein eigenes Leben zu finden, gerade wo dieses aber von vielen Veränderungen und einschneidenden Erfahrungen geprägt war. Kernberg konnte letztlich überredet werden, sodass beide Anfang 2020 die ersten Gespräche für das Projekt führten. Insgesamt 22 Stunden Gesprächszeit wurden aufgenommen und abgetippt und um allzu komplexe, fachliche Passagen redigiert. 

Aufbau

Das Buch wurde in 10 Kapitel unterteilt, die sich einerseits aus dem Verlauf der Gespräche ergeben haben, andererseits wurde eine Unterteilung in thematische Einheiten versucht. Ganz einem Interview verpflichtet, verläuft das Buch in einem Frage-Antwort-Stil. Außer der bereits genannten Einleitung zu Beginn findet sich ein kurzer Lebenslauf zu Otto Kernberg am Ende.

Inhalt

Um dem Inhalt des Buches nicht vorwegzugreifen, wird an dieser Stelle auf eine inhaltlich tiefergehende und sich chronologisch entwickelnde Darstellung verzichtet. Anders als in einem Fachbuch finden sich weder klar voneinander abgrenzbare Themen sowie keine Modelle oder Theorien, sodass das Buch auch kaum als Nachschlagewerk, denn vielmehr als Lesebuch verwendet werden kann und soll. Im Groben decken Lütz und Kernberg zwei Bereiche ab, die Ansichten Kernbergs zu Psychotherapie und Psychoanalyse und das Leben Kernbergs. Beide Bereiche werden vielfach über persönliche Anekdoten vermittelt. Im ersten Kapitel wird Kernberg zur Wirkung von Psychotherapie befragt. Dabei befasst er sich mit der Unterscheidung zwischen Verhaltenstherapie und Psychoanalyse, ebenso wie Forschungsergebnisse über mögliche Wirkfaktoren aufbereitet werden. Im zweiten Kapiteln werden allgemein ausgedrückt unterschiedliche Persönlichkeitsstörungen erklärt und zu nicht pathologischen Persönlichkeitszügen bei Menschen abgegrenzt. In diesem Kapitel findet sich auch die kolportierte Frage, ob Donald Trump narzisstisch genug sei, um von Kernberg therapiert zu werden. Im folgenden Kapitel werden positive Eigenschaften von Therapeuten ebenso wie Merkmale einer guten Psychotherapie beschrieben. Gleichermaßen beachtet werden aber auch Nebenwirkungen und Schädigungen, die durch Psychotherapie zustande kommen können. Dabei bezieht sich Lütz vor allem auf den Missbrauchsskandal innerhalb der katholischen Kirche. Mit weiteren Faktoren einer gelingenden Therapie und der Unterscheidung zu Beratung und Seelsorge beschäftigt sich das vierte Kapitel, während es mit dem fünften Kapitel beginnt, persönlich zu werden. Darin wird Kernberg ausgiebig über seine Kindheit in Wien befragt, bis er im darauffolgenden Kapitel über seine Emigration nach Chile erzählt. Im siebten Kapitel unterhalten sich beide Gesprächspartner über Gott aus Sicht des Christentums und des Judentums, bevor in den beiden darauffolgenden Kapiteln zwischen biographischen Erzählungen, den spürbaren Auswirkungen des Holocausts und Kernbergs Studien gewechselt wird. Im abschließenden zehnten Kapitel sprechen beide über Liebe, sowohl im weltlichen wie im spirituellen Sinne.

Diskussion

Ein Geständnis: es ist schwierig, eine objektive Rezension zu diesem Buch zu schreiben. Dies liegt hauptsächlich darin begründet, dass ich, der Rezensent, vor ca. 10 Jahren als Fellow im Personality Disorders Institute in New York hospitierte und dadurch Bekanntschaft mit Otto Kernberg machen durfte. Daher erwartete ich das Buch mit großer Freude und sicherlich nicht zu erfüllenden Erwartungen. Um es in Anlehnung an einen berühmten Ausspruch von Oscar Wilde zu sagen: „Ich hatte viele Erwartungen, einige wurden sogar erfüllt.“ Das aus meiner Sicht wichtigste zuerst: der Kernberg im Buch entspricht dem echten, dem tatsächlichen Kernberg. Stets höflich im Ton, zurückhaltend und unaufdringlich, gar bescheiden. Dabei aber klar, authentisch und kritisch. Es ist eine Freude zu verfolgen, wie Kernberg auf die Fragen von Lütz antwortet und wie dadurch spürbar wird, wo Kernberg die Fragen anregend findet und geistreich erzählt und wo Dissens herrscht und er sich taktvoll zurücknimmt. Dabei wird leider schnell klar, dass sich hier zwei Gesprächspartner mit zwei unterschiedlichen Ansichten, Motiven und vielleicht sogar Niveaus gegenübersitzen. So ist der eine, Lütz, damit beschäftigt, das Buch auch einem „gebildeten Metzger“ verstehbar zu machen, während der andere aufgrund seiner Klarheit jedem Versuch zu widerstehen vermag. Durch die Reduktion auf das Einfache fehlt dem Buch manchmal die Schärfe und Finesse, um es als anregende und stimulierende Lektüre zu begreifen. Es bleibt abzuwarten, ob das Zielpublikum der „gebildeten Metzger“ damit erreicht wird, oder ob es nicht doch klüger gewesen wäre, das Fachpublikum mehr in den Fokus zu rücken. So trennt sich rasch die Spreu vom Weizen. Für den interessierten Laien dürften zu viele persönliche Details aus dem Leben Kernbergs enthalten sein, um das durchgängige Interesse aufrecht zu erhalten. Für das Fachpersonal dagegen erscheinen die berufsrelevanten Gesprächsinhalte wenig überraschend. Letztlich haben sich die Herausgeber damit auch selbst ein Bein gestellt, indem der Buchtitel tendenziös gewählt wurde, ohne das Versprechen dahinter ausreichend einzulösen. Ja, das Buch enthält Hinweise zu Wirkfaktoren einer Therapie. Die Auseinandersetzung damit beschränkt sich allerdings auf ein paar wenige Seiten. Wass weit größeren Raum zugestanden bekommen hat, sind theologisch anmutenden Fragen; offenbar der weiteren Profession des Interviewers geschuldet. Der ständige Rekurs darauf mutet zum Teil künstlich und anstrengend an. Immer wieder gibt es Textstellen, in denen der Leser den Widerwillen Kernbergs spürt, sich auf religiöse Glaubensbekenntnisse einzulassen. Dies bremst Lütz leider weniger, als es ihn anzustacheln vermag. Entsprechend bitter ist der Beigeschmack, dass Lütz' Name riesig groß auf dem Cover steht, doppelt so groß und oberhalb des Namens von Kernberg. Auch im inneren des Buches fällt auf, dass Lütz Schwierigkeiten hat, sich zurückzunehmen und durch gekonnte Distanziertheit weitere persönliche Details zu entlocken. Da ihm dies im Großen dennoch gelungen ist, steht demgegenüber der biographische Teil des Buches, der wirklich überzeugen kann. So durchsichtig und erfahrbar war Kernberg in der Literatur bis dato nie. Und alleine deswegen ist das Buch uneingeschränkt zu empfehlen. Ein Wermutstropfen zum Schluss: die von der Begegnung existierenden Farbfotos wären wünschenswert gewesen, um dem Leser mehr von der Atmosphäre der Gesprächssituation zu vermitteln.

Fazit

Das Buch gibt mehrere Gespräche von Lütz und Kernberg wieder, in denen sich beide über wesentliche Essentials der Psychotherapie und Psychoanalyse, der Therapie von Persönlichkeitsstörungen und relevanten Aspekten gelingender Liebesbeziehungen sowie über das bewegte Leben Kernbergs austauschen. In verständlicher Sprache erhält der Leser so Einblicke in den Werdegang Kernbergs. Das Gespräch erreicht dabei erhellende Höhen, wirkt in der wiederkehrenden Auseinandersetzung um Glaubensfragen aber auch bemüht. Insgesamt bietet das Buch mehr Persönliches, als dass es die Titelfrage umfassend beantwortet, kann aber genau deswegen mit Genuss gelesen werden.


Rezension von
Dipl.-Psych. Tobias Eisenmann
Psychologischer Psychotherapeut (VT);Dipl.-Soz.päd.
Ehem. Wissenschaftlicher Mitarbeiter - Lehrstuhl für Psychologische Diagnostik, Universität Erlangen-Nürnberg
E-Mail Mailformular


Alle 49 Rezensionen von Tobias Eisenmann anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Tobias Eisenmann. Rezension vom 26.07.2021 zu: Otto Kernberg, Manfred Lütz: Was hilft Psychotherapie, Herr Kernberg? Erfahrungen eines berühmten Psychotherapeuten. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2020. ISBN 978-3-451-60266-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27554.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht