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Madelaine Böhme, Rüdiger Braun u.a.: Wie wir Menschen wurden

Cover Madelaine Böhme, Rüdiger Braun, Florian Breier: Wie wir Menschen wurden. Eine kriminalistische Spurensuche nach den Ursprüngen der Menschheit. Heyne Verlag (München) 2019. 335 Seiten. ISBN 978-3-453-20718-9. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 30,90 sFr.
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Thema

Sollten die Sozialwissenschaften und sozialwissenschaftlich interessierte Laien die geradezu dramatischen Veränderungen der letzten 10–15 Jahre zur Evolution des Menschen ignorieren? Veränderungen, die durch neue Funde in Europa und verbesserte Methoden der Analyse zustande kommen. So steht z.B. heute in Frage, ob Afrika die Wiege der Menschheit ist.

Sollte man diese Befunde ignorieren trotz wichtiger Bezüge zu den Sozialwissenschaften wie etwa den Fragen zur Entstehung und Bedeutung von Gesellungsphänomenen, Fragen der Sprachentstehung, des kommunikativen Verhaltens generell? Nach Ansicht des Rezensenten wäre eine Kenntnisnahme dieser grundlegenden Veränderungen dann zu empfehlen, wenn sie überblicksartig vermittelt werden.

Dies genau unternimmt das Buch von Madelaine Böhme, Rüdiger Braun und Florian Breier. Böhme ist Geowissenschaftlerin und Paläontologin, Braun und Breier sind Wissenschaftsjournalisten. Mit 335 Seiten Umfang liegt das Werk noch im „zumutbaren Bereich“. 30 Abbildungen und Grafiken illustrieren das Anliegen.

Aufbau

Ein bekanntes Merkmal der Archäologie und der Paläoanthropologie ist (notwendigerweise) ein ausgeprägt kleinteiliger Argumentationsstrang aus vielen bruchstückhaften Einzelbelegen, die aber ermüdend wirken können, da „vor lauter Bäumen der Wald nicht mehr zu sehen ist“. Wohl aus diesem Grunde hat Madelaine Böhme sich der Mitarbeit zweier erfahrener Wissenschaftsjournalisten, Rüdiger Braun und Florian Breier, versichert. Vermutlich ist es deren Verdienst, das das Buch sich für ein Sachbuch gut liest. Fachtermini werden erklärt. Ein leicht kriminalistischer Aufbau des Bandes sichert eine gewisse Spannung.

Man mag spekulieren, wie wohl das Ringen um „süffigeren“ Textfluss durch die beiden Wissenschaftsjournalisten einerseits und dem sichern fachwissenschaftlicher Standards (z.B. Belegdichte) durch die Forscherin andererseits, ausgesehen haben mag. Jedenfalls ist der Fließtext von vielen Einschüben dieser Art frei; sie sind in die – sage und schreibe – 289 (!) Anmerkungen „verbannt“ worden. Skeptiker werden allerdings hierdurch zu umständlichem Blättern genötigt.

Inhalt

Inhaltlich besteht das Werk aus sechs Teilen:

  1. „‚El Greco‘ und die Trennung von Schimpanse und Mensch.“
  2. „Der wahre Planet der Affen.“
  3. „Die Wiege der Menschheit: Afrika oder Europa.“
  4. „Der Klimawandel als Motor der Evolution.“
  5. „Was den Menschen zum Menschen macht.“
  6. „Einer kam durch.“

Sie gliedern sich ihrerseits in insgesamt 25 Kapitel, z.B. in Teil 5: „Was den Menschen zum Menschen macht“ in die fünf Kapitel

  1. „Freie Hände: viel Raum für Kreativität“;
  2. „Wanderlust: Neugier auf das Unbekannte“;
  3. „Unbehaarter Dauerläufer; Der rennende Mensch“;
  4.  „Feuer, Geist und kleine Zähne: Wie die Ernährung die Entwicklung des Gehirns beeinflusste“ und
  5. „Stimme verbindet: vom Warnruf zur Kultur“.

Das Werk geht mit einer erfreulichen Selbstverständlichkeit interdisziplinär vor und kann dann auch mit diesem Pfund wuchern, wie die Ergebnisse belegen.

So wird z.B. im „Teil 4: Der Klimawandel als Motor der Evolution“ intensiv auf die ausgeprägte Weiterentwicklung der Untersuchungsmethoden eingegangen. „Die Rekonstruktion der Umwelt als Schlüssel zum Verständnis der Evolution“ steht und fällt mit der Altersbestimmung. Neben der bekannten physikalischen C14-Methode, die den radioaktiven Zerfall feststellt, aber „nur“ ca. 50 000 Jahre zurückreicht (und die, wie alle anderen Methoden, leserfreundlich erläutert wird) bestehen inzwischen weitere Methoden. Die Magnetostratigrafie nutzt astrophysikalische Erkenntnisse: Die Pole der Erde haben sich erdgeschichtlich immer wieder verändert und Spuren in den Gesteinsformationen hinterlassen die nun zur Altersbestimmung der im gleichen Sediment gefundenen Fossilien genutzt werden. Gravitationskräfte im Sonnensystem erzeugen in großen Zeitintervallen zyklische Unterschiede, die wiederum das Klima beeinflussen, das wiederum die Sedimente beeinflusst.

„Zusammengenommen verfügen wir heute über eine sehr breite Palette unterschiedlicher Datierungsmethoden“ schreiben die Autoren. Diese Methodenvielfalt reduziert die Schwankungsbreite der Altersbestimmung „auf unter ein Prozent“. Aber auch biologische Sachverhalte sind aussagekräftig: So liefern die fossilen Überreste einzelliger Algen Informationen über die Wasserqualität einer geologischen Zeitspanne und „in den winzigen Kalkskeletten tierischer Plankton-Organismen sind Temperatur, Salzgehalt und Strömungsrichtung der Urozeane dokumentiert“. Fossile Pflanzenpollen führen zur Rekonstruktion der Vegetation eines damaligen Ökosystems.

Im nächsten Kapitel des 4. Teils, „Im Staub der Zeit versunken: Landschaft und Vegetation zur Zeit >El Grecos<“, wird es dann auf der Basis der vorher ausgeführten Methoden konkret: Eine Rekonstruktion der Landschaft, der Vegetation und Tierwelt einschließlich des Grecopithecus, von den Autoren „El Graeco“ genannt. Dabei handelt es sich um einen ca. 7 Millionen Jahre alten Menschenaffenfund (in kleinen Bruchstücken) im Gebiet des heutigen Griechenlands (Athener Becken). Vor den Augen der Leserschaft entfaltet sich (in Europa!) auf Basis der fossilen Funde eine Savannenlandschaft mit Elefanten, Giraffen Nashörnern, Antilopen und Gazellen.

Für Geologen ist Klimawandel eine gut belegte Selbstverständlichkeit mit all ihren Folgen und die Plattenbewegungen der Kontinente tragen ihren Teil zur Veränderung der Erdoberfläche bei. Dies führt dazu, dass die Autoren statt von Europa lieber von Eurasien sprechen, um den Zusammenhang dieser beiden Kontinente zu betonen. Sie prognostizieren, dass durch Plattentektonik in ca. 150 Mill. Jahren Afrika durch Entschwinden des Mittelmeers an Eurasien andocke und ein neuer Superkontinent entstehen würde. Hier ist allerdings der frühere englische Premierminister Lloyd George ins Spiel zu bringen, der einst sagte: „Prognosen sind immer unsicher, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“.

Im Teil 5, „Was den Menschen zum Menschen macht“ (fünf Kapitel), kommen Sachverhalte zur Sprache, die den Sozialwissenschaften näher stehen. So befasst sich beispielsweise das vorletzte Kapitel mit „Feuer, Geist und kleine Zähne. Wie die Ernährung die Entwicklung des Gehirns beeinflusste“. Archäologische, paläoanthropologische, anthropologische, geologische, genetische und physiologische Befunde werden hier miteinander verknüpft. Sie zeigen, dass ein Organ wie unser gegenwärtiges Gehirn mit seinem Gewicht von knapp 1,5 kg zwar nur ca. 2 % unseres Körpergewichts, aber 20 % unseres Energieverbrauchs beansprucht. Gerade die Sozialwissenschaften werden sich fragen müssen, was die Dominanz dieses einen Organs in ihrem Gegenstandsbereich aussagt. (Und die Freundinnen und Freunde des Energiesparens werden die Möglichkeiten erkennen, die sich durch weitgehendes ‚Abschalten‘ dieses ‚Energiefressers‘ eröffnen.)

Auch in den nicht näher hier besprochenen Teilen 1 – 3 und 6 geht es vergleichbar spannend und anschaulich zu.

Diskussion

Das Werk ist ausdrücklich nicht als Fachbuch für einige Dutzend Archäologen und Paläoanthropologen, sondern als Sachbuch für eine breitere Leserschaft konzipiert. Dies ist deshalb positiv hervorzuheben, weil ein solches Vorhaben in aller Regel innerfachlich weniger Anerkennung bringt als ein Fachbuch. Aber gerade in Zeiten der Wissenskumulation in den einzelnen Wissenschaften besteht nach Meinung des Rezensenten eine „Bringschuld“ der Fächer gegenüber der Öffentlichkeit, deren Steuergelder schließlich diese Arbeiten zu großen Teilen finanzieren.

Im Übrigen: Welche Auswirkungen eine bezüglich ihres allgemeinen Bildungstandes zurück liegende Öffentlichkeit erzeugt, zeigen einige Bundesstaaten der USA, in denen bis heute die schulische Vermittlung der Evolution verboten ist oder behindert wird und dies trotz gemeinsamer Intervention Dutzender US-Nobelpreisträger beim US-Senat.

Formal wäre zwar ein kürzerer Umfang des Buches wünschenswert, denn 230 Seiten werden bekanntlich eher gelesen als 330, aber dies ist leichter gesagt als getan. Sparmöglichkeiten am Textumfang liegen aber evtl. bei gelegentlich etwas breiten geologischen Ausführungen, die zwar paläoanthropologisch unverzichtbar, aber auch zusammenfassbar sind.

Die zitierte Literatur ist leider nicht separat gelistet, sondern in den 289 Anmerkungen untergekommen.

Fazit

Ob das Thema des Buches „Wie wir Menschen wurden. Eine kriminalistische Spurensuche nach den Ursprüngen der Menschheit“ sozialwissenschaftlich als randständig oder als grundlegend betrachtet werden sollte, kann die Leserschaft nach 336 Seiten Lektüre leicht entscheiden. Das besprochene Werk kommt einer fachfremden Leserschaft weit entgegen, sprachlich wie didaktisch, und zwar ohne an wissenschaftlichem Gehalt zu verlieren. Im Gegenteil bringt es die Leserschaft auf den aktuellen und interdisziplinär fundierten Sachstand. Dieser unterscheidet sich erheblich von dem, was über Jahrzehnte gültig war. Es spricht einiges inzwischen gegen die Annahme, dass „Adam aus Afrika kam“. Dazu haben neben neuen gut datierbaren fossilen Funden in Europa insbesondere neue Methoden, auch der genetischen Analyse von Fossilien beigetragen.

Kurz: Ein sehr empfehlenswertes „update“ unseres Allgemeinwissens.


Rezension von
Prof. Dr. Dr. Uwe Krebs
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Zitiervorschlag
Uwe Krebs. Rezension vom 09.10.2020 zu: Madelaine Böhme, Rüdiger Braun, Florian Breier: Wie wir Menschen wurden. Eine kriminalistische Spurensuche nach den Ursprüngen der Menschheit. Heyne Verlag (München) 2019. ISBN 978-3-453-20718-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27555.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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