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Peter Hansbauer, Joachim Merchel u.a.: Kinder- und Jugendhilfe

Cover Peter Hansbauer, Joachim Merchel, Reinhold Schone: Kinder- und Jugendhilfe. Grundlagen, Handlungsfelder, professionelle Anforderungen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. 354 Seiten. ISBN 978-3-17-033503-5. 39,00 EUR.
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Thema

Das Buch dient als Studienwerk für die Kinder- und Jugendhilfe. Es soll eine grundlegende Orientierung für das Arbeitsfeld bieten. Dabei steht das professionelle Handeln und das Herausbilden eines professionellen Habitus im Zentrum der Ausführungen. Das Lehrbuch will der Vielfalt in der Kinder- und Jugendhilfe Rechnung tragen und bietet neben einem geschichtlichen Abriss zur Entwicklung auch Einblicke in die gegenwärtigen Ansätze und Handlungsstrukturen des Arbeitsfeldes. 

Autoren

Peter Hansbauer, Prof. Dr., ist seit 2004 Professor für Soziologie an der Fachhochschule Münster und koordiniert den Master-Studiengang Jugendhilfe. In Projekten und Veröffentlichungen befasst er sich insbesondere mit den Bereichen Jugendhilfe, Vormundschaft und Partizipation.

Joachim Merchel, Prof. Dr. phil., ist nach Tätigkeiten in der Heimerziehung, in der Fortbildung und beim Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW seit 1992 Professor für „Organisation und Management in der Sozialen Arbeit“ an der Fachhochschule Münster, Fachbereich Sozialwesen (bis 9/2019), seit 9/2019 Leiter des Forschungs- und Diskursprojekts „Profil und Profilentwicklung im ASD“ (Fachhochschule Münster in Kooperation mit der Bundesgemeinschaft ASD e.V.). Außerdem ist er Mitglied im Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft ASD e.V. und forscht u.a. zur Kinder- und Jugendhilfe, zum Sozialmanagement und zur Qualitätsentwicklung in der Sozialen Arbeit.

Reinhold Schone, Prof. Dr. phil. und Dipl. Pädagoge, war bis 2019 Professor für das Lehrgebiet „Organisation und Management in der Sozialen Arbeit“ an der Fachhochschule Münster. Seit dem Wintersemester 2019/2020 ist er dort im Rahmen einer Seniorprofessur für den Bereich Kinder- und Jugendhilfe und Jugendhilfeplanung tätig. Im Rahmen vielfältiger Praxisforschungsprojekte hat er besonders zu Fragen der Kinder- und Jugendhilfe (u.a. Kindeswohlgefährdung zwischen Jugendhilfe und Justiz, Kinder psychisch kranker Eltern, Schutzkonzepte in der Erziehungshilfe u.a. m.) geforscht.

Die Angaben entsprechen der Beschreibung der Autoren innerhalb des Lehrbuches.

Entstehungshintergrund

Das Werk ist in der Reihe „Grundwissen Soziale Arbeit“ erschienen. Diese Reihe wird von Prof. Dr. Rudolf Bieker herausgegeben. Die Veröffentlichungsreihe setzt sich mit zentralen Inhalten der Sozialen Arbeit auseinander und bieten einen Überblick über gegenwertige Themenstellungen und Herausforderungen der Profession. Durch die kompakten Grundwissen-Kursbücher wird dem Bologna-Prozess und der damit einhergehenden verkürzten Ausbildungszeit Rechnung getragen. Den Studierenden wird ein Überblick über verschiedene Themenstellungen gegeben, die zum Weiterrecherchieren und Vertiefen einladen.

Aufbau

Das Studienwerk ist in sechs Abschnitte gegliedert. Der erste Abschnitt bietet einen historischen Abriss zur Entwicklung und Ausdifferenzierung der Kinder- und Jugendhilfe. Daran anschließend wird der aktuelle Stand der Kinder- und Jugendhilfe dargelegt. In Abschnitt drei bietet das Werk einen Überblick über die Trägerstrukturen in der Kinder- und Jugendhilfe.

Dem professionellen Handeln und den Anforderungen an die Fachkräfte wird Abschnitt 4 gewidmet. Der daran angegliederte fünfte Abschnitt stellt das Herzstück der Ausführungen dar. Hier werden die zahlreichen Handlungsfelder in der Kinder- und Jugendhilfe näher vorgestellt. Jedes Handlungsfeld wird untergliedert in die Funktion und den sozialpädagogischen Auftrag, die Handlungsanforderungen an die Akteure in diesem Feld sowie die Spannungsfelder und Entwicklungsperspektiven. Abschließend werden die Perspektive des Arbeitsfeldes aufgegriffen und diskutiert.

Inhalt

Das Studienwerk geht in Abschnitt 1 auf die historische Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe ein. Einleitend wird hierzu ein Überblick über die Vorläufer der Jugendhilfe im Mittelalter gegeben. Beginnend um 1500 werden einzelne Entwicklungs- und Organisationsveränderungen dargelegt. Der historische Abriss bietet einen Überblick über die Schwerpunkte der Kinder- und Jugendhilfe. Die Ausführungen schließen mit der Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes – SGB VIII. Das Kapitel wird durch eine prägnante Zusammenfassung sowie weiterführenden Literaturempfehlungen abgerundet.

Abschnitt 2 geht auf die gegenwärtige Kinder- und Jugendhilfe ein. Die Autoren stellen zunächst die Ziele und Aufgaben in den Mittelpunkt der Ausführungen. Ausgehend von der gesetzlichen Definition der Aufgaben und Zielsetzungen der Kinder- und Jugendhilfe in § 1 Abs. 3 SGB VIII werden die verschiedenen Spannungsfelder und Herausforderungen dieser Aufgabenbeschreibung herausgestellt:

  • Ansatzpunkt bei den jungen Menschen, bei ihren Eltern, bei den gesellschaftlichen Verhältnissen;
  • Aufträge zwischen Förderung, Beratung und Unterstützung junger Menschen und Familien auf der einen Seite und der Abwehr von Gefahren für das Kindeswohl auf der anderen Seite;
  • Interventionsstrategien, die auf das Verhalten von Menschen gerichtet sind, auf der einen Seite, und Strategien, die auf die Beeinflussung der gesellschaftlichen Verhältnisse gerichtet sind, auf der anderen Seite.

Aus diesen teils widersprüchlichen und hochkomplexen Anforderungen an das Handlungsfeld leitet die Autorengruppe den „Markenkern“ ab und bietet gleichzeitig eine theoretische Orientierung für die Kinder- und Jugendhilfe: Alle Interventionen und Angebote des Arbeitsfeldes werden als Versuch verstanden, den vielfältigen Lebensbewältigungsanforderungen zu begegnen. Alle Aktivitäten sind eingebettet in einen gesellschaftlichen Bezugsrahmen und sollen zur übergreifenden Verbesserung der Infrastruktur für Kinder und Jugendliche sowie deren Familien dienen. Die Komplexität der modernen Gesellschaft und die sich daraus ableitenden Herausforderungen werden als Auftrag zur weiteren Ausdifferenzierung und zur weiteren Anpassung der Unterstützungsleistungen an die gesellschaftlichen und familiären Erfordernisse eingeordnet. Zusammenfassend stellen die Autoren als Auftrag an die Kinder- und Jugendhilfe heraus: „für junge Menschen Bedingungen des Aufwachsens zu schaffen und weiterzuentwickeln, die ihnen eine optimale gesellschaftliche Teilhabe und optimale individuelle Verwirklichungschancen eröffnen.“ (S. 49).

Die Interventionen und Angebote der Kinder- und Jugendhilfe werden in Fördern, Helfen und Schützen unterteilt, wobei die Eingriffsintensität in die familiären Strukturen im Hinblick auf den gesellschaftlichen Schutzauftrag zunimmt.

An die Ausführungen zur Aufgabenstellung und Zielsetzung fügt sich die Diskussion um übergreifende konzeptionelle Leitbegriffe in der gegenwärtigen Kinder- und Jugendhilfe an. Als Begründung für eine handlungsfeldübergreifende Konzeption werden folgende Gründe angeführt:

  • Verbindung der unterschiedlichen Arbeitsfelder miteinander, Erleichterung der Zusammenarbeit und konzeptionelle Geschlossenheit der Kinder- und Jugendhilfe gegenüber der Gesellschaft
  • Sie erleichtert die Vertretung der Interessen von Kindern, Jugendlichen, Sorgeberechtigten und Einrichtungen.
  • Sie fördert das berufliche Selbstverständnis der MitarbeiterInnen, ihr methodisches Handeln und die Entwicklung von normativen Maßstäben für die Kinder- und Jugendhilfe.
  • Die normativen Grundlagen werden sicht- und reflektierbar, nach innen und nach außen
  • Methodisches Handeln verselbstständigt sich nicht, sondern wird eingebunden in eine normative Werte- und Zielbestimmung.

Als theoretisch-konzeptionelle Ausrichtung bietet das Werk die Orientierung im Sinne einer offensiven Jugendhilfe, die u.a. die Autonomie, das Soziale Lernen und die Kreativität in den Fokus der Interventionen und Angebote der Kinder- und Jugendhilfe stellt.

Als weiterführende theoretische Fundierung wird die Lebensweltorientierung nach Hans Thiersch angeführt. Hieraus lässt sich nach Auffassung der Autorengruppe das Ziel, dass Kinder und Jugendliche auf die Wahrnehmung und Eigenverantwortung für ihren Alltag und die individuelle Lebensführung vorbereitet werden sollen, ableiten. Die Berücksichtigung der Lebenslagen einer Familie ermöglicht das bessere Verstehen der subjektiven Wirklichkeit. Die Anerkennung des Expertentums für das eigenen Leben und die Berücksichtigung und Einbeziehung der subjektiven Sichtweisen ist eine zentrale Anforderung an das Profil der handelnden Fachkraft in der Kinder- und Jugendhilfe.

Ergänzend zur Lebensweltorientierung wird der Befähigungsansatz – Capability Approach – nach Martha Nussbaum und Amartya Sen angeführt. Aus diesen drei theoretischen Überlegungen (offensive Jugendhilfe, Lebensweltorientierung und dem Befähigungsansatz) ergibt sich für die Autoren die feldübergreifende Basis.

Aus diesen Kerngedanken leiten die Autoren auch die zentralen Konzeptbegriffe einer zeitgemäßen Kinder- und Jugendhilfe ab:

  • Prävention
  • Partizipation und die Ermöglichung von Teilhabe
  • Integration und Inklusion
  • Sozialraumorientierung
  • Selbstbefähigung, Empowerment und Ressourcenorientierung

Neben einer grundlegenden Definition bietet das Werk weiterführende Fragen, mit denen sich die Kinder- und Jugendhilfe künftig und in der Ausrichtung der eigenen Konzeption auseinandersetzen muss. Beispielhaft werden einzelne Fragestellungen zu den Leitbegriffen Selbstbefähigung/​Empowerment/​Ressourcenorientierung angeführt:

  • Welche Impulse brauchen Kinder, Jugendliche und Familien durch die Jugendhilfe, um ihr Leben (wieder) selbstbestimmt steuern zu können?
  • Wie kann sich Jugendhilfe bei einem Hilfebedarf von Familien-(Mitgliedern) schnell wieder überflüssig machen (Hilfe zur Selbsthilfe)? etc.

Auch dieses inhaltlich sehr gefüllte Kapitel wird mit weiterführender Literatur abgerundet.

Abschnitt 3 geht auf die Spezifika in der Trägerstruktur der deutschen Kinder- und Jugendhilfe ein und bietet den Lesenden einen ersten Eindruck über die Schnittstellen und Bezugspunkte der einzelnen Akteure im Handlungsfeld, weiterführend werden überblicksartig die Finanzierungsmodalitäten der Kinder- und Jugendhilfe angeführt.

Abschnitt 4 bezieht sich auf das professionelle Handeln in der Kinder- und Jugendhilfe. Eine besondere Herausforderung für die Fachkräfte in der Jugendhilfe stellen die bereits angeführten Spannungsfelder dar. Professionalität wird gerade im Agieren zwischen gesellschaftlichen, teils administrativ klar umrissenen Verwaltungshandlungen und einer (sozial-)pädagogischen auf Unterstützung ausgerichteten Intervention als zentral herausgestellt. Nur durch Professionalität und Reflexivität kann der Spannweite an Ansprüchen und Herausforderungen im Arbeitsfeld Rechnung getragen werden.

Zunächst werden grundsätzliche Begrifflichkeiten bei einer unmittelbaren Leistungserbringung herausgestellt, die das professionelle Handeln beeinflussen, wie etwa der zeitliche Zusammenfall der Leistungsproduktion und Konsumtion etc.

Weiter wird professionelles Handeln auf dem Dreischritt von „Diagnosis, Inference, Treatment“ fundiert und näher erläutert.

Es wird daran anschließend die Fragestellung herausgearbeitet, auf welche allgemeinen Strukturelemente sich das professionelle Handeln in der Kinder- und Jugendhilfe bezieht. Hierbei können vier Ebene des fachlichen Handelns im Sektor herausgearbeitet werden:

  • die direkte Kommunikation zwischen Fachkraft und AdressatInnen
  • der Organisationsbezug auf der Ebene der innerorganisationalen Strukturen und konzeptionellen Gegebenheiten
  • der Organisationsbezug auf der Ebene der interorganisationalen Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern sowie anderer Professionen zur Erweiterung der eigenen (Deutungs-)perspektive
  • die Infrastruktur auf die eine Fachkraft zur Be- und Erarbeitung eines Falls zurückgreifen kann.

Aus diesen sehr ausführlich und umfassend dargestellten Aspekten leiten die Autoren im abschließenden Teilkapitel zum professionellen Handeln den Aspekt des kompetenten Handelns. Kompetenz wird zunächst heruntergebrochen auf die Rückfrage nach den Fähigkeiten, die eine Person zur Bewältigung einer spezifischen Aufgabenstellung mitbringt. Dies verdeutlicht die Aufgabenabhängigkeit des Kompetenzbegriffes.

Weiter wird auf die inflationäre Verwendung des Begriffes in den verschiedensten Professionen verwiesen. Der Bedeutungsgehalt des Begriffes variiert je nach Disziplin sehr stark. Die Autoren belassen es hier bei einem Hinweis auf die vorherrschenden Debatten und Diskurse zur Thematik. Als Kompetenzdefinition führen die Autoren die im deutschsprachigen Raum sehr verbreitete Definition des Kompetenzbegriffes nach Weinert (2001) an. Nach einer Analyse der Schwierigkeiten, die dieses Kompetenzverständnis mit sich bringen, richten die Autoren bezugnehmend auf Maja Heiner (2010) den Fokus auf die Fallkompetenz, die Systemkompetenz sowie die Selbstkompetenz als drei zentrale Aspekte des professionellen Handelns und buchstabieren diese Ansätze für die Kinder- und Jugendhilfe konkret aus.

Abschnitt 5 stellt im Umfang und im Facettenreichtum den Kern des Studienbuches dar. In elf Teilabschnitten werden weite Felder der Kinder- und Jugendhilfe je kompakt dargestellt und ein Einblick in die organisatorischen und fachlichen Schwerpunkte gegeben. Zur Verdeutlichung wird ein Überblick über die Rahmenbedingungen und Anforderungen der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH) gegeben.

Als Schwerpunkte für die Arbeit im Bereich der SPFH werden die Betreuung und Begleitung der Familien bei alltäglichen Problemstellungen und Herausforderungen benannt. Dazu zählen die Bewältigung von Erziehungsaufgaben, die Lösung von Konflikten und Krisen sowie die Begleitung zu Institutionen und Ämtern. Die Fachkräfte der SPFH stehen einer hohen Anforderungskomplexität gegenüber: divergierende Familiendynamiken müssen in der Arbeit ebenso berücksichtigt werden, wie vielfältige Problemstellungen im Bereich der Alltagsbewältigung. Zusätzlich können sich die Fachkräfte nicht auf feststehende Rahmenbedingungen einer Institution berufen, sondern agieren teils selbstständig oder freiberuflich. Als Arbeitshilfe wird durch die Autoren der professionelle Dreischritt aus Analyse, daran anschließende Schlussfolgerungen sowie das darauf aufbauende fachliche Handeln erläutert.

Die einzelnen Schritte werden wie folgt differenziert:

  • Analyse der Ausgangssituation/„Diagnose“: Dieser Schritt dient der Analyse des Ist-Standes in der Familie. Herausfordernd ist die Berücksichtigung der verschiedenen Interessenlagen, da die Hilfe unmittelbar im Alltag der Familie ansetzt. Explizit geäußerte Aufgabenstellungen müssen genau wie implizit herangetragene Delegationen bzw. Wünsche seitens der Fachkraft aufgegriffen und reflektiert werden. Zur Betrachtung der Lebenssituation des Kindes gehört im Kontext der SPFH auch die Berücksichtigung der Stellung des Kindes innerhalb des Familiensystems. Dazu zählen beispielsweise die vorherrschende Hierarchie sowie das Beziehungsnetz innerhalb der Familie. Auch die handlungsleitenden Wirklichkeitskonstruktionen der Familie spielen in der Ist-Stand-Analyse eine entscheidende Rolle. Hier besteht die Schwierigkeit, dass die Selbstdeutung der Familie und die Einschätzung der Fachkraft miteinander in Konkurrenz treten können. Ein Handlungsschritt der Fachkraft kann die Konfrontation der Familie mit anderen Deutungsmöglichkeiten der Situation durch die Fachkraft sein. Daran anknüpfend findet in der Analyse auch die Selbstbeobachtung und -reflexion der Fachkraft ihren Niederschlag.
  • Schussfolgerung/„Inferenz“: Der Kern des Inferenzprozesses zielt auf die Ressourcengenerierung und -erweiterung der Familien ab. Letztendlich soll sichergestellt werden, dass die Familie im Verlauf der Hilfe dazu befähigt werden, den Alltag wieder ohne Hilfe von außen zu bewältigen, dazu zählt u.a. die Sicherstellung des Kinderschutzes sowie die Stabilisierung der Familiensituation. Das mögliche Selbsthilfepotenzial der Familie muss in diesem Prozess berücksichtigt werden (z.B. mögliche psychische Belastungen, geistige Einschränkungen der Eltern etc.). Weiter fordern die Autoren eine stetige Weiterbildung der Fachkräfte, um ein breites Handlungsspektrum in der Fallbearbeitung sicherzustellen. Die Fachkräfte stehen vor der Herausforderung, situativ auf verschiedenste Problemstellungen reagieren zu müssen. Bei einer eingeschränkten Handlungsfähigkeit der Fachkräfte besteht die Gefahr, dass die Fälle an das Handlungsrepertoire der Fachkraft angepasst werden und alle Fälle nach dem gleichen Handlungsschema abgearbeitet werden. Explizit wird darauf hingewiesen, dass, auch wenn eine Strategie bei einer Familie gut funktioniert hat, diese nicht unreflektiert auf weitere Fälle übertragen werden kann.
  • Handlung/„Behandlung“: Die Autoren heben in diesem Handlungsschritt besonders zwei methodische Zugänge hervor: Das Gespräch und das Lernen am Modell. Die Intervention, die in der Familie stattfindet, kann sich sehr unterschiedlich gestalten. Je nach Problemfeld und Herausforderung unterstützt die Fachkraft die Familie bei täglichen Arbeiten und sucht in verschiedensten Situationen, wie etwa bei Schulproblematiken oder ähnlichem das klärende Gespräch. Die Rolle der Fachkraft darf sich jedoch nicht auf die tägliche Entlastung der Familien beschränken und sich den Wünschen dieser beugen, sondern dient v.a. dazu die Familie im Rahmen der Möglichkeiten an eigenverantwortliches und eigenständiges Handeln heranzuführen. Hierbei nimmt die Fachkraft die Modellfunktion ein und unterstützt die Familie auch durch eine Vorbildfunktion bei der Problembewältigung. Weiter führen die Autoren die Notwendigkeit der Reflexion der Hilfe an. Diese vollzieht sich in einem komplexen sozialen Gebilde. Es besteht also die Gefahr, dass nicht nur indizierte Wirkungen eintreten, sondern durch die Hilfe auch unerwünschte Nebenwirkungen auftreten. Die Fachkraft wird dazu angehalten, die eigenen Handlungsschritte kleinteilig zu analysieren und deren Wirkung auf das Gesamtsystem in den Blick zu nehmen.

Weiter nehmen die Autoren das Spannungsfeld, welches sich gerade im Bereich der ambulanten Erziehungshilfen ergibt, näher in den Blick. Es wird herausgestellt, dass sich die Hilfe zwischen den beiden Polen Kinderschutz und der Unterstützung der Familien bewegt. Die Autoren stellen heraus, dass sich nach einigen brisanten Kinderschutzfällen – exemplarisch an einem bundesweit diskutierten Fall bei dem 2006 ein 4-jähriger Junge gewaltsam zu Tode kam – eine stark einseitige Fokussierung auf den Kinderschutz zu verzeichnen ist. Im Bereich der SPFH zeigt sich diese Entwicklung – so die Autoren – v.a. daran, dass immer häufiger Versuche unternommen werden, ambulante Hilfeleistungen im Rahmen sogenannter Schutzkonzepte zu installieren. Dies führt einerseits zu einer Entlastung der öffentlichen Träger, da der staatliche Schutzauftrag partiell an die freien Anbieter übertragen wird, untergräbt aber anderseits die Möglichkeit der SPFH, stabilisierend und stärkend auf das Familiensystem einzuwirken. Die Fachkräfte, die unmittelbar in den Familien fungieren, sind dadurch einem gravierenden Spannungsfeld ausgesetzt. Weitere Spannungsfelder ergeben sich zwischen Unterstützung und der Befähigung, Problemstellungen eigenverantwortlich anzugehen. Die Familie kann die direkte Entlastung durch die Fachkraft als sehr positiv empfinden, dennoch sollte es das Ziel der Fachkraft sein, die Familie dahingehend zu befähigen, eigenverantwortlich Problemstellungen und Alltagsherausforderungen anzugehen. Dies verdeutlichen die Autoren am Beispiel der Behördengänge. Es kann sich im Rahmen der Hilfe als durchaus sinnvoll und zielführend erweisen, die Familien zu Beginn der Maßnahme aktiv bei Behördengängen zu unterstützen. Langfristig gilt es jedoch, den Familien entsprechende Handlungsstrategien und Kenntnisse zu vermitteln, um sich diesen Anforderungen selbstbestimmt stellen zu können. In welchem Umfang eine aktive und direkte Begleitung notwendig ist, lässt sich pauschal nicht beantworten, sondern muss am Einzelfall geprüft und reflektiert werden (vgl. ebd.). Als weiteres zentrales Spannungsfeld führen die Autoren die Zielsetzung der Hilfe zwischen Anpassung an die gesellschaftlichen Erwartungen und dem Respekt vor dem Eigensinn und dem Selbstbehauptungswillen der KlientInnen an. Es erfordert seitens der Fachkräfte eine hohe Reflexionsleistung, auch Familienstrukturen und Lebensgewohnheiten zu akzeptieren, welche nicht mit der eigenen Sozialisation übereinstimmen. Die Intimsphäre der Familie muss gewahrt werden. Der Eingriff der Öffentlichkeit in das Privatleben der Familie muss grundsätzlich so gering wie möglich gehalten werden. Wie dies in der Praxis gelingen kann, muss im Rahmen des Einzelfalls geklärt und kann entsprechend nicht übergreifend beantwortet werden.

Abschnitt 6 bearbeitet die künftigen Entwicklungsperspektiven des Arbeitsfeldes. Einerseits werden in vier Unterkapitel klar künftige Perspektiven herausgearbeitet und andererseits auch kommende Herausforderungen innerhalb der Handlungsfelder angeführt. Als Perspektiven stellen die Autoren u.a. den Umgang mit Widersprüchen in einer sich stetig wandelnden Gesellschaft heraus. Weiter werden auch die Themen Wirkungsorientierung und Qualitätsmessung in der Kinder- und Jugendhilfe angeführt.

Als Herausforderungen benennen die Autoren den Umgang mit kultureller Vielfalt, Medien und Digitalisierung sowie Inklusion und Einbezug von Menschen mit Behinderung.

In der abschließenden Bemerkung verdeutlichen die Autoren noch einmal die hohe Komplexität und Wandelbarkeit des Kinder- und Jugendhilfesektors.

Diskussion

Das Buch ermöglicht einen hervorragenden Einstieg für Studierende in die Auseinandersetzung mit dem Handlungs- und Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe und bietet darüber hinaus viele interessante Anregungen zur Diskussion. Bereits die Zielsetzung der Kinder- und Jugendhilfe kann einerseits aus der sehr positiv beschriebenen Perspektive der Autorengruppe betrachtet werden und die optimale Förderung der Kinder, Jugendlichen und deren Familien ins Zentrum der Angebote und Interventionen der Jugendhilfe stellen – was sich gerade in den vielfältigen Angeboten zur Förderung der Kinder im Rahmen der Kindertagesstätten, der frühen Hilfen etc. verdeutlicht.

Anderseits kann die Jugendhilfe nur sehr bedingt eine „optimale“ Förderung der Kinder und Jugendlichen anstreben, da dies stark von der jeweilig angelegten normativen Perspektive bestimmt wird. „Die Eltern und deren sozio-ökonomische Verhältnisse gehören grundsätzlich zum Schicksal und Lebensrisiko eines Kindes“ (- 1 BvR 1178/14 -). Dieses aus einem BVerfG-Urteil stammende Zitat im Jahr 2014 verdeutlicht die Grenzen der Handlungsspielräume der Kinder- und Jugendhilfe und betont das von den Autoren in den Hintergrund gerückte Elternrecht in größter Deutlichkeit. Dies verdeutlicht das von den Autoren herausgestellte Spannungsfeld, dem die Akteure in der Kinder- und Jugendhilfe ausgesetzt sind und wozu die Rückbindung und Reflexion des professionellen Handelns anhand theoretischer Zugänge erfordert. Die dazu angeführten Ansätze der Lebensweltorientierung sowie der Capabilty Approach bilden ein hermeneutisch-normatives Fundament.

Andere theoretische Zugänge wie beispielsweise ein verhaltensorientierter Zugang (exemplarisch: Blanz et al. 2013) – welcher gerade in Theorie und Praxis der Jugendhilfe eine zentrale Rolle spielt – oder die ökosoziale Perspektive (exemplarisch: Germain/​Gitterman 1999) werden in der Darstellung nicht erwähnt, was jedoch auf die Zielgruppe und die Ausrichtung des Buches zurückzuführen ist. Jedoch verdeutlichen die angeführten Entwicklungslinien und künftigen Herausforderungen die Notwendigkeit einer multimodalen Annäherung die Weiterentwicklung vorliegender Theoriekonzepte.

Fazit

Das vorliegende Studienwerk bietet einen sehr guten Ein- und Überblick in das breite Feld der Kinder- und Jugendhilfe. Das inhaltlich knapp 300 Seiten starke Buch erlaubt einen Überblick in die historische Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe und stellt zeitgemäße konzeptionelle und sozialarbeitswissenschaftliche Überlegungen vor. Die verschiedenen Handlungsfelder der Kinder- und Jugendhilfe werden systematisch und kompakt dargestellt und bieten Interessierten eine erste Orientierung über die Vielfalt in den inhaltlichen Möglichkeiten des Sektors. Weitere Entwicklungslinien werden schlüssig und nachvollziehbar erörtert und geben einen Eindruck über die kommenden Herausforderungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland.

Literatur:

Balz et al. (2013): Verhaltensorientierte Soziale Arbeit. Grundlagen, Methoden, Handlungsfelder. Stuttgart: Kohlhammer.

Germain/​Gitterman (1999): Praktische Sozialarbeit. Das „Life Model“ der Sozialen Arbeit. Fortschritte in Theorie und Praxis. 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart: Enke.


Rezension von
Jutta Harrer-Amersdorffer
(M.A. Soziale Arbeit), Lehrbeauftragte KU Eichstätt, Fakultät für Soziale Arbeit, PhD Universität Ostrava (CZ)
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Zitiervorschlag
Jutta Harrer-Amersdorffer. Rezension vom 07.12.2020 zu: Peter Hansbauer, Joachim Merchel, Reinhold Schone: Kinder- und Jugendhilfe. Grundlagen, Handlungsfelder, professionelle Anforderungen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-17-033503-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27558.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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