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Ursula Immenschuh: Unerhörte Scham in der Pflege

Cover Ursula Immenschuh: Unerhörte Scham in der Pflege. Über die Notwendigkeit einer unbeliebten Emotion. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2020. 184 Seiten. ISBN 978-3-86321-537-8. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 37,50 sFr.
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Thema und Autorin

Die Scham in der Pflege wird nicht gern diskutiert und wird zudem meist durch Abwehr ersetzt, die dazu dient, arbeitsfähig zu bleiben. Das dauerhafte Verdrängen, Verschweigen oder Bagatellisieren schambesetzter Situationen setzt aber den Verlust der positiven Funktion der Scham außer Kraft. Denn diese schmerzhafte Emotion hilft uns, Pflegebeziehungen und unser soziales Zusammenleben würdevoll zu gestalten.

Die Autorin des Fachbuches ist, Dr. Ursula Immenschuh, Professorin für Pflegepädagogik und Pflegewissenschaft an der Katholischen Hochschule in Freiburg. Sie hat 12 Jahre in unterschiedlichen Bereichen der Pflege gearbeitet.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist nach einem Vorwort und einer Danksagung sowie einer Einleitung in drei Teile mit mehreren Kapiteln unterschiedlicher Länge gegliedert.

Im „Vorwort und Dank“ weist die Autorin auf die vielen Facetten des Themas hin, die es nicht erlauben würden, in einem Buch dargestellt zu werden. Die Publikation richte sich in erster Linie an Pflegende. Sie möchte dieser Gruppe Gehör verschaffen und das in Worte fassen, was sie tagtäglich erleben.

In der „Einleitung“ wird herausgearbeitet, dass Scham eine der schmerzhaftesten Emotionen ist, die wir kennen. Sie zeige uns an, wenn eine Grenze überschritten wird, wenn wir missachtet oder ausgegrenzt würden. Abwehr werde dieser Vorgang genannt, und er sei absolut nützlich. Im ersten Teil beschreibt die Autorin das ethno(psycho-)analytische Vorgehen als Methode und im zweiten Teil werden berufskulturelle Betrachtungen dargestellt.

Teil Eins: „Das Vorgehen und der Forschungsgegenstand“ wird mit einem ersten Kapitel „Grundlegendes“ eingeleitet. Scham sei ein grundlegendes, die Pflege mehr oder weniger begleitendes Phänomen. Es beträfe uns, wenn Nacktheit, Entstellung, Krankheit oder Hilfsbedürftigkeit uns herausforderten. Es wurde die Gruppensupervision als Methode des reflexiven Forschens genutzt, indem zwei Gruppen von Pflegekräften in je drei Treffen mit einer Dauer von drei Stunden ihre Sichtweise zu „Würde und Scham in der Pflege“ ausgetauscht haben. Gefühle, die die Autorin bei der intensiven Arbeit mit dem Material immer wieder begleiteten waren Alleinsein und Trauer und dass Trauer mit Scham eng verbunden sei. In den weiteren Ausführungen wurde die Arbeit in den Gruppen diskutiert. Nur einzelne Gedanken sollen hier erwähnt werden. Der Unterschied zwischen Scham und Beschämung sei, dass Scham okay sei, dass aber Beschämung zerstörerisch sei. Wut verdecke die Scham. Scham fühle sich einsam an, sie sei im Schweigen sehr spürbar.

Teil Zwei ist mit dem Titel „Was im Material enthalten ist“ überschrieben und beginnt mit Ausführungen zu „Einblicke in das tabuisierte Gefühl und die Ausweichbewegungen“. So hätten die Supervisionsgruppen gezeigt, dass es ein Wagnis sei, sich auf das Thema einzulassen, denn es bestehe die Gefahr, sich darin zu verlieren und dass die Scham einen mitnehmen kann. Es sei ein Thema, was ein Hinweis auf unser Innerstes sei, es sei schwer zu fassen und unberechenbar, hätte viele Facetten und sei zudem körperlich-leiblich fassbar (S. 71 ff.). Scham sei ein Tabu, verweise uns auf uns selbst, isoliere. Weil Pflegearbeit frühkindliche Gefühle wecke, suchten Pflegekräfte unter den gegebenen Umständen oft die Flucht ins Funktionieren. Lust und Scham seien untrennbar miteinander verbunden, Letztere sei die Wächterin von Grenzen. Mit Scham hätten wir es zu tun, wenn Menschen ausgegrenzt würden und wenn wir denen, die für die Ausgegrenzten sorgten, auch noch schlechte Bedingungen zugestehen. Pflege sei eher darauf ausgerichtet, zu funktionieren, weniger zu fühlen.

Es folgt der dritte und damit letzte Teil „Was im Material nicht enthalten ist oder: das Unerhörte“. Das folgende Kapitel ist mit dem Titel „Es fehlt die Würde“ versehen. Unerhört seien Schamgeschichten, weil sie selten erzählt würden und damit nicht gehört würden und sie beschreiben Pflegefehler, unkollegiales Verhalten bis hin zu kriminellen Handlungen. Viele Pflegekräfte fühlten sich aber auch allein gelassen mit der Last, unter schwierigsten Bedingungen Pflege leisten zu sollen. Die Würde der Pflege sei in Gefahr, oder gar schon verloren gegangen, da sich Pflegekräfte nicht mehr mit der Arbeit identifizieren könnten, denn das, was sie tun, entspräche nicht mehr dem Bild, das sie von sich hätten und das, was einen einmal wichtig war, nicht mehr eingehalten werden könnte (S. 126). In unserer Gesellschaft würde das tendenziell ausgeschlossen, was nicht kontrollierbar, machbar, erfolgreich, produktiv sei. Pflegekräfte könnten ihre eigene Würde bewahren, indem sie nicht die Augen verschließen vor den Missständen, sondern indem sie die Scham fühlten, wenn sie Menschen nicht ausreichend versorgen könnten.

Fazit

Es ist eine Publikation, die aufrüttelt, die mich emotional stark berührt hat und der man nicht ausweichen kann, ohne sich betroffen zu fühlen. Es geht um das unangenehme Gefühl der Scham, die keine Ruhe gibt, die noch viele Jahre später bohrt und signalisiert, dass da gegen das eigene Selbstbild gehandelt wurde, aber sie ist auch ein starker Impuls zur Weiterentwicklung. Missstände in der Pflege müssten aufgedeckt werden, um die eigene Würde zu schützen, anstatt andere dafür verantwortlich zu machen oder Ausreden zu erfinden. Dieses Buch kann man nicht einfach so verkraften, man wird selbst betroffen gemacht und es schaut hinter die Fassade der Pflege in manchen stationären Einrichtungen. Es sollte wirklich jeder lesen, der mit der Pflege älterer oder behinderter Menschen betraut ist.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 06.11.2020 zu: Ursula Immenschuh: Unerhörte Scham in der Pflege. Über die Notwendigkeit einer unbeliebten Emotion. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2020. ISBN 978-3-86321-537-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27560.php, Datum des Zugriffs 25.11.2020.


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