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Marion Roddewig: Kollegiale Beratung für Gesundheitsberufe

Cover Marion Roddewig: Kollegiale Beratung für Gesundheitsberufe. Ein Anleitungsprogramm. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2018. 166 Seiten. ISBN 978-3-86321-402-9. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Thema

Pflegende begleiten Menschen in belastenden und oft kritischen Lebenssituationen. Dabei sind sie mit Problemen und Entscheidungskonflikten konfrontiert, die zu emotionaler Beanspruchung bis hin zum Stresserleben führen können. Mit Kollegialer Beratung oder Intervision unterstützen sie sich wechselseitig und entwickeln zudem ihre Beratungskompetenz sowie die Kompetenz zum Problemlösen. Es verwundert daher nicht, dass die Methode der Kollegialen Beratung heute zu den Grundbausteinen der Aus- und Weiterbildung in vielen Gesundheitsberufen gehört. Es ist eine selbstgeleitete Beratungsform, mit der das Erfahrungswissen von Kollegen strukturiert und lösungsorientiert in einen Austausch gebracht wird. Das strukturierte Vorgehen mit fester Rollenverteilung begünstigt die rasche Verbreitung der Methode. Sowohl im Buchhandel als auch im Internet gibt es inzwischen unzählige Anleitungen zur Kollegialen Beratung. Angesichts dieser umfangreichen Literatur ist es eine Herausforderung, noch neue Akzente zu setzen. Marion Roddewig hat sich dieser Herausforderung gestellt und ein Anleitungsprogramm zur Kollegialen Beratung für Gesundheitsberufe herausgebracht.

Autorin

Die systemische Beraterin Marion Roddewig ist gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin und hat Sozialwissenschaft studiert. Seit vielen Jahren ist sie in der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Pflegefachpersonen tätig und verfügt daher über fundiertes Wissen zu Bildung in Gesundheitsberufen.

Entstehungshintergrund und Aufbau

Zu den Auswirkungen der Kollegialen Beratung auf das emotionale Befinden von Auszubildenden in der Gesundheits- und Krankenpflege hat die Autorin 2013 promoviert. Bereits in ihrer Dissertationsschrift, die ebenfalls im Mabuse-Verlag erschien, hat sie das Anleitungsprogramm zur Kollegialen Beratung vorgestellt. Nun hat sie das entsprechende Kapitel ihrer Dissertation mit kleinen Ergänzungen als eigenständiges Buch veröffentlicht. Es gliedert sich in drei Teile. Zunächst führt die Autorin in die Grundlagen der Kollegialen Beratung ein. Danach folgt das eigentliche Anleitungsprogramm, das eine Gruppe von bis zu zehn Teilnehmenden in elf „Sitzungen“ zur selbstständigen Anwendung der Kollegialen Beratung führen soll. Zum Abschluss gibt es ein kurzes Kapitel zu den Erfahrungen der Autorin mit der Umsetzung ihres Anleitungsprogramms.

Inhalt

Im einleitenden Kapitel geht die Autorin auf die Merkmale, Ziele und Grenzen der Kollegialen Beratung ein. Unter Kollegialer Beratung versteht sie eine selbstgesteuerte und systematisch durchgeführte wechselseitige Reflexion unter Fachpersonen, mit dem Ziel Lösungen für Probleme in ihrer beruflichen Praxis, Zufriedenheit mit ihrer Arbeit und Ideen für ihren beruflichen Alltag zu finden. Dabei macht sie auch auf Grenzen dieser selbstgesteuerten Beratungsmethode aufmerksam.

Im Zentrum des Buches steht das Anleitungsprogramm. Die Autorin beschreibt elf Unterrichtssequenzen, in denen sie das Beratungsmodell mit verschiedenen methodischen Variationen vermittelt. Der Aufbau der Kapitel folgt einer klaren Struktur mit Darstellung der Zielsetzung, einer planerischen Übersicht, der Beschreibung des Ablaufs und einer Darstellung der verwendeten Arbeitspapiere.

Die erste Sitzung dient der Einführung in die Kollegiale Beratung. Anhand eigener Vorerfahrungen mit Problemlösung lernen die Teilnehmenden die Grundkonzepte der Kollegialen Beratung kennen. In einer geschlossenen Beratungsgruppe vertiefen die Auszubildenden ihre Kompetenz zur kollegialen Beratung. Die Grundlage der Zusammenarbeit entwickeln sie mit verschiedenen Übungen zur Vertrauensbildung in der zweiten Sitzung.

In den Sitzungen drei und vier wird die Vertrautheit in der Beratungsgruppe mit Hilfe von Übungen zur Metakommunikation weiter vertieft. Dabei geht es um Themen wie Offenheit in der Gruppe, Umgang mit Störungen und das Geben von Feedback. Mit Hilfe eines spielerischen Elements (NASA-Spiel) reflektieren die Teilnehmenden ihren Umgang mit anderen Meinungen, ihre Aktivität und die Offenheit in der Gruppe.

Die fünfte Sitzung dient der Entwicklung von grundlegenden Beratungskompetenzen auf der Grundlage einer personenorientierten Grundhaltung. Die Teilnehmenden üben das Formulieren von hilfreichen Fragen, ein verständnisvolles, aktives Zuhören sowie die Entschlüsselung von non-verbalen Kommunikationssignalen. 

Mit dem Brainstorming üben die Beratungsgruppen in der sechsten Sitzung die erste Beratungsmethode. Sie orientieren sich dabei am bereits zu Beginn vorgestellten allgemeinen Phasenverlauf der Kollegialen Beratung, der bei allen weiteren Beratungsmethoden als Grundgerüst dient. In den folgenden Sitzungen werden verschiedene Methoden der Fallarbeit vorgestellt. Dazu zählen das Rollenspiel (siebte Sitzung), die Skulptur-Technik (achte Sitzung), das Rollenhut-Modell (neunte Sitzung), die System-Struktur-Zeichnung (zehnte Sitzung) und das Reflecting Team (elfte Sitzung). Jede Methode wird mit einem Beispiel von möglichen Beratungsanliegen in Pflegeberufen veranschaulicht.

In einem abschließenden Kapitel reflektiert die Autorin ihre eigenen Erfahrungen mit dem Anleitungsprogramm. Dabei geht sie auf Probleme wie Offenheit der Teilnehmenden im Lehrkontext und Arbeit mit fiktiven Fällen ein. Außerdem beschreibt sie für jede Methode, wie sie von den Lernenden angenommen wurde und gibt Hinweise zu Variationsmöglichkeiten.

Diskussion

Das Anleitungsprogramm ist ein Buch von 166 Seiten, das leicht verständlich geschrieben ist und auf vertiefende Theorie verzichtet. Damit richtet es sich wohl vor allem an Lesende, die sich für eine praktische Umsetzung der Kollegialen Beratung in Aus- und Weiterbildungsprogrammen von Gesundheitsberufen interessieren.

Anhand der verwendeten Literatur wird deutlich, dass die Autorin sich fundiert mit dem Thema Kollegiale Beratung auseinandergesetzt hat. Sie orientiert sich vor allem an Klassikern der Beratungsliteratur wie Klaus Antons, Johannes Herwig-Lempp, Friedemann Schulz von Thun, Lutz Schwäbisch, Martin Siems, Klaus Vopel und Paul Watzlawick. Das Literaturverzeichnis ist sehr umfangreich und bietet gute Möglichkeiten zur eigenständigen Vertiefung von Themen. Leider fehlt eine kommentierte Literaturliste, die Lesenden eine eigenständige Vertiefung der dargestellten Methoden erleichtern könnte.

Dem Anspruch ein Anleitungsprogramm zu sein, wird das Buch sehr gut gerecht. Es hat eine klare Struktur und veranschaulicht die Umsetzung jeder Methode anhand eines konkreten Fallbeispiels aus der Erfahrung der Autorin. Naturgemäß führt die klare und einfache Struktur auch zu einigen Redundanzen. So wiederholen sich immer wieder Inhalte aus der Vorstellung der Methoden in den Arbeitsblättern und in den Erfahrungen mit dem Ausbildungsprogramm. Und auch der grundsätzliche Phasenablauf der Kollegialen Beratung findet sich in verschiedenen Variationen mehrmals im Buch.

Fazit

In ihrem Buch zur Kollegialen Beratung in Gesundheitsberufen stellt Marion Roddewig ein Anleitungsprogramm zum Erlernen der Beratungsmethode in Aus- und Weiterbildungsgruppen vor. Sie veröffentlich damit einen Teil ihrer umfangreicheren Dissertation zum Thema für Anwendungsinteressierte.

Das Buch ist gut strukturiert und leicht verständlich geschrieben. Es basiert auf einer umfangreichen theoretischen Beschäftigung der Autorin mit dem Thema und ihrer jahrelangen Erfahrung mit Ausbildungsgruppen. Mit anschaulichen Beispielen und hilfreichen Tipps gelingt der Autorin eine gute Umsetzungshilfe für verschiedene Beratungsmethoden. Interessierte Lesende wünschen sich vielleicht an einigen Stellen mehr theoretische Tiefe und manche stolpern über die Redundanzen.

Für Lehrende in Gesundheitsberufen, die sich vor allem für die Umsetzung der Kollegialen Beratung in ihren Ausbildungsgruppen interessieren, ist das Buch sehr empfehlenswert. Die vorgestellten Methoden stärken die Beratungskompetenz der Lernenden und vermitteln ihnen ein Repertoire an Beratungsmethoden. Zudem können sie auf ein Unterrichtskonzept zurückgreifen, das sich seit Jahren bewährt hat.


Rezension von
Michael Mayer
M.A. in Sozialwissenschaften, Krankenpfleger für Psychiatrie und Supervisor. Referent für den Studiengang Pflege (B.Sc.) an der Hochschule Kempten.
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Zitiervorschlag
Michael Mayer. Rezension vom 25.11.2020 zu: Marion Roddewig: Kollegiale Beratung für Gesundheitsberufe. Ein Anleitungsprogramm. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2018. ISBN 978-3-86321-402-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27561.php, Datum des Zugriffs 21.01.2021.


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