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Rob Faltin: Lass sie denken, was sie wollen

Cover Rob Faltin: Lass sie denken, was sie wollen. Soziale Ängste überwinden. Hogrefe (Bern) 2020. 160 Seiten. ISBN 978-3-456-86045-9. 19,95 EUR.
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Thema

Das Thema ist von hoher Relevanz: Vor allem soziale Ängste sind weit verbreitet, die Inzidenzrate steigt; nicht selten kommt es zu einer Ausbreitung auf andere Lebensfelder und zu einer Chronifizierung. Erfahrungsgemäß profitieren Angstpatienten alltagsrelevant von den unterschiedlichsten Therapien erst dann wirklich, wenn sie selbstbewusstes Verhalten im Sinn einer Exposition praktisch einüben. Wie sich diese ins Werk setzen lässt, zeigt der Autor hier anschaulich und gut nachvollziehbar. 

Autor

Rob Faltin wendet selbst an, was er vorschlägt: Er ist nicht nur Psychotherapeut (kognitive VT) sondern auch ein öffentlich sichtbarer Performer „peinlicher“ Auftritte, die zum Schämen und Fremdschämen einladen. Die Autorin des Vorworts Prof. Dr. Patricia von Oppen ist eine bekannte Verhaltenstherapeutin, die an der Freien Universität Amsterdam lehrt. Sie ist eine Vertreterin des ‚Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP)‘, das für sich in Anspruch nimmt, auch für psychodynamische (speziell interpersonelle) Einsichten offen zu sein, sofern diese sich in ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Design einfügen lassen, die Gegenübertragung findet hier erstmals im VT-Kontext Beachtung.

Entstehungshintergrund

Die Behandlung von Angsterkrankungen ist nur aussichtsreich wenn Patienten ihre Passivität überwinden, und dem „Vermeiden“ neue Strategien entgegenstellen. Diese aktiven Strategien dienen der Angstexposition. Der/Die Ängstliche sucht die angstauslösende Situation aktiv auf und behält so die Kontrolle über seine Ängste. Als narrative Expositionstherapie gewinnt diese Behandlungsform vor allem in der Traumatherapie eine neue Anwendung

Aufbau

Das Buch ist gut gegliedert. In kurzen und anschaulichen Kapiteln wird ein Überblick über Theorie, Handwerk der Exposition, Selbstvertrauen und Feedback sowie zu Zukunftsperspektiven des Klienten nach dem Ende der Behandlung gegeben. Es folgen Fragebögen, Danksagung, Notizen über den Autor, Literaturreferenzen und ein Verzeichnis nützlicher Links sowie eine Sachworterklärung.

Inhalt

Anders als Selbsthilfeleitfäden aus dem Umfeld Betroffener stammt dieser Text aus der Feder eines Therapeuten; im Grunde handelt es sich um ein VT-Manual zur Selbstinstruktion, darauf basierend, dass typische Selbstzuschreibungen von Angstpatienten als dysfunktional und austauschwürdig beiseitegelegt werden.

Es gibt einige Besonderheiten. Faltin spricht nicht primär von Ängsten oder Befürchtungen, sondern vom ‚Denken für andere‘; dem soll als eine Art Generalnenner das Motto „Lass sie denken, was sie wollen“, entgegengesetzt werden. Dieses zentrale Umdeutung (Refraiming) führt von der Selbstdefinition einer Schwäche (ich hab zu weniger Mut) zu einem positiveren Bild: „ich sorge mich um Andere“; aus einem Mangel wir also eine positive Eigenschaft im Bedeutungsumfeld von Empathie. Ich muss und kann auch einsehen, dass ich nicht für die anderen denken kann. Durch Expositionstraining lässt sich diese überflüssige Sorge dann praktisch überwinden, und gleichzeitig verbessert sich beim Explorieren vermeintlich bedrohlicher sozialer Felder die Angsttoleranz. Es sind überwiegend Befürchtungen wie: „Ich habe mich selbst lächerlich gemacht“, speziell gegenüber Vorgesetzten, (vermeintlich) selbstsicheren Personen, attraktiven Menschen, die man gern für sich gewinnen würde; „ich habe etwas Dummes gesagt“ und mich so als inakzeptabel offenbart; „ich habe einen Makel offenbart“ (Körpergeruch, Schwitzen, Erröten) und mich so selbst der Lächerlichkeit preisgegeben.

Faltin zeigt nun, wie solche selbstdestruktiven Kognitionen das Vermeiden sozialer Begegnungen und das Entstehen eines Teufelskreises fördert und schlägt stattdessen die aktive (Angst-) Exposition vor, die geeignet ist, mehr soziale Aktivitäten zu ermöglichen und auch das Selbstbewusstsein zu stärken. 

Viele praktische Übungen lassen einen echten do-it-your-self Leitfaden entstehen, der allerdings recht anspruchsvoll daherkommt, wenn z.B. schüchterne Menschen angeregt werden sollen, sich öffentlich zu blamieren, um dadurch zu erkennen, dass das ja nicht so schlimm sei. Für alle Übungen werden Strategien besprochen, Unterstützungsmöglichkeiten aufgezeigt, Dokumentationssysteme (Tagebücher, Videoaufzeichnungen etc.) vorgeschlagen.

Der Autor geht mit Erwähnung des Zusammenhangs zwischen narzisstischen Gedanken und sozialer Angst auch auf eine zentrale Frage psychodynamischer Theorie ein.

Schließlich wird in einem Kapitel über Selbstvertrauen und Feedback aufgezeigt, wie jemand seine neuen Kompetenzen durch Achtsamkeit festigen kann: „Machen sie einen Spaziergang durch die Straßen oder die Natur und versuchen Sie dabei, so viele positive Dinge zu benennen wie möglich…“ (S 113).

Kurz vor dem Schlusskapitel kommt sie noch, die Warnung: „Nach gegenwärtigem Kenntnisstand empfiehlt es sich, Ihrer Angst mit einer der beiden folgenden Methoden (gelegentlich auch mit einer Kombination von beiden) Herr zu werden: mit kognitiver Verhaltenstherapie und/oder einer Medikation. Das sind weit gefasste Konzepte, aber auf eine Sache möchte ich ausdrücklich hinweisen: 'Gespräche' oder 'Gesprächstherapie' gehören nicht zu den Methoden“ (S. 131), erlerne man das Musizieren doch auch nicht durch Sprechen, sondern ausschließlich mittels Üben.

Von der Polemik einmal abgesehen, unterliegt der Autor hier einem fundamentalen Irrtum. Wie in einer der weltweit größten kontrollierten Studien [1] belegt werden konnte, sind psychodynamische Therapie und Verhaltenstherapie etwa gleich wirksam, und in der Regel wirksamer als Medikation (vgl. Leichenring et al. 2013). Anders als bei Faltins Selbstlob waren an dieser Studien sowohl hervorragende Vertreter der psychodynamischen Richtung als auch ebenso ausgewiesene Verhaltenstherapeuten beteiligt.

Diskussion

Der Zirkelschluss dieses Textes lässt sich in einem einzigen Satz aufzeigen: „Manche Menschen haben es sich zur Gewohnheit gemacht, ihre Unsicherheit durch eine Überlegenheitshaltung überzukompensieren“ (S 104). Gemeint ist damit wohl die narzisstische Bewältigung von Ohnmachtserfahrungen.

Es ist also nicht etwa eine komplexe Persönlichkeitskonstellation (oder Persönlichkeitsstörung) mit vielen unbewussten Anteilen, die zu einer unsicheren narzisstischen Regulation mit sozialen Ängsten führt, nein, es ist eine Gewohnheit, sozusagen eine „bad habit“. Ich phantasiere: Als man eine solche noch offen benennen durfte, wurden auch noch wirksamere Verstärker eingesetzt, um solche üblen Angewohnheiten zu überwinden…

Die Nicht-Wahrnehmung der Persönlichkeit gehört zu den ideologischen Einseitigkeiten eines Black-Box-Behaviorismus aus der Zeit des kalten Kriegs zwischen VT und Psychoanalyse in den 50er Jahren. Heute sollte jedem klar sein, das ängstliches Vermeiden/​narzisstisches Größenselbst wie auch depressive Selbstentleerung Facetten einer strukturellen emotionalen Entwicklungs- und Bindungsstörung sein können, die bereits mit 24 Lebens-Monaten überdauernd organisiert ist.

Die vom Autor sicher mit bester Absicht zeitweise regelrecht geschmähten Symptombildungen sind kreative Leistungen, die der Stabilisierung des Selbst dienen; es sind also ursprünglich emotionale Überlebensstrategien. Diese mit weniger Leidensdruck-bewehrten Copingstrategien zu ersetzen, ist in der Regel nur im Rahmen langwieriger Therapien möglich (durchaus natürlich auch nur dann, wenn es einen gelebten Beziehungsalltag gibt und der Therapeut nicht der einzige Sozialkontakt des Patienten ist oder bleibt). Bei solchen Therapien geht es nicht ums „Sprechen“ als Selbstzweck, sondern um einen sehr komplexen emotionalen (Entwicklungs-)Prozess, der durch die Regulation von Übertragung und Gegenübertragung in der therapeutischen Beziehung gestaltet wird. Psychisch gesündere Menschen mit einer robusten Persönlichkeit, die auch von einem Businesscoaching profitieren würden, werden an diesem Leitfaden ihre Freude haben, ihnen ist er uneingeschränkt zu empfehlen.

Fazit

In der klinischen Praxis ist es von großer Relevanz, auf welchem Strukturniveau eine Störung organisiert ist. Gesunde und kreative Menschen mögen von Faltins Manual guten Nutzen ziehen, psychisch kranke Menschen könnten dagegen eher in eine Dekompensation getrieben werden und legen das Buch bestenfalls resigniert zur Seite.

Dass der Autor das Konzept der psychischen Struktur an keine Stelle erwähnt und gar den Eindruck vermittelt, soziale Ängste wären nicht durch Gewohnheiten (Habituationen) unterhalten, sondern auf diese zurückzuführen, ist die große Schwäche dieses Buchs. Sie vermittelt den Lesern letztlich die Vorstellung, es wäre ihr Versagen wenn sie in der Bewältigung sozialer Ängste nicht weiterkommen. Das sich hinter Sozialen Ängsten gravierende psychische Störungen aber auch Bindungsstörungen verbergen können bleibt im Verborgenen.

Gleichwohl kann Rob Faltins Buch auch als originelle Anleitung zur Bewältigung von Schüchternheit gelesen werden. 

Literatur

Hoffmann, Sven Olaf (2009): Psychodynamische Therapie von Angststörungen, Stuttgart: Schattauer

Leichsenring, F; M. Beutel, E. Leibing (2008): Psychoanalytisch-orientierte Fokaltherapie der sozialen Phobie. Ein Behandlungsmanual auf der Grundlage der supportiv-expressiven Therapie Luborskys, in: Psychotherapeut, 53. Jg, Heft 3

Leichsenring, F., S. Salzer, M. Beutel et al (2013): Psychodynamic Therapy and Cognitive-Behavioral Therapy in Social Anxiety Disorder: A Multicenter Randomized Controlled Trial in: American Journal of Psychiatry 170. Jg. S 759–767

Falk Leichsenring im Interview mit der Deutsches Ärteblatt PP Nr 8/2013


[1] Leichsenring: Die Patienten der ersten Gruppe wurden neun Monate lang mit kognitiv-behavioraler Psychotherapie behandelt, die der zweiten mit psychodynamischer Therapie. Die dritte Gruppe blieb über sechs Monate unbehandelt – entsprechend den Bedingungen einer Warteliste. Im Ergebnis zeigten die beiden Psychotherapiegruppen mit 60 beziehungsweise 52 Prozent der Patienten Heilungsanzeichen in ähnlichem Umfang. Bei der Wartelistengruppe waren es 15 Prozent. In beiden Therapiegruppen besserte sich auch die Depressivität. „Damit ist klar, dass beide Psychotherapien wirksam sind. Im Gegensatz zu einer medikamentösen Behandlung hält die Besserung auch noch zwei Jahre nach der Behandlung an“.


Rezension von
Dr. phil. Ulrich Kießling
Dipl. Sozialarbeiter/Sozialtherapeut, Analytischer Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Familientherapeut und Gruppenanalytiker. Langjährige psychotherapeutische Arbeit an der Schnittstelle von Psychiatrie, Psychotherapie und Jugendhilfe, Supervision im klinischen und im Jugendhilfebereich. Niedergelassener Psychotherapeut in Treuenbrietzen und Berlin, Dozent, Supervisor und Selbsterfahrungsleiter in der Ausbildung psychodynamisch orientierter Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen (SIMKI,BAP), Psychotherapiegutachter der KV.
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Zitiervorschlag
Ulrich Kießling. Rezension vom 30.11.2020 zu: Rob Faltin: Lass sie denken, was sie wollen. Soziale Ängste überwinden. Hogrefe (Bern) 2020. ISBN 978-3-456-86045-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27562.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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