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Petra Reichstein: Autismus

Cover Petra Reichstein: Autismus. Förderideen für Deutsch und Mathematik : strukturierte Übungen für den Unterricht mit Schülern im Autismus-Spektrum. Persen Verlag (Hamburg) 2019. 50 Seiten. ISBN 978-3-403-20477-0. 23,95 EUR, CH: 26,30 sFr.

Reihe: Sonderpädagogische Förderung. Bergedorfer Grundsteine Schulalltag.
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Thema

Schülerinnen und Schüler, die unter den Bedingungen von Autismus leben, haben eine andere Art der Wahrnehmung und damit auch des Lernverhaltens. Sie benötigen eine auf ihre individuellen Bedürfnisse abgestimmte Lernförderung, um wichtige grundlegende Kompetenzen zu erwerben, die sie sich – anders als bei Schülerinnen und Schülern aus dem neurotypischen Spektrum – nicht von selbst aneignen können. Das Buch gibt Hilfestellung für die Fächer Deutsch und Mathematik, in der Form, wie es auf ganzheitliche Art und Weise gelingen kann, das Lesen, Schreiben und Rechnen zu erlernen. Die Übungen sind handlungsorientiert angelegt, verschiedene Materialien kommen zur Anwendung, für einige Übungen stehen Arbeitsmaterialien zum Download bereit. So kann es gelingen, dass Lehrerinnen und Lehrern ihrer Verantwortung gerecht werden und auf motivierende Art und Weise, die Entwicklung ihrer Schülerinnen und Schüler aus dem Autismus Spektrum fördern.

AutorIn oder HerausgeberIn

Petra Reichstein ist Schulleiterin in einer Schule in Schleswig Holstein

Entstehungshintergrund

Das Buch ist im PERSEN Verlag Hamburg erschienen, die Devise des Verlags lautet: „Erfolgreich durch den Schulalltag!“. Der Verlag hält ein Produktangebot vor, das auf die Bedürfnisse und Anforderungen im Schulalltag zugeschnitten ist, um Lehrerinnen und Lehrer umfassend bei den täglichen Aufgaben zu unterstützen. Das hier vorgelegte Buch gehört zur Reihe „Sonderpädagogische Förderung – Bergedorfer Grundsteine Schulalltag“, in der Arbeitsmaterialien zu den Klassenstufen 1–9 bereitgehalten wird.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im Din A 4 Softcover Format erschienen und hat einen Umfang von 50 Seiten, die sich in zwei Teile aufgliedern. Die Ausführungen werden durch weiterführende Materialien und digitales Zusatzmaterial mit Vorlagen für Deutsch und Mathematik ergänzt. Am oberen Seitenrand findet sich zur besseren Orientierung die Kapitelüberschrift. In manchen Kapiteln finden sich Textboxen, die die wichtigsten Aspekte zusammenfassen. Die Übungen sind nach einem wiederkehrenden Schema aufgebaut: Hinweise zur Anwendung der Übungen, Auflistung des Materials und zum Schluss „Tipps“ zur Anwendung.

Teil 1: Funktionale Übungen für den Unterricht in Deutsch: Sehen, Hören, Fühlen, Lesen und Schreiben:

  • Ü1 Lesen ohne Buchstaben.
  • Ü2 Das ist doch ein Akustisches Lesen und Auslesen von Geräuschen
  • Ü3 ABC-Lesebasis-Eroberung der alphabetischen Phase
  • Ü4 Silben und ganze Worteerkennung, den Text lesen auf die Spur kommen
  • Ü5 Worte machen Sinn- und viele Worte bauen einen Text

Teil 2: Funktionale Übungen für den Unterricht in Mathematik: Erfassen, Vergleichen, Ordnen, Zerlegen-und Rechnen:

  • Ü1 Sind 10 viele? Bewegen im Zahlenraum bis 10
  • Ü2 Mehr, weniger, größer, kleiner, gleich viel – und was ist eigentlich die 0?
  • Ü3 Über die 10 hinausspazieren: Packe das Bündel, Mengen bis 20, Ordinal- und Kardinalzahlen
  • Ü4 100 - das sind viele oder doch nicht? Zahlen bis 100 und die Mächtigkeit der 0
  • Ü5 Plus und Minusspringen – erst bis 10 und dann darüber hinaus

Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, haben Besonderheiten in der Wahrnehmung und in der Art Informationen zu verarbeiten. Sie benötigen eine passende Umgebung. Die Autorin schreibt über ihren schulischen Alltag und berichtet von ihren Erfahrungen mit Schülerinnen und Schülern aus dem autistischen Spektrum, die ein anderes Lernverhalten zeigen, weil Reize und Informationen anders (als bei nichtautistischen Menschen – den sog. Neurotypischen) abgespeichert werden. „Die Wahrnehmung nimmt Einfluss auf alles Erleben, alles Verhalten – auf das gesamte Sein“ (S. 6).

Zur „Grundausstattung“ des Menschen gehören die sieben Sinne, über diese erobern sich neurotypische Kinder die Welt, ein Kind, das unter den Bedingungen von Autismus lebt, benötigt gezielte ganzheitliche Förderung. Um Mathe und Deutsch zu erlernen braucht es die basale Ausbildung von Körperwahrnehmung und Körperschema, von Raumorientierung und Köharenzfähigkeit. Lesen lernen ist ein komplexer Prozess, der in verschiedenen Stufen beschrieben werden kann: die visuelle Wahrnehmung, die auditive Wahrnehmung, die Raum-Lage-Orientierung (Körperschema) und die Serialität (Abstraktionsfähigkeit und logisches Denken). Diese Punkte werden in Bezug auf das Lesen und die Mathematik weiter spezifiziert. Das Lesen wird in sieben Stufen gegliedert. In einer Textbox am Ende des Abschnitts werden basics genannt, die Schülerinnen und Schüler zum Lesen und Schreiben erkennen, unterscheiden und übersetzen müssen.

Bei der Mathematik geht es um eine „Wissenschaft von Mustern“ (S. 10), beim Rechnen um Mengen und Räume. Ziel ist nachhaltig und ganzheitlich zu lernen, kritisch sieht die Autorin das Abarbeiten möglichst vieler Lernzettel. Auf S. 11 hat Reichstein einige wertvolle Tipps zusammengestellt, die die Lernprozesse entsprechend unterstützen.

An diese Grundlagen schließen sich zwei Teile an. Teil 1 „Funktionale Übungen für den Unterricht in Deutsch: Sehen, Hören, Fühlen, Lesen und Schreiben“ beginnt mit der Definition von Lernzielen, daran schließen sich verschiedene Übungen (Ü1-Ü5) an, die nach dem Schema ausführliche Hinweise zur Anwendung der Übungen, Auflistung des Materials und „Tipps“ zur Anwendung aufgebaut sind.

  • Ü1 Lesen ohne Buchstaben.
  • Ü2 Das ist doch ein Akustisches Lesen und Auslesen von Geräuschen
  • Ü3 ABC-Lesebasis-Eroberung der alphabetischen Phase
  • Ü4 Silben und ganze Worteerkennung, den Text lesen auf die Spur kommen
  • Ü5 Worte machen Sinn- und viele Worte bauen einen Text

Der Aufbau wiederholt sich im zweiten Teil bei den Erklärungen zu den funktionalen Übungen für den Unterricht in Mathematik – Erfassen, Vergleichen, Ordnen, Zerlegen und Rechnen:

  • Ü1 Sind 10 viele? Bewegen im Zahlenraum bis 10
  • Ü2 Mehr, weniger, größer, kleiner, gleich viel – und was ist eigentlich die 0?
  • Ü3 Über die 10 hinausspazieren: Packe das Bündel, Mengen bis 20, Ordinal- und Kardinalzahlen
  • Ü4 100 - das sind viele oder doch nicht? Zahlen bis 100 und die Mächtigkeit der 0
  • Ü5 Plus und Minusspringen – erst bis 10 und dann darüber hinaus.

Beziehung & Lernen gehört zusammen – in Kapitel fünf wird erläutert, dass Lernen nur gelingen kann, wenn dieser Zusammenhang erkannt und angewandt wird. Hier spricht die Autorin Lehrerinnen und Lehrer direkt an (hervorgehoben in einer Textbox): „Eine vertrauensvolle, verlässliche und verbindliche Beziehung zu Ihrem Schüler ist das Fundament, auf dem alle anstehenden Lernprozesse wachsen können“ (S. 46).

Diskussion

Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, haben eine andere Wahrnehmung und eine andere Art Informationen zu verarbeiten als andere. Sie benötigen eine passende, auf individuelle Bedürfnisse abgestimmte Lernumgebung, um Basiskompetenzen zu erwerben, zu lernen und die Welt zu begreifen. Sie können sich diese – im Gegensatz zu Mitschülerinnen und Mitschülern ohne Autismus – häufig nicht selbst aneignen. Die Autorin ist Schulleiterin und schreibt über den sonderpädagogischen schulischen Alltag. Sie weiß: Informationen müssen geleitet werden, um Weichen zu stellen. Sie nutzt damit ein anschauliches Bild.

Störend finde ich allerdings die Überschrift, „Falsche Weichen-fehlgeleitete Informationen“, denn der Begriff „falsch“ fordert quasi automatisch die Frage nach dem, was „richtig“ ist heraus. Darum geht es nicht!

Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, lernen anders, als Bild kann man sich ein Navigationsgerät vorstellen, dass anders programmiert ist als eine neurotypische Umgebung es erwartet.

Das Buch hält einen großen Fundus an Übungen für den Schulalltag mit Kindern aus dem Autismus Spektrum bereit. Die Übungen sind strukturiert aufgebaut: Den Einstieg bilden das übergeordnete Thema und die Förderziele, dann werden die einzelnen Übungen erklärt, indem Hinweise zur Anwendung und Durchführung, zum Material und zu Varianten gegeben werden. Am Ende finden sich oft noch passende Tipps.

Die Autorin ermuntert die Lehrerinnen und Lehrer das Rad nicht immer neu zu erfinden und jedes Material selber vorzubereiten. Sie verweist auf verschiedene Möglichkeiten z.B. auf vorhandene Materialien zurückzugreifen oder sich mit Kolleg*innen auszutauschen. Diesen Aspekt möchte ich ergänzen. In meinen Beratungen in Schulen berichten mir Lehrerinnen und Lehrer immer wieder, dass sie sich durch aufwändige Vorbereitungszeit belastet fühlen. Vielleicht liegt es daran, dass manche*r sich als „Einzelkämpfer*in“ erleben? Mein Tipp: ein Team bilden, sich abstimmen, Arbeit auf mehrere Schultern verteilen, Strukturen schaffen, die Orientierung und Sicherheit geben, die Selbstwirksamkeitserfahrungen unterstützen, wiederkehrende Abläufe schaffen etc, denn diese stärken und entlasten nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern auch das Umfeld. Das Arbeiten nach dem TEACCH Ansatz bietet eine Fülle von Möglichkeiten und schafft Freiräume, Zeit und Entlastung, ein wertvolles Gut – für alle Menschen im System Schule und anderswo.

Schülerinnen und Schüler aus dem autistischen Spektrum brauchen individuell angepasstes Material. Die Autorin warnt davor, immer wieder neue Lernblätter zu entwickeln und abarbeiten zu lassen, vielmehr geht es darum, Prinzipien wiederkehrend zu üben, kurz: nicht Masse, sondern klasse!

Reichstein gibt einen wichtigen Hinweis, bei dem sie Lehrerinnen und Lehrer direkt anspricht: Beziehung & Lernen gehören zusammen. Lernen kann nur gelingen, wenn dieser Zusammenhang erkannt und angewandt wird. „Eine vertrauensvolle, verlässliche und verbindliche Beziehung zu Ihrem Schüler ist das Fundament, auf dem alle anstehenden Lernprozesse wachsen können“ (S. 46). Dieses Statement findet sich leider erst am Ende des Buches, es sollte auch den Anfang bilden, denn wichtige Basis für die Gestaltung und Durchführung von Lernprozessen ist, die eigene Verantwortung als Lehrkraft zu sehen, um Lernprozesse zu begleiten und zu ermöglichen.

Fazit

Schülerinnen und Schüler, die unter den Bedingungen von Autismus leben, haben eine andere Art der Wahrnehmung und damit auch des Lernverhaltens. Menschen mit Autismus leiden nicht per se unter ihrem Autismus. Reichstein drücken es treffend aus: Autismus ist eine „Wesensart, die verstanden, akzeptiert und angenommen werden möchte“ – dieser Aussage stimme ich vollumfänglich zu!

Alle Schülerinnen und Schüler benötigen eine auf ihre individuellen Bedürfnisse abgestimmte Lernförderung, um wichtige grundlegende Kompetenzen zu erwerben. Dieses Buch nimmt Schüler*innen aus dem Autismus Spektrum in den Blick und zeigt, was bedacht werden muss. Es finden sich Hilfestellung für die Fächer Deutsch und Mathematik, sodass es auf ganzheitliche Art und Weise gelingen kann, das Lesen, Schreiben und Rechnen zu erlernen. Die Übungen sind handlungsorientiert angelegt, verschiedene Materialien kommen zur Anwendung, für einige Übungen stehen Arbeitsmaterialien zum Download bereit.

So kann es gelingen, dass Lehrerinnen und Lehrern ihrer Verantwortung gerecht werden und auf motivierende Art und Weise, die Entwicklung ihrer Schülerinnen und Schüler aus dem Autismus Spektrum fördern.


Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 09.11.2020 zu: Petra Reichstein: Autismus. Förderideen für Deutsch und Mathematik : strukturierte Übungen für den Unterricht mit Schülern im Autismus-Spektrum. Persen Verlag (Hamburg) 2019. ISBN 978-3-403-20477-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27565.php, Datum des Zugriffs 25.11.2020.


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ISSN 2190-9245

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