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Bianca Bloch, Lucie Kluge u.a. (Hrsg.): Pädagogik der frühen Kindheit im Wandel

Cover Bianca Bloch, Lucie Kluge, Hoa Mai Trần, Katja Zehbe (Hrsg.): Pädagogik der frühen Kindheit im Wandel. Gegenwärtige Herausforderungen und Wirklichkeiten. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 292 Seiten. ISBN 978-3-7799-6127-7. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 39,38 sFr.

Reihe: Pädagogik der frühen Kindheit.
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Thema

Das Buch beschäftigt sich mit der aktuellen Praxis und Forschung im Themenfeld der frühen Kindheitspädagogik. Es möchte innovative aber auch kritische Perspektiven beschreiben sowie aktuelle Herausforderungen formulieren. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf den Entwicklungen und Wandlungen in den letzten 20 Jahren

Herausgeberinnen

Es handelt sich um einen sog. Sammelband und wird von 4 Frauen (s.o.) herausgegeben, allesamt Kindheits- oder Sozialpädagoginnen und alle arbeiten als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen an unterschiedlichen Hochschulen. Die Autorinnen und Autoren der Fach-Beiträge kommen überwiegend aus verschiedenen Hochschulabteilungen, andere arbeiten in unterschiedlichen Praxisfeldern als Sozial, SonderpädagogInnen, Psychologin, Sprach- sowie Kinder und Jugendpsychotherapeutin etc.

Entstehungshintergrund und Zielsetzung

Der Band ist erschienen im Beltz Verlag, in der Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft und ist herausgegeben von der Kommission Pädagogik der Frühen Kindheit dieser Gesellschaft. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt auf der Betrachtung der Wandlungen im Themenfeld Kindheitspädagogik als Fachdisziplin. Nach der Lektüre des Buches kann die Rezensentin dieses Buch in erster Linie dem wissenschaftlichen Fachpublikum empfehlen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in 4 große Teile, mit verschiedenen Schwerpunkten und unterschiedlich langen Fachbeiträgen. Es wird umrahmt von einer ausführlichen Einführung in die Thematik durch die Herausgeberinnen sowie von einem abschließenden und resümierenden Schlusskapitel von eben diesen. Es folgt noch ein Exkurs dieser Autorinnen, der sich mit der Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses beschäftigt. Ausführliche Literaturangaben und Quellen finden sich am Ende jedes Beitrages. Ebenso gibt es eine übersichtliche Autorinnenliste.

Im einführenden ersten Kapitel weisen die Herausgeberinnen darauf hin, dass sich der vorliegende Sammelband den Wandlungen in einem komplexen, mehrdimensionalen Gegenstandsbereich widmet. So beinhaltet dieses kindheitspädagogische Fachgebiet mehrere klar abgrenzbare Bereiche wie „Kindheitspädagogik als Profession“ als „wissenschaftliches Fachdisziplin und Forschungsfeld“ und als „Praxisfeld“, die jedoch alle zueinander in engen Wechselwirkungen stehen. In den letzten Jahrzehnten, insbesondere in den letzten 20 Jahren, hat die wissenschaftliche und handlungsbezogene Erforschung und Konzeptualisierung der frühen Kindheitsphase eine zunehmend öffentliche und gesellschaftspolitische Bedeutung erfahren, u.a. durch die Etablierung früher Betreuungsangebote, durch neue Forschungsfelder und durch die Professionalisierung von Fachkräften. Diese Expansion und die zunehmende Ausdifferenzierung als wissenschaftliche Fachdisziplin sollen im Mittelpunkt dieses Sammelbandes stehen. Dabei ist es nicht der Anspruch der Herausgeberschaft, das Themen-Feld eng zu begrenzen; vielmehr soll der Raum geöffnet werden für Beiträge mit unterschiedlichen Ansätzen und verschiedenen Blickwinkeln. Schwerpunkt bildet hierbei immer die frühe Kindheitspädagogik als wissenschaftliche Fachdisziplin. Weiterhin wird der Aufbau des Buches vorgestellt und jeder der einzelnen Fachbeiträge ausführlich zusammengefasst und eingeordnet.

Der erste Themenschwerpunkt ist betitelt Das Kind im Diskurs – Revisionen und Deutungen. Er enthält 4 Fachbeiträge, die sich mit dem Bild vom Kind beschäftigen und das Verhältnis von Fachkräften und Kindern theoretisch analysieren und kritisch reflektieren. Dies wird besonders im ersten Beitrag „Dem Kind als Person begegnen“ von Melanie Holzrattners und Evelyn Koblers deutlich. Diese analysieren die gesellschaftlichen Bilder über Kinder und deren Bildungsprozesse kritisch und werten sie als Deutungspraxis und Legitimationsfunktion für verschiedene Motive und Ziele von Gesellschaften und Gruppen. Sie plädieren für eine verantwortungsvoll gestaltete und reflexive pädagogische Praxis und fordern eine sog. „Personalistische Pädagogik“, in der der Begriff der Begegnung und der Anerkennung von Andersartigkeit im Vordergrund steht. Damit folgen sie in vielen Teilen den oft provokant-kritischen Gedankengängen von Sabine Seichter, einer Salzburger Professorin. Ein weiterer Beitrag (Anja Kerle) setzt sich analysierend und kritisch mit gängigen Beobachtungs- und Dokumentationstechniken und deren Zielsetzung in der Frühpädagogik auseinander. „… die Komplexität und die Unbestimmtheit der Entwicklung des Aufwachsens von Kindern wird möglicherweise nicht angemessen berücksichtigt und geht nicht in den vereindeutigenden Repräsentationen auf…“. (S. 67) scheint hier der zentrale Satz zu sein. Uta Thörner beschäftigt sich mit philosophischen und psychologischen Perspektiven und mit abweichenden Erfahrungswirklichkeiten von Kindern, die anderen – z.B. Erwachsenen – zum Teil verschlossen bleiben; sie seien „Fremde besonderer Art“ (S. 81). So gilt es, unterwartete Antworten in Dialogen mit jungen Kindern als Besonderheiten ihrer Selbst- und Weltkonstruktion zu sehen (S. 83). Ulrike Sell fordert in ihrem Beitrag für die Professionalisierung der Fachkräfte die Ausbildung einer Haltung, die die Priorisierung der Integrität des Subjekts (des Kindes) anerkennt und als zentral erachtet (S. 105). Es gilt, Prinzipien der Wertschätzung und der Anerkennung zu betonen. Dazu gehöre auch, die eigene Einstellung und Perspektive auf Kind und Kindheiten zu reflektieren.

Im zweiten ThemenschwerpunktLernunterstützende Fachkraft-Kind- Interaktionen in Kindertageseinrichtungen werden verschiedenen Möglichkeiten der Interaktionserfassung vorgestellt und unter verschiedenen Aspekten analysiert. Svenja Peter z.B. setzt sich mit dem Einfluss von Überzeugungen der Fachkraft über Lehr-Lern-Verhalten auf die Interaktionsgestaltung mit Kindern auseinander. Antje Roth et al. beschreiben und diskutieren verschiedene methodologische Zugänge, wie z.B. mix-method-designs. Alexandra Syczewska et al. berichten über ihre Erfahrungen mit unterschiedlichen methodischen Zugängen (von Tests bis zur Videografie) in einem Forschungsprojekt, das sich mit den sprachlichen Interaktionen von Fachkräften und neu immigrierten bzw. geflüchteten Kindern beschäftigt. Sie analysieren das Erkenntnispotenzial und die Begrenzungen der einzelnen Methodiken und machen forschungspraktische Vorschläge.

Der dritte Schwerpunkt des Bandes Perspektiven auf Sprache und Mathematik in der pädagogischen Praxis enthält zwei empirische Beiträge, die sich mit der Ausdifferenzierung der Forschung sowie dem Einfluss von subjektiven Theorien von Fachkräften und Eltern beschäftigen. Janne Brabant zeigt in ihrem vorgestellten Forschungsprojekt auf, dass Vorstellungen über Sprache und mehrsprachigem Aufwachsen mit grundsätzlichen Vorstellungen über Identität, Zugehörigkeit und Selbst- sowie Fremdpositionierungen in einer Migrationsgesellschaft zusammenhängen. Sie fordert eine stärkere Einbindung von Migranteneltern in die Entwicklung von Sprachbildungskonzeptionen. Anika Wittkowski widmet sich der mathematischen Bildung als Basiskompetenz. In ihrer empirischen Forschungsstudie skizziert sie die mathematisch didaktische Handlungskompetenz von pädagogischen Fachkräften im Elementarbereich. Hier zeigen sich in ihren Ergebnissen die Einflüsse von individuellen Erfahrungen der Fachkraft mit dem Themenbereich der Mathematik und ihrem professionellen Selbstverständnis sowie der des Konzeptes der jeweiligen pädagogischen Einrichtung.

Im vierten und letzten Schwerpunkt Re-Thematisierungen – Kontinuitäten und neue Anforderungen finden sich drei Beiträge, die in den letzten Jahren eher vergessene Forschungsthemen in den Mittelpunkt stellen und so neue Impulse setzen wollen. Lisa Jares untersucht, wie frühpädagogisch tätige Fachkräfte mit den Herausforderungen der sozialräumlichen Ausrichtung von Kitas umgehen. So findet sie z.B. die Eroberung des Nahraumes durch Kinder oder den gemeinsamen lebenspraktischen Alltag innerhalb einer Kita aber auch die Vernetzungs- und Kooperationsangebote als zentrale Handlungsstrategien einer solchen Ausrichtung. Sie formuliert Empfehlungen für Qualitätsstandards einer sozial ausgerichteten Arbeit in einer Kita. Volker Mehringer diskutiert die Frage, ob dem digitalen Spiel ein Platz in Kitas eingeräumt werden sollte. Er plädiert für eine klar spielpädagogische Perspektive, sieht digitales Spielen als Ausdrucksform und aktives Handeln eines Kindes an und diskutiert dieses in seinen negativen wie positiven Auswirkungen. Der Autor fordert für Eindrichtungen eine umfassende Spielpädagogik, die auch handlungsbezogene digitale Spielpädagogik nicht auszuschließt. Claudia Schmitt und Carsten Müller schließlich möchten mit ihrem Beitrag Impulse für einen ihrer Auffassung nach unzureichend wahrgenommenen Bildungsbereich geben: nämlich für die Auseinandersetzung mit der sexuellen Entwicklung von Kindern.

Die letzten beiden Kapitel stellen jeweils ein Fazit der Herausgeberinnen dar. Im Kapitel „Anforderungen, Herausforderungen, Aufforderungen, ein Resümee für die Pädagogik der frühen Kindheit“ werden ebensolche formuliert. Es wird festgestellt, dass die Frühpädagogik sich als Fachdisziplin etabliert hat und eine hohe Forschungsaktivität sowie Wandlungsfreudigkeit aufweist. Es werden aber auch zu kurz gekommene Themenfelder (z.B. die Kinder- und Jugendhilfe) oder die Ausbildung von Qualitätsstandards in der Professionalisierung benannt und die Aufforderung nach Mehrdimensionalität, Mehrperspektivität und Reflexivität der Fachdisziplin betont. Im zweiten Fazit, dem „Exkurs: Was bedeutet es wissenschaftlicher Nachwuchs zu sein“, werden eindrucksvoll und – aus Sicht der Rezensentin nachvollziehbar und realistisch – die besondere Situation von wissenschaftlichen Nachwuchswissenschaftler*innen geschildert. Die hier formulierte Forderung nach Sicherheit und Transparenz nach Förderung und Anerkennung sowie konstruktiver Kritik unterstützt die Rezensentin in allen Bereichen und freut sich, dass hier Mut zu klaren Worten gefunden wurde. Dies ist angesichts der Entwicklung der Hochschulen in den letzten Jahrzehnten (zunehmende Ökonomisierung, Privatisierung, Hierarchisierung, Standardisierung und Steuerung durch Mittelvergabe nach intransparentem oder auch politischem Interesse) bitter nötig.

Diskussion

Dieser Sammelband ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert; er ist nicht herausgegeben von einer altgedienten Wissenschaftsgruppe sondern von einer Gruppe junger Wissenschaftlerinnen, die – obwohl an unterschiedlichen Orten tätig – produktiv im Team zusammengearbeitet haben und deren inhaltliches und handwerklich-redaktionelles Können beeindruckend ist. Wer schon einmal einen solchen Sammelband – womöglich auch noch mit Kolleg*innen – herausgegeben hat, weiß, wovon ich rede. Ihrem eingangs formulierten – nicht unbescheidenen – Anspruch, für die Fachdisziplin der Frühpädagogik deren Wandlungen und Entwicklungen, Professionalisierungsdebatten, die Ausweitung interessanter Forschungsfelder sowie kritische Reflexionen von Konzepten und grundlegenden Theorien darzustellen, werden sie mit den ausgesuchten Beiträgen durchaus gerecht. Durch ihre ausführliche Einführung gelingt es Ihnen, recht unterschiedliche Beiträge „unter einen Hut“ zu bringen. So liefert der Band eine gute Übersicht über aktuelle philosophisch-ethische, forschungspraktische, ausbildungsrelevante und theoretische Diskurse sowie kritische Reflexionen. Das Buch ist geeignet für wissenschaftliche Fachgruppen und bietet hier viele Impulse und Anregungen. Für andere Gruppen scheint es der Rezensentin nur bedingt geeignet, da viele – nicht alle- Beiträge eine derart komplexe und mit Fremd- und Fachwörtern gespickte Sprache benutzen, sodass sich der Sinn des geschriebenen nicht ohne weiteres erschließt. Auch die Rezensentin musste deswegen manchmal seufzend das Buch zur Seite legen und dachte daran, wie gut und leicht verständlich sich viele amerikanische Fachbücher lesen lassen; dort wird allerdings eine klare und verständliche Sprache im Wissenschaftsbereich schon früh geübt.

Bis auf diese Einschränkungen ist es für die interessierte Fachleserschaft ein anregendes und empfehlenswertes Buch.

Fazit

Der vorliegende Sammelband beschäftigt sich mit Entwicklungen und aktuellen Forschungsaspekten im Themenfeld der Kindheitspädagogik. Er ist herausgegeben von 4 jungen Fachwissenschaftlerinnen und redaktionell und inhaltlich kompetent gemacht. So liefert der Band eine gute Übersicht über aktuelle philosophisch-ethische, forschungspraktische, ausbildungsrelevante und theoretische Diskurse sowie kritische Reflexionen. Das Buch ist geeignet für wissenschaftliche Fachgruppen und bietet hier viele Impulse und Anregungen. Für andere Gruppen scheint es der Rezensentin nur bedingt geeignet, da viele – nicht alle – Beiträge eine hochkomplexe Fachsprache benutzen bzw. wissenschaftliches Vorwissen voraussetzen


Rezension von
Prof. Dr.med. Dipl.Psychol. Karla Misek-Schneider
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Zitiervorschlag
Karla Misek-Schneider. Rezension vom 13.01.2021 zu: Bianca Bloch, Lucie Kluge, Hoa Mai Trần, Katja Zehbe (Hrsg.): Pädagogik der frühen Kindheit im Wandel. Gegenwärtige Herausforderungen und Wirklichkeiten. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6127-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27573.php, Datum des Zugriffs 14.05.2021.


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