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Tilmann Moser: Zuversicht und Resignation

Cover Tilmann Moser: Zuversicht und Resignation. Vom Umgang mit bedrohten Psychotherapien. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2020. 168 Seiten. ISBN 978-3-95558-288-3.
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Nähe und Distanz – Akzeptanz und Abbruch

Der Rezensent erachtet es erst einmal als notwendig darauf hinzuweisen, dass er kein Psychoanalytiker oder Psychotherapeut ist. Was aber könnte einen Pädagogen veranlassen (und vielleicht sogar qualifizieren), ein Buch zu besprechen, das vom „Umgang mit bedrohten Psychotherapien“ handelt? Auf den in Freiburg praktizierenden Psychoanalytiker Tilmann Moser, der auch mit sozial- und literaturwissenschaftlichem Rüstzeug ausgestattet ist, bin ich aufmerksam geworden durch seine Reflexionen über Werte, wie z.B. Fragen über Vertrauen Kompetenz, die ohne Zweifel Grundlagen einer Conditio Humana, und damit einer pädagogischen, humanen Lebenslehre sind. Die Psychoanalyse spricht, bei der Frage nach den Ursachen und Wirkungen von „sozialen Erkrankungen“ von „Sozialpathologie“ (vgl. dazu z.B. auch die Arbeit des französischen Psychiaters und Psychoanalytikers Christophe Dejours, Psychopathologie der Arbeit, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13188.php). Vertrauens-Irritationen und -Verlust nämlich sind Störungen bei der Entwicklung von Identität und damit „Auswirkungen des falschen Selbst“ (z.B.: Tilmann Moser, Geld, Gier & Betrug. Wie unser Vertrauen missbraucht wird – Betrachtungen eines Psychoanalytikers, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13080.php). Als Rechtfertigung mag ein Hinweis auf Bertolt Brecht gelten (Jos Schnurer, Mensch Lehrer! Aus der Erinnerung geplaudert und sich umgeschaut. Eine Replik zum Weltlehrertag am 5. Oktober 2019, in: Pädagogische Rundschau 6/2019, S. 653 – 665):

  • Mein Lehrer ist ein enttäuschter Mann. Die Dinge, an denen er Anteil nahm, sind nicht so gegangen, wie er es sich vorgestellt hatte. Jetzt beschuldigt er nicht seine Vorstellungen, sondern die Dinge, die anders gegangen sind… Mein Lehrer muss nicht „ein enttäuschter Mann“ bleiben. … Ich glaube, er ist furchtlos. Was er aber fürchtet, ist das Verwickelt werden in Bewegungen, die auf Schwierigkeiten stoßen. Er hält ein wenig zu viel auf seine Integrität, glaube ich.

Entstehungshintergrund

Mit den Eigenschaften „Zuversicht und Resignation“, in denen sich die synonymen und antonymen Erfahrungen – Hoffnung, Lebensbejahung, Lebensmut, Optimismus, Vertrauen versus Aufgeben, Entmutigen, Kapitulieren, Verzagen, Hoffnungslosigkeit, Passivität – verdeutlichen, greift Moser ein Thema auf, das seiner Ansicht nach bisher in der psychologischen Ausbildung und Praxis bisher kaum Beachtung findet: „Psychotherapeuten sind mindestens so kränkbar wie normale Menschen, obwohl sie emotionale Katastrophen in langen Lehrbehandlungen und mit einfühlsamer Begleitung durchgearbeitet sollten“ – dito PädagogInnen, ÄrztInnen, SozialarbeiterInnen, PolitikerInnen…

Inhalt

Der Autor gliedert seine über Jahrzehnte praktisch und professionell erlebten und erfahrenen gelungenen und misslungenen Umgangserfahrungen mit Patientinnen und Patienten, gewissermaßen als ein beinahe persönliches Fazit seiner beruflichen Tätigkeiten, in zwei Teile: Im ersten Teil verweist er auf die Verunsicherungen, Unklarheiten und Kränkungen, die beim Therapeuten auftreten, wenn ein Patient eine Behandlung ohne Begründungen und Erklärungen abbricht. Er verdeutlicht die Spannweite, wie sie sich im therapeutischen Prozess zwischen Nähe und Distanz ergibt (vgl. auch: Margret Dörr, Nähe und Distanz. Ein Spannungsfeld pädagogischer Professionalität, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/26070.phpRebecca Böhme, Human Touch. Warum körperliche Nähe so wichtig ist. Erkenntnisse aus Medizin und Hirnforschung, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25261.php). Er setzt sich auseinander mit dem neuen Trend der „Fehlerkultur“, der sich in den Dilemmata von traditionellen Theorien und Trial und Error-Erfahrungen zeigen. Im zweiten Teil bringt er – anonymisiert und trotzdem gewagt – zahlreiche Fallbeispiele: „Sie sind trotz sorgfältiger verfremdender Legendierung vielleicht kenntlich für die Betroffenen selbst oder für intim nahe Freunde, Partner oder aus Interventionen vertrauten Kollegen“. Darf er das?

In den Fallbeispielen kommen die vielfältigen, tatsächlichen Gründe zur Sprache, wie sie das Leben schreibt. Es sind weiter wirkende Kindheitserinnerungen, empathische und ekpathische Erfahrungen, Zurückweisungen und Störungen, Misslingen und Scheitern, Enttäuschungen, Verzweiflungen, traumatische Erlebnisse, berufliche Probleme, Rivalitäten, Missverständnisse, Lebens- und Verlustängste, Depressionen… Die Motive, sie aufzuschreiben und zu veröffentlichen, mögen auf der einen Seite autobiographisch begründet sein. Andererseits erwachsen sie der Fähigkeit, berufliche Erfahrungen, Erfolge und Misserfolge nicht (allein) im stillen Kämmerlein abzuhandeln, sondern sie im professionellen Dialog und Auseinandersetzung zu thematisieren. Tilman Moser gehört einer Intervisionsgruppe an, in der es möglich ist, sich geschützt und vertrauensvoll auszutauschen – eine Einrichtung, die auch anderen Berufs- und Lebensgruppen anzuraten ist.

Fazit

Der 82-jährige Psychoanalytiker Tilmann Moser spricht vom „Geschenk einer sich langsam sogar steigenden Freude am Beruf“. Er praktiziert, lehrt und forscht weiterhin, „wenn auch mit verminderter Stundenzahl“. Sein Plädoyer für eine analytische Körperpsychotherapie richtet er an Kolleginnen und Kollegen und alle diejenigen, die sich auf psychotherapeutische Wege begeben, wie auch an jene, die sich im Spannungsfeld von Zuversicht und Resignation zurechtfinden wollen. Die anfangs formulierte Einlassung, dass die Rezension des Buches nicht von einem Psychoanalytiker verfasst ist, sondern von einem Professionellen aus dem sozialen, pädagogischen und anthropologischen Umfeld, möge verweisen auf die humanen Herausforderungen, die sich jeder Mensch als zôon politikon stellen sollte (vgl. dazu auch: Angela Janssen, Verletzbare Subjekte. Grundlagentheoretische Überlegungen zur conditio humana, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25043.php).


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 23.10.2020 zu: Tilmann Moser: Zuversicht und Resignation. Vom Umgang mit bedrohten Psychotherapien. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2020. ISBN 978-3-95558-288-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27576.php, Datum des Zugriffs 25.11.2020.


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