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Christian Jansen, Henning Borggräfe: Nation – Nationalität – Nationalismus

Cover Christian Jansen, Henning Borggräfe: Nation – Nationalität – Nationalismus. Campus Verlag (Frankfurt) 2020. 2. Auflage. 213 Seiten. ISBN 978-3-593-51197-9. D: 18,95 EUR, A: 19,50 EUR, CH: 21,35 sFr.

Reihe: Historische Einführungen - 1.
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Thema

Der vorliegende Titel thematisiert die Entstehung des Nationalismus im 19. Und 20. Jahrhundert.

Autoren

  • Christian Jansen ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Trier.
  • Henning Borggräfe ist Leiter der Abteilung »Forschung und Bildung« der Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist als Studienbuch zum Einstieg in die Nationalismusforschung und in die Geschichte des Nationalismus in Europa konzipiert. Verschiedene Modelle (Frankreich/​Wertegemeinschaft, Schweiz/​Interessengemeinschaft und die konfliktreiche Nationenbildung auf dem Balkan) werden vorgestellt.

Aufbau

Nach dem Vorwort folgen die Kapitel: 1)Leitbegriffe und Fragestellungen der Nationalismusforschung (Nation, Nationalismus, Nationalstaat), 2)Der deutsche Nationalismus (Entdeckung, Anfänge, Radikalisierung, Unterdrückung, Funktionswandel und Nationalismus als Massenbewegung), 3) Nationalismustheorien (Kommunikation, Kultur, Gemeinschaft, Ethnie, Kontroversen), 4) Europäische Entwicklungspfade des Nationalismus und der Nationbildung (Frankreich, Schweiz, Makedonien).

Das Buch (Erstausgabe 2007) wurde aktualisiert und überarbeitet, jedoch nicht wesentlich erweitert

Im Mittelpunkt steht die Entwicklung in Deutschland. These: Mit der Mobilisierung 1914 war der Nationalismus in den kriegführenden Ländern voll entwickelt. Stärker diskutiert wird inzwischen die Verbindung zur europäischen Kolonialgeschichte (und die Dekolonisierung) und die weltweite Zunahme von Nationalismus. Deshalb soll die Ambivalenz von Nationalismus, seine Exklusionen und seine Untauglichkeit zur Lösung europäischer und globaler Konflikte deutlich gemacht werden.

Leitbegriffe und Fragestellungen der Nationalismusforschung

Komponenten des Phänomens Nationalismus sind die Behauptung einer Existenz von ‚Nation‘ oder ‚Volk‘ als ‚handelndes Subjekt der Geschichte‘, die Exklusivität der Zugehörigkeit und der sittlich-moralische Werte als Richtschnur des Handelns. Die Auswirkungen sind konstruktiv und destruktiv, bedeuten Ein- und Ausschließung, ein Appell an subjektive Gefühle und objektiv an gemeinsame Sprache und Kultur. Tradition und Geschichte werden im Extremfall auch rassisch definiert. In den 1980er Jahren wurde Nation als natürliche Ordnung dekonstruiert und politische und gesellschaftliche Distinktions- und Exklusionsbedürfnisse betont. Sprachliche und kulturelle Unterschiede sind ‚soziale Tatsachen‘ (Jansen, Borggräfe), die allerdings unterschiedlich interpretiert werden können.

Nationalismus wurde oft von Patriotismus (Stolz auf die eigene Nation ohne Herabsetzung anderer Nationen) unterschieden. Historiker fassen unter Nationalismus ein Konglomerat von Ideen, Gefühlen und Symbolen (bis zur Ideologie) und politischen Bewegungen zusammen. Die Dogmen sind: 1. ein Weltbild von Nationalcharakter, 2. Die bewusste Zugehörigkeit, 3. Eine privilegierte ethische und moralische Loyalität.

Die Ausbreitung des Nationalismus war verbunden mit dem Aufstieg des Bürgertums, zusammen mit dem niederen Adel und der höheren Bürokratie, unterschieden in autoritäre und liberale demokratische Nationalisten. Vorläufer finden sich in Heimatverbundenheit und Zusammengehörigkeitsgefühlen. Politisch neu waren ‚multinationale‘ Gebilde (Beispiel Österreich). Die Nationenbildung verlief entweder revolutionär (Frankreich) oder unifizierend (Italien, Deutschland) oder sezessionistisch (Griechenland, Belgien, Serbien). Die Unterstützung der Bevölkerung zeigte sich 1914 in Deutschland in der Begeisterung für den Krieg.

Der deutsche Nationalismus

Zwei grundverschiedene Nationalismen haben Historiker beobachtet: einen liberal und emanzipatorisch orientierten und einen radikalen, der die Nation ethnisch-rassistisch umdefiniert und aggressive Feindbilder produziert. Geht vielleicht jeder Nationalismus auf Machtzuwachs und die Höherwertigkeit der eigenen Nation aus? Nationalismus fand in Deutschland während der antinapoleonischen Freiheitskriege eine größere Resonanz (Wunsch nach einem eigener Weg zu Freiheit und Selbstbestimmung). Ein mystifizierender Volkskult (‚Deutschtum, oder Deutschheit‘) stützte sich auf:

  1. Angeblich natürliche ethnische Faktoren
  2. Ein Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Völkern
  3. Weitreichende territoriale Ambitionen
  4. Eine Umwertung des Nationalismus zur Ersatzreligion
  5. Massive antifranzösische und antisemitische Ressentiments

Der Volksbegriff ist um 1800 neu entdeckt worden und stützte sich auf Abgrenzungen durch Sprache, religiös aufgeladene mythologische Elemente, gemeinsame ethnische Abstammung anstelle eines gemeinsamen Staates und auf Bürgerrechte (Frankreich). Nach dem Schwinden der Religiosität suchten die Romantiker nach neuen Bindungen (Volkslieder, Märchen, Mythen). Diese Entwicklung wurde getragen von vielen Publikationen, den Burschenschaften und der Turnerbewegung (Wartburgfest 1817; Arndt als Vordenker). Die religiöse Aufladung wirkte der Säkularisierung entgegen und reichte bis in die Mitter der bürgerlichen Gesellschaft. Im Vormärz 1848/49 kam es zu einer Radikalisierung und Differenzierung. In den Diskussionen der Paulskirche zeigte sich der Widerspruch zwischen ethnischer Homogenität und der Integration aller deutschsprachigen Gebiete. Ein Teil verstand Nation politisch (Selbstbescheidung nach Bamberger 1850), ein größerer Teil nach wie vor ethnisch mit imperialistischen Ambitionen. Eine realpolitische Reorganisation und Reichsgründung wurde unterdrückt, stattdessen spielten Phantasien von einem Volkskrieg – wie 1813 - eine Rolle, der das Volk zusammenschweißen sollte.

Im Kaiserreich kam es zu einem Funktionswandel, insofern sich Liberale und Nationalisten mit dem von Bismarck geschaffenen Reich identifizierten, wobei imperialistische Strebungen nach wie vor populär waren. Nach dem Rücktritt Bismarcks organisierte sich der Nationalismus erneut in Massenverbänden, die nach dem Wahlsieg der SPD aktiv über Parteien in die Politik eingriffen, unterstützt auch von berufsständischen Interessenverbänden. Gemeinsam setzten sie sich für eine Mobilisierung der Öffentlichkeit für einen Krieg ein.

Als Massenbewegung verlief die Entwicklung des Nationalismus in Deutschland nicht linear, sondern eher in Wellen mit drei Höhepunkten: 1. Zwischen Rheinkrise und Revolution, 2. Während der Schleswig-Holstein-Krise 1863/64, 3. Im Zeichen der »Nationalen Opposition« seit 1912 im Vorfeld des ersten Weltkriegs. Die Ideologie hatte sich wenig verändert: Die Ausschließung des Fremden und Gewalt nach außen sind typisch für alle Nationen, die Zugehörigkeit wird entweder politisch oder ethnisch/​rassisch begründet.

Nationalismustheorien

Karl Deutsch (1953, 1972) hat die Strukturbedingungen, Grundfunktionen und Differenzen zwischen West- und Osteuropa untersucht, Ernest Gellner (1983, 1991) den Übergang von einer Agrar- zur Industriegesellschaft und die Entwicklung einer Kultur von Rationalität und Effizienz und Homogenität. Er Beschreibt vier Typen von relativ homogenen Sprach- und Kulturzonen: 1) Homogene Sprach- und Kulturzonen entlang der Atlantikküste (Portugal, Spanien, Frankreich, Großbritannien), 2) Gebiete des ehemaligen Heiligen Römischen Reiches mit Anpassung an die Hochkulturen und politischer Uneinigkeit, 3) Durch Brutalität geprägte Großreiche in Ostmitteleuropa (weder nationale Staaten noch Kulturen), 4) In der Sowjetunion ein Phase des Irredentismus (nationale Minderheiten auf der Suche nach Anschluss), gestoppt durch den Bolschewismus und nach dem Ende des Kalten Krieges vor einer ungewissen Zukunft. Benedict Anderson (1983, 2005) betrachtete Nationalismus als ein kulturelles System wie ‚Verwandtschaft‘ oder ‚Religion‘ und beschäftigte sich mit der Staatenbildung in Nord- und Südamerika. Anthony D. Smith (2000) untersuchte die ethnischen Ursprünge, deren ältere und moderne Formen und unterschied drei Typen: 1) In Osteuropa »lateral-aristokratische« Völker, 2) in Westeuropa »vertikal-demokratische« mit kultureller Mobilisierung der Bevölkerung, 3) »fragmentarisch-emigrierte« Ethnien (USA, Australien).

Nationalismus besteht aus Inklusion und Exklusion, bei unsicheren Bindungen wächst die Gewaltbereitschaft (Kriegsbegeisterung verbindet), ähnlich entstehen Rassismus und Antisemitismus.

Es folgte ein Kapitel über Nationalismus und Religion und Nationalismus und Geschlecht ( bei Frauen wirkt Nationalismus sowohl limitierend als auch emanzipativ) und ein Abschnitt über organisierten Nationalismus als politische Bewegung.

Ausfühlich widmen sich Jansen/​Borggräfe dann der Entwicklung europäischer Nationsbildung in Frankreich (Religiöse Homogenität, Aufklärung und Revolution und ihre ideologischen Wegbereiter wie Rousseau, Abbé Sieyès). Nach Napoleon entstand eine Oppositionsideologie und ein Vercingetorix-National-Mythos. Zu Spaltungen kam es 1971 und zu einem Kampf zwischen linkem, politischem und rechtem, ethnischem und antisemitischen Nationalismus.

Als multiethnische Nation dient die Schweiz als Beispiel: Ökonomisch fundiert kam es nach der napoleonische Besetzung (1798-1802) zu einem organisierten Nationalismus 1803–1847 (kulturell in Schützenvereinen) und es entstand ein föderaler Nationalstaat 1848–1914 mit Neutralität und nationalem ökonomischen, nicht aber sprachlichem Zusammenhalt.

Am Beispiel Makedoniens werden die Probleme der Nationsbildung auf dem Balkan illustriert (vorindustrielle Gesellschaft, kulturell, sprachlich und religiös nicht einheitlich). Nur die Großmächte konnten Staatsgründungen überhaupt durchsetzen und verfolgten dabei eigene Ziele. Studenten importierten die Idee des Nationalismus in ihre Heimatländer. Es gab verschiedene nationale Befreiungsbewegungen, Schul- und Kirchenkämpfe, Aufstände und eine Eskalation in den Balkankriegen 1912/13, Vertreibung, Terror und Versuche einer Homogenisierung und Umsiedlungen im Vertrag zwischen Griechenland und dem Osmanischen Reich (Vorbild für ethnische Säuberungen). Ideen aus West- und Mitteleuropa wurden adaptiert; Arbeiten über die ideologische Ausrichtung der Akteure (ethnische oder politische Kriterien) sind notwendig.

Nach Ende des ersten Weltkrieges hatten es nationalistische Bewegungen schwer, sich durchzusetzen, viele 1919 gegründete Nationalstaaten verloren ihre Unabhängigkeit.

Nach dem ersten Weltkrieg radikalisierte sich der Nationalismus. Es gab drei verschiedene Entwicklungsphasen: 1) Eine Verschärfung von Vertreibung und Homogenisierungspolitik bis 1945, 2) danach ein Bedeutungsverlust und 3) eine Rückkehr des Nationalismus nach 1998.

Die Identitätsformen wandelten sich. Es entstanden organisierte Massenorganisationen und nach dem ersten Weltkrieg eine anerkannte Norm bei unterschiedlichen Ausgangslagen in West- und Osteuropa. Hirschhausen und Leonhard (2001) stellten Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Nationskonzeptionen fest. Statische Typologien erwiesen sich als ungeeignet, denn Symbole und Mythen folgten nicht nur gesellschaftlichen oder ökonomischen Strukturen sondern auch nationalistischen Akteuren, die stärker berücksichtigt werden müssten. Es besteht Forschungsbedarf für komparative Studien zu gesellschaftlichen Strukturen und den Akteuren, Traditionen, Wechselwirkungen und Verpflichtungen. Nationalismen lösten keine gesellschaftlichen Probleme. Sie mündeten oft in Krieg und Zerstörung, deshalb ist weiterhin eine kritische Nationalismusforschung notwendig.

Diskussion

Diese Neuauflage hat sich gelohnt angesichts zunehmender nationalistischer rechtsextremer Parteien in Europa. Das Buch ist in den Informationen äußerst komprimiert gehalten, angesichts der Fülle von Details, und man wird beim Lesen immer wieder auf das anregende und umfangrieche Literaturverzeichnis verwiesen. Für den Oberschüler- und Studentengebrauch ist es – je nach Interessenlage – sehr gut geeignet, da es insbesondere vor allzu kurzschlüssigen Verallgemeinerungen schützt und detailliert aufzeigt, aus welchen zahlreichen Quellen und Motiven der Nationalismus seine Dynamik und seine konstruktiven und destruktiven Möglichkeiten schöpft. Das Beispiel der Schweiz ist insofern nachdenkenswert, als es auch bei einem weitgehenden Verzicht auf religiöse und ideologische Motive ein verbindliches und stabiles Zusammengehörigkeitsgefühl – ohne kriegerische Auseinandersetzungen -geben kann. Die Vielfalt und Divergenzen zeigen, dass familiäre und gesellschaftliche Traditionen, Überlieferungen, emotionale und intellektuelle Erfahrungen sowohl Zugehörigkeiten als auch Abgrenzungen prägen, was vielleicht auch ein Nachdenken über ‚Nationalcharakter‘ und deren spezifische Ausprägungen als Forschungsgegenstand interessant machen könnte, nicht nur in Bezug auf mythische Erzählungen, sondern auch in Bezug auf Understatement, Witz, Ironie und Humor (aus psychoanalytischer Perspektive).

Viele Forschungsfragen sind noch offen, deshalb ist diese Buch auch eine Anregung, sich weiter intensiv und kritisch nicht nur mit seinem eigenen ganz persönlichen Nationalbewusstsein auseinanderzusetzen, sondern auch zu weiteren wissenschaftlichen Forschungen anregen zu lassen.

Das Buch ist nicht leicht zu lesen aufgrund des umfangreichen Materials, das in komprimierter Form vorgestellt wird. Nachgewiesen wird, dass die Entwicklung zu einem nationalen Bewusstsein aufgrund unterschiedlicher Voraussetzungen sehr ungleich verlaufen ist. Prägend scheint vor allem ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu sein, das auch trotz der Globalisierung für das soziale Zusammenleben wichtig bleibt und kontrollierte und gute Nachbarschafsbeziehungen nicht ausschließt.

Symbolisch scheinen Nationen nach dem Familienmuster aufgebaut zu sein, das auch ein Reservoir an notwendigen Bindungen (Heimatgefühl) bereitstellt und positiv genutzt werden kann, wenn es gleichzeitig Öffnung und Freiheit ermöglicht, d.h. außerfamiliäre und außernationale Bindungen ermöglicht.

Fazit

Ein wichtiges und angesichts des zunehmenden Rechtsextremismus in Europa kritisches vergangenheits-, gegenwarts- und zukunftsbezogenes Buch Was sollte national als Erbe festgehalten, was evtl. aber auch abgestoßen werden (z.B. Rassismus, kultureller Ethnozentrismus).


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 29.12.2020 zu: Christian Jansen, Henning Borggräfe: Nation – Nationalität – Nationalismus. Campus Verlag (Frankfurt) 2020. 2. Auflage. ISBN 978-3-593-51197-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27582.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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