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Volker Benkert (Hrsg.): Unsere Väter, unsere Mütter

Cover Volker Benkert (Hrsg.): Unsere Väter, unsere Mütter. Deutsche Generationen seit 1945. Campus Verlag (Frankfurt) 2020. 320 Seiten. ISBN 978-3-593-50527-5. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Thema

Thema des vorliegenden Titels sind kritische Überlegungen zum Thema ‚Generation‘.

Herausgeber und Autoren

Volker Benkert, Hg., geb. 1971 in Frankfurt, studierte Geschichte und Anglistik und ist seit 2016 Assistant Professor an der Arizona University, wo er 2018 den Master-Studiengang World War II zusammen mit dem National World War II Museum in New Orleans mitbegründet hat.

Dr. Thomas Abbe, geb. 1958 in Querfurt hat Philosophie, Ökonomie und Soziologie studiert und war an Forschungsprojekten in München, Leipzig und Wien beteiligt. Seit 2008 ist er freischaffender Publizist.

Andreas P. Bechthold, geb. 1964 in Karlsruhe, hat Katholische Theologie und Film studiert. Er ist seit 2004 Professor für Timebased Design an der Hochschule Konstanz und arbeitet als freier Redakteur, Autor und Dokumentarfilmer.

Dr. Yael Sarah Ben-Moshe, geb. 1978 in Netanya, studierte Medien und Politik und promovierte in Berlin. Seit 2013 arbeitet sie als Research Fellow an der Fakultät für Geisteswissenschaften und m Zentrum für Deutschland- und Europa-Studien HCCGES) an der Universität Haifa und als Dozentin für Media und Politik am Hadassah Academic College in Jerusalem.

 Prof. Dr. Wulf Kansteiner, geb. 1964 in Dortmund, studierte in Bochum und Los Angeles und ist heute Professor für Memory Studies und Geschichtstheorie an der Universität Aarhus (Dänemark). Forschungsschwerpunkte sind populäre Geschichtskultur in visuellen und digitalen Medien, narratologische Analyse geschichtswissenschaftlicher Texte und Theorien und Methoden der Memory Studies.

Dr. Adriana Lettrari, geb. 1979 in Neustrelitz, aufgewachsen in Rostock, studierte Kommunikationswissenschaften, promovierte in Politikwissenschaft. Sie ist Gründerin der WendekindgUG des »Netzwerks 3te Generation Ostdeutschland« und arbeitet in der Strategieabteilung des Fürstenberg Instituts, sowie als New-Work-Organisationsberaterin.

Dr. Benjamin Möckel, geb.1983 in Berlin, studierte mittlere und neuere Geschichte und Philosophie und promovierte 2013 im »Graduiertenkolleg Generationengeschichte« in Göttingen und am University College London. Seit 2014 ist er wissenschaftlicher Assistent für Neuere Geschichte an der Universität Köln und arbeitet an einem Habilitationsprojekt »Erfindung des moralischen Konsumenten«.

Christian Nestler, M.A., geb. 1984 in Rostock, studierten Politikwissenschaft und neuere Geschichte und war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für vergleichende Regierungslehre des Instituts für Politik- und Verwaltungswissenshaften. Derzeit leitet er die Koordinierungsstelle im Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Mecklenburg-Vorpommern.

Jane Porath, geb. 1982 in Neubrandenburg, studierte Wirtschaftspädagogik und promovierte an der Universität Oldenburg. Seit 2017 ist sie Professorin für Pädagogik, Schwerpunkt Berufs- und Wirtschaftspädagogik an de Hochschule der Bundesagentur für Arbeit.

PD Dr. Lu Seegers, geb.1968 in München, war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Leibniz Universität Hannover, am Sonderforschungsbereich 434 »Erinnerungskulturen« der Universität Gießen und an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Forschungsschwerpunkte sind Stadt-, Medien- und Kulturgeschichte, Erinnerungskulturen des 20. Jahrhunderts.

Entstehungshintergrund

Die Zäsuren der deutschen Geschichte seit 1945 (Weltkrieg, Völkermord, Teilung und Vereinigung) und die von ihnen geformten Generationen.

Nach einer Einleitung von Benkert folgen die drei großen Themenkreise

  • »Generation und Gesellschaft«,
  • »Generation und Gedächtnis«,
  • »Generation und Jugend«.

Generation, Gesellschaft, Gedächtnis und Jugend. Zugänge zu einer Generationengeschichte (Volker Benkert)

Benkert weist auf die Komplexität und Ungenauigkeit des Generationenbegriffes hin: Ein selbstreferentieller Akt von Individuen zur Identitätsbildung oder von Gruppen zur Bildung von Gemeinschaften und ein Teil einer Gesellschaftsgeschichte. Dabei sind Erinnerungsdiskurse oft das Fundament zur Etablierung einer ‚Elite‘ und können auch als Machtinstrumente zur Durchsetzung eigener Interessen benutzt werden. In Bezug auf Jugend werden drei verschiedene Perspektiven vorgestellt: Die Erkenntnisse über die Jugend im Generationenzusammenhang, die Konstruktion von Jugendgeneration durch ältere Eliten und die Selbstkonstruktion durch junge Menschen.

Die Beiträge in diesem Buch gehen auf eine Tagung in Tutzing (evangelische Akademie) zurück.

I. Generation und Gesellschaft

»Generation« als genealogischer Fakt, historisches Deutungsmuster und strategische Selbstthematisierungsformel (Thomas Abbe)

‚Generation‘ beschreibt sowohl Abstammung und Zugehörigkeit, als auch Abfolge und Wandel. In der Geschichts- und Sozialwissenschaft hat man sich damit zeitweilig (Mannheim 1928) beschäftigt, dann geriet das Thema in Vergessenheit, bis es nach dem zweiten Weltkrieg wieder aktuell wurde. Man kann im gleichen Jahr geboren sein (Generationenlagerung) und doch unterschiedlichen Generationenzusammenhängen angehören. Am Beispiel Ostdeutschland fragt Abbe, ob Generationeneinheiten in einer Diktatur wie der DDR überhaupt möglich waren?

Es werden dann sechs Generationenzusammenhänge idealtypisch ausformuliert: Misstrauische Patriarchen, Aufbau-Generation, Funktionierende Generation, Integrierte Generation, Entgrenzte Generation und Wendekinder, die ausführlich dargestellt werden.

Inzwischen gibt es aber eine nahezu unüberschaubare Menge von Generationsbehauptungen (belletristisch, natur- und geistesgeschichtlich) mit unterschiedlichen Zielsetzungen. Die ‚Dritte Generation Ost‘ scheint die im deutschen Vereinigungsprozess entstandenen Verletzungen durch zunehmende Integration zu kompensieren.

Probleme einer Generationengeschichte der DDR am Beispiel der um 1970 Geborenen (Volker Benkert)

Für 1970 Geborene steht das Aufwachsen in der DDR und die Transformation 1989 im Vordergrund, dennoch wurden sie keine ‚Generation‘ i.S. Karl Mannheims. Die Bandbreite politischer Sozialisation der um 1970 Geborenen: I: DDR-Trauma, II: DDR-Verweigerung und Selbstverwirklichung nach 1989, III: Doppelte Sozialisation, IV: Unabhängigkeit und Konformität, V: Ein normales Leben, VI: Pragmatismus, VII: Glaube und Gewalt, Kontinuität autoritärer Strukturen. Es gab synchrone und diachrone Dimensionen von Generationengeschichte und Formung von Sozialisationstypen über verschiedene Alterskohorten hinweg, deshalb wird der Nutzen des Generationenbegriffs kritisch diskutiert.

II. Generation und Gedächtnis

Postmemory als wissenschaftliche Standarderzählung: Über Nutzen und Nebenwirkungen generationeller Erinnerungsgeschichten (Wulf Kansteiner)

Kansteiner befasst sich kritisch mit ‚Generation‘ als Konzept und Forschungsbegriff und beschreibt vier Dimensionen: effektive Zeitverortung, Anspruch auf ähnliche Eigenschaften und Identitäten, Verwendung für Alterskohorten und kulturelles und politisches Generationenbewusstsein. Nach Mannheim dient der Begriff einer ‚Generationenlagerung‘, einem Generationenzusammenhang und beinhaltet Präge- und Erinnerungsnarrative deutscher Generationen (kollektive Gewalterfahrung 1. Weltkrieg, die skeptische Hitlerjugend-Generation, die Wende- und Wiedervereinigungskinder). Alle enthalten konzeptionelle Ambivalenzen und strategische Absichten durch Vermischung von wissenschaftlichen und politischen Zielsetzungen. ‚Postmemory‘ dient der Überbrückung historischer Distanz und Selbstreflexivität (Hirsch 1997).

This is Your Trauma, Not Mine! Terrorism and Trauma in Recent German Films (Yael Sarah Ben-Moshe)

Traumatisierungen werden oft ‚eingekapselt‘, bleiben damit unbewusst und werden an kommende Generationen weitergegeben, wenn sie nicht bewusst geworden und bearbeitet worden sind. Das kann auch zu Konflikten zwischen den Genrationen führen, wie Filme zeigen: Die vierte Macht (The Fourth State 2012), Kriegerin (Combat Girls 2011), Es kommt der Tag (2009) und September (2003), die alle von Beziehungen jüngerer Generationen zu ihren Eltern handeln. Ben-Moshe geht dann auf die Traumatheorien ein, die Symptome und die Beziehungen zwischen Trauma und Terrorismus und dem nicht nur privaten sondern auch öffentlichen Gedächtnis (und Gewissen). Sie bespricht dann ausführlich die o.g. Filme, (die man allerdings kennen müsste, um ihr detailliert folgen zu können,) und stellt dann die Frage, wessen Trauma das unter transgenerationeller Perspektive ist (das der Eltern oder der Kinder?) und wie das Trauma weitergegeben und erinnert wird. In den Filmen werde gezeigt, dass die Erinnerung an das Trauma blockiert werden kann, und damit auch die Kommunikation zwischen den Generationen.

Die letzte DDR-Generation und das nationalsozialistische Erbe vor und nach 1989 (Volker Benkert)

Sind die Erfolge der AfD einer Folge der DDR-Sozialisation und eine Abkehr von den westdeutschen Diskursen über die NS-Vergangenheit? Die AfD gibt sich als Erbe des Transformationsprozesses 1989 aus. In dieser Studie geht es um DDR-Jugend und NS-Vergangenheit vor (automatischer Antifaschismus) und nach 1990 in der Auseinandersetzung mit westdeutschen Diskursen und um eine gesamtdeutsche Identität. Sie erleben sich nicht als ‚Rechte‘. In der DDR ließen sie sich nicht manipulieren, sondern nutzten selbstbewusst ihre Chancen. Während die NS-Vergangenheit in den Westen exportiert wurde, sahen sie sich eher als getäuschte und missbrauchte Opfer oder identifiziert mit Antifaschismus. In den 1990er Jahren schenkten sie den westdeutschen Diskursen wenig Aufmerksamkeit oder wiesen vorwurfsvoll auf personelle Kontinuitäten hin. Im Ausland entwickelten einige ein Nachdenken über Entschädigungen für die Opfer, Strafverfolgung der Täter und generationsübergreifendes Gedenken an die Verbrechen und Verantwortungsübernahme, unterstützt dadurch dass Ihre ausländischen Partner nicht zwischen West- und Ostdeutschen unterschieden.

Viele Ostdeutsche teilten die Eliteschelte der AfD und die Ressentiments gegenüber westdeutschen Vergangenheitsdiskursen. Meist wählten die Interviewpartner aber eher für sich nützliche Diskurse (z.B. Verantwortung auf den Westen abladen oder Vermeidung vom schmerzlichen Familiendiskursen).

III. Generation und Jugend

»Vati blieb im Krieg«: Vaterlosigkeit als generationelle Erfahrung und Deutung nach 1945 (Lu Seegers)

Familiale Generationszusammenhänge sind meist lebenslag bedeutsame, emotionale Verbindungen, wechselseitig beeinflusst durch gesellschaftliche Sozialisations- und Identitätsprozesse. Psychoanalytische und sozialpsychologische Untersuchungen waren fokussiert auf »Gefühlserbschaften«. Seeger geht es um eine Längsschnittanalyse in Ost und West mit Fokus auf die familiäre Konstellation: Im Osten wurden die familiären Beziehungen durch Wohnungsnot und Erwerbstätigkeit intensiviert. Jungen rückten oft frühzeitig in die Position des abwesenden Vaters, der in Familien- narrativen meist idealisiert wurde, Mädchen waren als Berufstätige mit Kindern stärker an die Mütter gebunden. In Westdeutschland ging es stärker um die Angst vor einem Statusverlust nach traditionellem Muster und darum, das Erbe des Vaters hochzuhalten. Dabei spielten die Großeltern in Ost und West eine wichtige Rolle für die Halbwaisen.

Die Jugend der »Stunde Null«: Generationalität und Schuldfrage in den beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften (Benjamin Möckel)

Nach einem Exkurs über Definitionen von Generationen beschäftig sich Möckel mit »Generation« als politische Metapher in den westlichen Besatzungszonen und der frühen Bundesrepublik. Nach Kriegsende galt sie als eine besonders gefährdete Gruppe (weil nationalsozialistisch sozialisiert), was weitgehend nicht zutraf, denn schlimmere Nazis waren die, die bereits bei der Machtübernahme 1933 Nazis waren. Die Jugend war aber auch ein Symbol für einen Neuanfang (weil keine politische Verantwortung) und der Distanz zur Vergangenheit (Friedlaender 1947). Die ‚Jugendamnestie‘ wurde in den westliche Besatzungszonen 1946 politisch und justiziell verifiziert. Jugend- und Generationendebatten wurden in der Bundesrepublik öffentlich geführt, während in der DDR ein staatlich dominierter ‚Verlautbarungsdiskurs‘ herrschte und Kontroversen nur indirekt zum Ausdruck kamen. Entsprechend unterschiedlich waren auch die medialen Kontexte. Die Schuldlossprechung (betrogene Generation, Opferstatus) war in der DDR expliziter und diente dem sozialistischen Neuaufbau.

Nach Fisher (2007) handelte es sich auch um eine stellvertretende Opferstilisierung in beiden deutschen Staaten, doch lässt sich die Generationendebatte nicht auf die Schuldfrage reduzieren. Die pragmatische-nüchterne Jugendgeneration nach 1945 hat sich in der BRD in die Nachkriegsdemokratie eingefügt, während in der DDR die – angeblich begeistert-idealistische – Jugend sich für eine sozialistischen Neuanfang begeistert haben soll (unterschiedliche Selbst- und Fremdzuschreibungen von zentraler Bedeutung in einem erinnerungspolitischen Repertoire).

Hinter den Worten: Jüdische Jugend heute in Deutschland (Andreas Bechtold)

Ein Bericht über das Projekt „Jüdische Jugend in Deutschland“: Interviews mit Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren, eine Dokumentation der Universität Konstanz. Die Ergebnisse: die meisten Jugendlichen wollten nicht auf ihr Jüdischsein reduziert werden; religiöse Gebote wurden mehr oder weniger ernst genommen, da der Gemeinschaftsgedanke wichtiger war als die Religion. Die Intensität der Transmission war in den Familien sehr unterschiedlich, doch wurde auf eine ‚jüdische Partnerschaft‘ und ‚jüdische Kinder‘ Wert gelegt. Ein Teil tat sich schwer mit Deutschland als ‚Heimat‘. Einwanderer aus Rußland idealisierten Israel (Utopia), andere fühlen sich kulturell in Deutschland zuhause. Der Holocaust spielt eine wichtige Rolle im Bestreben, eine erneute Katastrophe zu verhindern. Wichtig war ihnen ein Dialog zwischen den Nachkommen der Opfer und der Täter.

Wendekinder in der Berliner Republik und Europa: Eine etymologische transdisziplinäre Exploration der Transformationskompetenz (Adriana Lettrari/​Christian Nestler/Jane Porath)

Ist die junge Generation die »Macherinnen und Macher« der Berliner Republik? Nach 30 Jahre haben Transformationen stattgefunden: die Rolle die Deutschland in Europa und der Welt spielt, die Entstehung einer rechtspopulistischen Partei wie die AfD vor allem in den östlichen Bundesländern. Ökonomisch besteht noch eine Distanz zwischen den Einkommen, doch die Zu- und Abwanderung ist ausgeglichen, insgesamt eine eher positive Bilanz. Über ‚Wendekinder‘ wurde sowohl medial, biografisch und wissenschaftlich berichtet. Die Einstufung ‚dritte Generation‘ soll ein ‚Dazwischensein‘ im inter- und intragenerationellen Dialog bedeuten, eine Solidarität mit der ‚dritten Generation Migration‘ und eine Verbalisierung verschiedener Transformationserfahrungen, geprägt durch Kontextvariablen wie »Raum und Zeit«, »strukturelle Rahmenbedingungen« und einen individuellen »biografischen Hintergrund«. Die verschiedenen Aspekte von ‚Transformation‘ werden erläutert.

Für diesen Beitrag haben die Autoren literarische Werke der Jahrgänge 1973 bis 1984 zugrunde gelegt, die im Einzelnen vorgestellt werden. Geholfen hat den Jugendlichen die Disziplin als Produkt einer ostdeutschen Sozialisation (nachhaltiger, wenn auch etwas langsamer Aufstieg im Vergleich mit westdeutschen Jugendlichen). Transformationskompetenz setzt nicht nur individuelle Dispositionen, sondern auch die Bereitschaft beruflich, gesellschaftlich und privat zu handeln voraus: Kompetenzen werden in der Performanz sichtbar, Störungen können erkannt und bearbeitet werden durch Assimilation und Akkomodation. Die Wahrnehmungen von sich selbst und dem anderen sind bereits Interpretationen, die störend oder hilfreich bei der Bewältigung von Problemen sein können. Individuell können Erfahrungen am Erfolg oder Misserfolg im Handeln validiert und auf Brauchbarkeit (adäquates und effektives Handeln) überprüft werden. Die kommunikative Auseinandersetzung kann zu neuen Wahrnehmungen führen. Definiert wird Transformation als eine ‚Reaktion auf eine individuelle Perturbation (Verwirrung) aufgrund einer Wandelsituation, die mit einer fallabhängigen Varianz nachweisbar ist‘.

Dieses Konzept wurde überprüft vom »Netzwerk 3te Generation Ostdeutschland« auf einer Konferenz mit 100 Wendekindern in Berlin 2013. Themen waren: Die eigene Transformationserfahrungen, und die ausgelösten Gefühle, die Lernprozesse und hierdurch erworbenen Kompetenzen (Fallbeispiele: Grüne Wendekinder als Abgeordnete in ostdeutschen Landtagen).

Kompetenzmessungen sind mit einer Beobachtungsproblematik behaftet, was zu unterschiedlichen Interpretationen führen kann, Beobachter und Beobachtungsgegenstand lassen sich nicht ‚objektiv‘ trennen. Kognitive Konstrukte können durch Construct maps dargestellt werden. Individuen und kleinere Gruppe lassen sich besser in ihrem interaktiven Verhalten beobachten. In welchen Handlungs- und Verhaltensweisen werden Teilfähigkeiten und Dispositionen zur Transformationskompetenz erfasst? Emotionen können eine Störung sein, aber auch konfrontativ genutzt werden. Wendekinder können als Beispiele für Transformationskompetenz genutzt werden, deshalb sollten Untersuchungen auf die ganze Bandbreite auch der nicht-akademisierten Wendekinder ausgedehnt werden, da diese gesamtgesellschaftlich relevant ist.

Diskussion

Die Schwierigkeiten des Begriffs ‚Generation‘ werden erläutert und an viele Beispielen exemplifiziert, die auf dem Hintergrund der deutschen Geschichte mit ihren besonderes gravierenden Einschnitten (NS-Zeit, Holocaust, 1945 Kriegsende, 1989 Wende) dargestellt werden in ihren unterschiedlichen individuellen, familiären und sozialen und politischen Aspekten. Diese machen es schon aufgrund ihrer Vielzahl und der Generationen übergreifenden subjektiven Generationszugehörigkeit schwierig zu eindeutigen und zu verallgemeinernden Aussagen zu kommen.

Die unterschiedlichen Untersuchungsgegenstände (DDR-Jugend 1970 geboren, Kriegsjugend nach 1945, jüdische Jugend in Deutschland heute, Wendekinder) machen es schwierig, einen gemeinsamen Nenner zu erarbeiten. Sie bieten aber viel Stoff für Diskussionen mit Betroffenen und Nichtbetroffenen. Am Ertragreichsten für mich als Leser war der letzte Beitrag (Lettrari u.a.), in dem es um Transformationsprozesse geht, die immer nach gravierenden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen notwendig sind und gelingen und misslingen können. Der Beitrag ist nicht leicht zu lesen und ist begrenzt auf eine Selektion von eher akademischen Wendekindern, dennoch vermittelt er einen Einblick, wie Transformationsprozesse, wenn sie glücken, ablaufen können. Weitere Untersuchungen auch über missglückte wären angezeigt. Denn Transformationen sind ein Merkmal der Moderne und der Globalisierung und somit Untersuchungen, wie sie gelingen und misslinge können dringend notwendig.

Transformationsprozesse können durch Kommunikation positiv (vielleicht auch negativ?) beeinflusst werden, wobei eine Voraussetzung ist, dass eine Transformation von Seiten beiden geleistet werden muss. Damit stellt sich auch das Problem, ob die Bereitschaft dazu nach dem überfallartigen Fall der Mauer auch auf westdeutscher Seite überhaupt vorhanden war oder als Problem erkannt worden ist.

Fazit

Ein sehr wichtiges informatives und sozialpsychologisch lesenswertes Buch.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 23.12.2020 zu: Volker Benkert (Hrsg.): Unsere Väter, unsere Mütter. Deutsche Generationen seit 1945. Campus Verlag (Frankfurt) 2020. ISBN 978-3-593-50527-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27583.php, Datum des Zugriffs 18.06.2021.


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