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Olaf Blaschke, Thomas Großbölting (Hrsg.): Was glaubten die Deutschen zwischen 1933 und 1945?

Cover Olaf Blaschke, Thomas Großbölting (Hrsg.): Was glaubten die Deutschen zwischen 1933 und 1945? Religion und Politik im Nationalsozialismus. Campus Verlag (Frankfurt) 2020. 540 Seiten. ISBN 978-3-593-51077-4. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.

Reihe: Religion und Moderne - 18.
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Thema

Thema des vorliegenden Titel sind die komplexen Beziehung zwischen Nationalsozialismus und Christentum.

Herausgeber

  • Thomas Blaschke, geb. 1963, Professor für Neuere und Neueste Geschichte in Münster. Publikationen u.a.: Katholizismus und Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich, Göttingen 1997; (Hg.) Konfessionen im Konflikt. Deutschland zwischen 1800 und 1997: ein zweites konfessionelles Zeitalter, Göttingen 2002; Die Kirchen und der Nationalsozialismus, Stuttgart 2014.
  • Thomas Großbölting, geb. 1969, Professor für Neuere und Zeitgeschichte in Münster, seit 2020 Direktor der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Publikationen u.a.: Der verlorene Himmel. Glaube in Deutschland seit 1945, Göttingen 2013; Volksgemeinschaft in der Kleinstadt. Kornwestheim 1930–1950, Stuttgart 2017; (Hg. mit Klaus Große Kracht) Themenheft »Religion in der Bundesrepublik Deutschland«, zeithistorische Forschungen, Online-Ausgabe 7, H. 3 (2010).

Autorinnen und Autoren

  • Holger Arning, Dr., geb. 1973, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Mittlere und Neure Kirchengeschichte an der Universität Münster.
  • Christoph Auffahrt, geb. 1951, em. Professor für Europäische Religionsgeschichte an der Universität Bremen.
  • Thomas Brodie, Dr., geb. 1988, Lecturer für Europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Universität Birmingham.
  • Jürgen W. Falter, geb. 1944, em. Professor für Politikwissenschaft an der Universität Mainz.
  • Manfred Gailus, geb. 1949, apl. Professor für Neuere Geschichte am Zentrum für Antisemitismusforschung (TU Berlin).
  • Klaus Große Kracht, gebe, 1969, apl. Prof. und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Münster.
  • Isabel Heinemann, geb. 1971, Professorin für Neueste Geschichte an der Universität Münster.
  • Armin Nolzen, M.A., geb. 1968, Redakteur der Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus.
  • Christoph Picker, Dr., geb. 1966, Direktor der Evangelischen Akademie der Pfalz.
  • Uwe Puschner, geb. 1954, Professor für Neuere Geschichte an der FU Berlin und Mitglied des Centre d’Études Germaniques Interculturelle des Lorraine (CEGIL) der Université Lorraine.
  • Markus Raasch, PD. Dr., geb. 1978, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Zeitgeschichte der Universität Mainz.
  • Mark Edward Ruff, geb, 1969, Professor of History an der Saint Louis University.
  • Lucia Scherzberg, geb. 1957, Professorin für Systematische Theologie der Universität des Saarlandes.
  • Detlef Schmiechen-Ackermann, apl. Prof. Dr., geb. 1955, Direktor des Institutes für Didaktik der Demokratie (IDD) und apl. Professor an der Leibniz-Universität Hannover.
  • Christiane Schröder, M.A., geb.1963, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Didaktik der Demokratie und Geschäftsführerin des interdisziplinären Leibniz-Forschungszentrums »Center for Inclusive Citizenship« (CING) an der Leibniz-Universität Hannover.
  • Martina Steber, PD Dr., geb.1967, Stellvertretende Leiterin der Forschungsabteilung München am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin.
  • Miloslav Szabó, Dr. geb. 1974, Assistent am Lehrstuhl für Germanistik in Bratislava.
  • Hans-Ulrich Thamer, geb. 1943, em. Professor für Neure und Neueste Geschichte an der Universität Münster.
  • Sarah Thieme, Dr., geb. 1986, Wissenschaftliche Projektleiterin am Exzellenzcluster »Religion und Politik, Dynamiken von Tradition und Innovation« an der Universität Münster.

Entstehungshintergrund

Anstelle von »Kirchenkampf« war in den 1930er und 1940er Jahren Religion nicht ein Faktor von Tradition, Resilienz und Resistenz sondern ein stabilisierender Teilfaktor des Regimes durch die »hybride« Gläubigkeit vieler Deutschen als treue Christen und treue Nationalsozialisten.

Aufbau

Nach einer Einführung und Problemskizze von Blaschke und Großbölting folgen drei größere Unterabschnitte: I. Akteure und Praktiken, II. Weltanschaulich-religiöse Motive, III. Deutende Diskurse.

Inhalt

Einführung und Problemskizze: was glaubten die Deutschen 1933–1945? (Olaf Blaschke und Thomas Großbölting)

Interpretationen einer dualistischen Konzeption – Kreuz versus Hakenkreuz – finden sich bis heute, dabei bleiben die vielen Varianten der Beziehung zwischen Christentum und Nationalsozialismus außer Betracht. Die Beiträge im Buch zielen auf eine neue Perspektive, da 95 % der Deutschen weiterhin Kirchenmitglieder waren und sich gemeinsame Heils- und Zukunftsvorstellungen auch trafen. Glauben ist gegenstandsbezogen – man glaubt an etwas oder an jemanden – und drückt Vertrauen, Hingabe, Gefühl und Entschiedenheit aus.

Es gehe im Buch nicht 1. Um Gegensätze und Überlappungen, 2. auch nicht um die deutschchristlichen Brückenbauer 3. und um politische Religion, Ersatzreligion oder Religionsersatz und 4. auch nicht um Kirche und Nationalsozialismus.

Untersucht werde die »hybride« Gläubigkeit von Einzelnen und Gruppen, ihre A) Aktionen und Praktiken, B) Themen und Leitmotive und C) deutende Diskurse.

I. Akteure und ihre Praktiken

Zugehörigkeitsgefühle, multiple »Gläubigkeit« und das Momentum der Veränderung (Detlef Schmiechen-Ackermann)

„Auf der Suche nach Erklärungen für stabile wie auch sich verändernde Verhaltensmuster und Orientierungen in sozialmoralischen Milieus und gesellschaftlichen Teilgruppen.“ Das letzte Viertel des 19. Jahrhunderts war von hoher Stabilität und liberalen Tendenzen geprägt. Dem folgte im politischen System von Weimar ein wachsende Volatilität und ein zunehmender Traditionsbruch. Die Propaganda einer »Volksgemeinschaft« als Verheißung knüpfte an populäre Denkweisen an, u.a. 1. an die Urangst gegenüber dem Bolschewismus, 2. die »Schmach von Versailles«, 3. das Ende der »Weimarer Koalition« durch den Tod von Stresemann, 4. die ökonomischen Krisen 1920 und 1929, 5. das Scheitern Brünings und der politische Bankrott.

Die konfessionelle Spaltung des Wahlverhaltens (Jürgen W. Falter)

Hitler war 1932/33 vor allem in evangelischen Gebieten erfolgreich, deren Wahlberechtigte im Schnitt doppelt so anfällig gegenüber der NSDAP waren wie Katholiken. Tabellen zeigen die Unterschiede in den Konfessionen bei Eintritten in die NSDAP von 1925–1945, differenziert nach Gemeindegröße, Eintrittsperiode, Wohnortgröße, und auch die Austritte unterteilt nach Konfession und Eintrittsperiode.

Auf der Gemeinde- und Kreisebene gab es 1930 einen hohen Anteil von NSDAP-Stimmen bei evangelischen Wählern, etwas geringer war das Beitrittsverhalten. Eine Erklärung ist, dass katholische und sozialistische Parteien ihren Anhängern ein umfassendes Weltbild zur Verfügung stellten und eine gute Vernetzung im sozialökonomischen Milieu (Vereine, Zeitungen, Gewerkschaften, Parteien) hatten.

Das »schwarze« Eichstätt ist braun geworden – katholische Lebenswelt und »Volksgemeinschaft« (Markus Raasch)

Eichstätt kann als Musterbeispiel dichter Katholizität gelten (92,6 % Katholiken) in einem zu 70 % protestantischen Gebiet. Es galt als Prototyp ‚katholischen Anders-Seins‘. Dennoch trennten Katholiken und Nationalsozialisten vor 1933 nur scheinbare Gräben, denn die NSDAP integrierte Kirchgänge, Festivitäten und Prozessionen und führende Nationalsozialisten stammten aus der Mitte der Gesellschaft. Eine (begrenzte) Nazifizierung des Katholizismus fand statt und in der sozialen Praxis eine »hybride Gläubigkeit«: 1. Seelsorgerische Betreuung war wichtiger als ideologische Grenzziehung, 2. Kirchentreue blieb, durfte aber den Nationalsozialismus nicht dominieren, 3. Der Ausschluß der jüdischen Bevölkerung wurde mit Apathie und Wohlwollen befördert, 4. Die Hybridität, das Miteinander von Nationalsozialismus und Katholizismus wurde konsequent verteidigt.

Im Krieg gewann die katholische Kirche zwar mehr Bedeutung, aber er beförderte auch eine Rechtfertigungs- und Unterstützungsgemeinschaft: Kirchenpolitik hatte gegenüber dem Wohl des Volkes zurückzustehen. Insgesamt zeigt Eichstätt ein komplexes Mit- und Gegeneinander von Nationalsozialismus und Katholizismus. Auch nach 1945 prägte mehr die eigene Leidenserfahrung als das durch Deutsche verursachte Leid.

Praktiken der (Doppel)-Gläubigkeit vor Ort: Advents- und Weihnachtsfeiern von NSDAP und NS-Frauenschaften (Sarah Thieme)

Praktiken der Doppelgläubigkeit zeigten sich in der kirchlichen Beteiligung an NSDAP- und NSF-Adventsfeiern zu Beginn der 1930er Jahre, wobei besonders der Charakter eines ‚deutschen Weihnachtsfestes‘ betont wurde. In der Bochumer NS-Frauenschaft wurde im Krippenspiel die ‚Ankunft Christi‘ und die des Führers, und der politische Erfolg der NSDAP gefeiert und gemeinsam für Konfirmanden und Kommunikanten gesammelt. Die religiöse Erziehung war Aufgabe der Mütter und wurde – partiell – unterstützt. Der Nikolausbrauch wurde auch von der NSDAP aufgenommen. Insgesamt zeichneten sich die nationalsozialistischen Advents- und Weihnachtsfeiern durch eine Vielfalt und Ambiguität aus, wobei die christliche Botschaft mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt wurde zugunsten eines Licht- und Mutterkultes.

Der Bund Deutscher Mädel (BDM) als »Glaubensgemeinschaft«. Zur Entwicklung einer nationalsozialistischen Jugendorganisation nach 1933 (Armin Nolzen)

Untersuchungen war bislang fokussiert auf 1. Die Reichweite der NS-Erziehung (Selbstzeugnisse), 2. Die Geschlechterdifferenz zur HJ, 3. Mädchen aus dem protestantischen Bürgertum ohne Fragen nach deren religiösen Sozialisation. In diesem Beitrag werden Religion und Glaube auf kommunikationstheoretischer Basis analysiert. Die Mitgliederzahl im BDM stieg von Ende 1932 bis Ende 1939 kontinuierlich an. Die Religion spielte eine Rolle 1. Beim Aufnahmeverfahren (Rubrik: Religion), 2. Im Verhältnis zu konfessionellen Jugendverbänden, die auch im 3. Reich weiter bestanden (eine Doppelmitgliedschaft war möglich), 3. In Bezug auf die antijüdische Politik (Ariernachweis, jüdische Mischlinge).

In »Glaube und Schönheit« waren die Verpflichtungen Gehorsam, Pflicht, Treue, Volk, Führer, Kameradschaft, letztere auch substituiert durch Glaubensgemeinschaft. Zentral waren Glaube und Gemeinschaft, wenn auch nicht christlich notiert. Leibeserziehung – auch Befreiung von der christlichen Minderbewertung des Körperlichen – war ein Schwerpunkt und eine ‚artgerechte‘ Erziehung. Eine neue Glaubenssemantik knüpfte an vorchristliche Traditionen an. Christliche und NS-Gläubigkeit konnten gleichzeitig gepflegt werden, auch wenn die erstere zunehmend verdrängt wurde. Weitere Untersuchungen sind notwendig über den Kriegsdienst-Einsatz, die Rolle in den besetzten Gebieten, die Verhaltenskonditionierung. Ein Festhalten am christlichen Glauben und ein neuer Glaubens ‚an den Führer und den Nationalsozialismus‘ waren möglich.

Claus Schenk Graf von Stauffenberg und sein Glaube: Katholik im Widerstand seit 1943. Katholik im Nationalsozialismus seit 1933? (Otto Blaschke)

Welche Rolle der Glaube bei Stauffenberg spielte, ist kaum geklärt. Er gehörte zum bürgerlich-konservativen Widerstand durch seine Verbindung zum Kreisauer Kreis und zum militärischen Widerstand.

Für seine Motive ergeben sich vier verschiedene Zugänge:

  1. Er habe sich aus einer anderen als christlichen Motivation zum Widerstand entschlossen, vor allem aus militärischer und militärstrategischer Einsicht für Deutschland in einem bereits verlorenen Krieg.
  2. Er habe sich aus einer Vielzahl von Gründen entschlossen, wobei der Glaube nur eine Nebenrolle gespielt habe, stattdessen die Familienehre, die Treue zu Idealen (Stefan George) und das Soldatentum.
  3. Er habe trotz seiner Konfession und gegen christliche Prinzipien das Attentat verübt, da es einen Bruch mit Autoritätsgehorsam, Delegation von Verantwortlichkeit und Achtung vor der Staatsgewalt bedeutete.
  4. Er habe es wegen seines Glaubens getan: ‚Mir bleibt nur noch der Mord – aus christlicher Verantwortung‘ (gegenüber Peter Yorck von Wartenburg und Paulus van Husen). Für dsas Motiv des christlichen Glaubens könnte entweder die Bekehrungsthese (weil das Christliche für Stauffenberg lange Zeit nicht relevant war) oder die Kontinuitätsthese (seit Kindheit verwurzelt im christlichen Glauben) sprechen. Obgleich er eine evangelische Frau geheiratet hatte (wie sein Vater) wurden alle fünf Kinder katholisch erzogen.

Aber: Wie lange war er auch als Katholik ein Anhänger des NS-Regimes? Spätestens 1942 als der Ostfeldzug gescheitert war und die systematische Vernichtung von Menschen (Kriegsgefangene, Slawen, Juden) bekannt geworden war, änderte sich sein Einstellung. Aber erst im Oktober 1943 ergab sich die Gelegenheit, an der Verschwörung teilzunehmen, nachdem er von 1933 bis Frühjahr 1942 Hitler gedient hatte. Die Weimarer Republik hatte er abgelehnt, auch bediente er Klischees über ‚jüdisches Denken‘ und Polen waren für ihn ‚Pöbel‘.

Wahrscheinlich gab es mehrere Motive und Motivationsstränge, und einen frühen Konsens mit dem Nationalsozialismus trotz des Katholizismus.

Zwar war der Widerstand gegen Hitler u.a. auch christlich motiviert, aber eben so wenig waren Christen vor dem Nationalsozialismus geschützt. Eine normative theologische Perspektive wird den Christen in d er NS-Zeit nicht gerecht. Stauffenbergs Katholizismus begründete sowohl die NS-konforme Phase als auch den Widerstand. Blaschke wendet sich gegen eine ‚heroisch-apologetische Historiographie‘.

II. Weltanschauliche-religiöse Motive

Klaus Große Kracht: Katholischer Glaube zwischen »Volksgemeinschaft« und »Reich Gottes«. Kirchlich-konfessionelle Großveranstaltungen in Berlin 1933. (26 Seiten)

Der Begriff ‚politische Religion‘ ist zu schillernd für eine detaillierte Analyse der kollektiven Bindungsmechanismen der NS-Herrschaft oder des Führer-Mythos. Auch als Ersatzreligion eignet er sich nicht, da es Übergänge, Überlappungen und Konsenszonen gibt. Glaube und Religion sind nicht identisch, denn Glaube gibt es auch ohne religiöse Elemente. Danièle Hervieu-Léger definiert Glaube – anthropologisch fundamentaler als Religion (auch innerweltliche Werte) – als eine Sammlung von individuellen und kollektiven Überzeugungen, die sich nicht verifizieren oder experimentell nachprüfen lassen, aber überzeugen durch eine subjektive Kohärenz (Sinn) bei den Gläubigen. Wichtiger als die propositionalen Bestandteile seien die Praktiken, Gesten und Sprachspiele.

Untersucht werden katholische Feiern im Frühling und Sommer 1933 in Berlin, als die kirchenfeindliche Einstellung des Regimes noch nicht so erkennbar war und die Warnungen der Bischöfe vor 1933 zurückgenommen wurden. Am 26. März 1933 fand die »Schulentlassungsfeier der Katholischen Aktion und der Katholischen Schulorganisation« im Großen Schauspielhaus mit ca. 1.500 Schülern statt. Diese wurden aufgefordert, den nationalen Aufbruch tatkräftig zu unterstützen, begleitet von einem Sprechchorwerk über eine Schulabgängergruppe, die durch einen jungen Führer zum Aufbau eines Heiligen Reiches aufgerufen wurde.

Am »Tag der nationalen Arbeit« 1. Mai 1933 nahmen etwa 4.000 katholische Jugendliche an der Kundgebung im Lustgarten und anschließend am Gottesdienst in der Hedwigs-Kathedrale teil, wo sie zum Dienst an der Volksgemeinschaft aufgerufen wurden. Der Domprediger Vetter pries den 1. Mai als Beginn einer neuen christlichen (göttlichen) Heils-Ordnung.

Am 25. Juni 1933 fand der »31. Märkische Katholikentag« mit ca. 50.000 Katholiken im Grunewald-Stadion statt. Vetter sprach in der Predigt von der ‚Vorläuferzei‘, die der »Königsherrschaft Christi« entgegengeführt werden müsse und gab die Parole aus: »Deutschland erwache – Christus entgegen«. Klausener betonte, als Katholiken seien sie der von Gott gewollten Obrigkeit untertan. Am Ende folgte die Nationalhymne und »Großer Gott wir loben Dich«.

Ähnlich performativ und emotional verlief das »5. Katholische Jugendtreffen« am 20. August 1933 mit einem kollektiven Bekenntnis zu Kirche und Volk. An der Abschlusskundgebung nahmen ca. 30.000 Personen teil.

Viele Gläubige hatten auch bereits an der allgemeinen Begeisterung teilgenommen, denn in der ‚Volksgemeinschaft‘ bündelten sich Sehnsüchte und Hoffnungen auf etwas Verbindendes selbst dann, als die kulturelle Hegemonie längst auf die Nationalsozialisten übergegangen war.

Klausener wurde 1934 im Zusammenhang mit dem Röhm-Putsch erschossen.

Der Vermittler: Josef Steinhübl (1902-1984), ein Vertreter der deutschen Minderheit, wurde ein führender Agitator der Karpatendeutschen Partei. Sein Nationalismus war konfessionell geprägt. Er organisierte den Wahlkampf der Karpatendeutsche Partei 1935. Auf dem Höhepunkt des »Volkstumskampfes« im Herbst 1938 kamen ihm Zweifel und er las Rosenberg ‚Mythus des 20. Jahrhunderts‘. Dem Bischof gegenüber blieb er loyal. Er unterstützte die Pläne der deutschen Gemeindeschule zwecks »Einheitlichkeit« unter Nutzung einer mäßigen nationalsozialistischen Religionspolitik und war jahrelang bemüht, den Nationalsozialismus mit dem Katholizismus zu versöhnen (>Gelobt sei Jesus Christus! – Heil Hitler!< – >In Ewigkeit Amen. – Heil Hitler!<). Kurz nach der Einführung des Schulgebets wurden die konfessionellen Schulen geschlossen.

Schluss: Die klerikalen Nationalsozialisten waren in der Slowakei weniger repräsentativ als die klerikalen Faschisten, deren Kirchenbindung erhalten blieb. Letztere täuschten sich aber über den Charakter der NS-Weltanschauung. Die Klerikalfaschisten glaubten, das slowakische oder deutsche Volk vor dem gottlosen Bolschewismus zu schützen. Der doppelten Loyalität gegenüber der Kirchen- und Parteihierarchie versuchte Steinhübl mit einer klerikal-faschistischen Strategie zu entkommen. Er hatte die Illusion, dass das »positive Christentum« als alternative Weltanschauung geduldet würde. Die Begriffe »Klerikale Nationalsozialisten« und »Klerikale Faschisten« sind von den eher metaphorischen Sammelbegriffen »Hitler’s Priests« oder »braune Priester« abzugrenzen.

Wem vertrauten deutsche Katholiken 1934? Hitler, Christus und andere »Führer« in ‚Unser Kirchenblatt‘ (Holger Arning)

Glaube und Vertrauen richteten sich im Katholizismus 1934 sowohl auf di Religion wie auch auf die Politik. Vertrauen bedeutet zukunftsgerichtet eine Reduktion der Komplexität. In ‚Unser Kirchenblatt‘ findet sich Glaube an die Lehre der katholischen Kirche als auch an die Worte des Kanzlers (Sehnsucht nach einem messianischen Retter). Inflationär war der Gebrauch des Wortes ‚Führer‘ (politisch, religiös, familiär, im Arbeitsbereich). Den Katholiken waren Hierarchien, Autoritäten und Gehorsam vertraut, so verband sich Altes mit Neuem. Im Kirchenblatt findet sich eine Distanz zur Demokratie (Pest des Laizismus). Gehorsam gegenüber der Obrigkeit war Christenpflicht. Gemeinsam waren dem Katholizismus und Nationalsozialismus der Kampf gegen Egoismus, Materialismus, Kommunismus, »Parteizank« und für die »alte Sitte«. Autoren im Kirchenblatt boten sich als Bündnispartner an, allerdings nicht ohne Gegenleistung. In Konflikt standen die beiderseitigen Totalitätsansprüche. Kritik wurde nicht am Führer, sondern an Parteimitgliedern und Behörden geübt.

Thesen zur Diskussion des Vertrauens:

  1. Katholiken vertrauten vor allem der Kirche.
  2. Katholiken glaubten an das Führerprinzip.
  3. Die Handlungsmöglichkeiten konzentrierten sich innerkirchlich zunehmend auf die Bischöfe.
  4. Katholiken wollten an den »Führer« glauben.
  5. Das Vertrauen in Hitler und den Nationalsozialismus war labil.
  6. Es galt vor allem dem Reichskanzler, nicht Hitler,
  7. und diente vorwiegend eigenen Interessen.
  8. Katholiken versuchten Hitler für sich einzunehmen.
  9. Vertrauensbildend wirkten Versprechungen, gegen gemeinsame Gegner vorzugehen.
  10. Das Vertrauen in Hitler beschränkte sich auf die Politik.
  11. Einige glaubten an eine enge Kooperation zu beiderseitigem Nutzen.
  12. Risikomindern war die Verrechtlichung der eigenen Ansprüche durch das Konkordat.
  13. Für ihre Vertrauensvorschuss erwarteten die Katholiken 1934 Gegenleistungen.
  14. Ihr Vertrauen war nur begrenzt von Macht flankiert.
  15. Die Strategie von Vertrauen und Misstrauen ermöglichte im eng begrenzten Religionsreservat Selbstbehauptung.
  16. Aber die Strategie wirkte der Festigung der NS-Herrschaft kaum entgegen. Als das Vertrauen schwand, war die Macht des Regimes bereits gefestigt.

Was glaubten die pfälzischen Protestanten zwischen 1933 und 1945? (Christoph Picker)

In einer >Entschließung als Bekenntnis< der pfälzischen Landessynode von 1934 bekannten die Synodalen ihre Loyalität zur deutschchristlich dominierten Reichskirche und zu Adolf Hitler. Ähnliche Stellungnahmen verbreiteten auch kirchliche Publikationen (z.B. Evangelischer Kirchenbote). Überdurchschnittlich hoch gewann 1932 die NSDAP bei der Wahl in protestantischen, im Gegensatz zu katholischen, Kreisen (insgesamt 42,6 %). Kirchliche Amtsträger waren auch Parteigenossen; die Kirchenmitgliedschaft stieg 1933 »zum Teil unter bewusster Förderung durch die Partei«. Auch liturgisch und ikonographisch öffnete sich der pfälzische Protestantismus dem Nationalsozialismus (Beispiel Erntedankfest in Oggersheim). 1939 wurde im Gemeindesaal in Ludwigshafen-Hemshof in der zentralen Sichtachse anstelle eines Christusbildes ein Hitlerbild aufgehängt (darunter blieb der Wandspruch »ER kann helfen«); ein Protest blieb erfolglos.

Gelobt wurde >Sittlichkeit< (gegen Theater und Kino),und es gab auch die bereits erwähnte ‚hybride Gläubigkeit‘ und damit eine Konsolidierung des Regimes.

III: Deutende Diskurse

Völkische Religion im Nationalsozialismus. Ideologische, personelle und organisatorische Analysen von Oskar Stillich (Uwe Puschner)

Die Völkischen glaubten sich 1933 am Ziel ihres »vierzigjährigen völkischen Kampfes« (Gerstenhauer, 1873–1940), Bundesgroßmeister der Deutschbundes). Gemeinsam war allen Völkischen und Völkischreligiösen der Antisemitismus und eine Ablehnung des Christentums. Sie wurden seit 1933 von den Kirchen kritisch wahrgenommen, so auch von Oskar Stillich (1872-1945). Er hatte sich als Hochschullehrer vom Agrarökonom zu einem empirisch arbeitenden Volkswirt und Soziologen entwickelt und engagierte sich als Pazifist und Friedensaktivist. Als Zielscheibe des rechten Lagers sollte er 1926 aus der Humboldt-Universität entlassen werden, wurde aber dann erst nach der Machtübernahme aus dem Dienst entfernt. Er beschäftigte sich mit den Völkischen, ihrem Denken (wissenschaftslos, antiintellektuell, misstrauisch gegen die Vernunft) und der Betonung des ‚Irrationalen, des Gefühls und Affekts, des Mythus, des Glaubens, der Mystik, der Rasse und des Bluts‘. Das Buch der Reihe ‚Gedanken der Deutschvölkischen‘ mit dem Titel ‚die völkische Religion‘ konnte nach 1933 nach England gebracht werden (ein Vorwort dazu verfasste er 1945). Sein Ziel war ein kritischer Blick auf die völkisch religiöse Gedankenwelt, deren Theorien und Ideologien, und den Aufbau einer NS-Religion im NS-Staat.

Im ersten Teil widmete er sich den Schlüsselelementen der völkischen Religion (Was glaubten die Deutschen?), deren Protagonisten, Organisationsstruktur und religiösen Pluralismus, aufgrund eines divergierenden religiösen Fundamentalismus (verschiedene Religionsentwürfe durch Projektion der völkischen Gedankenwelt ins Metaphysische). Grundgedanken waren eine Erneuerung des Volkes auf rassischer Grundlage unter Rechtfertigung des Krieges, die göttliche Auserwähltheit als Rechtfertigung. Den Nazis dienten sie als Schrittmacher in der Konsolidierungsphase 1933/34. Aus vorchristlichen germanischen Ursprüngen glaubte sie eine ‚arteigene‘ Religion schaffen zu können. Der deutschchristliche Flügel hielt am Christentum, jedoch nicht am Alten Testament, fest. ‚Deutsche Religion ist Selbstverantwortung und Selbsterlösung;‘ deutsche Superiorität und Prädestination sollten transzendiert werden. Diese Neuheiden waren nur wenige, während die die Deutschen Christen 1934/35 auf rund 600.000 kamen.

Frömmigkeit und protestantisches Milieu. Marburg während des Nationalsozialismus (Christoph Auffarth)

Während für Katholiken die Kirche Träger des Glaubens war, war für Protestanten das ‚sola fide‘ Luthers prägend. Frömmigkeit hingegen war pietistisch interpretiert und mit Ablehnung der theologischen Hermeneutik verbunden. Die Erweckungsbewegung bildete einen starken Zweig der Bekennenden Kirche, spaltete sich aber wegen der Entmythologisierung (Bultmann) ab. Ein anderes Modell protestantischer Frömmigkeit war der Nationalprotestantismus, im Kaiserreich gleichbedeutend mit dem Staat, da Entscheidungspositionen mit Protestanten besetzt waren. Im Gegensatz dazu verfügten die Katholiken einen Verbandskatholizismus (Zentrumspartei). Die religiösen Sozialisten drängten ebenfalls auf eine politische Beteiligung.

Neben der »Glaubensbewegung« Deutscher Christen gab es noch die Jugendverbände, z.B. den CVJM. Glaube wurde für die völkische Religion reklamiert und avancierte zum Zentralwort der Frömmigkeit der Nationalsozialisten.

Führungspositionen im Reichssicherheitshauptamt nahmen ein: (1) Die Kriegsjugendgeneration, (2) meist aus protestantischen Jugendkreisen, (3) die >entschiedenen< Christen, 4) die Unbedingten.

Religion lässt sich beschreiben als ein System von Werten, Anweisungen zum guten Leben aus transzendenten Quellen und als eine soziale Handlungspraxis, die man schon als Kind lernt und praktiziert. »Deutsche Frömmigkeit« war ein Kampfbegriff gegen den Internationalismus der Kirchen in seiner »katholischen« und »undeutschen« Form, und seinen jüdischen Wurzeln. Der Begriff »Glaube« wurde aus seinem biblischen Kontext gelöst und in der Bedeutung »Gläubigkeit, Entschiedenheit« ein Grundbegriff des Nationalsozialismus. Der klassische Philologe Ernst Benz identifizierte sich 1934 mit der ‚ecclesia spiritualis‘ (Elite), die von der Amtskirche verfolgt wurde.

Die Marburger theologische Fakultät widersprach den Vorgaben des Nationalsozialismus, war aber auch nicht konform mit dem protestantischen Selbstverständnis und der politischen Einstellung der Evangelischen in Marburg; sie blieb der ‚Bekennenden Kirche‘ verbunden und bot den Studenten einen Zufluchtsort.

Ernst Benz verschwieg 1942 die Ermordung und Aushungerung der Bevölkerung im Osten und den Genozid an den Juden, schilderte stattdessen, wie die Deutschen die Religion und die bäuerliche Lebensgemeinschaft nach den Zerstörungen der Kommunisten zurückgebracht hätten. Juden bildeten nach ihm angeblich die größte Gruppe unter den »Kommissaren«, waren also auch ‚Gottes- oder Religionsmörder‘. Der Völkermord wurde sogar theologisch legitimiert und der Krieg gerechtfertigt unter Hinweis auf das Schicksal der Volksdeutschen, die ihr Deutschtum und ihre Religion bewahrt hätten: die Ausdehnung des Reiches entspräche dem deutschen (evangelischen) Volkstum.

Nationalsozialismus und Religion: Überlegungen zu einer Gesamtschau (Manfred Gailus)

Der Nationalsozialismus war keine religionslose Zeit, sondern im Gegenteil zunächst eine – auch kirchliche – religiöse Erneuerung (Abkehr von der ‚sündhaften‘ Weimarer Republik). Es kann sogar zu einem sprunghaften Anstieg von Kircheneintritten und einer Begeisterung für den nationalen Aufbruch, der symbolisch am 21.Märzt 1933 in der Garnisonkirche in Potsdam – unterstützt von Dibelius – seinen Ausdruck fand. Glaube, Bekenntnis Konfession Religion wurden im »Dritten Reich« zunächst propagiert. Unter den Protestanten ( zwei Drittel der Reichsbevölkerung) kam es bald zu einem »Bruderstreit« im eigenen Haus. Die Deutschen Christen griffen die alte Kirche an (Ein Volk, – ein Reich – ein Glaube) und zielten auf eine zentrale Reichskirche anstelle der 28 Landeskirchen. Dagegen formierte sich eine kirchliche Opposition (Bekennende Kirche), denn es ging um eine Neuausrichtung der Theologie, des Kultus und der kirchlichen Praxis. Eine breite Mitte repräsentierte den Normalprotestantismus, der sich ohne große Schwierigkeiten der Obrigkeit fügte. Nach Meinung von Gailus fehlten handlungsfähige Führungsorgane.

Die Katholiken verfolgten eine Politik von Nähe und Distanz zugleich. Das Konkordat, Staatsvertrag zwischen Hitler und dem Vatikan, brachte keinen Bruderkampf im eigenen Haus, auch wenn ein dauerhafter Kleinkrieg mit dem übergriffigen Staat geführt wurde. Die katholische Denkschrift erreichte mit Erfolg die katholischen Kanzeln, während die protestantische nur einen Teil der Protestanten (15 %), und das in abgeschwächter Form, erreichte. Auch der Anteil der Pfarrer, die in der NSDAP waren, war bei den Protestanten um vieles höher als bei den Katholiken: Protestantische Offenheit für den Zeitgeist versus katholische Distanz. Dennoch war auch für die meisten katholischen Gläubigen der christliche Glaube mit dem Nationalsozialismus durchaus kompatibel. Neben die Kirchen gab es zahlreiche Gruppen und Bünde, die sich bemühten, Anerkennung als »dritte Konfession« zu bekommen. In den Anfangsjahren erhielten die »Deutschgläubigen« noch Zuspruch, der aber bis 1939 abnahm.

Zu unterscheiden sind »Deutschgläubige« und »Gottgläubige«, die ersten aus dem völkischen Umfeld, die letzteren fanatische Nationalsozialisten (die SS als neue Kirche). Der Begriff ‚gottgläubig‘ kam aus der völkischen Bewegung, die Gläubigen wehrten sich damit gegen den Vorwurf des Atheismus.

Auch in der NSDAP gab es eine religiöse Fraktionierung. Die braunen Liturgien und Kulte hatten eine religiöse Dimension. Die NSDAP war keine atheistische Partei (Glaube an Volk, Rasse, Führer, Volkstum). 1920 bekannte sie sich im Parteiprogramm zum »positiven Christentum«, radikalisierte sich aber im Laufe der Jahre. 1937 schränkte sie mit der »Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens« die großen Konfessionen ein. Zunehmend dominierten die weltanschaulichen Rigoristen (Himmler, Heydrich, Bormann, Rosenberg). Im Protestantismus bestimmten die Deutschen Christen und die Bekennende Kirche das Bild; beide kämpften um Identität und Legitimität.

Seit 1933 wurde der Antisemitismus zur Staatsraison, unterstützt von Millionen Deutschen, die zu Zweidrittel den christlichen Kirchen angehörten. Die These von Saul Friedländer vom »Erlösungsantisemitismus« verweist auf die religiösen Gehalte des NS-Antisemitismus.; dieser wurde zum Teil auch theologisch untermauert, z.B. von dem Tübinger Hochschullehrer Gerhard Kittel.

Im Krieg ordneten sich Protestanten und Katholiken in die NS-Kriegsgesellschaft ein. Christlicher Widerstand waren Ausnahmeerscheinungen und beschränkte sich auf Einzelpersonen. Es gab auch kriegsbegeisterte Predigten und Artikel in der protestantischen Fraktion. Widerständig waren u.a. Dietrich Bonhoeffer und Helmut Hesse bei den Protestanten und bei den Katholiken Clems August Graf von Galen und Bernhard Lichtenberg. Die Kirchenaustritte flachten gegen Kriegsende ab.

Im Blick auf das zwanzigste Jahrhundert war die NS-Zeit nicht eine Epoche beschleunigter Säkularisierung. Vielmehr spielten Glaube, Bekenntnis, Konfession und Religion eine große Rolle und waren heftig diskutierte Themen, allerdings nicht im Sinne einer Rechristianisierung. Die Idee eines »christlichen Nationalsozialismus« war eine Illusion, doch erwies sich das NS-Projekt als ein heftiger Konkurrent im Wettbewerb um die Seelen der Deutschen.

Zwei »Gläubigkeitsdebatten«, viele Parallelen: Kontroversen zur Säkularisierung und NS-Gläubigkeit. (Mark Edward Ruff)

Streit über Orthodoxie, Heterodoxie und Häresie gab es seit Beginn des Christentums. In den 1930er Jahren wurde er zum integralen Bestandteil der »Kirchenkämpfe«. Es gibt nach wie vor Fragen: Wie steht es mit der Rechtgläubigkeit der Nationalsozialisten? Lassen sich religiöse Beteuerungen für bare Münze nehmen, wenn NSDAP-Mitglieder am kirchlichen Leben nicht mehr teilnehmen? Wenn die Deutschen Christen sich vom Alten Testament abwandten, waren sie dann noch Christen? Das Nebeneinander von christlicher Religion und NS-Weltanschauung wird als »hybride Gläubigkeit« bezeichnet. Offensichtlich gelingt es vielen Menschen, widersprüchliche Ideen zusammenzuhalten.

Ruff weist auf die bereits im 19. Jahrhundert nachlassende Kirchenbindung hin (Leerräume für neue religiöse Vorstellungen, denn Modernisierung geht nicht notwendig mit einem Rückgang der Religion einher). Wie unterscheidet sich säkular und religiös? Es gab eine Vielfalt neuer Fundamentalismen: asiatische Medizin, Astrologie, Esoterik usw., basierend auf individueller spiritueller Erfahrung. Die Zeit zwischen 1920 und 1930 war eine von Umbrüchen und Erneuerungsbewegungen. Waren ‚Gottgläubige‘ noch Christen? Jesus konnte auch als ‚tragisch-nordische Gestalt‘ interpretiert werden. Kann man dem Christentum eine Teil der Verbrechen der Nazis zurechnen oder nicht? Wie diffus war die deutsch-germanische Weltanschauung (oder nur Feigenblätter für nationalistische Überzeugungen?).

Ruff kommt auf Donald Trump und die amerikanischen Evangelikalen zu sprechen. Er wurde unterstützt, obgleich mit Skepsis. Wegen seines Reichtums galt er allerdings bei einigem als ‚von Gott auserwählt‘. Seinen Erfolg verdankte er aber seinem Gespür für Ressentiments und Feindbilder, für Ängste und Frustrationen. Der Gegner war die liberale säkulare Elite (nicht für das Land repräsentativ). Doch auch in den konservativen Denomination gibt es Mitliederverluste; die Katholische Kirche konnte das durch Zuwanderer aus Lateinamerika ausgleichen. Der Glaubensverlust betrifft vor allem junge Leute (gegen Konservatismus und Intoleranz). Christen haben aufgrund der Säkularisierung Ängste, bald zu einer der meist verfolgten Glaubensgruppen zu werden.

Auch im obersten amerikanischen Gericht vertreten Richter – trotz Trennung von Staat und Kirche – konfessionelle Positionen. Die Kirchen in USA genießen Privilegien (Steuerfreiheit solange sie unpolitisch sind), andererseits sollen auch Bekenntnisschulen finanziell unterstützt werden. Trump als ‚religiöser Quasi-Analphabet‘ ist für sie nicht der Messias, eher der König Kyros, der den Israeliten die Rückkehr in das Heilige Land ermöglichte. Ruff interpretiert die Unterstützung von Trump durch einen Wunsch, die Uhr zurückzudrehen und die Säkularisierung aufzuhalten, Bestrebungen, die man auch bei Nationalsozialisten fand, unterstützt durch eine christliche Kampagne gegen ‚Gottlosigkeit‘. Die Versprechungen von Hitler, die Rechte der Kirchen und die Bekenntnisschulen aufrecht zu erhalten und gemeinsame Sache gegen Modernisierung und Säkularisierung machen und eine Anfälligkeit für autoritäre Herrschaftssysteme machten es der NSDAP leicht, in das katholische Milieu einzudringen. Konnten amerikanische Evangelikale sich auch nicht vom biblischen Autoritätsprinzip verabschieden? Es ist offen, ob vornehmlich die die soziale – und Wirtschaftslage oder kulturelle und religiöse Ängste die Anfälligkeit für autoritäre Bewegungen bestimmen. Und welchen Einfluss haben Medien wie Fox und – Twitter? Aber auch bei Männern und Frauen mit seltenem Kirchgang ist ein höheres Ausmaß an Homophobie und ein kleineres an Fremdenfeindlichkeit zu beobachten. Warum gelingt die Integration dunkelhäutiger Emigranten in religiösen Gemeinschaften nicht? Weitere Untersuchungen zu exkludierenden Feindseligkeiten sind notwendig. Lebendige Kontakte verringern sie, deshalb ist die Ablehnung am größten in Gebieten mit den wenigsten Fremden. Es gibt eine friedliche und unfriedliche Koexistenz zwischen säkular und religiös. Denn es sind nicht nur die religiösen Akteure, die Grenzen ziehen, sondern auch die politischen Akteure.

Doppelgläubigkeit, hybride Gläubigkeit, multiple Gläubigkeiten? Glauben in der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft – ein Kommentar (Isabel Heinemann)

Die Beiträge in diesem Band gehen auf eine Tagung in Münster 2018 »Was glaubten die Deutschen?« zurück. Der Dualismus von »Kreuz und Hakenkreuz« sollte dekonstruiert werden und nach dem Wechselspiel von religiösen und politischen Identitäten gefragt werden oder nach der Verschränkung von Christentum und NS-Verheißungen auf der Grundlage des Begriffs der ‚Gläubigkeit‘. Einige Beiträge gehen von ‚hybrider Gläubigkeit‘ aus (Raasch, Arning, Picker, Ruff), andere sprechen von ‚Doppelgläubigkeit‘ (Thieme, Große Kracht, Picker, Gailus) oder gar ‚multiplen Gläubigkeiten‘ (Ackermann, Nolzen).

Heinemann versucht ‚Deutungsachsen‘ herauszufiltern: In Bezug auf Konfession widmen sich mehr Beiträge dem Katholizismus als dem Protestantismus, obgleich die Protestanten zwei Drittel der Bevölkerung ausmachten. Die 19 Beiträge betr. Katholiken enthalten Einzelbiographien und lokale oder regionale Ereignisse und Praktiken, einschließlich der Leitmedien, und einen Überblick über den Katholizismus im zweiten Weltkrieg. Fünf Beiträge beschäftigen sich mit protestantischen Glaubenspraktiken (lokal und regional). Die katholische Interpretation als ’Siegerin in Trümmern‘ nach 1945 wird kritisch untersucht. Die Biographien von Stauffenberg (Kriegsdienst und später Widerstand), Piechler (Kirchenmusik als ‚deutsche Kunst‘) und Seidl (katholische Liturgie in germanische Gralsfeiern) zeigen, wie sehr ihr Glaube Motor ihres Handelns war. Die Berichte über Eichstätt und ‚Unser Kirchenblatt‘ zeigen die bereitwillige Einordnung in den Nationalsozialismus und Hybrididentitäten 1933/34. Aus der Praxis wird berichtet über katholische Großveranstaltungen (Große Kracht), Handlungsräume slowakischer Klerikalfaschisten (Szabó) und katholische Glaubenspraktiken im Krieg (Brodie). Identität von Katholizismus und Deutschem Volk wurde nicht nur beschworen, sondern auch inszeniert (vom ‚Gottesvolk‘ zur ‚Volksgemeinschaft‘). Die Rede vom ‚grundsätzlichen Widerstand‘ (über 1945 hinaus) wird dekonstruiert. Hybride Gläubigkeit war alltagspraktisch möglich, das zeigen auch die Beiträge zu protestantischen Glaubensgemeinschaften (Thamer, Picker, Auffahrt).

Rassismus gehörte zum Kernbestand von Gläubigkeit im Nationalsozialismus, was Christen meist mühelos integrieren konnten (Antisemitismus, Nationalismus); Christen beteiligten sich an ‚Ariernachweisen‘. Inhaltlich gab es Anknüpfungspunkte zwischen der deutsch-völkischen Bewegung und den Deutschen Christen und SS-nahe ‚Gottgläubige‘ (Thamer). Fast alle Beiträge zeigen den alltäglichen Rassismus.

Weder Katholiken noch Protestanten hatten ein Problem mit der gegen Juden oder ‚Bolschewisten‘ gerichteten Gewalt, teils galt sie als Kriegskonsequenz, teils als Re-Christianisierung. Der Krieg wurde legitimiert (Brodie, Raasch, Gailus). Gänzlich fehlte eine Auseinandersetzung mit der Vernichtungspolitik gegen die Juden und in den besetzten Gebieten. Der Krieg konnte religiöse Erneuerung oder Abwendung von der Kirche auslösen. Studien zur Gläubigkeit in den besetzten Gebieten stehen noch aus.

Die Religiosität der Frauen spielte eine Rolle an der ‚Heimatfront‘. Das Verhältnis Geschlecht und Gläubigkeit wird in vier Beiträgen behandelt (Arning, Nolzen, Thieme, Schröder). Forschungsbedarf besteht was die Rolle völkisch-nationalistischer Frauen anbetrifft. Im BDM die Verbindung von ‚Glaube und Reinheit‘ (Körperlichkeit) (Nolzen). Frauen gestalteten auch nationalsozialistische Weihnachtsfeiern und ’feminisierten‘ sie (Thieme); es bestand eine reproduktive Verpflichtung. Die Konventualinnen zeigten eine hohe NSDAP-Mitgliedschaft, bekannten sich teilweise zu Krieg und Antibolschewismus und traten, obgleich im ‚Kloster‘, aus der Kirche aus.

Geschlechterpolaritäten und Geschlechterrollen waren anschlussfähig unter Betonung von Fruchtbarkeit, Mütterlichkeit und Schönheit und einer restriktiven Sexualmoral.

Religiös bediente sich das Regime einer sakralen Symbolik und Rituale. Einige Beispiele zeigen den Primat von Politik (Nolzen, Arning), andere zeigen wie die Politik kultische Inszenierungen für ihre Zwecke nutzte, aber auch viele Gläubige ihr 1934/35 entgegen arbeiteten. Im Krieg kann es zu einer Hinwendung zu den Kirchen, da angesichts Schrecken des Krieges, die Nazis ‚an jenseitigen Werten nicht allzu viel zu bieten‘ hatten (Goebbels).

Ruff zeigt, wie aktuell in USA Evangelikale aus Ängsten vor Säkularismus und Liberalismus Trump wählten und auf eine Aufhebung der Trennung von Kirche und Staat setzten (Ruff). Religiöse Eigenständigkeit und Bekenntnisschulen hatten anfänglich eine Begeisterung für den Nationalsozialismus ausgelöst (Konkordat 1933). Autoritarismus und Antimodernismus sind immer noch eine beklemmende Realität. Übereinstimmend wird von den Autoren der Nationalsozialismus als ‚politische Religion‘ abgelehnt und ebenso die These vom ‚Kirchenkampf‘.

Weitere Fragen sind, was Menschen angesichts der Besatzungs- und Vernichtungspolitik in den besetzten Gebieten glaubten. Wie verband sich auch in Frankreich Gläubigkeit mit Patriotismus und Kollaborationsbereitschaft? Was glaubten die Volksdeutschen? Auch die Fixierung auf die Zeit 1933–1945 sollte aufgelöst werden zugunsten der Bedeutung des ersten Weltkrieges und der vermeintlich säkularen zwanziger Jahre. Auch ist die Familie als Vermittler von Glaubenslehren und -praktiken noch zu wenig erforscht (Agency von Frauen). Es geht es um das Zusammenspiel von Wort, Bekenntnis, Musik, Gesang, Ritual in unterschiedlichen Gebieten (Steber), insbesondere bei Großereignissen und unter Berücksichtigung der beteiligten Emotionen.

Der Zusammenhang von Krieg und Glauben müsste weiter erforscht werden, denn der Glaube hatte auch im ersten Weltkrieg versagt, und Krieg bedeutet immer auch eine Einstimmung der Bevölkerung auf Gewalt. Wurde diese erklärt, oder gar bejaht? Was sagen die Feldpostbriefe in dieser Hinsicht über die Soldaten? Das Verhältnis von Rassismus, Antisemitismus und Christentum, auch heute noch virulent, muss weiter untersucht werden und inwieweit ein religiöser Antisemitismus ein perfekte Anschlussmöglichkeit für die Nazis bot, da mit Saul Friedländers These vom ‚Erlösungsantisemitismus‘ die religiösen Konnotationen angesprochen worden sind.

Auch was Glaube und Gläubigkeit für die Integration der Volksgemeinschaft bedeutete, wie sie konkretisiert und legitimiert wurde, auch über 1945 hinaus als sakralisierte ‚Opfergemeinschaft‘ (Entbehrungen, Verluste von Angehörigen, Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung).

Auch der Bezug auf verschiedene Altersgruppen – nicht nur die Jugend (!) – verweist auf generationsspezifische Gläubigkeiten. Eine transnationale Perspektive, wie Zivilgesellschaften durch Religion mobilisiert und integriert werden durch Anknüpfung an Ängste und Emotionen, ist notwendig, da die unterschiedlichen Konzepte von Religion und Gläubigkeit in Bezug auf ihre Reichweite und ihren Aussagewert vergleichend (geschlechtsspezifisch, altersabhängig, transnational) noch nicht untersucht sind.

Diskussion

Eine kritische Zusammenfassung hat Isabel Heinemann bereits gegeben, die ich deshalb nicht zu wiederholen brauche. Das Buch wendet sich ganz explizit in vielen Beiträgen gegen das Vorurteil von einem weitgehenden konfessionellen Widerstand gegen die NS-Ideologie und zeigt viele Beispiele einer Kollaboration gerade deshalb, weil in einer ‚hybriden‘ Gläubigkeit offensichtliche Widersprüche, die eigentlich zu Konflikten hätten führen müssen, unbearbeitet geblieben sind. Das wirft Fragen auf, inwieweit ‚Gläubigkeit‘ nicht grundsätzlich mit einem Leben in unterschiedlichen Welten zu tun hat, in der Gegenwart und gleichzeitig zukunftsgerichtet, (so wie wir alle ganz selbstverständlich auch in unserem Alltag leben). Aber dieser zukunftsgerichtete Glaube kann auch bestätigt oder enttäuscht werden, soweit er säkular und nicht metaphysisch ist. Ein Glaube kann sich auch als Illusion erweisen und gegen Desillusionierung kann sich auch innerlich etwas wehren, wenn es sich beim ‚Glauben‘ um leidenschaftliche Wunschvorstellungen handelt.

Dieses Buch regt sehr zum Nachdenken anregt: Was glaubten die Deutschen wirklich in der NS-Zeit? Was unterschied die Gläubigen von den Ungläubigen? Darüber nachzudenken wird durch eine Fülle von Beispielen aus Alltagsbeobachtungen angeregt, die wieder neue Fragen aufwerfen, die noch weiter untersucht werden müssen.

Für den Unterrichts- oder Diskussionsgebrauch lassen sich gerade die empirischen Untersuchungsergebnisse gut verwenden, insbesondere da ‚hybride‘ Gläubigkeiten in einer Epoche der ‚fake news‘ auch heute noch zu beobachten sind und die Gefahr, dass diese nicht nur geglaubt sondern auch in konkretes Handeln umgesetzt werden, keineswegs gebannt ist.

Eine Fortsetzung der Forschungen ist wichtig, wobei auch die andere Seite, Menschen wie Bonhoeffer und von Galen, berücksichtig werden sollte: Was hat diese vor einer Gläubigkeit an die NS-Ideologie geschützt: Familientradition? Echte Überzeugungen? Ein kritischer, unbestechlicher Blick (keine Anfälligkeit für falsche Versprechungen und Schmeicheleien)?

Fazit

Ein sehr lesenswertes und zum Nachdenken über Gläubigkeit, Nationalsozialismus und Nationalismen anregendes Buch.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 18.11.2020 zu: Olaf Blaschke, Thomas Großbölting (Hrsg.): Was glaubten die Deutschen zwischen 1933 und 1945? Religion und Politik im Nationalsozialismus. Campus Verlag (Frankfurt) 2020. ISBN 978-3-593-51077-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27584.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


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ISSN 2190-9245

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