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Anton Došen: Psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung

Cover Anton Došen: Psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung. Ein integrativer Ansatz für Kinder und Erwachsene. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2018. 2., überarbeitete Auflage. 515 Seiten. ISBN 978-3-8017-2828-1. 49,95 EUR, CH: 65,00 sFr.
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Thema und Zielsetzung

Ziel des Autors ist es, dem Leser eine multidisziplinäre und integrative Perspektive von Verhaltensauffälligkeiten näher zu bringen und ihn von seinem integrativen Ansatz zu überzeugen. Dabei stellt die psychiatrische Diagnostik nur die Basis dar, um dann zu einem Blick über den Tellerrand der psychiatrischen Disziplin zu gelangen.

Im Jahre 1990 erschien das Buch erstmals auf niederländischer Sprache, um „die Aufmerksamkeit der in der Versorgung von Menschen mit einer intellektuellen Beeinträchtigung Tätigen auf das Problem seelischen Gesundheit dieser Bevölkerungsgruppe zu lenken“, so der Autor. Im Verlauf wurde das Buch sehr gut angenommen und somit auch ins Deutsche übersetzt. Seither hat sich das Buch immer weiter entwickelt und richtet sich mittlerweile an weitere (Fach-) Kreise. Dabei bemüht sich der Autor, den integrativen Ansatz zu stärken und Leser davon zu überzeugen.

Autor

Prof. Dr. Anton Došen ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und zudem Facharzt für Erwachsenenpsychiatrie sowie emeritierter Professor der Universität von Nijmegen. Zudem war er Direktor und Chefarzt des Zentrums für Behandlung psychischer Störungen und Verhaltensprobleme bei Menschen mit geistiger Behinderung in Oostrum. 1992 gründete er die „European Association für Mental Health in Mental Retardation“ (heute: European Association in Mental Health in Intellectual Disability, MHID).

Der Arbeitsschwerpunkt des Autors ist kaum disziplinär zu verorten, sondern liegt in einem multidisziplinären und integrativen Konzept von Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit (geistigen) Behinderungen. Dosen hat auf seinem Themenfeld unzählige wissenschaftliche Aufsätze veröffentlicht.

Die Herausgeber der deutschen Ausgabe sind Prof. Dr. med. Dipl.-Soz. Klaus Hennicke und Prof. Dr. sc. med. Michael Seidel. Hennicke war nach eine Karriere als Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie Professor für Soziale Medizin an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe (Bochum) und später Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für seelische Gesundheit bei Menschen mit geistiger Behinderung (DGSGB). Seidel war nach einer Karriere als Neurologe und Psychiater ärztl. Direktor des Stiftungsbereichs Bethel und Präsident der EAMHID, der auch Dosen vorstand.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist zunächst in sechs große Teile unterteilt. Diese sind „Allgemeine Aspekte“, „Praxis der Diagnostik und Behandlung“, „Psychische Störungen und Dysfunktionen bestimmter Regionen des Zentralnervensystems“, „Psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten auf unterschiedlichem Entwicklungsniveau“, „Spezielle Störungen und Symptome“ sowie „Seelische Gesundheit bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung“.

Nach mehreren Geleit- und Vorworten des Autors sowie der Herausgeber zu den vergangenen niederländischen und deutschen Ausgaben folgt schließlich die Einleitung mit der Frage „Warum dieses Buch?“

Hier wird die Schwierigkeit in der Verständigung von Psychiatern und anderen mit dieser Berufsgruppe zusammen arbeitenden Personen im professionellen Kontext bereits offen angesprochen und dementsprechend auch die Schwierigkeit die Inhalte des Buches in die gängigen Diagnosemanuale ICD und DSM einzuordnen. Schließlich wird der integrative Ansatz verdeutlicht und ausführlich dargestellt. Sodann folgt eine kurze Darstellung des zu erwartenden Inhaltes des Buches.

Der erste Teil über „Allgemeine Aspekte“ stellt eine Übersicht über die häufigsten bzw. wichtigsten psychischen Störungen und Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit Intelligenzminderung dar. Hier werden die entsprechenden Eckdaten mit Prävalenzraten, Einordnung in ICD und DSM, Ätiologie und Behandlungs(optionen) dargestellt, ohne dass spezifische Erkrankungen/Störungen hier tiefer gehend dargestellt werden. Es folgt sodann ein Kapitel, das zentrale Begriffe erklärt; darunter fällt zu aller erst – wie zu erwarten war – der Begriff der intellektuellen Beeinträchtigung, wobei hier dem ICD bzw. DSM und somit der klassischen ärztlichen bzw. psychiatrischen Perspektive ausführlich Rechnung getragen wird. Direkt im Anschluss wird die psychiatrische Perspektive der heilpädagogischen Perspektive gegenüber gestellt. Dabei wird mit dem Entwicklungskonzept begonnen und hier ausführlich und tief gehend beschrieben, wie es zu best. Störungen kommt, bevor ein integrativer Ansatz dargestellt wird, der Psychiatrie und Heilpädagogik ineinander integriert, so gut es möglich ist. Schließlich wird die heilpädagogische Perspektive übernommen und genauer dargestellt. Ähnlich wie im Kapitel über die Einordnung von Intelligenzminderungen und Verhaltensstörungen in die „Welt der Psychiatrie“ werden die Störungen nun vor dem Hintergrund der Heilpädagogik betrachtet und genau aufgearbeitet.

Das vierte Kapitel „Ein multidimensionales Modell der emotionalen und Persönlichkeitsentwicklung und seine Bedeutung für die Diagnostik“ beginnt mit Ausführungen über die Modelle der Persönlichkeitsentwicklung. Hier wird der biologische Kontext genauso dargestellt wie entwicklungsdynamische Modelle. Auch Sozialisationstheorien bzw. -ansätze werden genau wie tiefenpsychologisch gefärbte Modelle nicht außer Acht gelassen. Das Buch macht seinem Anspruch, „integrativ“ zu sein hier „alle Ehre“. Schließlich widmet sich das folgende und als zentrale anzusehende Unterkapitel der psychosozialen Ebene. Im Anschluss daran stellt der Autor „Basale Bedürfnisse und Motivationen“ dar und arbeitet diese ebenfalls vor einem multiperspektivischen Hintergrund auf bzw. aus. Am Ende des ersten Teiles kommt Prof. Dosen schließlich auf die „Persönlichkeitsmerkmale auf verschiedenem Entwicklungsniveau“ zu sprechen und schließt den ersten Teil damit ab.

Der zweite Teil untergliedert sich in Kapitel über die „Praxis der Diagnostik“, die „Integrative Diagnostik“, und Möglichkeiten der „Behandlung“ vor unterschiedlichen Hintergründen.

Das erste Kapitel über die „Praxis der Diagnostik“ beginnt mit der Anamnese, lässt aber abgesehen vom (Anamnese-) Gespräch keinesfalls andere Aspekte außer Acht, sondern widmet sich genauso den Beobachtungen des Verhaltens, der körperlichen Untersuchung und weiteren allgemeinmedizinischen Aspekten. Direkt im Anschluss wird die psychologisch und heilpädagogisch geprägte diagnostische Perspektive dargestellt und ausgeführt sowie die psychiatrische. Auch die schulische und berufliche Leistungsdiagnostik wird gestreift/​betrachtet.

Im anschließenden Kapitel über die „Integrative Diagnostik“ werden relativ kurz weitere Aspekte behandelt. Hier werden die o.g. und einzeln abgehandelten Aspekte unter integrativer Perspektive wieder aufgenommen.

Hierauf folgt – logischerweise – die „Behandlung“. In diesem Kapitel wird zunächst die Gesamtstrategie der Behandlung dargestellt. In der Folge werden konsequent unterschiedliche Behandlungsmethoden thematisiert. Der „Heilpädagogische[n] Behandlung“ wird ein gesondertes Unterkapitel gewidmet und ihr somit ein recht hohes bzw. höheres Gewicht beigemessen.

Schließlich folgt der dritte Teil des Buches „Psychische Störungen und Dysfunktionen bestimmter Regionen des Zentralnervensystems“. Hier wird nach einer Einleitung zunächst die funktionelle Neuroanatomie beschrieben. Dies beginnt bei der zuordnenden Beschreibung best. zentraler Areale des Gehirns und setzt sich fort mit der ebenso zuzuordnenden Beschreibung der Verarbeitungsareale von Sinnesreizen, bevor sich der Autor einzelnen Störungen wie z.B. der Schlafstörung sowie Sprech- und Sprachstörungen widmet. Schließlich thematisiert er aber auch das fetale Alkoholsyndrom und kommt zu einem ausführlichen Kapitel über „Regulationsstörungen“ mit der eingehenden Thematisierung von Verhaltensstörungen und Tourette, bevor er sich der Gruppe der Epilepsien zuwendet. Auch Autismusspektrumstörungen und andere tiefgreifende Entwicklungsstörungen werden sodann thematisiert.

Schließlich folgt Teil IV des Buches (Psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten auf unterschiedlichem Entwicklungsniveau). Hier wird zunächst eine Differenzierung/​Gradeinteilung der Intelligenzminderungen vorgenommen, um im Anschluss diverse Verhaltensaberrationen zu thematisieren. Für jeden (Schwere-) Grad der Minderung des Intelligenzniveaus werden nun die einzelnen Verhaltensaspekte separat dargestellt und betrachtet. Dabei findet der Begriff der Delinquenz genauso Berücksichtigung wie der der ADHS.

Teil V des Buches stellt nun „Spezielle Störungen und Syndrome“ dar und widmet sich somit einzelnen Facetten bei Personen mit Intelligenzminderungen. Der Autor beginnt mit Ausführungen über Störungen der Entwicklung des Selbst und nimmt hier Anleihen in/aus der Freud´schen Psychoanalyse. Aber auch „modernere“ Zugänge wie die „Theory of Mind“ finden Berücksichtigung. Wie zu erwarten, geht der Autor auch ausführlich auf aggressive Verhaltensweisen bzw. Störungen der Impulskontrolle ein. Natürlich aber fehlen aber auch die „klassischen“ psychiatrischen Erkrankungen des ICD, wie affektive Störungen und Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis, Angststörungen, ADHS und Persönlichkeitsstörungen genau wie „genetische Syndrome“, nicht.

Schließlich schließt der Prof. Dosen sein äußerst umfangreiches und allseitiges, nahezu holistisches Werk mit dem sechsten Teil über „Seelische Gesundheit bei Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen“ und lehnt sich nunmehr der Salutogenese und somit dem ICF an, nachdem er zuvor die klassisch pathogenetische Perspektive eingenommen hatte. Hier beginnt der die Betrachtung mit Versorgungsaspekten und bestärkt hier die Notwendigkeit bestimmter versorgerischer Aspekte wie z.B. die Versorgung/​Arbeit im multiprofessionellen Team und die Professionalisierung der Versorgenden. Schließlich geht er explizit auf die „modernen“ Aspekte von Gesundheitsförderung und Prävention ein und schließt seine umfassende Betrachtung des Themas damit ab.

Zielgruppe

Die Zielgruppe ist recht breit angelegt. Sie umfasst einen Personenkreis, der sich fachlich mit Menschen mit geistigen Behinderungen beschäftigt. Die Zielgruppe reicht dabei von Sozialarbeitern entsprechender Einrichtungen über Psychiater bis hin zu Kinder- und Jugendpsychotherapeuten. Einen enormen Mehrwert hat das Buch sicherlich für sie alle.

Fazit

Das Buch stellt ein äußerst umfassendes Werk über psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten bei bzw. von Menschen mit Intelligenzminderungen dar und ist äußerst facettenreich gestaltet. Man kann dem Autoren keinesfalls den Vorwurf machen, er habe wichtige Aspekte übersehen, da er sich bis in die „Feinheiten“ von Ätiologie, Diagnostik und Behandlung vorarbeitet.

Dabei macht das Buch seinem Vorhaben „alle Ehre“, nämlich eine integrative Perspektive zu entwickeln und zu etablieren. Dieses Vorhaben zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Opus. Dabei geht der Autor hinsichtlich der Ätiologie, Pathogenese, der Diagnostik und auch hinsichtlich der Therapie konsequent „integrativ“ vor und lässt keine Perspektive außer Acht.


Rezension von
Prof. Dr. med. et Dr. disc. pol. Andreas G. Franke
M.A. Professur für Medizin in Sozialer Arbeit, Bildung und Erziehung. Hochschule der Bundesagentur für Arbeit Mannheim
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Zitiervorschlag
Andreas G. Franke. Rezension vom 21.12.2020 zu: Anton Došen: Psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung. Ein integrativer Ansatz für Kinder und Erwachsene. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2018. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-8017-2828-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27585.php, Datum des Zugriffs 21.04.2021.


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