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Tanja Betz, Stefanie Bischoff-Pabst u.a.: Leitbilder »guter« Kindheit und ungleiches Kinderleben

Cover Tanja Betz, Stefanie Bischoff-Pabst, Frederick de Moll: Leitbilder »guter« Kindheit und ungleiches Kinderleben. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 292 Seiten. ISBN 978-3-7799-2558-3. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.

Reihe: Kindheitspädagogische Beiträge.
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Thema

Die Frage nach ‚guter‘ Kindheit ist zentraler Diskussionsgegenstand, nicht nur in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Kindern und Kindheit, sondern auch in der Politik und Fachpraxis. In dem Buch werden die zentralen Konzepte normative Leitbilder ‚guter‘ Kindheit, milieuspezifische Bildungs- und Erziehungsvorstellungen multiperspektivisch und multimethodisch in Bezug auf Kindheits- und Ungleichheitstheorien verhandelt und zueinander in Beziehung gesetzt.

Die Beiträge des Sammelbands sind aus der EDUCARE-Studie entstanden, die von 2010 bis 2016 an der Goethe-Universität Frankfurt durchgeführt wurde.

Autorinnen und Autor

Die Studie wurde von Prof. Dr. Tanja Betz geleitet, Dr. Stefanie Bischoff-Pabst und Dr. Frederick de Moll waren wissenschaftliche Mitarbeiter*innen.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband ist in vier Teile mit 13 Einzelbeiträgen gegliedert. In Teil I wird der Aufbau der EDUCARE-Studie, die theoretische Verortung und das methodische Vergehen dargelegt. Darauf aufbauend werden in Teil II bis IV die Ergebnisse der quantitativen und qualitativen Teilstudien, unterteilt nach den Akteur*Innengruppen Eltern, Kinder und pädagogische Fach- und Lehrkräfte beschrieben:

Teil I: Die EDUCARE-Studie: Theoretische Grundlagen und Methoden

Im ersten Teil beschreiben die drei HerausgeberInnen differenziert die gesellschaftliche und (fach-)politische Relevanz des Forschungsgegenstandes (Beitrag 1), das Forschungsdesign, sowie die theoretischen (Beitrag 2) und methodischen Bezugspunkte der EDUCARE-Studie (Beitrag 3), die die Grundlage des Sammelbands darstellt.

Teil II: Eltern im Fokus

  • „Milieuspezifische Bildungs- und Betreuungsarrangements und elterliche Sollensvorstellungen in der frühen Kindheit“ (de Moll): Der Beitrag bietet Einblicke in die Ausgestaltung elterlicher Leitbilder guter Kindheit nach Milieuzugehörigkeit im Hinblick auf Bildungs- und Betreuungsarrangements ihrer Kinder. Dabei entsprechend die „in gehobenen Milieus praktizierten Bildungs- und Betreuungsarrangements eher dem aktuellen Leitbild guter Elternschaft […] als die Arrangements, die in den unteren Milieus bevorzugt werden“ (S. 112). Gleichzeitig erweisen sich die elterlichen Vorstellungen als wenig handlungsrelevant.
  • „Soziales Milieu und familiale Bildungspraxis in der Grundschulzeit“ (de Moll): Anhand der quantitativen Teilstudie der EDUCARE-Studie entwickelt der Autor, anschließend an Lareau (2011), vier differenzielle Bildungspraxen von Familien mit Kindern im Grundschulalter: (1) bildungsstrategisch-kindorientiert, (2) hochgeschäftig-bildungseifrig, (3) medial-peerkulturell, (4) kommunikationsbezogen und prüft diese hinsichtlich ihrer Milieuabhängigkeit. Dabei zeigt sich, dass „in der bildungsbürgerlichen Elite die bildungsstrategisch kindorientierte Praxis häufiger […] während im unterprivilegierten Milieu die hochgeschäftig-bildungseifrige Praxis überzufällig häufig vorkommt“ (S. 130).
  • Wir hören ja gerne die Meinung von der Erzieherin, aber im Endeffekt is es ja nich ihre Entscheidung‘ Elterliche Habitustypen und ihr Verhältnis zu den Kindertageseinrichtungen ihrer Kinder“ (Eunicke): Auf Grundlage der EDUCARE-Interviewstudie diskutiert Eunicke elterliche Habitustypen im Zusammenhang mit Bildungs- und Erziehungspartnerschaften der Kindertageseinrichtungen ihrer Kinder. Die Verhältnisse zwischen Eltern und Kindertageseinrichtung stellt sich als asymmetrisch und heterogen dar und widersprechen somit der (politisch) geforderten Partnerschaft auf „Augenhöhe“ (S. 150)
  • „Perspektiven von Eltern auf Bildung und Erziehung. Zur symbolischen Macht von Leitbildern ‚guter‘ Elternschaft“ (Betz, Bischoff-Pabst): Mittels einer Triangulation von Interviewdaten der EDUCARE-Studie und der EMiL-Studie arbeiten die Autorinnen heraus ob und wie sich von Eltern von Kindern im Vor- und Grundschulalter in Bezug auf vorherrschende Leitbilder guter Elternschaft positionieren und schließen dabei an ungleichheitstheoretische Konzepte (symbolische Gewalt sowie Habitus) an. Es wird deutlich dass „viele Aspekte des Leitbilds guter Elternschaft […] im expliziten – und impliziten Wissen der Befragten relevante Bezugspunkte dafür [bilden, D.H.], wie sie ihr eigenes Elternsein […] verhandeln“ (S. 171). Die potentielle Nichterfüllung des vorherrschenden Leitbildes wird dabei überwiegend von Eltern mit geringeren Ressourcen verhandelt, während Eltern mit vergleichsweise hohem Kapital eher eine Distanz zu dem Leitbild einnehmen.

Teil III: Kinder im Fokus

  • „Kulturelles Kapital und Schulerfolg – Die vermittelnde Rolle des Schülerhabitus“ (de Moll): Anhand des Konzeptes des Schülerhabitus diskutiert der Autor wie schulbezogene, nicht leistungsbezogene Dispositionen von Kindern den Zusammenhang des elterlichen Bildungsniveaus sowie dem Schulerfolg des Kindes vermittelt wird.
  • „Meritokratie und Kapital. Was Kinder über Ursachen sozialer Ungleichheit wissen“ (Betz, Kayser): Die Analyse qualitativer Interviews mit Grundschulkindern zeigt, dass Kinder über „dezidierte Vorstellungen über gesellschaftliche Zusammenhänge“ (S. 210) sowie einen Zusammenhang zwischen schulischer Bildung und einer späteren gesellschaftlichen Position herstellen, gleichsam einer „Inkorporierung des meritokratischen Ideals“ (S. 211). Es wird deutlich, dass Kinder ähnliche Erklärungsmuster hinsichtlich des Zusammenhangs sozialer Ungleichheit und Bildungserfolg anbringen, wie Erwachsene.
  • „Disziplin und Ordnung oder Autonomie und Hilfsbereitschaft? Zur sozialen Bedingtheit von Wertorientierungen von Kindern“ (Abendschön): Die Sekundäranalyse der EDUCARE-Kinderstichprobe hinsichtlich der Wertvorstellungen von Kindern im Grundschulalter zeigt auf, dass Geschlecht, Migrationshintergrund sowie das kulturelle und ökonomische Kapital Einfluss auf die Ausprägung der kindlichen Wertorientierung haben. So werden etwa klassische Geschlechterrollen reproduziert.

Teil IV: Pädagogische Fachkräfte und Lehrkräfte im Fokus

  1. „Professionalität in Kindertageseinrichtungen vor dem Hintergrund milieubedingter Habitusmuster“ (Bischoff-Pabst): Bischoff-Pabst rekonstruiert „heterogene Handlungs- und Denkmuster“ (S. 251) frühpädagogischer Fachkräfte, die sie auf unterschiedliche Habitusmuster zurückführt. Das milieuspezifische Denken und Handeln hat Einfluss darauf, „welche (pädagogischen) Probleme als dominant wahrgenommen werden“ (S. 250).
  2. „Die Bedeutung des schulischen Milieus für ungleichheitsrelevantes Handeln und Einstellungen von Grundschullehrkräften“ (de Moll): De Moll zeigt auf, dass das (ungleichheitsverstärkende) Handeln von Grundschullehrkräften über das soziale Umfeld der Schule, sowie wahrgenommener zentraler Problemstellungen der Schüler*innen erklärt werden kann. Gleichzeitig ist nicht davon auszugehen, „dass Lehrkräfte an Schulen mit benachteiligtem schulischen Milieu soziale Ungleichheiten mit unterprivilegierten Schüler/innen aktiv verstärken“ (S. 270).
  3. Da steht man ja vor Windmühlen, ne?‘ Perspektiven von Grundschullehrkräften auf Bildungsungleichheit“ (Menzel, Bischoff-Pabst): Auch Menzel und Bischoff-Pabst beschäftigen sich mit dem ungleichheitsrelevanten Handeln von Grundschullehrkräften. Die Analyse qualitativer Interview verdeutlicht, dass Lehrkräfte die Reproduktion sozialer Ungleichheit in den Familien verorten und das eigene Handeln als Möglichkeit verstehen soziale Ungleichheit abzubauen.

Diskussion

Der wissenschaftliche Mehrwert der Studie liegt zunächst in dem Einbezug der Komplexität der heutigen Kinderleben. Indem nicht nur die institutionelle Bildung (Kindertageseinrichtung & Grundschule), sondern auch Sollensvorstellungen über die Gestaltung darüberhinausgehender Bildungs- und Betreuungsarrangements zum Gegenstand gemacht werden, ermöglichen die Studienergebnisse einen differenzierten und komplexen Einblick sowohl in Familienleben als auch in milieuspezifische, akteursabhängige Leitbilder guter Kindheiten.

Weiterhin macht die Integration der Perspektiven der Hauptakteur*Innengruppen Eltern, Kinder und Fachkräfte Überschneidungen und Diskrepanzen in Bezug auf Leitbilder sowie die Prävention bzw. den Abbau sozialer Ungleichheiten sichtbar.

Dabei wird über die verschiedenen Teilstudien hinweg deutlich, dass milieuspezifische Wertorientierungen und Handlungsmuster über alle betrachteten Akteur*Innengruppen auftreten und somit sowohl familiäre als auch institutionelle Bildungs- und Betreuungsarrangements mitbestimmen. Dieses zentrale Ergebnis der EDUCARE Studie trägt zu einem informierten Verständnis der heterogenen Ansprüche an sowie Gestaltungsmuster der (früh-)pädagogischen Bildungs- und Betreuungslandschaft bei.

Fazit

Der vorliegende Sammelband bietet einen theoretisch und methodisch fundierten, vielfältigen Einblick in milieuspezifische Bildungs- und Erziehungsvorstellungen der drei Akteur*innengruppen Eltern, Kinder und pädagogische Fachkräfte und setzt diese in Bezug zu bestehenden Ungleichheitstheorien. Gleichzeitig wird ein umfassender Einblick in die multifunktionelle, vielschichtige Landschaft kindlicher Bildungs- und Betreuungsarrangements geboten und ins Verhältnis zu gesellschaftlichen Vorstellungen ‚guten‘ Kinderlebens gesetzt.


Rezension von
Diana Harring
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Zitiervorschlag
Diana Harring. Rezension vom 09.02.2021 zu: Tanja Betz, Stefanie Bischoff-Pabst, Frederick de Moll: Leitbilder »guter« Kindheit und ungleiches Kinderleben. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-2558-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27586.php, Datum des Zugriffs 07.03.2021.


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