socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ulrich Bosse: Armin - Ein Junge mit Autismus in der Schule

Cover Ulrich Bosse: Armin - Ein Junge mit Autismus in der Schule. ... von dem ich so viel gelernt habe. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2020. 200 Seiten. ISBN 978-3-7815-2401-9. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.

Reihe: IMPULS Laborschule - 11.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Ulrich Bosse beschreibt die inklusive Beschulung eines autistischen Jungen (Armin) in der Bielefelder Laborschule, die bereits seit 1974 den Anspruch hat, eine Schule für alle Kinder zu sein. Der Autor beschreibt einzelne Episoden mit Armin. Alle, die mit dem Jungen zu tun hatten und auch der Junge selber kommen dann auch zu Wort und schildern ihre Perspektive. Weitere empirische Daten und Einblicke in professionelle Sichtweisen auf Autismus, konkret auf Armin bezogen, sowie allgemeine Forderungen an das Schulsystem runden das Buch ab.

Der Autor möchte auf die teilweise extremen Herausforderungen an alle Beteiligten eingehen, auf die sie durch ihre jeweiligen Ausbildungen meist nicht adäquat vorbereitet sind. Aber auch die Erfolge und die erfüllenden Momente sollen beschrieben werden. Diese Umstände erfordern nach seiner Erfahrung ständiges eigenes Lernen, Austausch im Team und viel Sensibilität für die Bedürfnisse aller Kinder.

Autor

Ulrich Bosse (Jg. 1952) war 35 Jahre lang an der Bielefelder Laborschule als Lehrer tätig, davon 14 Jahre als Leiter der Primarstufe. Er hat während dieser Zeit an vielen wissenschaftlichen Untersuchungen und Evaluationen der Universität Bielefeld mitgewirkt. Davor war er in der außerschulischen Erwachsenen- und Jugendbildung tätig sowie in der Curriculumsentwicklung und der Lehrerausbildung, ebenfalls an der Universität Bielefeld.

Nach seiner Pensionierung im Jahr 2017 war er für weitere vier Jahre an der Universität Bielefeld für das Fach Sachkunde tätig.

Aufbau

  • Im Vorwort und in den ersten Kapiteln werden Armin, seine schulischen Vorerfahrungen und die Rahmenbedingungen in der Laborschule vorgestellt.
  • Im folgenden Kapitel werden 17 Episoden mit Armin beschrieben, problematische und erfreuliche.
  • Es folgen Beobachtungen und Gedanken von Prof. Dr. Susanne Thurn, die Armin einen Tag in der Schule besucht hat.
  • Die nächsten beiden Kapitel handeln von den Unterstützungssystemen für Armin (Lehrkräfte, Schulbegleitungen, Jugendamt und Psycholog*innen) und von Überlegungen, welche Schule für ihn die besten Entwicklungsmöglichkeiten bieten kann.
  • Dokumentationen der Sonderpädagogin und ein Lernbericht der Lehrkräfte folgen.
  • Anschließend kommen Aufzeichnungen über Gespräche mit Armins Therapeuten, mit Armin selber und mit seiner Mutter. Weitere Gespräche mit seinen Lehrkräften und Schulbegleitungen geben Einblicke aus dem Schulalltag. Diese Aufzeichnungen beziehen sich teilweise auf die vorher beschriebenen Episoden, verschiedene Perspektiven werden sichtbar.
  • Überlegungen zu allgemeinen Bedingungen für gelingende Inklusion, persönliche Gedanken des Autors über das, was er von Armin gelernt hat und Hinweise zu weiteren Büchern über Autismus schließen das Buch ab.

Inhalt

Ich greife zunächst zwei der 17 Episoden heraus:

  • „Der Versammlungsleiter“: Armin möchte plötzlich eine Versammlung leiten, bei der er früher höchstens ganz am Rande teilgenommen hat. Der Autor beschreibt seine eigenen, widersprüchlichen Gedanken in dieser für ihn unvorhergesehenen Situation, die zustimmenden Reaktionen der Kinder und den schließlich gelungenen Verlauf dieser „Versammlung“.
  • Eines der drei Beispiele für einen „heftigen Konflikt“ aus der Perspektive einer Schulbegleitung: Im Werkunterricht gerät Armin mit einer Mitschülerin in Konflikt, nachdem die Schulbegleitung sich dieser Mitschülerin zugewendet hatte und er einen Moment warten sollte. Armin akzeptierte das nicht und reagierte mit einem heftigen, langandauernden Wutausbruch, der ein Verbleiben im Klassenraum vorübergehend unmöglich machte.

In dem Kapitel „Gespräch mit Armins Lehrerinnen und Lehrern“ (S. 145) geht es um die Aufzeichnung eines von Prof. Dr. Susanne Thurn moderierten Gesprächs mit den Lehrkräften und dem Autor. Ich beschreibe aus diesem Kapitel exemplarisch die Abschnitte „Sein Lernverhalten“ (S. 152), „Die anstrengendsten Momente“ (S. 154) und „Die schönen und angenehmen Momente mit Armin“ (S. 156).

  • Lernverhalten: Die Lehrkräfte beschreiben unter anderem, wie sie Armin oft nur durch extrinsische Motivation dazu brachten, sich mit vorgegebenen Lerninhalten auseinanderzusetzen. Er zeichnete gerne und ließ sich – nicht immer, aber häufig – auf die Erledigung seiner Aufgaben ein, wenn er nachher zeichnen konnte. Manchmal erledigte er dann auch in sehr kurzer Zeit relativ viele Aufgaben, manchmal weigerte er sich trotzdem konsequent.

Armin interessierte sich für alte Kulturen und arbeitete bei Unterrichtsinhalten, die ihn interessierten, gerne und ausführlich.

  • Zu den anstrengendsten Momenten für die Lehrkräfte kam es beispielsweise dann, wenn körperliche Verletzungen stattgefunden haben, und oder Schulbegleitungen und Praktikantinnen mit ihren Nerven am Ende waren.
  • Als schöne und angenehme Momente beschreiben die Lehrkräfte beobachtete Begegnungen, die Armin mit anderen Kindern hatte, gemeinsames Ansehen von Büchern, eine gemeinsame Suche nach einem geeigneten Raum für Armin, an dem Armin sich zurückziehen konnte und andere.

Diskussion

Das Buch bietet einen realistischen Einblick in die pädagogische Arbeit mit einem autistischen Kind mit ihren Höhen und Tiefen. Es wird nichts beschönigt und auch extrem herausfordernde Situationen werden nicht ausgespart. Es gibt keine vereinfachenden Handlungsrezepte und die oftmals heftigen Herausforderungen für alle Beteiligten werden gewürdigt, ohne die gewinnenden Seiten des Kindes aus dem Blick zu verlieren. Das macht das Buch sympathisch.

Gewünscht hätte ich mir, dass Mitschüler*innen von Armin ausführlicher zu Wort kommen.

Fazit

Ein facettenreicher, realistischer Einblick in die pädagogische Arbeit mit einem autistischen Kind.


Rezension von
Ortrud Aden
M.A. Sonderpädagogik und Rehabilitationswissenschaften, z. Z. Tätigkeit in einer Autismusambulanz
E-Mail Mailformular


Alle 14 Rezensionen von Ortrud Aden anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ortrud Aden. Rezension vom 05.05.2021 zu: Ulrich Bosse: Armin - Ein Junge mit Autismus in der Schule. ... von dem ich so viel gelernt habe. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2020. ISBN 978-3-7815-2401-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27588.php, Datum des Zugriffs 11.05.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht