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Detlef Pollack: Das unzufriedene Volk

Cover Detlef Pollack: Das unzufriedene Volk. Protest und Ressentiment in Ostdeutschland von der friedlichen Revolution bis heute. transcript (Bielefeld) 2020. 232 Seiten. ISBN 978-3-8376-5238-3. D: 20,00 EUR, A: 20,00 EUR, CH: 25,30 sFr.

Reihe: X-Texte zu Kultur und Gesellschaft.
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Autor

Detlef Pollack, Jahrgang 1955, lehrt Religionssoziologie an der Universität Münster. Er ist in der DDR geboren und aufgewachsen, wurde in Leipzig promoviert und hat mit den umstürzenden DDR-Protesten von 1989 sympathisiert, ohne wort- und federführend gewesen zu sein. Teile des Buches sind autobiografisch gefärbt.

Thema

Was war das, was 1989/1990 in Deutschland stattgefunden hat? Eine moderate „Wende“, eine radikale „Revolution“, gar von „welthistorischem Ausmaß“, oder ein opportunistischer Frontenwechsel: von einer Mangelwirtschaft mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit in ein quasi-paradiesisches Wohlstandverspechen mit D-Mark und Banane? Wenn praktisch über Nacht ein altes Staatswesen aufgelöst und eine vollkommen neue politische, wirtschaftliche, rechtliche und soziale Ordnung angenommen wird, handelt es sich zweifellos um eine „Revolution“ im Sinne eines beschleunigten Sozialwandels. Da der ganze Vorgang weitgehend unblutig verlief, trifft die Bezeichnung „friedliche Revolution“ zu. Pollack fragt nun nach dem Akteur, dem Hauptdarsteller dieses ungeheuerlichen Vorgangs. Und es liegt nahe zu sagen: „Das Volk“, es war das Volk. Aber wer ist das Volk? Wie kann eine amorphe Masse zum historischen Kollektivsubjekt werden? Pollack versucht mittels mikrohistorischer Einzelfallstudien über die Inkubationszeit des Protests dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Er zeichnet die Hoffnungen nach, die mit der Überwindung des SED-Regimes verbunden waren. Und er erklärt die Enttäuschungen, die schon bald nach der Wiedervereinigung laut wurden und noch heute von der Sensationspresse betont werden.

Inhalt

Wie ein roter Faden

Pollack legt großen Wert darauf, die seinerzeit alten und neuen Oppositionsgruppen der DDR (Friedens-, Gerechtigkeits- und Umwelt-Gruppen, dann „Neues Forum“, „Demokratischer Aufbruch“, „Demokratie jetzt“ u.a.), die eine Führungsrolle bei der friedlichen Revolution für sich reklamieren, zurechtzustutzen. Er attestiert ihnen einen eher bescheidenen Anteil am „Volksaufstand“, weist ihnen nach, mehr Bremser als Beschleuniger der Proteste und Forderungen von der Straße gewesen zu sein.

Wie aber kann es sein, dass binnen Monatsfrist (September/​Oktober 1989) die öffentlichen Proteste in der DDR von Mini-Aufläufen (50 bis 300 Personen) zu Massenkundgebungen von Zehntausenden werden konnten, ohne dass man Anführer oder andere Volkstribune nennen kann, allenfalls moderiert von einigen Christenmenschen beider Kirchen? Vor allem die unverhältnismäßigen Polizeieinsätze und die Uneinsichtigkeit der Staatsspitze angesichts der Masse der Ausreisewilligen, so Pollack, haben es geschafft, dass sich amorphe Massen zu selbstbewussten Kollektivsubjekten entwickeln konnten. Die Honeckers und Mielkes waren die unfreiwilligen Organisatoren des Protests, nicht die Bürgerrechtler Bärbel Bohley, Gerd Poppe und Werner Schulz, die behaupten: „Revolutionen ereignen sich, wenn wenige Mutige voranschreiten und viele davon ermutigt werden. Und wir waren die Mutigen.“ Dem widerspricht Detlef Pollack und wirft den zweifellos verdienstvollen DDR-Oppositionellen „Selbstüberschätzung“ vor. Wie ein roter Faden zieht sich diese Argumentation durch das Buch, ohne dass man den Eindruck hat, es handle sich um eine Abrechnung.

„Wir sind das Volk“

Pollacks mikrohistorischer Blick deckt die Protest-Dynamik des Monats November 1989 eindrucksvoll auf: Am Anfang des Monats stand der Erhalt der DDR und ihr Umbau zum „demokratischen Sozialismus“ im Mittelpunkt der Bestrebungen. Am Ende des Monats gab es nur noch eine Forderung: „Wiedervereinigung jetzt!“ Aus der Parole „Wir sind das Volk“ war der Slogan „Wir sind ein Volk“ geworden. Bärbel Bohley, Galionsfigur der DDR-Bürgerrechtsbewegung kommentierte die Forderungen der Straße verbittert: „Das Volk hat den Verstand verloren.“ Der Gegensatz zwischen Protestbewegung und Bürgerrechtsbewegung trat erneut unverhohlen zutage. Pollack interpretiert den Ruf „Wir sind das Volk“ weniger als Selbstermächtigungsformel der Massen; vielmehr sei der Ruf eine an die Nomenklatura adressierte Entmächtigungsformel: sie bringt die Zurückweisung der Machtanmaßung der SED zum Ausdruck.

Gewitzte Gegenrede

Man hört oft, der Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes, vulgo: „Wiedervereinigung“, sei ein Akt der Unterwerfung des Ostens unter den Westen oder ein Akt der Kolonisierung durch den Westen gewesen. Pollack widerspricht mit schlichten Fakten: Mit der Wahl vom 18. März 1990 habe die DDR-Bevölkerung die Gelegenheit erhalten, sich für oder gegen einen schnellen Beitritt zur BRD auszusprechen. Sie stimmte dafür. Eine derartige Möglichkeit habe die BRD-Bevölkerung nicht gehabt und dennoch habe man Milliarden von D-Mark in den Osten transferiert. Wie könne man da von kolonialer Unterwerfung sprechen!

Der Beckenbauer-Irrtum

Im Sommer 1990, die DDR existierte noch pro forma, wurde die BRD Fußball-Weltmeister. Spieler aus der DDR waren noch nicht dabei. Mit ihnen aber, so der Teamchef Franz Beckenbauer, werde Deutschland auf Jahre hinaus unschlagbar sein. Dieser Optimismus herrschte allgemein. Zusammen werden BRD und DDR ein neues Wirtschaftswunder mit „blühenden Landschaften“ hervorbringen. – Doch es kam anders. Kaum war die Wiedervereinigung auf dem Papier vollzogen, begannen die Ostdeutschen der DDR nachzutrauern. Nur Umstellungsprobleme beim Übergang vom autoritären Fürsorgestaat zur liberalen Konkurrenzwirtschaft? Nur Phantomschmerzen? Weit mehr als das. Die Arbeitslosigkeit, in der DDR unbekannt, wurde plötzlich zum alles beherrschenden Thema. Das Plattmachen weiter Teile der industriellen Infrastruktur in Ostdeutschland trieb die Leute wieder auf die Straße und zu „Montagsdemonstrationen“ zusammen, diesmal allerdings ohne die Hoffnung, etwas bewirken zu können. Besserwessis begannen sich lustig zu machen über Jammerossis. Der herablassende Umgang der Westdeutschen wurde zum eigenständigen Faktor für die Probleme des Zusammenwachsens zwischen Ost und West. Darüber nachdenkend, wie es überhaupt dazu hat kommen können, macht Pollack eine paradoxe Bemerkung: Vielleicht waren sich die Deutschen aus Ost und West einfach zu nahe, um sich zu verstehen. „Aus der Sozialpsychologie ist bekannt, dass miteinander verwandte Stämme einander besonders hart bekriegen.“

Kalkuliertes Jammern

Obgleich bis zu 80 Prozent der Menschen aus Ostdeutschland in Umfragen zugeben, dass es ihnen heute besser geht als früher in der DDR, klagen und jammern sie, gerieren sich als Wutbürger und Protestwähler. Hier führt Pollack zur Erklärung den Begriff „Ressentiment“ ein. Das Ressentiment ist eine empfundene Kränkung, von der man sich wünscht, dass sie nicht verschwindet. Ossis möchten „Opfer“, „Bürger zweiter Klasse“ bleiben und einen „Arme-Schweine-Kult“ pflegen, weil sie gelernt haben, dass im westlichen Medien- und Sozialstaat nur Klagende und Jammernde anspruchsberechtigt sind. Die Selbstverzwergung zahlt sich aus: Man findet Beachtung und erhält Kompensationsangebote. Im Übrigen kommt die östliche Selbstverkleinerung der westlichen Neigung zum Größenwahn entgegen. Besserwessis und Jammerossis sind die zwei Seiten ein und derselben Mentalitätsmedaille, ein funktionierendes Team. „Aber kein Kollektiv!“, würden Ossis einwenden. Aus dieser Perspektive stellen sich dann die zahlreichen ostdeutschen AfD-Wähler als Ressentiment-Wähler dar, nicht als Überzeugungstäter.

Berechtigtes Jammern

Die streng wissenschaftliche Betrachtung der Unzufriedenheit liest sich etwas anders: Bei den Ostdeutschen kommen hohe Lebenszufriedenheit und nicht minder hohe Verdrossenheit zusammen. Wie verträgt sich das im Lichte empirischer Statistiken? Der Schlüssel für die Antwort liegt in dem jeweils gewählten Vergleichsmaßstab. „Fragt man die Ostdeutschen nach ihrem Leben heute, wenn sie es mit früheren Zuständen … vergleichen, entwerfen sie ein positives Bild. Vergleichen sie sich mit den Westdeutschen, so fangen sie an zu klagen.“ Das Problem ist nicht der Osten, sondern die immer noch bestehende Überlegenheit des Westens, die sich zum Beispiel im Gehalts- und Rentengefälle zeigt. Das daraus erwachsende Gefühl der relativen Deprivation ist der größte Unzufriedenheitsfaktor in Ostdeutschland. Hinzu kommt, dass es vielen Ostdeutschen schwerfällt, auf das, was sich in ihrem Land an Gutem getan hat, mit Stolz und Selbstbewusstsein zu blicken. Sie wissen, dass sie sich die eingetretenen Verbesserungen nur zu einem kleinen Teil selbst zurechnen können. Vieles von dem, was besser geworden ist, verdanken sie der Unterstützung aus dem Westen. Auch als Empfänger von Wohltaten kann man zum Opfer werden oder allenfalls einen Onkel-Tom-Stolz entwickeln.

AfD-Kalamität

An einer Stelle schreibt der ostdeutsche Verfasser Pollack: Die von Kränkungs- und Zurücksetzungsgefühlen geplagten Ostdeutschen haben einfach zu viele Feinde. „Arrogant auftretende Wessis, ignorante Eliten, korrupte Kapitalisten, Fake-News verbreitende Medien, fremd aussehende Zuwanderer, bärtige Muslime, Kopftuchfrauen … Homosexuelle, Feministinnen … Multikultis, oberlehrerhafte Intellektuelle, die nicht wissen, was Arbeit ist.“ Und folgert daraus: „Da kommt die AfD gerade recht.“ – So kann man es auch sehen, die AfD als Sanatorium verletzter Seelen.

Selbstironie

Detlef Pollack ist ein nüchterner Datenanalytiker mit sympathischer Selbstironie. Die Daten des Allensbacher IfD-Instituts und der Forschungsgruppe Wahlen zeichnen ein wenig schmeichelhaftes Ost-Bild: Die Ostdeutschen schreiben den Westdeutschen zehnmal so viele negative wie positive Eigenschaften zu, die Westdeutschen den Ostdeutschen nur unerheblich mehr negative als positive. Die Westdeutschen sind viel selbstkritischer als die Ostdeutschen. So erklären sie, sie seien egoistischer, überheblicher und weniger hilfsbereit als die Ossis. Nur 17 Prozent kennen keine Selbstzweifel. Bei den Ostdeutschen stellt Selbstkritik eine Ausnahme dar. Die Ostdeutschen finden sich, so wie sie sind, in Ordnung. Kommentar des ostdeutschen Verfassers: „Doch das Schicksal ist ihnen nicht wohlgesonnen.“ Als Opfer der Wiedervereinigung, denen es heute besser geht als früher, haben sie ein schweres Los zu tragen.

Diskussion

Das Buch trägt zuweilen die Züge eines Essays und Feuilletons, obwohl es ein fakten- und fußnotengesättigtes sozialwissenschaftliche Fachbuch ist. Dieser Querschläger zwischen den Gattungen, erlaubt es den Lesenden, dass er die Lektüre nicht nur mit Erkenntnisgewinn betreibt, sondern sich auch anspruchsvoll unterhalten fühlt.

Viele Ostdeutsche, vor allem jene, die bei der „Wende“ zwischen 30 und 50 Jahre alt waren, befinden sich auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung in einem Double-Bind-Verhältnis zu ihrem neuen Leben in der BRD. Sie sind hochzufrieden und tiefenttäuscht zugleich. Das Buch führt die Leser zu einem besseren Verständnis dieses Zustands. Die Schrift hilft auch zu verstehen, warum die, die gestern noch in großer Zahl die PDS gewählt haben, heute in ebenso großer Zahl die AfD wählen. Weder waren die Wähler von gestern Kommunisten, noch sind die Wähler von heute Faschisten. Vielmehr sind es tragische Persönlichkeiten, die biografische Brüche von existenzbedrohender Härte aushalten mussten, ohne damit bist heute ihren Frieden machen zu können. Statt „Das unzufriedene Volk“ hätte das Buch auch „Die Tragikomik ostdeutscher Unzufriedenheit“ heißen können.

Fazit

Nehmt die Ossis ernst, aber nicht wörtlich, rät uns der Autor, selbst ein Ossi, zwischen den Zeilen. Ein guter Rat, um den „Pakt der Wertschätzung“ zwischen Ost- und Westdeutschen, den der Bundespräsident fordert, mit Leben zu erfüllen!


Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 06.04.2021 zu: Detlef Pollack: Das unzufriedene Volk. Protest und Ressentiment in Ostdeutschland von der friedlichen Revolution bis heute. transcript (Bielefeld) 2020. ISBN 978-3-8376-5238-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27589.php, Datum des Zugriffs 12.04.2021.


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