Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Katrin Thomack: Bildungsbiografien trans*­geschlechtlicher Jugendlicher

Rezensiert von Frau Sophia Schorr, 18.01.2023

Cover Katrin Thomack: Bildungsbiografien trans*­geschlechtlicher Jugendlicher ISBN 978-3-95414-167-8

Katrin Thomack: Bildungsbiografien trans*geschlechtlicher Jugendlicher. Der Einfluss der cis-normativen Gesellschaft ? eine qualitative Studie. Debus Pädagogik Verlag (Schwalbach/Ts.) 2020. 72 Seiten. ISBN 978-3-95414-167-8. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR.
Reihe: Childhood Studies and Children's Rights.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Vor welchen Herausforderungen stehen tans*geschlechtliche Menschen in ihrer Bildungsbiografie und welche Unterstützungen wirken sich positiv aus? Diesen Fragen geht Katrin Thomack in ihrer Studie in einer retrospektiven Biographieforschung nach und leistet damit einen Beitrag zu den bisher nur selten untersuchten Lebenswelten von trans*geschlechtlichen Kindern und Jugendlichen. Außerdem leitet sie mögliche Handlungsempfehlungen für die verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen ab.

Autor*in und Entstehungshintergrund

Der vorliegende Text von Katrin Thomack ist in der Reihe „Childhood Studies and Children's Rights“ veröffentlicht worden, in der sehr gute Prüfungsleistungen des gleichnamigen internationalen und interdisziplinären Masterstudiengangs an der Fachhochschule Potsdam herausgegeben werden. Thomack ist insbesondere in der pädagogischen Praxis im Bereich der Kindertagesbetreuung aktiv und setzt sich hier für eine Beteiligung Aller ein.

Aufbau und Inhalt

Nach einer kurzen Einführung in die Thematik und der Herausstellung der Forschungsfrage „[i]nwieweit hat die cis-normative Gesellschaft Einfluss auf die Gestaltung individueller Bildungsbiografien trans*geschlechtlicher Kinder und Jugendlicher?“ (Thomack 2021, S. 10f) sowie dem erklärten Ziel, aus der Forschung mögliche Handlungsempfehlungen abzuleiten, kommt Thomack in Kapitel 1 zu den theoretischen Hintergründen ihrer Arbeit.

Hierunter fallen die Begriffsbestimmung und Abgrenzung (Kapitel 1.1) der verschiedenen Begrifflichkeiten, die bereits im Titel genannt werden, die Situation trans*geschlechtlicher Personen in Deutschland (Kapitel 1.2), in dem die rechtlichen und medizinischen Rahmenbedingungen sowie der Forschungsstand ausgeführt, und die Bildungsbiografien als theoretisches Rahmenkonzept definiert werden (Kapitel 1.3). Unter Bildung wird der „individuell[e] Prozess der Selbstbildung […], der auf die Integration von innerer und äußerer Welt abzielt“ (ebd., S. 27) gefasst. Dieser Prozess wird durch äußere Faktoren beeinflusst. Mit Verweis auf Dausien werden drei zentrale Aspekte eines biographischen Zugangs herausgearbeitet:

  1. Temporalität,
  2. Kontextualität und
  3. Reflexivität (vgl. ebd., S. 28 f.).

Die Biografien werden, so Thomack, durch „besondere Lebensereignisse beeinflusst“ (ebd., S. 30) wie beispielsweise das innere oder äußere Coming-out von trans*geschlechtlichen Menschen.

Darauf aufbauend wendet sich Thomack ihrer Studie (Kapitel 2) zu. Zuerst werden hier Relevanz (Kapitel 2.1), Zielsetzung (Kapitel 2.2) und Forschungslage (Kapitel 2.3) erörtert bevor das Forschungsdesign (Kapitel 2.4) ausgeführt wird. Hierbei weist Thomack darauf hin, dass eine „immense Forschungslücke“ (ebd., S. 36) in Bezug auf die Analyse von Bildungsbiografien trans*geschlechtlicher Kinder und Jugendlicher nachzuweisen ist. Die Erhebungsmethode setzt sich aus einem narrativen und einem problemzentrierten Interview zusammen, wobei der Forschungsansatz in der Biographieforschung zu verorten ist und retrospektiv auf den Bildungsweg blickt (vgl. ebd., S. 36 f.). Die Vermischung zweier Interviewarten dient der Generierung einer freien Erzählung der je eigenen Biografie. Im zweiten Schritt folgen Fragen zur Trans*Geschlechtlichkeit: Um einen leichten Einstieg in das Interview zu gewährleisten, sollen die Interviewten die eigene Lebenslinie grafisch darstellen. Das Sampling (Kapitel 2.5.1) ist nach den Merkmalen geschlechtliche Identität und Alter, die sich aus der Forschungsfrage ergeben, gestaltet, wobei vier Interviews geführt wurden. Die Daten (Kapitel 2.5.3) sind mit der Grounded Theory Methode ausgewertet und die daraus resultierenden Ergebnisse thematisch in Herausforderungen (Kapitel 2.6.1) und unterstützende Faktoren (2.6.2) aufgeteilt worden. Als Herausforderungen kann Thomack sowohl die äußeren Faktoren wie Rahmenbedingungen, Diskriminierung, negative Reaktionen des Umfeldes und fehlendes Wissen um Trans*Geschlechtlichkeit herausarbeiten. Diese nehmen Einfluss bzw. bringen z.T. auch erst die inneren Faktoren wie Konzentrationsschwierigkeiten, (Entscheidungs-)Druck, Unsicherheit im Umgang mit Anderen, Unwohlsein mit der Stimme und dem Körper, Angst vor negativen Reaktionen bei trans*geschlechtlichen Personen hervor. Somit kann Thomack zum einen nachweisen, dass „die Biografien trans*geschlechtlicher Kinder und Jugendlicher durch den gesellschaftlichen Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt geprägt werden“ (ebd., S. 51). Zum anderen kann gezeigt werden, dass diese Faktoren insbesondere außerhalb der Schule/der Bildungsinstitutionen zu verorten sind wie beispielsweise die rechtlichen und medizinischen Bestimmungen und die binäre Geschlechtseinteilung. Die Ergebnisse machen aufgrund des Samplings – wie in der Methodendiskussion (Kapitel 2.7) herausgearbeitet wird – „eine ganzheitliche intersektionale Betrachtung jedoch nur bedingt möglich“ (ebd., S. 53).

In Kapitel 3 werden schließlich die Ergebnisse und mögliche Handlungsempfehlungen diskutiert. Thomack weist hier insbesondere auf den potenziell positiven Einfluss des nahen Umfelds von trans*geschlechtlichen Kindern und Jugendlichen wie Familie, Freund*innen und Schule hin. Hieraus werden vier Handlungsempfehlungen abgeleitet:

  1. „Mehr Sichtbarkeit von trans*geschlechtlichen Menschen in der Öffentlichkeit“ (ebd., S. 55) und eine Entpathologisierung,
  2. eine Implementierung von Trans*Geschlechtlichkeit in die Lehrer*innenausbildung, um einen sensiblen Umgang zu fördern und Trans*Geschlechtlichkeit bereits zu Beginn mitzudenken.
  3. „Namens- und Personenstandsänderung sollte niederschwellig und per Willenserklärung gegenüber den Behörden“ (ebd., S. 58) ermöglicht werden und
  4. das Thema sollte durch Fortbildungen und/oder Sensibilisierungsmaßnahmen in Behörden aufgegriffen werden.

Diese Empfehlungen sollen trans*geschlechtliche Kinder und Jugendliche in ihrer Bildungsbiografie positiv unterstützen und nicht zu Brüchen führen.

In der abschließenden Bemerkung (Kapitel 4) wird auf die Übereinstimmung der Ergebnisse mit anderen Studien, die keine Differenz zwischen geschlechtlicher Identität und sexueller Präferenz ziehen, verwiesen (vgl. ebd., S. 61 f.). Dennoch scheinen weitere Studien zu trans*geschlechtlichen Menschen, insbesondere mit einem intersektionalen Ansatz, notwendig.

Diskussion

Durch die Fokussierung auf geschlechtliche Identität und nicht – wie bei vielen anderen Studien – die Verbindung mit sexueller Präferenz wird hier ein spezifischer Beitrag zu den Lebenswelten von trans*geschlechtlichen Jugendlichen geliefert. Thomack selbst weist aus, dass sich ihre Ergebnisse mit anderen Studien, die beispielsweise Trans*Geschlechtlichkeit und sexuelle Präferenz zugleich untersuchen, teilweise überschneiden. Dies ist meines Erachtens nicht verwunderlich, sehen sich Menschen, die cis*und heteronormativen Vorstellungen nicht entsprechen, doch ähnlichen Herausforderungen und Diskriminierungen ausgesetzt. Insbesondere die Forschungsfrage nach dem Einfluss einer cis*normativen Gesellschaft lässt eine Vergleichbarkeit zwischen queeren und trans*geschlechtlichen Perspektiven zu, wobei trans*geschlechtliche Menschen aufgrund der rechtlichen und medizinischen Bedingungen und den damit einhergehenden Entscheidungsprozessen von weiteren und anderen Herausforderungen betroffen sind. Dies lässt sich auch in den aus der Analyse abgeleiteten Handlungsempfehlungen nachweisen. So kann die geforderte Sensibilisierung und Aufklärung zu Trans*Geschlechtlichkeit auf queere Thematiken übertragen werden. Es ist jedoch kritisch zu fragen, ob die fundierende Systematik angemessen ist.

So wird in der Definition von Geschlecht zwar kurz auf Judith Butlers Geschlechtermatrix aus sex, gender und desire (vgl. Butler 2014) verwiesen, jedoch wäre eine weitere Auseinandersetzung mit (der (Re-)Produktion von) Geschlecht erforderlich. Auch ist fraglich, ob und inwiefern der definierte Bildungsbegriff die Erfahrungen mit der formalen Schulbildung, die in der Studie abgefragt worden sind, zu beschreiben vermag. Zwar wird Bildung als Aufnahme der Welt definiert, im Fortgang jedoch nur die Schulbildung bzw. der Bildungsweg im Kontext Schule thematisiert. Hier wäre eine systematische Auseinandersetzung mit dem Bildungskonzept bzw. mit heterogenen Bildungstheorien erforderlich. Sinnvoll wäre es meines Erachtens außerdem, sich bereits zu Beginn auf den institutionalisierten Bildungsweg zu beschränken und nach den Hindernissen (und Möglichkeiten) für trans*geschlechtliche Jugendliche in der institutionellen Schulbildung zu fragen. Positiv hervorzuheben ist die Reflexion der Methode und des Samplings durch Thomack, die selbst die Grenzen ihrer Arbeit markiert. So wird beispielsweise auf die Homogenität des Samplings in Bezug auf Herkunft und Schulabschluss verwiesen, die eine intersektionale Perspektive nicht zulässt. Methodisch ist zugleich anzumerken, dass die Grounded Theory nicht nur eine Auswertungsmethode als solches ist, sondern eher einem Forschungsstil entspricht; die Forschung mit der Grounded Theory wird deshalb auch als iterativ beschrieben. Im Sinne der Grounded Theory muss ein Wechselspiel zwischen Sampling, Erhebung, Auswertung und Theoriebildung geschehen; dies findet hier keine Berücksichtigung (vgl. z.B. Mey/Mruck 2011, S. 22 ff.). Wünschenswert wäre daher zum einen eine methodologische Auseinandersetzung mit der Grounded Theory und zum anderen eine weitere Ausführung in der Arbeit selbst.

Fazit

Das Werk „Bildungsbiografien trans*geschlechtlicher Jugendlicher. Der Einfluss der cis-normativen Gesellschaft? Eine qualitative Studie“ von Katrin Thomack stellt die Lebenswelten von trans*geschlechtlichen Jugendlichen in Bezug auf ihren Bildungsweg in einer retrospektiven Biographieforschung heraus. Das Werk ist für alle Interessierten, mit trans*geschlechtlichen Kindern und Jugendlichen arbeitenden und/oder lebenden Menschen von Interesse, da es die Begriffe und Rahmenbedingungen sowie Handlungsempfehlungen aufzeigt.

Literatur

Butler, Judith (2014): Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Katrin Thomack (2021): Bildungsbiografien trans*geschlechtlicher Jugendlicher. Der Einfluss der cis-normativen Gesellschaft? Eine qualitative Studie. Frankfurt: Debus Pädagogik.

Mey, Günter/Mruck, Katja (2011): Grounded-Theory-Methodologie: Entwicklung, Stand, Perspektiven, in: Mey, Günter/Mruck, Katja (Hrsg.): Grounded Theory Reader, Wiesbaden: VS, S. 11-50.

Rezension von
Frau Sophia Schorr
M.A.
Mailformular

Es gibt 1 Rezension von Sophia Schorr.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Sophia Schorr. Rezension vom 18.01.2023 zu: Katrin Thomack: Bildungsbiografien trans*geschlechtlicher Jugendlicher. Der Einfluss der cis-normativen Gesellschaft ? eine qualitative Studie. Debus Pädagogik Verlag (Schwalbach/Ts.) 2020. ISBN 978-3-95414-167-8. Reihe: Childhood Studies and Children's Rights. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27590.php, Datum des Zugriffs 17.06.2024.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht