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Nina Degele: Political Correctness

Cover Nina Degele: Political Correctness. Warum nicht alle alles sagen dürfen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 233 Seiten. ISBN 978-3-7799-3996-2.
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Thema

Während Klienten, wie z.B. Jugendliche mit ihrem altersgewöhnlichen Jargon, einen rauen Umgangston pflegen, sind Soziale nicht zuletzt aufgrund einer guten Ausbildung sensibilisiert für einen korrekten (anständigen) Sprachgebrauch. Immer wieder stellt sich für sie die Frage nach dem angemessenen Sprechen bzw. dem korrekten Umgang mit dieser unschönen Kommunikation. Weil Sprache das Denken und Handeln strukturiert, erfordert der professionelle sozialpädagogische Gestus neben dem Wissen um Tabus, ein entsprechendes Können und eine eindeutige Haltung. Dass diese auch politisch korrekt ist, scheint selbstverständlicher denn je. Doch ist politische Korrektheit (hier „Political Correctness“; PC) im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs eine nach wie vor verpönte Sprechweise.

Das vorliegende Buch erläutert die Entwicklung dieses Diskurses und die damit verbundenen Probleme. Die Autorin definiert Political Correctness dabei als „Norm anerkennenden Sprechens gegenüber Minderheiten und ausgegrenzten Gruppen. Mehr noch ist Political Correctness auch Maßstab für die Kongruenz anerkennenden Denkens, Sprechens und Handelns, das auch eigene Privilegien und Etabliertenvorrechte reflektiert und für gesellschaftliche Veränderung in Richtung Gleichheit und Gerechtigkeit eintritt“ (15). Nina Degele erfasst das Thema samt seiner Verständnisse im historischen Kontext sowie die kompliziert gewordenen aktuellen Kontroversen um den Begriff in der Gegenwart. Weil Gesellschaft komplexer geworden ist, ist auch Sprache komplexer und komplizierter geworden – Political Correctness ist und bleibt dabei ein „Kampffeld“ (21) oder sogar „Minenfeld“ (175), auf dem sich auch Soziale täglich bewegen. 

Autorin

Nina Degele hat seit 2001 die Professur für Soziologie und empirische Geschlechterforschung am Institut für Soziologie der Universität Freiburg inne. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u.a. Modernisierung und Gesellschaftstheorie, Soziologie der Geschlechterverhältnisse sowie

Körper und Sport. In diesem Zusammenhang erbrachte sie u.a. die Publikationen: Gender/​Queer-Studies. Wilhelm Fink Verlag (München) 2008 und: Fußball verbindet – durch Ausgrenzung. Springer VS (Wiesbaden) 2013.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Vorwort von Renate Künast (Mitglied des Deutschen Bundestages für Bündnis 90/Die Grünen) und einer Einleitung gliedert die Verfasserin ihr Buch in folgende acht Kapitel, die gut den Schwerpunkt der jeweiligen Ausführungen und damit die Spektren des Themenfeldes aufzeigen.

In den jeweiligen Kapiteln schreibt sie dann ohne strenge hierarchische Gliederung anhand von Stichworten jeweilige Textpassagen zum Bezugsthema. Das erleichtert das Lesen einerseits, weil das Bezugsthema immer im Blickfeld bleibt. Andererseits sind es sehr viele Bezugsthemen, die von den Lesenden immer wieder gedanklich durchsortiert werden müssen, wobei ein Hin- und Herblättern unvermeidlich ist. Das ermöglicht aber auch den (Wieder-)Einstig in die Lektüre an verschiedenen Stellen, ohne dass der Gesamtbezug zum Thema verloren geht. Degele verfolgt mit dem Buch das Ziel, „Political Correctness als Norm anerkennungsorientierten Denkens, Sprechens und Handelns zu entfalten und als Forderung danach zu verteidigen“ (20). Ihre Haltung ist die einer „solidarisch distanzierenden Positionierung – weil Political Correctness eine Nicht-Positionierung unmöglich macht“ (21).

Political Correctness historisieren und theoretisieren: Die Ursprünge der thematischen Auseinandersetzung um Antidiskriminierungsmaßnahmen liegen weit zurück, doch macht Degele für die USA in den 1990er Jahren eine Rede und einen Zeitungsartikel dafür verantwortlich, dass die Diskussion um PC überhaupt Fahrt aufnehmen konnte. Progressive und konservative Lager stritten sich, „ob es um gleiche Möglichkeitsrechte (equality of opportunity) oder um die Gleichheit der Resultate (equality of result) gehen solle“ (31; Hervorhebungen im Original). Dagegen wurde in der deutschen Debatte, die nicht als US-amerikanische Kopie zu verstehen ist, um den „richtigen“ Umgang mit der eigenen kollektiven Vergangenheit gestritten. Festgemacht am Sprachgebrauch (z.B. in den Reden von Jenninger 1988 oder Walser 1998) zeigt Degele, wie Methoden (z.B. Ephemismus, Tabuisierung) und NS-Vokabeln (z.B. Volksverräter) sich bis in Reden der Gegenwart halten. PC wurde zum Distanzbegriff und Stigma von den Redenden zurückgewiesen, so mit der Floskel „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“.

Rassismus praktizieren: Als Rassist bezeichnen wir einen Menschen, „der von einer ethnischen Hierarchie ausgeht, davon, dass eine Gruppe besser ist als die andere“ (74). Solche Menschen gibt es weltweit. Nicht allein die Wortwahl selbst, sondern auch, wie über Rassismus gesprochen wird, verrät hierbei die Positionierung des Sprechenden und verdeutliche das Ausmaß des Problems (57). Degele zeigt die Verwobenheit diskriminierender Themen wie „race“ und „gender“, setzt sich mit Alltagsrassismus auseinander, erklärt „colorblind rassism“, „cultural appropriation“ und „Mikroaggression“ als relativ schwer zu deutendes Phänomen.

Geschlecht erzählen: In den USA galt in den 1980er Jahren der Begriff „gay“ und dann in den 1990er Jahren „lesbian“ als korrektes Wort, um andersartige Lebensweisen zu erfassen und zu benennen. Im Laufe der Zeit uferten die Bezeichnungen aus (LGBTQQIAAP2S) und machen es inzwischen schwer, Ausgrenzung nicht auszuschließen. Der Prozess der Sichtbarmachung von Identitäten, so Degele, sei kompliziert geworden, strittig und unabschließbar (95). PC könne und müsse hier jedoch ansetzen, um Diskriminierungen beseitigen zu helfen. Das hieße in dem Fall, am grundlegenden Sicherheits- und Normalitätsbestand im Denken und Fühlen zu „rütteln“, was behauptet, es gäbe lediglich eine naturgegebene Ordnung mit genau zwei Geschlechtern (92). Das hieße auch, sich im Spannungsfeld zwischen sprachlicher Verrohung (Trolling) und einem übervorsichtigem Ausweichen (Zehenspitzen-Feminismus) auslotend zu bewegen und mit weiteren Denkmustern durchzusetzen.

Sozioökonomische Ungleichheiten thematisieren und Politik radikalisieren: Was macht Menschen empfänglich für autoritär nationalradikales Denken? Degele stellt einerseits eine ökonomische Verunsicherung und anderseits eine Überforderung mit dem sozialen Wandel als zwei wichtige Begründungsansätze gegenüber (116). Am Ende sei es aber wohl doch eine Überlagerung dieser und weiterer psychischer und sozialer Zustände, die nicht nur „einfache Leute“ oder „kosmopolitische Eliten“, sondern all jene erfasst, „die glauben, etwas zu verlieren zu haben“ (118). Diese Besorgnis einer nicht geringen Bevölkerungsmenge, bediene dann die auf Provokation und Widersprüche ausgerichtete Öffentlichkeitsarbeit der AfD. Diese werde von den Medien nicht minder kolportiert und erreiche ein anfälliges (nennen wir es „besorgtes“) Publikum. Gemäß der Logik „Sagbarkeit stellt Normalität her, und was als normal gilt, kann nicht mehr zum Problem erklärt werden“ (122) werden Nazi-Vokabeln (z.B. Endlösung) oder Hass-Vokabeln (hate speech) dann zu umgangstauglichen unauffälligen Alltagsbegriffen (z.B. „Fachkräfte für Messerattacken“ als Synonym für Flüchtlinge, 125). Degele zeichnet anhand der Rede von Björn Höcke zum „Denkmal der Schande“ aus dem Jahr 2017 sehr anschaulich den fragwürdigen Beitrag der Medien in diesem Diskurs nach.

Gewalt und Fakten relativieren: „Fake-News“ und „Postfaktisch“ zogen als in den Medien publizierte und durch sie gekürte „Jahres-Unwörter“ in unser Bewusstsein und schließlich in unseren Sprachgebrauch ein. Was ist aber genau damit gemeint und wie erkennen wir die Grenzen zwischen echten und gefälschten Nachrichten? Da Sprache nicht allein aus Vokabeln und Grammatik besteht, ist es stets der Kontext, der das ganzheitliche Verständnis einer Aussage zu einer Sache oder Person erzeugt: „Sprechen ist nie nur Übermittlung von Information. Jede Ansprache ist ein Akt der Anerkennung, nämlich als Akzeptanz des Gegenübers als kommunikationsbegabtes Wesen. Das schließt auch Befehle, Urteile, Verhöre und Beschimpfungen ein“ (134f). Statt sachlicher Berichterstattung wurde und wird Sprache in den (Neuen) Medien immer mehr zur Handlungsform, die Gewalt und Fakten relativiert. Das geschieht durch Verschweigen oder Ignorieren, Abwertung und Ironie oder auch durch Höflichkeit (Positive Diskriminierung). Solche Relativierungen zeigt die Autorin auf. Der verbreiteten Auffassung von einer bestehenden Meinungsfreiheit tritt sie mit Argumenten entgegen und resümiert „Man kann in Deutschland also viel sagen, muss aber auch Gegenrede in Kauf nehmen“ (137).

Identitätspolitik (ent-)moralisieren: PC im Sinne eines Korrektheitshandeln und Identitätspolitik zeigen Deckungsgleiche: „Beide zielen auf sprachliche Sichtbarkeit, Repräsentation und Anerkennung von Minderheiten und ausgegrenzten Gruppen. Beide sind nicht von Fragen der Moral zu lösen. Beide bewegen sich historisch in ähnlichen Kontexten von Befreiungsbewegungen“ (155 f.). Degele zeigt nachvollziehbar den Zusammenhang zwischen der Tendenz einer Vereinzelung bzw. Befürwortung individueller Identitätspolitik in gleichzeitiger Abkehr von der Gesellschaft. Das Ergebnis ist die Ablehnung einer Identitätspolitik als essenzialisierende kollektive Identität und damit eine Entsolidarisierung (169 f.).

Political Correctness = solidarisch streiten: Im letzten Teil wird das Buch dann auch für Soziale sehr brauchbar. Degele versucht hier Aktionsmöglichkeiten für das „Minenfeld“ PC auszuloten. Sie fragt: „Was ist angemessen, was ist übertrieben? Wer entscheidet auf welcher Legitimitätsgrundlage und nach welchen Kriterien über die Angemessenheit welcher Form von Political Correctness?“ (175). Weiterhin fragt sie nach dem Zusammenhang von Denken, Sprechen und Handeln mit dem Fokus auf Handeln. An dieser Stelle geht sie auf die Situation der Corona-Pandemie ein und zeigt damit einen ganz aktuellen Kontext auf. Für sie sind es schließlich Respekt, Wertschätzung und Empathie in Worten und Handlungen, die PC als Korrektheitshandeln maßgeblich bestimmen. Eine solidarische Streitkultur mit Dissens als Motor (191f) sieht sie als ernsthafte Form demokratischer Auseinandersetzung.

Ein Register und ein Glossar der wichtigsten Begriffe aus den aktuellen Debatten finden sich am Schluss des Buches.

Diskussion

Politisch korrekt sprechen zu wollen und zu können verlangt auch Vokabeltraining. Das Buch hat viele solcher Vokabeln (z.B. Trolling, Wokeness), was anfangs – wie immer beim Sprachelernen – anstrengt. Doch versteht es die Autorin, durch die lesenswerten und auch spannenden Erläuterungen der historischen und politischen Diskurse, aus denen die Vokabeln resultieren, ein großes Terrain aufzuzeigen. Das bietet Neulingen im Thema ein Grundwissen und Erfahreneren eine Auffrischung, gerade im Kontext der Corona-Pandemie. Das Durcharbeiten lohnt sich, da Degele am Ende die vorab aufgelisteten Handlungsmöglichkeiten noch einmal zusammenführt und für den angemessenen Gebrauch im Alltag sortiert. Denn es ist von Anfang an klar, dass es nicht allein reicht, die Vokabeln stur auswendig zu lernen, sondern bestenfalls zu ordnen und einen angemessenen Gebrauch damit einzuüben.

Damit wird das Buch zum Lehrbuch, mit dem sich aus dem Wissen eine Haltung ergeben kann. Die Autorin hat das indirekt auch als Ziel des Buches verfolgt: „Es soll deutlich werden, dass und wie Sprache nicht nur Denken und Sprechen strukturiert, sondern auch Möglichkeitsräume für Handeln bildet, in denen Auseinandersetzungen darüber stattfinden, wer wofür zu sprechen legitimiert ist – oder lieber schweigen sollte“ (24). Sich klar zu positionieren, sollte nach der Lektüre möglich sein.

Degele bezeichnet ihren Darstellungsstil als „solidarisch distanzierende Positionierung“. Diese Methode erscheint angemessen bei den Ausführungen über die politisch inkorrekten Kampagnen der AfD. Hier sprechen die Passagen für sich. Bei Degeles Schilderungen zugespitzter PC-Debatten von Seiten Betroffener jedoch irritiert dieser Duktus. So muss sich der gewöhnliche (hier: weiße) Lesende allein beantworten, inwieweit Political Correctness überhaupt Sinn macht. Denn die erwähnten Debatten meinen, dass selbst bei der Solidarisierung mit Schwarzen „die Weißen“ (strukturell) „immer“ Unterdrückende bleiben. An einer anderen Stelle heißt es kritisch, dass Wohltätigkeit ohnehin „rassistisches Profitieren“ sei (vgl. hier S. 78f). Eine klare („solidarische“, vgl. 21) Positionierung der Autorin ist hier nicht als solche zu erkennen.

Die Medien spiegeln wider, wie rau und auch wie ungerecht unsere Sprache im zivilen Umgang geworden ist. Auch ist der Gebrauch von Stilmitteln wie Ironie und Sarkasmus immer üblicher geworden, wenngleich in manchen Kommentarleisten nicht erkennbar wird, ob die Schreibenden sich dessen bewusst sind. Unser Selbstverständnis hat sich dahingehend verändert, dass heute (fast) jeder und jede glaubt, etwas ebenso sagen zu dürfen, bloß weil er oder sie es kann. In diesen Duktus stimmt Degele als Soziologin nicht ein. Sie bleibt sachlich und fügt sehr gut und nachvollzierbar ihre Aspekte zusammen und zeigt, wie komplex und mehr noch, wie kompliziert der ganze PC-Diskurs ist. Zu wirklicher Kritik lässt sie sich dabei leider nicht hinreißen. Das überlässt sie Renate Künast. Welchen Mehrwert deren Vorwort für das Buch hat, müssen sich Lesende allein beantworten. Eine derartige parteipolitische Referenz vorab, wenn es denn so gemeint ist, hat das Buch an sich nicht nötig.

Fazit

Das Buch ist unbedingt empfehlenswert, wenn es darum geht, Soziale fit zu machen für einen via Sprache und Handeln korrekten Umgang mit ausgegrenzten Gruppen und Minderheiten und damit für den praxisbezogenen Umgang von Sozialen. Es ist ein sehr gutes Lehrbuch mit einer weiterführenden Literaturliste und einem hilfreichen Register. Lobenswert ist auch das Glossar, in dem die wesentlichen Kernbegriffe zum Thema zusammengefasst sind.


Rezension von
Prof. Dr. René Börrnert
Prof. Dr. phil., Diplom-Pädagoge (Sozialarbeitswissenschaft), Fachhochschule des Mittelstands (Rostock)
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Zitiervorschlag
René Börrnert. Rezension vom 16.02.2021 zu: Nina Degele: Political Correctness. Warum nicht alle alles sagen dürfen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-3996-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27593.php, Datum des Zugriffs 07.03.2021.


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