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Bettina Ritter, Friederike Schmidt (Hrsg.): Sozialpädagogische Kindheiten und Jugenden

Cover Bettina Ritter, Friederike Schmidt (Hrsg.): Sozialpädagogische Kindheiten und Jugenden. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 324 Seiten. ISBN 978-3-7799-6061-4. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 39,38 sFr.
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Thema

Alltäglich stehen Kinder und Jugendliche im Blickpunkt der Gesellschaft, da in ihnen die Zukunft liegt, wie es heißt. Umso deutlicher ergibt sich für die Soziale Arbeit mit diesem Klientel die Aufgabe, Abweichungen jeglicher Art frühzeitig zu erkennen und gegebenenfalls zu korrigieren. Aus diesem Grund begegnet auch die sozialpädagogische Forschung Kindern und Jugendlichen mit einem besonders sensiblen Blick. Beinahe unüberschaubar ist die Menge der Abhandlungen hierzu, die sich auf alle Handlungsfelder der Soziale Arbeit bezieht. Der vorliegende Band versucht, spezifische Stränge solcher sozialpädagogischen Auseinandersetzung mit jungen Menschen auszumachen und „Bilder“ von diesen zu zeichnen.

Autor und Entstehungshintergrund

Der Band entstand im Rahmen eines Workshop- und Vortragsformats mit dem Titel „Sozialpädagogische Kindheite(en) und Jugend(en)“ an der Uni Bielefeld mit Unterstützung des hiesigen Zentrums für Kindheits- und Jugendforschung. Die Beitragenden des Buches wurden auf Grundlage eines offenen Calls ausgewählt. Sie waren zu drei Workshops in Bielefeld zusammengekommen, um ihre Beitragsideen zu diskutieren. Zu diesen Terminen haben zudem öffentliche Vorträge stattgefunden. Als Verantwortliche der Tagung und Herausgeberinnen des Bandes fungierten Bettina Ritter (Dr.in phil., Diplom-Pädagogin), Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der AG 8 Soziale Arbeit, Fakultät Erziehungswissenschaft, Universität Bielefeld sowie Friederike Schmidt (PD Dr.in phil. habil.), die derzeit eine Professur für Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt Vergleichende Jugendhilfeforschung an der Leuphana Universität Lüneburg verwaltet.

Aufbau und Inhalt

In einer komplexen Einleitung wird der sehr umfangreiche Literaturfundus zum Thema unter der Überschrift „Herausforderungen und Perspektiven einer sozialpädagogischen Kindheits- und Jugendforschung“ diskutiert. Dem schließen sich vier Kapitel an, in denen einzelne Schwerpunkte des Hauptthemas vertiefend erörtert werden.

Teil 1: Zum Theorie- und Forschungsprogramm sozialpädagogischer Kindheiten und Jugenden

Neumann geht der Frage nach, was sozialpädagogische Kindheitsforschung ausmacht und konzentriert sich darauf, „die auf den ersten Blick unübersichtliche Gemengelage im Feld der sozialpädagogischen Forschung zu Kindern und Kindheiten als einen nicht infiniten, aber dennoch kontingenten Raum simultan verfügbarer Möglichkeiten von differenten, jedoch aufeinander verweisenden Positionen zu explorieren“ (47).

Schmidt liefert methodische Überlegungen zu einer Theorie und Empirie sozialpädagogischer Kindheiten und Jugenden. In ihren Fokus rücken damit „Fragen zu den Logiken, Bedingungen wie auch Mustern der Bestimmung und Auslegung der sozialpädagogischen Einsatz- und Gegenstandsbereiche“ (53) und endet in einem Vorschlag einer Analyse der Gegenstandskonstituierung des Sozialpädagogischen in reflexiv-anthropologischer Perspektive.

Mit Bezug auf die Frage, wie Kindheit und Jugend in der Sozialen Arbeit hervorgebracht werden, zeigt Scheer auf, dass die Institutionalisierung dieser Lebensphasen (insbesondere der Jugend) „als ein gesellschaftliches Arrangement verstanden werden kann, das durch eine widersprüchliche Gleichzeitigkeit von Anpassungszwängen und Autonomiezumutungen gekennzeichnet und deshalb von zentraler Bedeutung für die Konstituierung moderner Individualität ist“ (74). Soziale Arbeit, so seine These, sei hier Bestandteil des Arrangements (76).

Ritter nähert sich mit ihrem Beitrag einer gesellschaftstheoretischen Bestimmung von Jugend und Sozialer Arbeit. Dabei thematisiert sie schlaglichtartig Jugend im Kontext gängiger Fachdiskussionen und erörtert die Dimensionen „Individuationsmoratorium“, „Idealisierung“, „Natürlichkeit“, „Ungleichheit“ und „Lebenslaufpolitik“. 

Den grundlagen- und gegenstandstheoretischen sowie methodologischen Herausforderungen der empirischen Erforschung von Kindheit (und Jugend) widmet sich Kelle. Kindheit versteht sie dabei als „gesellschaftlich institutionalisierte Lebensphase“ und Kinder als nicht volljährige Personen, „denen autonome Selbstbestimmungsrechte noch nicht vollumfänglich zugesprochen werden“ (122).

Teil 2: Praktiken der Hervorbringung sozialpädagogischer Kindheiten und Jugenden

Farrenberg nimmt das Kindergarten-Kind in den Blick und befragt diesen überdeterminierten pädagogische Ort darauf hin, inwiefern die spezifische Adressierung und Positionierung des Kindes in dieser Rolle eine sozialpädagogische Kindheit repräsentiert (141). Diese Rolle betrachtet er in den Zuschreibungen als „Entwicklungswesen“, als „pädagogischen Arbeitsgegenstand“ und als „eines von vielen“.

Fischer und Hontschik untersuchen, wie das Verhalten von Kindern im sozialpädagogischen Alltag positiv modifiziert werden kann. Ihr Blick richtet sich hierbei konkret auf Verstärkungssysteme (Token) und Objekte mit Tauschwert (Punkte, Smileys), die erwünschte Verhaltensweisen verstärken können.

Dahmen belegt mit seinem Beitrag, dass sozialpädagogische Angebote systematisch an der Regulierung der Lebensphase beteiligt sind. Hier unterscheidet er die äußerliche Beteiligung und die von innen her. Der aktivierende Sozialstaat fungiert als ‚Erziehungsagentur‘ (im Sinne von Lessenich) und Soziale Arbeit ist mitbeteiligt an der „inneren“ Institutionalisierung des Lebenslaufes, „insofern solche Selbstbeschreibungen angeregt werden, die auf das Hervorbringen autonomer und marktfähiger Subjekte abzielen, und im Sinne einer Idee der eigenen Biographie als ‚Selbstprojekt‘ dazu anhalten, ihr Leben im Sinne einer längerfristigen Perspektivität zu planen“ (186 f.).

Teil 3: Perspektiven auf Kindheit und Jugend in der Sozialpädagogik

Haase betrachtet näher, wie Fachkräfte im Kinderschutz Kindheitsbilder konstruieren. Dabei versteht sie Kinderschutz nicht nur als tagesaktuelles Thema, „sondern als Bündel von Konzepten und organisierter Praxis zum Schutz von Kindern vor Gewalt sowohl traditionsreiche Auftragslage und Herausforderung öffentlicher Fürsorge als auch gesellschaftliche Erwartung“ (195). Der Blick der Erwachsenen auf die Kinder und da daraus resultierende Verhältnis zeigt sich als „binäre Machtrelation“, die Kinder als relevante Kronzeugen herausstellt, Diese können im positiven Fall nutzbringend kooperieren; doch im Gegenteil kann es auch zu Täuschungen kommen.

Wie Pädagoginnen in Kindertageseinrichtungen (als „Institutionen der Transition von Familie in gesellschaftliche, formalisierte Arrangements“, 211) und somit im ‚Dazwischen-Sein‘ zwischen Familie und Schule sowie zwischen Sozialpädagogik und Schulpädagogik Kindheiten verstehen und konstruieren, beschreibt Kaul.

Gaßmöller und Oelkers hinterfragen in ihrem Beitrag Intensivmaßnahmen „als machtvolle Orte zur Wiederherstellung generational strukturierter Ordnungsvorstellungen“. Sie legen anhand von empirischem Material dar, wie „Jugend(en)“ innerhalb dieser Orte der Kinder- und Jugendhilfe „entlang generationaler Ordnungs- und Machtansprüche der Erwachsenengeneration aus der Perspektive junger Menschen“ (226) dargestellt werden. Erziehung wird hierbei im Sinn folgender (Be-)deutungs-Typen betrachtet: Einschränkung, Nachteil, Sehnsucht und persönlicher Gewinn.

Mangold untersucht, wie Jugend in der stationären Jugendhilfe (Wohngruppe und Familienhilfe) ermöglicht bzw. verhindert wird. Als empirisches Material dienen ihr biographische Interviews mit sog. Care Leavers. Das sind Menschen, die in diesen Institutionen aufgewachsen sind und diese bereits verlassen haben. Die grundlegende These ihres Aufsatzes lautet, dass diese sozialpädagogische Institution „Jugend erschwert, weil sie kaum ein Idee von Jugendpädagogik hat und mit ihren Strukturen und Praktiken entweder die Herstellung von Kindheit oder des Erwachsenen-Sein fokussiert“ (241 f.).

Im letzten Beitrag dieses Kapitels vergleicht Equit die Perspektiven von Jugendleben in stationären Erziehungshilfen im Vergleich der Perspektiven von Jugendlichen und von Erwachsenen, wie es in dem DFG-Projekt „Partizipation in Organisationskulturen der Heimerziehung“ Thema war. Sie stellt fest: „Während die Jugendkonstruktionen der Fachkräfte vornehmlich mit Vorstellungen über professionelles Handeln sowie den jeweiligen Einrichtungskulturen, in denen sie agieren, verknüpft sind, beziehen sich die Jugendlichen auch über unterschiedliche Einrichtungskulturen und -konzepte hinweg auf Vorstellungen vom Jugendleben, die sie vom Alltagsleben in der Einrichtung abgrenzen“ (257).

Teil 4: Wissenschaftliche und politische Konzeptionen

Kluge widmet sich in seinem Beitrag „Kindheit“ in Theorien institutioneller Kleinkinderziehung und fragt hierbei „nach den Implikationen für eine sozialpädagogische Theorie der Kindheit, die sich aus einem Blick in Konzepte ergeben, die in der Pädagogik der frühen Kindheit zu finden sind. Genauer geht es um Theorien der institutionellen Kindererziehung und -betreuung und die Bedeutung, die ‚Kindheit‘ darin spielt“ (275).

Fachpolitische Dokumente sind Gegenstand der Untersuchung von Koch, die analysiert, wie sich darin die „Politiken der Objektivierungen von Kindern und Kindheit im Zusammenhang mit den Aufgaben Bildung, Erziehung und Betreuung abbilden“ (301). Sie arbeitet heraus, „dass Betreuung und Erziehung zwar tragende und bedeutsame frühpädagogische Konzepte und Aufgaben sind, diese aber zunehmend als Bildung umgeschrieben werden und damit in den Hintergrund treten“ (ebd., Hervorhebung im Original).

Chehata widmet sich schließlich dem Aspekte der (linguistischen) Subjektpositionierung von „der Jugend“ am Beispiel des Rahmens für die jugendpolitische Zusammenarbeit in Europa (EU-Jugendstrategie, 2010–18). Dabei konzentriert sie sich auf die Ebene der Politiken von Bildung und Erziehung.

Diskussion

Das Buch ist ein klassischer Sammelband von Aufsätzen, die im Auftrag einer Tagung entstanden sind. Auffallend ist der Anteil von allgemein erziehungswissenschaftlichen etablierten Autorinnen, die sich hier dem Thema Sozialpädagogik widmen. Der Band wirkt insgesamt sehr theorielastig. Das soll heißen: Für praktizierende Soziale gibt es kaum Anregungen für den sozialpädagogischen Alltag.

Es sammeln sich unter einer großen Überschrift, die zumindest beim Rezensenten einen völlig anderen Inhalt suggerierten, theoretische, empirische und methodologische Überlegungen, die zwar Kapitelüberschriften zugeteilt sind, sich dann aber doch über die Kapitelsortierungen hinweg inhaltlich überschneiden.

Der Erkenntnisgewinn der Beiträge ist jeweils sehr unterschiedlich. So werden einerseits alte Forschungsergebnisse unter aktueller Überschrift neu geordnet (z.B. im Beitrag von Scherr, der aber inhaltlich wohl noch der interessanteste Text für Soziale ist). In den meisten Aufsätzen erörtern Nachwuchswissenschaftler*innen themenrelevante Aspekte im Lichte des Publikationsanlasses. Darunter finden sich je nach Interesse des Lesenden interessante Überlegungen und neuartige Erörterungen. Gleichwohl wird auch subjektiven Mutmaßung Raum geboten, wenn zum Beispiel Ritter (66) den Einfluss bestimmter Publikationen „in der Sozialpädagogik“ als richtungsweisend mutmaßt, ohne hier konkrete Belege zu liefern. 

Beachtenswert ist der Einführungsteil der beiden Herausgeberinnen, die den enormen Fundus an Literatur zum Themenfeld durchsortieren. Leider bleiben die Darstellungen in einer schwer lesbaren Textwüste stecken. Die Aufarbeitung dieser sehr gut zusammengestellten Aufzählungen wäre in Form von Tabellen oder Grafiken sehr viel lesbarer und so für die didaktische Weiterreichung brauchbarer gewesen.

Fazit

Der Band bietet den an Kindheits- und Jugendforschung interessierte LeserInnen beachtenswerte Einblicke in theoretische und methodologische Diskurse und Überlegungen. Lesenswert ist er am ehesten für Studierende und in diesem Kontext Forschende oder Lehrende.


Rezension von
Prof. Dr. René Börrnert
Prof. Dr. phil., Diplom-Pädagoge (Sozialarbeitswissenschaft), Fachhochschule des Mittelstands (Rostock)
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Zitiervorschlag
René Börrnert. Rezension vom 19.05.2021 zu: Bettina Ritter, Friederike Schmidt (Hrsg.): Sozialpädagogische Kindheiten und Jugenden. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6061-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27594.php, Datum des Zugriffs 28.09.2021.


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