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Ina Slotta: Autismus

Cover Ina Slotta: Autismus. Der nicht gelungene Umgang mit Verschiedenheit. Verlag Rad und Soziales (Hannover) 2020. 160 Seiten. ISBN 978-3-945668-62-7. D: 14,95 EUR, A: 14,95 EUR, CH: 16,00 sFr.
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Thema

Das Buch ist ein vielschichtiger Ausflug in die Erlebniswelt von eher schwer betroffenen Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben. Nicht sprechen zu können heißt nicht, nichts zu sagen zu haben. Früher wurden nicht sprechende Menschen in der Regel als geistig behindert abgestempelt – ohne auf Fördermöglichkeiten und Veränderungen zu achten. Gerade Dietmar Zöller und Katja Rohde wurden erst spät als ausgesprochen intelligent erkannt. Beide, genauso wie Gunilla Gerland, haben sich später in Büchern ausgedrückt, die die Autorin am Ende des Buches als Beispiele ausführlich würdigt und bespricht. Sie erläutert dabei zahlreiche Theorien, die sie zu Beginn des Buches bereits vorstellt.

AutorIn oder HerausgeberIn

Ina Slotta arbeitet als Sonderschullehrerin in einer Förderschule in Thüringen, zudem hat sie eine Ausbildung in systemisch-konstruktivistischer Gesprächsmoderation, zudem ist sie in der Beratergruppe MoMo, ein Moderationsmodell mit Angeboten zur Beratung, Reflexion und externer Gesprächsmoderation für den Sonderschulbereich aktiv. Slotta ist Gründungsmitglied der „Deutschen Gesellschaft für systemische Pädagogik“.

Entstehungshintergrund

Die Autorin Ina Slotta veröffentlichte 2002 die erste Auflage des Buches im Verlag modernes lernen, nun 18 Jahre später erscheint eine Neuauflage im Verlag Rad und Soziales von Michael Schmitz. Michael Schmitz selber ist Herausgeber des Buches „Alles über Autismus“ -mittlerweile in 2. Auflage erschienen- ist. In seinem Buch stellt er Bücher, Magazine, Rezensionen, Filme und Blogs auf 180 Seiten in alphabetischer Reihenfolge zusammen und lädt zum Blättern und Entdecken ein.

Aufbau

Das Buch von Ina Slotta ist in dieser Neuauflage im DIN A 5 Softcover Format erschienen und hat einen Umfang von 160 Seiten, die sich auf sechs Kapitel plus Ausblick und Literaturverzeichnis aufteilen. Die Erläuterungen im Fließtext werden durch zahlreiche Fallvignetten ergänzt, diese heben sich dadurch ab, dass sie eingeschoben sind. Auch die Fußnoten sind an der jeweiligen Stelle eingearbeitet, was Mühsames hin- und her blättern überflüssig macht.

  1. Einleitung
  2. Autismus
  3. Modelle der Selbstorganisation
  4. Wahrnehmung
  5. Autistische Verhaltensweisen verstehen: Von der Notwendigkeit und den Schwierigkeiten des Dialogs
  6. Die Perspektive der Betroffenen

Inhalt

Die Einleitung skizziert die Intention des Buches. Ausgangspunkt ist die Erklärung eines systemisch-konstruktivistischen Grundverständnisses, das das beobachtete Verhalten in den Rahmen sozialer Interaktion stellt. Dazu gehören auch die Grundannahmen, dass die Wirklichkeit selbst konstruiert ist und es keine von einem Beobachtenden unabhängige Realität gibt. Mit dieser Haltung hinterfragt Slotta die Nützlichkeit des medizinisch-psychiatrischen Denkens in der Autismusforschung und stellt dieser Forschung ihre Haltung gegenüber: „Systemisch-konstruktivistische Grundannahmen verlagern die Störung nicht in die Person, sondern betrachten sie im Zusammenspiel mit kontextuellen Bedingungen und den Spielregeln, die sich in einem Problemsystem etablieren.“ (S. 10)

An dieses Grundverständnis schließt sich in Kapitel zwei eine Annäherung an die Frage „was ist Autismus?“ an. An 10 Beispielen von Menschen, bei denen Autismus diagnostiziert wurde, zeigt die Autorin auf, wie breit gefächert das Erscheinungsbild ist. 1911 wurde der Begriff Autismus von Bleuler geprägt, seitdem gibt es zahlreiche Erklärungsmodelle. Die medizinisch-psychiatrische Sichtweise bewertet Autismus als Defizit, krankhaft und anormal. Es gibt aber auch andere Sichtweisen. Zitiert wird Renate Walthes die davon ausgeht, „dass Behinderung eine sozial konstruierte, kontextabhängige Kategorie ist, die nicht die Eigenschaft einer Person kennzeichnet, sondern immer im nicht gelungenen Umgang mit Verschiedenheit entsteht.“ (S. 25)

Modelle der Selbstorganisation bespricht das dritte Kapitel. Es beginnt mit der Entstehung des Selbstorganisationsbegriffs, die Argumentation verläuft über kybernetische Modelle (von Förster) hin zur Organisation des Lebendigen – der Autopoiese (Maturana) und den sog. dissipativen Strukturen (Prigogine), daran schließen sich Schlussfolgerungen an. Auf Grundlage dieser Modelle lassen sich Faktoren zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Störung beschreiben und es wird abgeleitet, wodurch Veränderungen herbeigeführt werden können.

Das vierte Kapitel ist der Wahrnehmung gewidmet. Wahrnehmung wird nicht nur als „hochkomplexer individueller Prozess der neuronalen Verarbeitung“ verstanden, sondern ist „ein Akt der Bedeutungsstiftung, der durch Erfahrungen und Emotionen strukturiert und koordiniert ist“ (S. 11). Vorgestellt werden verschiedene Ansätze wie der von Maturana/​Varela zur kreisförmigen Geschlossenheit des Nervensystems, Heinz von Foerster entwickelte das Prinzip der undifferenzierten Kodierung, Gerhard Roth die sog. neurobiologische Präzisierungen, die er in drei Beziehungszusammenhänge stellt.

  1. in Bezug auf das Gehirn als selbstreferenzielles, selbstexplikatives, nicht-autopoietisches System,
  2. in Bezug auf die Wirklichkeit als Konstrukt des Gehirns sowie
  3. in Bezug auf die Wahrnehmung und Erfahrung.

Das Kapitel schließt mit dem Abschnitt der Wahrnehmungsverarbeitung und Autismus, stellt die Frage, ob Autismus eher eine Wahrnehmungsverarbeitungsstörung ist oder eine dysjunktive Wahrnehmung zugrunde liegt. Dieser Begriff wird von Feuser benutzt, um zu beschreiben, dass nicht einzelne perzeptive Tätigkeiten gestört sind, sondern die zeitliche Koordination nicht vorhanden ist und Signale aus verschiedenen Sinnesbereichen asynchron verarbeitet werden.

Auf diesen Grundlagen gilt es aus zwei Perspektiven autistische Verhaltensweisen zu verstehen: zum einen aus der Notwendigkeit des Dialogs und zum anderen aus den Schwierigkeiten des Dialogs. Die Autorin spricht in diesem Zusammenhang von dem Menschsein als „In-der-Sprache-Sein“, von dem Bedürfnis nach Orientiertheit und Sicherheit und von gescheiterten Dialogen.

Das Buch schließt im sechsten Kapitel mit Perspektiven der Betroffenen. Zu Wort kommen u.a. Dietmar Zöller, Katja Rohde und Gunilla Gerland.

Diskussion

Das Buch möchte für einen verstehenden Zugang sensibilisieren, eine Haltung etablieren, die Unterschiede als wertvoll betrachtet und als Ressource anerkennt. Es ist der Einstieg in einen dialogischen Prozess, in dem Erfahrungen von Betroffenen mit Erkenntnissen von Expertinnen und Experten miteinander verbunden werden. Slotta beginnt in dieser Neuauflage wieder mit der Geschichte zum Erscheinungsbild Autismus. 1911 prägte Bleuler den Begriff, seitdem gibt es zahlreiche Erklärungsmodelle. Die medizinisch-psychiatrische Sichtweise bewertet Autismus als defizitär, krankhaft und anormal. Georg Feuser kritisiert diese einseitige Sichtweise, weil mit der Beschreibung „autistischer Mensch“ der Mitmensch verloren gehe (S. 24). Forschungen zum Autismus Spektrum befinden sich zunehmend in einem Veränderungsprozess, das wirkt in verschiedene Fachbereiche u.a. in die Sonderpädagogik. Mittlerweile sind Menschen, die von Autismus betroffen sind, an Forschungsprojekten beteiligt sind und sie mischen sich mit ihren Sichtweisen ein. Dadurch geraten scheinbar gesicherte Annahmen von Expert*innen ins Wanken und nicht selten stellen diese sich als Fehlinterpretationen heraus.

Ein Beispiel dafür ist die seit 2007 bestehende Autismus-Forschungs-Kooperation (AFK), ein Zusammenschluss von autistischen Menschen und Autismus-Wissenschaftler*innen an der Humboldt-Universität zu Berlin. Gemeinsam werden Fragen, die aus der Perspektive autistischer Erwachsener relevant sind, erforscht. Zudem werden Materialien erstellt, die zum download auf der Internetseite zur Verfügung gestellt werden, um eine bessere Aufklärung zum Erscheinungsbild Autismus Spektrum zu unterstützen. https://www.autismus-forschungs-kooperation.de/. Dort findet man u.a. Flyer zu Autisten im Jobcenter, Autisten in der Schule und Studium sowie Autisten beim Hausarzt.

2002 erschien die erste Auflage von Slottas Buch, 2020 liegt nun dieses Buch in etwas verkürzter Fassung vor. Die Struktur des ersten Buches und die Kapitelüberschriften sind geblieben, nur das letzte Kapitel „Autismus- Verschiedenheit verstehen lernen“ von Christiane Jakob ist nicht mehr vorhanden, aus meiner Sicht bedauerlich, da die Autorin Christiane Jakob in der Auseinandersetzung mit namenhaften Autorinnen und Autoren einen Ausblick darauf gibt, wie Förderung und Begleitung zu verändern ist – ihre Aussagen sind immer noch aktuell.

In den 18 Jahren zwischen der ersten Auflage und heute ist viel passiert. Die Unterscheidung vom frühkindlichem Kanner Autismus und Asperger Autismus wurde aufgegeben und es wird der von der Psychiaterin Lorna Wing geprägte Begriff des autistischen Spektrums verwendet. Slottas Beitrag ist sehr wichtig, er zeigt, Menschen sind nicht so, wie es zu sein scheint. Schlussfolgerungen werden immer von Beobachtenden gemacht, die Wirklichkeit ist selbst konstruiert und es keine von einem Beobachtenden unabhängige Realität. Als Beispiel nenne ich in diesem Zusammenhang gerne Temple Grandin, die als Kind die Zuschreibung „Kanner Autismus“ bekam. Dem Kanner-Autismus wurde eine Intelligenzminderung zugeschrieben. Heute weiß man, dass 50 % der Betroffenen Komorbiditäten in Bezug auf die Kognition, Sprache und Motorik aufweisen. Grandin ist mittlerweile Professorin für Viehwissenschaft und hat einen IQ von 160.

Neben zahlreichen Fachbüchern haben auch viele Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, Bücher veröffentlicht. Da ist zum Beispiel Dr. Peter Schmidt, der mit über 40 die Diagnose Autismus bekam. Er schrieb mehrere Bücher z.B. eins über seine Kindheit und Jugend („Der Junge vom Saturn“), dann darüber wie er seine Frau kennenlernte und eine Familie gründete („Ein Kaktus zum Valentinstag“) und ein Buch über seine beruflichen Werdegang („Kein Anschluss unter diesem Kollegen“). Für alle drei Bücher liegen bei www.socialnet.de Rezensionen vor.

Fazit

Das Buch ist ein vielschichtiger Ausflug in die Erlebniswelten von eher schwer betroffenen Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben. Nicht sprechen zu können heißt nicht, nichts zu sagen zu haben. Früher wurden nicht sprechende Menschen in der Regel als geistig behindert abgestempelt – ohne auf Fördermöglichkeiten und Veränderungen zu achten. Gerade Dietmar Zöller und Katja Rohde wurden erst spät als ausgesprochen intelligent erkannt. Beide, genauso wie Gunilla Gerland, haben sich später in Büchern ausgedrückt, die die Autorin am Ende des Buches als Beispiele ausführlich würdigt und bespricht. Sie erläutert dabei zahlreiche Theorien, die sie zu Beginn des Buches bereits vorstellt. Es ist sehr zu begrüßen, dass das Buch von Slotta aus dem Jahr 2002 in 2020 erneut aufgelegt wurde, denn ihre Aussage ist immer noch aktuell: Es braucht neben dem medizinisch-psychiatrischen Denken in der Autismusforschung eine weitere Haltung, die nicht einseitig symptomatisch schlussfolgert, sondern gemäß systemisch-konstruktivistischen Grundannahmen die Schwierigkeiten und Herausforderungen nicht in die betroffene Person verlagert, sondern sie im Zusammenspiel mit kontextuellen Bedingungen und den Spielregeln, die sich in einem Problemsystem etablieren, betrachtet. Es braucht Fachmenschen wie Ina Slotta und Renate Walthes mit der Haltung, „dass Behinderung eine sozial konstruierte, kontextabhängige Kategorie ist, die nicht die Eigenschaft einer Person kennzeichnet, sondern immer im nicht gelungenen Umgang mit Verschiedenheit entsteht“. Dieser Grundhaltung kann ich mich vollumfänglich anschließen, gerade unter der Perspektive einer inklusiven Gesellschaft, in der alle Menschen selbstverständlich dazugehören, verbunden mit der Möglichkeit der uneingeschränkten Teilhabe in allen Bereichen menschlichen Lebens.


Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 25.02.2021 zu: Ina Slotta: Autismus. Der nicht gelungene Umgang mit Verschiedenheit. Verlag Rad und Soziales (Hannover) 2020. ISBN 978-3-945668-62-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27601.php, Datum des Zugriffs 25.10.2021.


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