socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Matthias Gockel, Oliver Kobold: Sterbehilfe

Cover Matthias Gockel, Oliver Kobold: Sterbehilfe. Piper Verlag GmbH (München) 2020. 128 Seiten. ISBN 978-3-492-31720-7. D: 10,00 EUR, A: 10,30 EUR, CH: 13,90 sFr.

Reihe: 33 Fragen – 33 Antworten - 7. In Beziehung stehende Ressourcen: ISBN: 9783492315784; 9783492315890; 9783492316187; 9783492316194; 9783492316774; 9783492317399; 9783492317405.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die Themen Sterbehilfe, Suizid und assistierter Suizid wurden in der Literatur öfters behandelt (zum Beispiel Borasio 2014, de Ridder 2017a und 2017 b, Giger-Bütler 2018) Dabei handelt es sich aber meist um Literatur, die vor der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes zum assistierten Suizid erschienen ist. Diese Entscheidung wird wahrscheinlich die Situation grundlegend verändern, was in naher Zukunft Gegenstand von Diskussionen sein wird.

Autor

Dr. med. Matthias Gockel ist Internist und leitender Oberarzt für Palliativmedizin in einer Klinik in Berlin.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in eine kurze Einleitung und 33 kurze Kapitel mit einer Frage und Antworten. Dies entspricht einem Format einer Buchreihe des Verlages.

Im ersten Kapitel wird der Begriff Sterbehilfe behandelt. Eingegangen wird auf den Vorschlag des Deutschen Ethikrates, den Begriff „aktive Sterbehilfe“ durch „Tötung auf Verlangen“ den Begriff „passive Sterbehilfe“ durch „Sterbenlassen“ und den Begriff „indirekte Sterbehilfe“ durch „Therapien am Lebensende“ zu ersetzen aufgegriffen (S. 12): Sehr überzeugend findet der Rezensent diesen Vorschlag nicht, weil er einigen moralischen und ethischen Fragen ausweicht. Ist zum Beispiel der „assistierte Suizid“ schon „Tötung auf Verlangen“? Ein Angehöriger oder ein Arzt wird ja aktiv. Ist das Abschalten einer Magensonde „Sterben lassen“?

Im zweiten Kapitel wird die Frage behandelt, ob aktive Sterbehilfe in Deutschland verboten bleiben soll. Der Autor befürwortet ein Verbot der Tötung auf Verlangen. Ein Argument ist, dass die Tötung auf Verlangen nicht erforderlich sei, wenn der assistierte Suizid straffrei bleibe (S. 15). Bei Bewusstlosen verweist er auf die Patientenverfügung, in der man künstliche Ernährung und Flüssigkeitszufuhr ablehnen könne. Der Rezensent sieht hier eine Lücke, denn es dauert schon mehrere Tage, bis ein Patient wegen Flüssigkeitsmangel stirbt. Solche Fälle dürften jedoch eher selten sein und ob der Patient in dieser Situation eine Tötung verlangen würde, ist nicht sicher.

Mit der Praxis in den Benelux-Ländern setzt sich der Autor im dritten Kapitel auseinander. Begonnen wird mit einer gerichtlichen Entscheidung in den Niederlanden. Einer 74jährigen demenzkranken Frau wurde Sterbehilfe geleistet, weil sie das in einem frühen Stadium der Erkrankung verfügt hatte. Hier fragt sich der Rezensent, was es für Demenzkranke in einem frühen Stadium bedeuten würde, wenn sie davon ausgehen müssen, dass ihr Wille nicht mehr akzeptiert wird, wenn sie nicht mehr geschäftsfähig sind. Das könnte ein Anreiz sein, sich früher zu töten. Der Autor befürchtet u.a., dass die Tötung auf Verlangen zur normalen präferierten Todesart werde.

Um das „Zulassen“ des Sterbens geht es im vierten Kapitel. Behandelt wird die Frage der Indikation bei der Versorgung am Lebensende. Bestimmte Therapien könnten nicht mehr indiziert sein. Die Frage könne aber unter Ärzten auch strittig sein kann. Eingegangen wird dann auch auf Situationen, in denen der Patient Behandlungen ablehnt, die der Arzt für möglich und geboten hält.

Das Kapitel 5 beginnt mit einer ausführlichen Fallgeschichte die mit einer Entscheidung des BGH endete. Es geht um die Beendigung der künstlichen Ernährung einer Frau im Wachkoma durch die Tochter auf Anraten ihres Anwaltes gegen den Willen des Pflegeheimes. Die Beendigung habe jedoch dem Willen der Patientin entsprochen. Der Rezensent fragt sich hier auch nach den finanziellen Interessen des Heimes in dieser Geschichte (vgl. Thöns 2016) Eingegangen wird auf das Thema Behandlungsabbruch durch passives Unterlassen oder aktives Tun.

Um „indirekte Sterbehilfe“ geht es im Kapitel 6. Gemeint ist, dass man mit der Vergabe von Medikamenten tödliche Nebenwirkungen in Kauf nimmt, die aber nicht beabsichtigt sind. Der Autor verweist darauf, dass in den meisten Fällen die Schmerzmittel so dosiert werden könnten, dass eine tödliche Nebenwirkung unwahrscheinlich sei. Studien würden zeigen, dass fachgerechte Schmerztherapien sich nicht lebensverkürzend auswirkten, sondern eher lebensverlängernd. Aber von außen betrachtet ließe sich kaum feststellen, ob ein hochdosiertes Medikament zur Schmerzlinderung oder zur Tötung eingesetzt werden (S. 32). Nach Ansicht des Rezensenten ist daher eine getarnte „Tötung auf Verlangen“ durch einen Arzt kaum nachweisbar.

In Kapitel 7 werden die Rechtslage und die Praxis zum assistierten Suizid behandelt. Der assistierte Suizid war straffrei, aber von einigen Landesärztekammern den Ärzten verboten. Eingegangen wird auf die „Garantenpflicht“ und die Praxis des Sterbehilfevereins von Roger Kusch. Behandelt werden auch die Kommerzialisierung dieser Sterbehilfe und die unterschiedlichen Diagnosen der Männer und Frauen, denen bei der Selbsttötung geholfen wurde.

Auf den § 217 StGB und seine Auswirkungen auf die ärztliche Praxis wird im Kapitel 7 eingegangen. Der Autor meint, dass das Thema assistierter Suizid nur eine Minderheit betreffe. Der Rezensent bezweifelt dies. Zwar mag die Zahl der durchgeführten assistiert Suizide gering sein. Dennoch kann das Wissen, dass einem notfalls beim Suizid geholfen wird, beruhigend sein. Da der Begriff „geschäftsmäßig“ nicht nur kommerzielle Sterbehilfe umfasst, entstand eine große Unsicherheit unter Ärzten und Patienten zur Frage, was noch erlaubt und was strafbar war.

Das 9. Kapitel behandelt dann das Thema Erwerb tödlicher Medikamente in extremen Notlagen. Dargestellt wird der Fall von Bettina Koch, der ein solches Medikament verwehrt wurde. Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshof (EuGH) und des Bundesverwaltungsgerichtes bekam sie 12 Jahre nach ihrem Tod Recht. Die Gesundheitsminister Gröhe und Spahn weigerten sich jedoch, nach dieser Rechtsprechung zu verfahren.

Es folgt mit Kapitel 10 eine Diskussion zum Urteil des Bundesverfassungsgerichtes. Das Kapitel hätte nach Meinung des Rezensenten etwas ausführlicher sein können, denn das Urteil dürfte zu großen Veränderungen führen.

Die Praxis der Sterbehilfe in der Schweiz wird in Kapitel 11 behandelt. Es handelt sich um ein relativ komplexes Verfahren, das ca. drei Monate dauert und relativ teuer ist (7000 €).

Es folgt mit Kapitel 12 ein kurzer Bericht über die Rechtlage und Praxis im US Staat Oregon. Auch die Praxis in Oregon ist relativ restriktiv, sie betrifft nur Patientinnen und Patienten, die in Deutschland auch die Kriterien für die Aufnahme in ein stationäres Hospiz erfüllen würden. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts geht weit darüber hinaus. Festgestellt wurde, dass das Motiv, der Umwelt nicht zur Last zu fallen, keine große Bedeutung hat. Ein Drittel der Patientinnen und Patienten nimmt später das verschriebene Medikament nicht ein. Wichtig sei das Wissen, „notfalls die Reißleineziehen zu können“ (S. 55).

Möglichkeiten einer staatlich organisierten Suizidhilfe werden dann im 13. Kapitel diskutiert. Hierbei geht es vor allem um die Einführung einer verpflichtenden Beratung. Der Autor befürchtet, dass politische Kräfte auf der Verfahrensebene Einfluss nehmen könnten und fordert für die Beratung einen „minimalen Ideologieanteil“(S. 57). Auch empfiehlt er Entscheidungen eines Teams. Hier sieht der Rezensent Probleme mit der Schweigepflicht. Die Entscheidung zum Suizid ist eine zutiefst persönliche Entscheidung mit körperlichen, sozialen, psychischen und spirituellen Aspekten. Die Einhaltung der Schweigepflicht ist daher unerlässlich. Eingegangen wird auch auf Menschen mit psychischen Erkrankungen. Nach Ansicht des Rezensenten wird viel davon abhängen, ob die gesetzliche Regelung auch tatsächlich dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes entspricht. Sonst könnte es zu weiteren Urteilen kommen. Giger-Bütler (2018, S. 213 ff.) warnt davor, im Gespräch suizidale Menschen unter Druck zu setzen, damit sie ihren Suizidwunsch aufgeben und verlangt Verständnis für einen „selbstbestimmten Weg aus dem Leben“. Suizidwillige würden schnell merken, ob man sie ernst nimmt.

Das Kapitel 14 befasst sich mit der Frage, inwieweit Ärzte gute Sterbehelfer sein könnten. Einerseits verfügten sie über das erforderliche Fachwissen. Andererseits könnte die ärztliche Grundhaltung, um jeden Preis Leben zu retten, der Sterbehilfe widersprechen. Der Autor diskutiert verschiedene Motive, die eine offene Haltung von Ärzten gegenüber sterbenden Patienten behindern. Hierzu gehören die Abwehr eigener Ängste, die Vermeidung zeitintensiver Gespräche und finanzielle Anreize im Gesundheitswesen. Bestimmte Therapien könnten für das Krankenhaus lukrativ sein, dem Patienten aber nicht mehr helfen (vgl. hierzu auch Thöns 2016). Der Rezensent möchte hierzu anmerken, dass dies nicht nur Ärzte als Sterbehelfer betrifft, sondern auch Ärzte als Palliativmediziner. Fehlende Offenheit kann das Vertrauen in den Arzt stören (vgl. Glaser und Strauss 1965 zur Interaktion mit Sterbenden).

Im 15. Kapitel setzt sich der Autor mit der These von Thomas Sitte auseinander, durch das Urteil könne bald „Sterben zur Pflicht“ werden. Befürchtet werden eine Entsolidarisierung der Gesellschaft und ein entsprechender Druck auf Alte und Kranke. Der Autor sieht diese Gefahr nicht und begründet dies. Nach Ansicht des Rezensenten gibt es auch eine andere Form von Entsolidarisierung durch teilweise menschenunwürdige Zustände in einigen Pflegeheimen (vgl. Rieger 2017, Ohlerth und Wittig 2019).

In Kapitel 16 wird die Frage behandelt, wie die Gesellschaft mit dem Urteil umgehen will. Ausgangspunkt ist ein Kommentar des Journalisten und Juristen Heribert Prantl zum Urteil. Prantl fragt nach dem Zusammenhang zwischen Recht auf Sterben und Recht aus menschenwürdigen Leben. Letzteres ist von bestimmten Lebensbedingungen abhängig, die eine Gesellschaft bestimmten Gruppen ermöglichen könnte oder auch nicht ermöglicht. Der Autor fordert dazu auf, sich vorzustellen, viele Pflegeheimbewohnerinnen würden das Recht auf assistierten Suizid einfordern, weil sie ihre Lebensbedingungen nicht mehr akzeptieren wollen. Für die Gesellschaft stellt sich dann die Frage, ob sie bereit ist, diese Lebensbedingungen zu verbessern.

In Kapitel 17 wird die Einrichtung eines „Sterbehauses“ als eine Form der staatlich organisierten Sterbehilfe vorgestellt und diskutiert. In diesen Organisationen würden suizidale Menschen von einem Professionellen oder einem multi-professionellen Team beraten. Die Sterbehilfevereine könnten durch eine solche Institution überflüssig werden. Möglich sei, dass eine solche Organisation für manche Suizidwillige eine zu große Hürde sei. Der Rezensent bezweifelt, dass diese Lösung dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes entspräche, da sie sehr komplex und aufwändig wäre. Ob man zum Beispiel einer suizidwilligen Patientin mit einer Krebserkrankung im Endstadium eine solche Prozedur zumuten sollte, ist mehr als fraglich. Der Rezensent sieht die Gefahr einer Rückkehr zu einer paternalistischen Medizin.

In Kapitel 18 wird die Palliativmedizin kurz vorgestellt. Lesern, die sich gründlicher dazu informieren wollen, würde der Rezensent weiterführende Literatur (z.B. Borasio 2014) empfehlen.

Die Frage, ob die Palliativmedizin den assistierten Suizid überflüssig machen könne, wird vom Autor verneint (Kapitel 19). Er begründet dies u.a. damit, dass die Palliativmedizin nur für Patienten mit lebensbedrohlichen Erkrankungen in einem fortgeschrittenen Stadium zuständig sei, für Patienten mit anderen schweren Erkrankungen dagegen nicht. Auch habe der Patient nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts das Recht, sich gegen Behandlungsalternativen zum assistierten Suizid zu entscheiden. In bestimmten Fällen könne man Palliativpatienten eine Alternative anbieten. Dazu wird ein Beispiel dargestellt.

Um die Frage, ob die Palliativmedizin frühzeitig hinzugezogen werden solle, geht es im Kapitel 20. Berichtet wird von einer amerikanischen Studie zu Patienten mit fortgeschrittenem Lungenkarzinom. Danach hatten Patienten, bei denen die Palliativmedizin frühzeitig hinzugezogen wurde, eine bessere Lebensqualität, ihre Symptome würden besser kontrolliert und sie hätten eine höhere Lebenserwartung. Dabei ging es jedoch um Patienten mit einer schlechten Prognose. Für den Rezensenten stellt sich die Frage, ob dies auch für Patienten mit besserer Prognose gilt. Bereits bei der Diagnose „Krebs“ sind Patienten mit der Frage konfrontiert, ob sie die Krankheit überleben werden. Bei einigen Patientinnen gibt es aber noch eine berechtigte Hoffnung auf Heilung. Eingegangen wird in diesem Kapitel auch auf Probleme der palliativen Versorgung, die sich aus den betriebswirtschaftlichen Zielen der Krankenhäuser ergeben. Hierzu gehört die Fallpauschale auf Palliativstationen.

Im Kapitel 21 geht es um die palliative Sedierung. In 90 % der Fälle ließen sich die Symptome relativ gut kontrollieren. In anderen Fällen sei eine Bewusstseinsdämpfung möglich, die palliative Sedierung genannt werde. Die Patienten würden die Belastungen in der Zeit nicht mehr spüren. Unterschieden wird die temporäre palliative Sedierung, bei der die Patienten zeitweise wieder wach werden, und die terminale Sedierung, bei der der Patient nicht wieder aufwacht. Der Tod trete dann nicht schneller ein als ohne Sedierung. Der Autor stellt aber fest. „Trotzdem lässt sich die Ähnlichkeit, die eine erlaubte terminale Sedierung rein äußerlich mit einer verbotenen Tötung auf Verlangen verbindet nicht von der Hand weisen“ (S. 85) Der Autor problematisiert, dass in einigen dieser Fälle Infusionen angehängt würde, die wiederum das Leben verlängern könnten.

In Kapitel 22 geht es Ernährung und Flüssigkeitszufuhr bei Sterbenden. Sterbende hätten häufig keinen Appetit mehr. Es gehe weniger um die Nahrungszufuhr als um die Nahrungsverwertung im Körper. Der Autor weist auf Gefahren und problematische Nebenwirkungen der Ernährung durch Magensonden und künstliche Flüssigkeitszufuhr bei Sterbenden hin. „Der Mensch am Ende stirbt nicht, weil er nichts mehr isst und trinkt. Er isst und trinkt nichts mehr, weil er stirbt“ (S. 88).

In Kapitel 23 wird die Frage behandelt, ob es sich bei dem Sterbefasten um eine Form des Suizids handelt. Vor dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes war die Frage problematisch, weil sich dann die Frage stellte, ob Organisationen wie Pflegeheime oder Ärzte dann nicht auch wegen geschäftsmäßiger Assistenz bestraft werden könnten (vgl. auch de Ridder 2017 b, S. 13) Durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes seien diese Bedenken hinfällig geworden. Der Autor geht davon aus, dass sich die Zahl der Suizide durch Sterbefasten verringern wird, weil man jetzt einen einfacheren Weg wählen könne.

In Kapitel 24 geht um die Frage, ob man die letzte Stunde seines Lebens selber bestimmen kann. Beim Suizid bzw. assistierten Suizid ist das natürlich möglich. Anders ist dies bei Sterbenden, die sich nicht für den Suizid entscheiden. Eine belastbare Vorhersage sei häufig nur 48 bis 24 Stunden vor dem Tod möglich. Sterbende würden aber häufiger schon vorher den Zeitpunkt ihres Todes erahnen. Wichtig ist die Frage auch für die Angehörigen, die Abschied nehmen wollen. Manche Angehörige sind anwesend, wenn der Patient stirbt. Manche Patienten sterben gerade dann, wenn die Angehörigen für kurze Zeit das Zimmer verlassen haben.

Die Frage, ob es genügend Plätze in Hospizen gibt, wird in Kapitel 25 diskutiert. Dafür spreche, dass jeder zweite angemeldete Patient versterbe, bevor er einen Platz bekomme. Andererseits gäbe es wirtschaftliche Überlegungen, die dagegen sprechen. Es gebe Monate, in denen es freie Plätze gebe und Monate, in denen nicht alle Angemeldeten aufgenommen werden könnten.Nach Ansicht des Rezensenten wird hier zu stark vom gegenwärtigen Finanzierungsmodell gedacht. Möglich wären zum Beispiel auch, Plätze, die vorübergehend frei sind, für die Kurzzeitpflege zu nutzen. Eingegangen wird auf die relativ strengen Kriterien für die Aufnahme in ein Hospiz. Der überwiegende Teil der Menschen sterbe in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder zuhause. Eine Versorgung von mehr Sterbenden in Hospizen würde, so der Autor, viele Milliarden Euro kosten. Der Autor diskutiert die Frage, ob man die Pflegeeinrichtungen näher an den Hospizstandard heranrücken könne. Der Rezensent meint, es wäre schon hilfreich, die Lebensbedingungen in vielen Heimen menschenwürdiger zu gestalten (vgl. Rieger 2017, Ohlerth und Wittig 2019) Die durchschnittliche Verweildauer in Pflegeheimen ist ziemlich gering, so dass die Heime immer mehr zu Organisationen zum Sterben werden (vgl. Winter 2008).

Die Frage, warum wir uns mit dem eigenen Sterben auseinandersetzen sollten, wird in Kapitel 26 diskutiert. Der Autor vertritt die Auffassung, dass bis ins mittlere Lebensalter hinein der eigene Tod ein Tabu bleibe. Er skizziert die Theorie von Greenberg und anderen, wonach zwei Mechanismen eingesetzt werden, dass Problem der eigenen Sterblichkeit auszublenden. Der Rezensent ist hier skeptisch. Man liest oder hört zu häufig in Büchern, Medien und Alltagsgesprächen dass der Tod ein Tabu sei. Ab Anfang 60 kann man dem Thema nicht mehr ausweichen. Die Frage ist nur, wie tief man sich damit befasst.

In Kapitel 27 geht es dann um die Beziehungen zwischen den Angehörigen und den Sterbenden. Eine Frage ist dabei, wie offen Angehörige und Sterbende über den bevorstehenden Tod sprechen. Diese Frage wurde auch schon von Glaser und Strauss untersucht (Glaser; Strauss 1965). Die Untersuchungen stammen aus einer Zeit, als auch noch die Ärzte Patienten verschwiegen, dass sie wahrscheinlich bald sterben würden. Weil es ganz unterschiedliche Familienkonstellationen gibt, ist die Fragestellung relativ komplex. Auch antizipierende Trauerbegleitung mit Angehörigen kann dann sinnvoll sein (vgl. Brathuhn; Adelt 2015 S. 68 ff.).

Um die Patientenverfügung geht es dann in Kapitel 28. Sie gilt für den Fall, dass der Patient in mehr in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen und diese mitzuteilen. Das deutsche Patientenverfügungsgesetz wird als liberal und autonomieorientiert charakterisiert. Leserinnen und Leser, die sich detaillierter informieren wollen, empfiehlt der Rezensent den Leitfaden von de Ridder (2017a).

In Kapitel 29 wird dann die Patientenvollmacht behandelt. Darin wird eine Person bevollmächtigt, in Namen des Patienten über die weitere Behandlung zu entscheiden, wenn der Patient dazu nicht mehr in der Lage ist.

Warum viele Patientenverfügungen zu ungenau sind, ist die Frage im Kapitel 30. Ausgegangen wird dabei von der künstlichen Beatmung bei Patienten mit Covid 19. Anders als bei einer bakteriellen Lungenentzündung sei bei einer Entzündung durch Covid 19 häufig die ganze Lunge betroffen. Die Wahrscheinlichkeit sei dann ziemlich hoch, dass der Patient trotzdem versterbe oder schwere Organschäden davontrage. Besonders bei alten Menschen sei die Aussicht zu sterben weniger angstbehaftet als die mit schweren Einschränkungen weiterleben zu müssen.

Um das Konzept des „Advance Care Planning“ geht in Kapitel 31. Dabei handelt es sich um ein Verfahren der Information, Beratung und Befragung vor allem älterer Menschen zu möglichen medizinischen Behandlungen, das häufig genauer und sicherer sei als eine Patientenverfügung. Einige Fragen aus dem Konzept werden vorgestellt.

Fragen, die der Patient seinen Ärzten stellen sollte, werden im nächsten Kapitel (32) behandelt. Der Rezensent erkennt hier zwei Probleme. Die Fachärzte sind sich in der Frage, welcher Krebstherapien indiziert sind, keineswegs immer einig. Das liegt wohl nicht nur daran, dass bestimmte Therapien für eine Klinik lukrativ sind. Es gibt auch unterschiedliche Meinungen und Grundhaltungen. Wahrscheinlichkeiten sind nicht immer eine gute Entscheidungsgrundlage. Selbst wenn die allgemeine Prognose schlecht ist, könnte man zu den Glücklichen gehören, die die Krankheit überleben. Es handelt sich dann um eine ganz individuelle Risikoentscheidung.

Abgeschlossen wird das Buch mit der Diskussion der Frage, ob es ein gutes Sterben gibt. Begonnen wird mit dem Beispiel einer Krebspatientin auf einer Palliativstation, die nach der Diagnose ihrer Erkrankung und der Prognose auch positive Veränderungen in ihrer Lebensweise erlebte. Angesprochen wird der mögliche Zusammenhang mit dem „guten Leben“. Bei Palliativpatienten kann dies auch eine Frage der Lebensbilanz sein. Eine solche Lebensbilanz ist subjektiv, denn man kann die Ereignisse und Erlebnisse unterschiedlich bewerten und auch wieder neu bewerten.

Diskussion

Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist sehr weitgehend. Danach sind weder der Staat, noch einzelne Organisationen oder Ärzte Herr und Gebieter über das Weiterleben von Menschen. Der einzelne Mensch hat das Recht, selber zu entscheiden, ob er unter den vorgegebenen oder den zu erwartenden Lebensbedingungen weiterleben möchte. Auch kann er sich für einen Suizid entscheiden, wenn in Zukunft eine Verschlechterung wahrscheinlich ist, zum Beispiel bei einer fortschreitenden Erkrankung, selbst wenn diese Erkrankung nicht in kurzer Zeit zum Tod führen muss. Damit sind auch soziale Motive für einen Suizid zulässig, zum Beispiel der Wille, nicht in einem Pflegeheim leben zu wollen. Das Thema hat damit auch eine soziale Brisanz. Die Entscheidung zum Suizid kann eine Kritik an der sozialen Situation sein, die eine Gesellschaft einer bestimmten sozialen Gruppe zumutet. Nach Ansicht des Philosophen Karl Jaspers, wird der Mensch dadurch frei. „Daß der Mensch, nur der Mensch sich das Leben nehmen kann in hellem, reinen Entschluß, ohne Trübung durch Affekt, vielmehr sich selber treu, darin liegt seine Würde. Alle Despotien, alle Kirchen, alle Gewalt, die von Menschen über Menschen ausging, den Anspruch erhebend auch auf ihre Seele, haben den Selbstmord perhorresziert: hier bezeugte sich die Freiheit des Einzelnen, des Menschen als Menschen, der sich der Unterdrückung und dem vernichtenden Leiden entzieht. Die Bereitschaft zum Selbstmord macht frei“ ( Jaspers 1963, 474).

Jeder kann aufgrund seines Glaubens weiterhin einen Suizid für sich ausschließen. Aber das Verbot kann nicht mehr mit staatlicher Gewalt durchgesetzt werden. Die Suizidprävention wird sich ändern und stärker auf Beratung setzen müssen. Auch in der Palliativmedizin und der Hospizbewegung könnte sich einiges ändern. Palliativmediziner und Hospize, die den assistierten Suizid generell ablehnen, könnten von einigen Patienten gemieden werden. Auch die Abgabe tödlicher Stoffe wird sich kaum noch verbieten lassen. Notfalls kann man auch mehrere Medikamente zu einer tödlichen Dosis zusammenmixen. Die Diskussion über den Zusammenhang von Lebensqualität und Suizid könnte wichtiger werden. Das sind jedoch erste Überlegungen. Die nächsten Jahre werden zeigen, was sich verändert hat.

Es gibt sehr alte, schwerkranke oder schwerbehinderte Menschen, die voraussichtlich bald sterben werden, aber die Kriterien für eine palliative Behandlung oder für ein Hospiz nicht erfüllen. Auch ihr Leiden kann erheblich sein. Diese Menschen sollten nicht benachteiligt werden, wenn es um Sterbehilfe geht.

Probleme, die einen Suizidwunsch motivieren könnten, ergeben sich auch aus dem Gesundheitssystem Borasio (2014, S. 167) kritisiert unter anderem: „Auf Palliativstationen jedoch verstirbt etwa die Hälfte der Patienten. Hier erzeugt das Ziel der Verkürzung der Liegedauer auf Krankenhäuser und Ärzte einen ethisch inakzeptablen Druck hin zum Fallpauschen-verträglichen Frühableben der Schwerstkranken.“ Der Wechsel der Orte kann für Palliativpatienten problematisch sein. Patienten können so zwischen verschiedenen Institutionen hin und herpendeln. „Ein Mensch kommt ins Krankenhaus – aufgrund der Diagnose >sterbenskrank< – von der Inneren Abteilung auf die Palliativstation – nach Hause … – ins Pflegeheim – und dann noch ins stationäre Hospiz – der Gipfel von Sterbetourismus“ (Graf 2018, S. 111) Auch daran könnte sich durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes etwas ändern. Was macht man zum Beispiel, wenn ein Patient auf einer Palliativstation lieber sterben will, als in ein Pflegeheim verlegt zu werden? Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts könnte zu einer Humanisierung des Sterbens und Lebens beitragen.

Fazit

Das Buch ist nicht nur hilfreich für Leserinnen und Leser die sich neu über das Thema informieren wollen. Es enthält auch wichtige Anregungen für Leserinnen und Leser, die sich schon mit dem Thema vertraut gemacht haben.

Literatur

Brathuhn, Sylvia, Adelt, Thorsten (2015) Vom Wachsen und Werden im Prozess der Trauer, Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht

Borasio, G. D. (2014) selbst bestimmt sterben. Was es bedeutet, was uns daran hindert. Wie wir es erreichen können, München, Verlag C.H.Beck https://www.socialnet.de/rezensionen/21049.php

De Ridder, Michael (2017a) Abschied vom Leben. Von der Patientenverfügung bis zur Palliativmedizin, München: Pantheon Verlag https://www.socialnet.de/rezensionen/23339.php

De Ridder, Michael (2017b) Vorwort, in Luckwaldt, Frauke; Ich will selbstbestimmt sterben. Die mutige Entscheidung meines Vaters zum Sterbefasten, München, S 8 -14

Giger- Bütler, Josef (2018), Wenn Menschen sterben wollen. Mehr Verständnis für einen selbstbestimmten Weg aus dem Leben, Stuttgart: Klett-Cotta https://www.socialnet.de/rezensionen/24697.php

Glaser, Barney; Strauss, Anselm (1965), Awareness of Dying, Chicago.

Graf, Gerda (2018), Welche Herausforderungen stellen sich für die Hospizarbeit in Bezug auf die weitere Mitgestaltung von Gesellschaft und Politik“ in: Monika C.M. Müller (Hrsg.) (2018) Gut gemeint – gut gemacht? Professionalisierung der Sterbebegleitung und Zukunft der Hospizarbeit. 21. Loccumer Hospiztagung 2018, Loccumer Protokolle 25/2018, Rehburg-Loccum, S. 109 - 114

Jaspers, Karl (1963) Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, München

Ohlerth, Eva und Wittig Frank (2019), Albtraum Pflegeheim. Eine Altenpflegerin gibt Einblick in skandalöse Zustände, München, Riva Verlag https://www.socialnet.de/rezensionen/26726.php

Rieger, Armin (2017) Der Pflegeaufstand. Ein Heimleiter entlarvt unser krankes System, München, Ludwig Verlag https://www.socialnet.de/rezensionen/22739.php

Thöns, Matthias, (2016 6), Patient ohne Verfügung. Das Geschäft mit dem Lebensende, München, Berlin, Piper

Winter, M. H. (2008): Pflegeheime auf dem Weg zu Institutionen des Sterbens. In: GGW 8, 2008, S. 15–22.


Rezension von
Dr. Hermann Müller
Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik
Homepage HermannMuellerHildesheim.de
E-Mail Mailformular


Alle 29 Rezensionen von Hermann Müller anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hermann Müller. Rezension vom 12.11.2020 zu: Matthias Gockel, Oliver Kobold: Sterbehilfe. Piper Verlag GmbH (München) 2020. ISBN 978-3-492-31720-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27604.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung