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Barbara Zapke: Spielräume für Schüler, die nicht passen

Cover Barbara Zapke: Spielräume für Schüler, die nicht passen. Intensivpädagogik in der Sekundarstufe. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2020. 117 Seiten. ISBN 978-3-497-02979-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Subnormales Verhalten in der Schule

Im erziehungswissenschaftlichen, pädagogischen Diskurs kommt dem schulischen, gesellschaftlich sanktionierten Lernen eine besondere Bedeutung zu. „Begabung und Lernen“, wie diese Anforderungen von der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrats in den 1970er/1980er Jahren (Heinrich Roth, Begabung und Lernen, 1969) in mehreren Gutachten und Empfehlungen verdeutlicht wurden, bilden weiterhin die Grundlage für die theoretischen und praktischen, didaktischen und methodischen, institutionalisierten Bildungsherausforderungen. Es sind die individuellen und kollektiven Anforderungen von „Anpassung und Widerstand“, die in der Verhaltensforschung und schulischen Praxis Aufmerksamkeit finden, nach dem „guten Lernen“ Ausschau halten lassen (Ludwig Haag/Doris Streber, Lehrerpersönlichkeit. Die Frage nach dem „guten Lehrer“ und nach der „guten Lehrerin“, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/27158.php) und die (alten und neuen) Anforderungen an die Bildungs- und Erziehungsprofessionen in der Gesellschaft diskutieren (Rolf-Torsten Kramer/Hilke Pallesen, Hrsg., Lehrerhabitus. Theoretische und empirische Beiträge zu einer Praxeologie des Lehrerberufs, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/26154.php). Es geht um Fragen, wie es gelingen kann, im schulischen Bildungs- und Erziehungsprozess sozial klug, angemessen und erfolgversprechend zu handeln (Clemens Albrecht, Sozioprudenz. Sozial klug handeln, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/27512.php), und sich professionell mit Konflikten auseinanderzusetzen (siehe z.B. dazu auch: Heinz Dedering, Hg., Konflikt als Pädagogicum. Bestandsaufnahme und Weiterentwicklung konfliktorientierter Didaktik, 1981/1983).

Autorin und Entstehungshintergrund

Die Essener Sonderpädagogin Barbara Zapke stimmt der allgemein anerkannten pädagogischen Weisheit zu, dass es beim schulischen Lernen nicht nur um die Vermittlung von Wissen, sondern in gleicher Weise um den Erwerb und die Erfahrungsvermittlung des sozialen Lernens geht. Diese Selbstverständlichkeit bedarf zwar (auch) beim Lernen in der Schule keiner besonderen Betonung; doch es gibt immer wieder abweichendes Verhalten von Schülerinnen und Schülern, die besondere, individuell und sozial abgestimmte Konzepten und Methoden notwendig machen. Dieser Diskurs ist zum einen angesagt, weil Lernen immer auf Verhaltensänderung zielt, zum anderen, weil in der lokalen und globalen gesellschaftlichen Entwicklung das Menschenrecht auf „Bildung für Alle“ als inklusive Herausforderung verstanden wird (Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, 2006/2008; sowie: Menno Baumann, www.socialnet.de/materialien/221.php). Mit dem (nicht unmissverständlichen und irreführenden) Begriff „Intensivpädagogik“ wird im pädagogischen Diskurs darauf verwiesen, dass es beim schulischen Umgang mit „verhaltensgestörten“ Kindern und Jugendlichen besonderer Konzepte und Methoden bedarf. Es sind Aktionen und Reaktionen auf Verhaltensweisen, die beim kollektiven Lernen „störend“, „abweisend“, „zurückweisend“ und „separierend“ wirken und sowohl den „Störer“ in eine Außenseiterposition bringen, als auch die Lerngruppe stören, ja sogar „sprengen“ können. Abweichendes Verhalten bedarf im Bildungs- und Erziehungsprozess eine frühzeitige, bereits in der Familie einsetzende Aufmerksamkeit und Therapie; in der Sekundarstufe, in der adoleszente Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden (siehe dazu auch: Susanne Hauser, u.a., Hrsg., Übergangsraum Adoleszenz. Entwicklung, Dynamik und Behandlungstechnik Jugendlicher und junger Erwachsener, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9762.php), braucht es anderer Aufmerksamkeiten und Zugangsweisen als etwa in der Grundschule. Es sind „Spielräume“, in denen anders gelernt werden kann; und es sind Aufmerksamkeiten und Professionen, die „das nötige pädagogische Handwerkszeug, einen langen Atem und viel Begeisterung mit- und aufbringen“.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung und dem Ausblick gliedert die Autorin ihr Handbuch in sechs Kapitel. Im ersten geht es um die Frage: „Intensivpädagogik – intensiv für wen?“; im zweiten wird die Auseinandersetzung über „Spielräume“ als pädagogische Haltung geführt. Im dritten Kapitel werden „Ziele, Möglichkeiten und Grenzen intensivpädagogischen Handelns“ diskutiert; im vierten werden „zentrale Aspekte der spiel- und bewegungsorientierten Entwicklungsbegleitung“ thematisiert; im fünften und sechsten Kapitel stellt die Autorin Beispiele für Spiel- und Bewegungsaktionen vor.

Die spiel- und bewegungsorientierte Entwicklungsbegleitung ist natürlich kein Allzweck- und Allheilmittel bei den Auseinandersetzungen mit nicht angepassten, entwicklungsgestörten Schülerinnen und Schülern. Sie ist aber, in den unterschiedlichen Ausprägungen und individual- und gemeinschaftsbezogenen Situationen, eine Möglichkeit für pädagogische Diagnostik und Praxis. Es ist anregend und hilfreich, dass die Autorin ihre praxiserprobten Spiel- und Bewegungsvorschläge gliedert in Anlässe, wie: Kennenlernen – Gegenseitige Wahrnehmung – Ausdrucksmöglichkeiten – Affektregulierung – Kooperation und Kommunikation – Konzentration und Präsenz – Geschicklichkeit und Nervenstärke – Spaß und Nonsens. Es sind „Spielräume“, in denen anders gelernt werden kann; und es sind Aufmerksamkeiten und Professionen, die „das nötige pädagogische Handwerkszeug, einen langen Atem und viel Begeisterung mit- und aufbringen“.

Diskussion

Für die Theoriediskussion und praktische, pädagogische Anwendung bei der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern, die längerfristig schwere Verhaltensauffälligkeiten zeigen, sind im allgemeinen Fachlehrerinnen und Fachlehrer weder ausgebildet, noch bieten vorgegebene Curricula und Lehrpläne gezielt Möglichkeiten an, um darauf professionell eingehen zu können. Lehrkräfte sind darauf angewiesen, sich zu Fragen des fächerübergreifenden, emotionalen, ganzheitlichen und psychologischen Lernens fortzubilden. Welche Möglichkeiten und Interventionen bieten sich an, wenn „Systemsprenger“ einen vorbereiteten, zielgerichteten Unterrichtsverlauf stören oder unmöglich machen? Wir sind bei der vielfach im Fach- und Methodendiskurs des Unterrichtens zu kurz kommenden, vernachlässigten Frage: Wie lässt sich Bildung, als rationales und soziales Lernen, in der Schule vermitteln. Hilfreich dafür ist die Begriffsbestimmung, wie sie in der „Empfehlung zur internationalen Erziehung“ der UNESCO 1974 formuliert wird: „Der Begriff ‚Erziehung‘ umfasst den Gesamtprozess des sozialen Lebens, innerhalb dessen Einzelpersonen und gesellschaftliche Gruppen es lernen, in ihrer eigenen Gesellschaft und im Rahmen der gesamten Weltgemeinschaft ihre persönlichen Fähigkeiten und Einstellungen, ihr Können und ihr Wissen bewusst und bestmöglich zu entfalten“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Empfehlung zur „internationalen Erziehung“, 2., erweit. Ausgabe, Bonn 1990, S. 16). Dazu bedarf es die für das professionelle Handeln von Lehrkräften unverzichtbaren Kompetenzen zur Selbst- und Schülerwahrnehmung: „Emotionen wie Hilflosigkeit, Ohnmacht und Wut gehören eigentlich nicht zum professionellen Selbstverständnis eines Lehrers, und anders als im psychotherapeutischen und traumapädagogischen Bereich werden in der Lehreraus- und -fortbildung Methoden der Selbstfürsorge und der Psychohygiene nur nachrangig vermittelt und sind in der Ausbildung nur ganz selten Teil des Curriculums“. Es sind die professionellen Fähigkeiten, Schwierigkeiten und Probleme zu erkennen, sie zu analysieren und mit ihnen sachgemäß umzugehen und Hilfen und Kooperationen zu suchen und anzunehmen, also Netzwerke zu bilden. Es kommt auch darauf an, die eigenen wie die institutionellen Grenzen und Unüberwindbarkeiten zu akzeptieren. Deshalb ist es richtig, im Bildungs- und Erziehungsprozess nicht von Entwicklungszwang, sondern von „Entwicklungsbegleitung“ zu sprechen: „Allen Schülern, die nicht ‚passen‘, ist gemeinsam, dass sie in Gemeinschaften nicht zurechtkommen, weil sie ihren inneren Mustern und Wiederholungszwängen folgend immer die gleichen selbstschädigenden Verhaltensweisen zeigen“. An mehreren Fallbeispielen zeigt die Autorin die Fallen und Stolpersteine auf, die es zu lösen gilt.

Fazit

Unangepasste, sozial abweichende Verhaltensweisen können krankheitsbedingte Ursachen haben. Dann sind medizinische und psychoanalytische Hilfen und Kooperationen notwendig. Treten sie als Störungen, Be- oder sogar Verhinderungen im schulischen Bildungs- und Erziehungsprozess auf, können pädagogische Methoden eingesetzt werden, die es den Schülerinnen und Schülern ermöglichen können, den Lernort Schule nicht als (Zwangs-)Anstalt, sondern vielleicht gar als Wohlfühl- und Entwicklungsort zu erleben. Denn „Schüler lernen hier nicht nur, wie man Mathematikaufgaben löst und Berichte schreibt, sondern auch, wie man Freu(n)de findet und mit Konflikten umgeht“. Und „Lehrer erhalten die Chance, eine veränderte pädagogische Haltung zu finden und zu einer Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten zu gelangen“. Das Handbuch „Spielräume für Schüler, die nicht passen“ sollte in der Lehreraus- und -fortbildung Eingang finden!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.01.2021 zu: Barbara Zapke: Spielräume für Schüler, die nicht passen. Intensivpädagogik in der Sekundarstufe. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2020. ISBN 978-3-497-02979-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27605.php, Datum des Zugriffs 17.06.2021.


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