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Christoph Sigrist: Diakonie­wissenschaft

Cover Christoph Sigrist: Diakoniewissenschaft. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. 156 Seiten. ISBN 978-3-17-034082-4. 27,00 EUR.

Reihe: Kompendien praktische Theologie - Band 3.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das Thema der Diakonie ist im christlichen Selbstverständnis schon durch seine biblische Herleitung fest verankert. Als Wohlfahrtsverband hat die Diakonie darüber hinaus Anteil an der Gestaltung der sozialen Wirklichkeit im Sozialstaat und wird schließlich auch in theologischen, kirchlichen und sozialen Ausbildungen bzw. Studiengängen akademisch gelehrt. Ein breites Feld von Forschungsaktivitäten und Publikationen macht das Arbeitsgebiet der Diakonie seit langem zum Gegenstand der Wissenschaft.

Vergleichbar dem Begriff der Sozialarbeitswissenschaft in der Disziplin der Sozialen Arbeit kam deshalb der Fachterminus der Diakoniewissenschaft im Diskurs helfender Berufe ins Gespräch, der das Selbstverständnis und den Gegenstand der Diakonie als fachwissenschaftlicher Disziplin wissenschaftstheoretisch begründen soll. Was aber ist Diakoniewissenschaft und wie lässt sich ihr Gegenstand beschreiben? Dieser Bemühung sieht sich die vorliegende Publikation von Christoph Sigrist verpflichtet.

Autor und Herausgebende

Der Autor Christoph Sigrist knüpft mit der aktuellen Publikation an eine frühere, ausführlichere Darstellung des Themas an, die er 2011 zusammen mit Heinz Ruegger unter dem Titel „Diakonie – Eine Einführung“ verfasst hat, sowie an zahlreiche Einzelpublikationen. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Themen der Diakonie zieht sich durch die akademische Vita des Autors wie etwa der 2014 im TVZ-Verlag Zürich veröffentlichten Habilitationsschrift „Kirchen – Diakonie – Raum“.

Die Publikation erscheint in der Reihe „Kompendien Praktische Theologie“, die dem Ansatz verpflichtet ist, Überblickswissen über Teilgebiete der Praktischen Theologie zu geben. Das Wissen wird hier für Studierende und Praktiker einführend dargestellt und steht in der gedanklichen Tradition von F.D.E Schleiermacher, der mit seinen Überlegungen zu einer theologischen Enzyklopädie die Struktur der theologischen Fächer bis heute geprägt hat. 

Aufbau und Inhalt

Das 156 Seiten umfassende Kompendium hat in seinem Aufbau den roten Faden, von der Theorie zur Praxis voranzuschreiten, und bietet dabei einen Einblick in die aktuelle Diskussions- und Forschungslandschaft auf dem Gebiet.

Das erste Kapitel umfasst die sehr ausführliche Einleitung und entfaltet auf gut 20 Seiten programmatisch das Konzept des Verfassers. Ziel dieser heuristischen Einführung ist es, das wissenschaftliche Konzept der Diakoniewissenschaft zu entwerfen. Es sind zwei Annahmen, von denen hier ausgegangen wird, wenn festgehalten wird, dass sich Diakoniewissenschaft als „Kunstlehre des Helfens“ entfalten lässt (S. 21): Erstens wird der Ausgangspunkt in der Phänomenologie des Helfens gewählt und zweitens wird die Hermeneutik als wissenschaftstheoretischer Schlüssel ins Zentrum gestellt. Damit sind die prinzipiellen Weichen für die Begriffsbestimmung der Diakoniewissenschaft gestellt, die sich – das sei bereits hier im Vorgriff auf die Diskussion weiter unten – von dem parallelen Diskurs in der Sozialarbeitswissenschaft durchaus unterscheiden. Von dem beschriebenen Ausgangspunkt aus legt der Verfasser die Aufgabe der Diakoniewissenschaft fest, nämlich „allgemein helfendes Handeln als spezifisch diakonische Praxis zu verstehen.“ (S 12) In einer religiösen Hermeneutik bestimmt sich der – von der kirchlichen Tradition betonte – religiöse Mehrwert als Interpretament. Die Kunstlehre besteht nun – wenn ich die Ausführungen des Verfassers in ihrer Gesamtheit nehme – darin, die Praxis der Diakonie so mit der biblischen Tradition zu vereinbaren, dass andere Deutungsverständnisse des Helfens nicht exkludiert werden, sondern Helfen in einer hermeneutischen Pluralität als sowohl humanes wie auch zugleich religiöses Phänomen gedeutet werden kann. Die Diakonie als Teil der christlichen Identität muss mit der gesellschaftlichen Pluralität in Einklang gebracht werden. Um ein möglichst weites Dach zur Begründung der Diakoniewissenschaft zu haben, bedient sich der Verfasser der inzwischen gängigen Definition von Johannes Eurich, wonach Diakoniewissenschaft im Modus des Genitivus objectivus als „die Wissenschaft der Diakonie“ (S. 20) definiert wird. Davon abgeleitet werden drei unterschiedliche Begründungsmodelle angeführt:

  1. das theologisch-normative Modell
  2. das handlungswissenschaftliche Modell
  3. das integrativ-multidisziplinäre Modell.

Deutlich wird in den Ausführungen unter dem Aspekt der Prämissen auch, dass die Diakonie im Selbstverständnis der Theologie ein Integral darstellt und sich neben der Begründungsarbeit auch die Frage der enzyklopädischen Zuordnung im theologischen Gesamtsystem stellt.

Das zweite Kapitel führt ein in die Geschichte der Diakoniewissenschaft, die das Verhältnis von Praxis und Lehre in historischer Vergewisserung klären helfen kann. Der Ausgangspunkt liegt in der Erkenntnis der Nachordnung der Theorie hinter der Praxis als einer Ebene der Reflexion. So ergeben sich verschiedene Spannungsfelder, die dann Flexibilität, Innovation, Anpassung und Entwicklung und das Aufeinander bezogen Sein von diakonischer Praxis und Theorie bedingen. Dass hierbei die verschiedenen Ursprünge des 19. Jahrhunderts in ihrer Pluralität zur Sprache kommen müssen, wird durch den gewählten historischen Parcours der Darstellung deutlich. Für den gegenwärtigen Stand der Diakoniewissenschaft ist der gesamte Abschnitt ab S. 40 aufschlussreich. Vor allem der Aspekt der Kontextualität der Diakoniewissenschaft (S. 46) markiert den aktuellen Konsens der Forschung. Hierbei geht es in der Hauptsache um die Überwindung der für die Diakonie traditionell starken Zentralstellung der Theologie in der Begriffs- und Wesensbestimmung. Die Öffnung der Diakoniewissenschaft in Richtung der Humanwissenschaften relativiert die Funktion der Theologie, deren Anknüpfungspunkt – und hier führt der Verfasser seine Linie aus anderen Publikationen fort – primär in der Schöpfungslehre gesehen wird. Für die Bestimmung der Diakoniewissenschaft ist die Interdisziplinarität wesenhaft. Diese prinzipielle Einordnung der Diakoniewissenschaft als Reflexion der Praxis mit einem interdisziplinären Wissenschaftsansatz und daraus resultierend einer konkreten Platzanweisung für die Theologie öffnet nun den Weg in Richtung systematischer Entfaltungen und Differenzierungen.

Das dritte Kapitel führt die vom Autor bis hier her skizzierten Linien weiter und steigt in eine Differenzierung des Themas ein. Dem Verfasser geht es im Ganzen um die Kennzeichnung, Darstellung und Einordnung des für die Diakoniewissenschaft zentralen Paradigmenwechsels zum Begriff des Helfens, das er zum Proprium der Diakonie zählt und seiner theologischen Interpretation. Damit dieses gelingen kann, ist eine Entkernung des Begriffes der Diakonie von einer „christologischen Vereinnahmung“ (S. 57) und eine Öffnung zu pluralen theologischen Begründungsmustern notwendig. Hier bietet der Verfasser eine komprimierte Darstellung des aktuellen wissenschaftlichen Diskurses – allerdings verlangt diese dem Lesenden eine theologische Sachkenntnis ab. Ergänzend hierzu befasst sich die Darstellung mit verschiedenen Spannungsfeldern, die in der aktuellen Diskussion der Diakoniewissenschaft erkennbar sind. Eines dieser Felder verhandelt die Darstellung unter dem Aspekt der „Asymmetrie“ helfenden Handelns, weil dies oft als Kritikpunkt gegenüber der Sachlogik des Helfens eingebracht wird. Ressourcenansatz und Beteiligung als Konzepte sollen der Pathologie des Helfens (S. 65 als Zitat von Braue-Krickau) entgegenwirken. Aus der Mitte der Diakoniewissenschaft heraus wird dann als weiteres Spannungsfeld die Gemeinwesendiakonie entwickelt, die den Blick weitet in die Interdependenz von Innenraum und Außendimension des diakonischen Themas. Die Diakoniewissenschaft muss als Kunstlehre des Helfens die Reflexion der Praxis auf den Gebieten Gemeinde/​Kirche, Gemeinwesen/​Sozialraum und Institutionen/​Sozialstaat denken. Diesen drei Logiken geht der Verfasser unter Verwendung der Systemtheorie nach. Als Spannungsfelder – mithin gemeint sind wohl aktuell diskutierte Aspekte der Diakoniewissenschaft – sind zunächst die Forderung nach Interreligiosität der Diakonie zu nennen. Dies versteht der Autor als Pluralitätsfähigkeit in interreligiösen Dialogen, was auch entkonfessionalisierte Kontexte mit einschließt (S. 89). Das Stichwort hierzu ist „diversive Diakonie“, die als „kulturelle Kohärenz helfenden Handelns in entkonfessionalisiertem Kontext verstanden werden kann.“ (S. 91) Als Letztes Spannungsfeld ist diesem Bereich die Ökonomisierung angeführt. Hier ordnet der Verfasser den Spannungsgegenstand – die Finanzierung sozialer Leistungen – ein zwischen diakonischem Selbstverständnis des christlich-helfenden Ethos und der Transformation des Sozialstaates. Alles in Allem zeigen diese Felder – so die Zusammenfassung auf S. 100–101 die Ambivalenz, in der sich die diakonische Praxis bewegt.

Das vierte Kapitel befasst sich mit der Forderung nach empirischer Forschung in der Diakoniewissenschaft. Dies wird aus der Erkenntnis einer konkreten Wirklichkeitserfassung abgeleitet und verbindet dies mit dem Ansatz von Interdisziplinarität. Als Fallbeispiel hierzu wird die Untersuchung „Citykirchen und Tourismus“ angeführt, an der der Verfasser selber als Auftraggeber mit beteiligt war. Das Fallbeispiel zeigt, wie Empirie in der Diakonie religiöse Praxis erkennbar und auch verstehbar machen kann.

Das letzte, fünfte Kapitel ordnet nun die Diakoniewissenschaft so wie in der Einleitung angedeutet in die Enzyklopädie und Systematik der Theologie ein. Vor allem der Fächerbezug zur Praktischen Theologie als kulturwissenschaftlich ausgerichteter Disziplin kommt hier zu Worte. Verbindungen zur Homiletik, Poimenik, zur Bildungsverantwortung sowie zum Gemeindeaufbau werden hergestellt und damit Diakoniewissenschaft fest in der Praktischen Theologie angesiedelt. Mit dem Stichwort der urbanen Diakonie schließt der Band dann den Gedankengang ab. Für den Autor ist das Praxismodell der Zukunft die Vorstellung der Diakonie als „Resonanzraum sorgender Gemeinschaft“.

Diskussion

Die Darstellung der Diakoniewissenschaft als Disziplin kommt in diesem Band weitgehend ohne Diskursbezüge zur benachbarten Disziplin der Sozialarbeitswissenschaft aus. Zwar ist der Verfasser beheimatet in der Theologie, dennoch liegt in der eher binnenorientiert angelegten Darstellung eine Engführung in der Begründung von Diakonie als Wissenschaft vor, die dem eigenen Anspruch der Pluralismusfähigkeit ganz und gar nicht entspricht. Der Forderung nach Interdisziplinarität, die das Buch als Prämisse selbst aufstellt, wird die Darstellung dann doch nicht gerecht. Diese Engführung wird ebenfalls erkennbar in der rein binnenchristlich ausgeführten Darstellung von Interkulturalität, die keine Bezüge zur aktuellen interkulturellen Debatte der Sozialarbeitswissenschaft aufweist. Es fragt sich, ob der Islam als eine der wichtigsten religiösen Erscheinungen in modernen Gesellschaften (entkonfessionalisiert heißt eben nicht „areligiös“) in der Darstellung von Interkulturalität komplett übersehen werden kann? (S. 92)

Die Binnenorientierung der Begründung von Diakoniewissenschaft und die Fixierung auf eine, an der Sprache der Theologie ausgerichteten Darstellung des Themas erschweren vermutlich die Lektüre des Buches für Leserinnen- und Leserkreise außenhalb der Fachwelt der Theologie. Praktiker der Diakonie ohne theologisches Fachwissen werden sich hier schwertun. Das ist schade! Dieses Manko hat in der Perspektive der Darstellung auch zur Folge, dass der Bezug der Diakoniewissenschaft zur Theorie des Sozialstaats und ihrer Einordnung in die Welt der Wohlfahrtspflege anfangs zwar mitgedacht wird, aber im Verlauf der Ausführungen dann doch nur noch am Rande reflektiert wird.

Fazit

Das vorgestellte Buch ist ein lesenswertes fachwissenschaftliches Werk, das eine Fülle von Begründungen und wichtigen Einzelerkenntnissen enthält. Herausstechend ist der Ansatz einer „Kunstlehre des Helfens“. Fraglich bleibt, ob diese Formel konsensfähig ist für eine verallgemeinerbare Identität von Diakoniewissenschaft.

Die Überlegungen des Autors bleiben über weite Strecken der Darstellung auf der Binnenebene theologischer Begründungen. Damit wird die Kontextualität der Diakoniewissenschaft im interdisziplinären Feld nur mit einem eingeschränkten Blick gesehen – was ja eigentlich gerade nicht die Absicht des Verfassers war – und erscheint Diakoniewissenschaft (auch als „Kunstlehre des Helfens“) als ein rein binnentheologisches/​binnenkirchliches Phänomen, das man – so die Konsequenz – dann auch nur als ein solches betrachten muss und damit letztlich innerhalb der Fachwelt z.B. der Sozialarbeitswissenschaft als Randerscheinung übersehen und nicht zur Kenntnis nehmen muss. Diese Schlussfolgerung wäre fatal, zählt aber leider zu den harten realen Fakten auch im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs der Sozialen Arbeit.

Daraus ziehe ich den Schluss, dass die Begründung der Diakoniewissenschaft in interdisziplinärer Absicht eben nicht auf den Dialog bzw. der wissenschaftstheoretischen Auseinandersetzung mit der Sozialarbeitswissenschaft und deren normativen Begründungen als Disziplin und Profession verzichten darf, um Aussagen wie die von Sylvia Staub-Bernasconi in Zukunft zu vermeiden, die eine gedankliche Verbindung von helfen und „Dienen“ zum Knechtsverhältnis in Sklaven- und Agrargesellschaften herstellt. Moderne Diakoniewissenschaft hat solchen veralteten Argumentationslinien entgegenzutreten. Das kann nur Dialog und in der konstruktiven Auseinandersetzung mit der Sozialen Arbeit gehen und nicht durch deren Ausblendung oder durch einen theologischen Binnenmonolog.


Rezension von
Prof. Dr. Ralf Hoburg
Lehrstuhl für Diakoniewissenschaft und Wohlfahrtsökonomie Hochschule Hannover
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Zitiervorschlag
Ralf Hoburg. Rezension vom 26.08.2021 zu: Christoph Sigrist: Diakoniewissenschaft. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-17-034082-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27607.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


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