socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Christian Bleck, Laura Schultz u.a.: Selbstbestimmt teilhaben in Altenpflege­einrichtungen

Cover Christian Bleck, Laura Schultz, Ina Conen, Timm Frerk, Stefanie Henke u.a.: Selbstbestimmt teilhaben in Altenpflegeeinrichtungen. Empirische Analysen zu fördernden und hemmenden Faktoren. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2020. 302 Seiten. ISBN 978-3-8487-6709-0. 59,00 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema und Entstehungshintergrund

Hintergrund des Projekts „Selbstbestimmt teilhaben in Altenpflegeeinrichtungen – STAP“ sind nicht nur die rechtlichen Vorgaben des Wohn- und Teilhabegesetz in Nordrhein-Westfalen (WTG NRW) oder die Hinweise aus der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN-BRK). Denn diese waren letztlich nur ein Kondensat von Überlegungen, die mit der grundlegenden Verfasstheit von Altenpflegeeinrichtungen verbunden waren. Insbesondere die Überlegungen von Erving Goffman zu „totalen Institutionen“, die aus den 1960er Jahren stammen, sind hier wichtig. Dieser Soziologe hatte bereits die These aufgestellt, dass die Identitätsbildung in den von ihm so genannten „totalen Institutionen“ weniger vom Gesundheitsstatus der Person abhängig ist, sondern von den Regeln der Institution. Dieses Phänomen ist auch für Langzeitpflegeeinrichtungen beobachtet worden. Umso wichtiger ist es also danach zu fragen, ob und wie es gelingt die selbstbestimmte Teilhabe der Bewohner/​innen nachhaltig zur Geltung zu bringen. Das Thema ist also nicht nur für die (Altenpflege)-Forschung, sondern auch für die Praxis der Pflege und Betreuung in den Einrichtungen und nicht zuletzt für die Lebensqualität der Betroffenen von fundamentaler Bedeutung.

Das Forschungsthema wurde in Einrichtungen des Diözesan-Caritasverbands für das Erzbistum Köln durch die Hochschule Düsseldorf unter der Leitung von Prof. Bleck erforscht und von der Stiftung Wohlfahrtspflege Nordrhein-Westfalen finanziell unterstützt. 

Inhalt

Nach einer Einleitung, welche die Projekthintergründe und die untersuchungsleitenden Fragen darstellt, wird im zweiten Kapitel der Forschungsstand expliziert. Aufgrund einer systematischen Literaturrecherche zu Teilhabe, Partizipation und Empowerment wird deutlich, dass die Potenziale in Pflegeeinrichtungen nur unzureichend identifiziert werden. Vor allem die Erfassung von Wünschen und Bedarfen der zu adressierenden Klientel sind ein Desidarat. Dennoch können die bereits bestehenden Instrumente, z.B. die „Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF)“, als Referenzrahmen für die Entwicklung eines Musterrahmenkonzepts dienen.

Im dritten Kapitel wird das Forschungsdesign, ein Mixed-Method-Ansatz, dargelegt. Realisiert wurde ein mehrstufiges und sehr anspruchsvolles Verfahren, das vor allem aus Experteninterviews mit Fachkräften (N=28), problemzentrierten Interviews mit Bewohnern und Angehörigen (N=20) und zwei trägerübergreifenden Gruppendiskussionen bestand. Darüber hinaus wurden mehrwöchige teilnehmende Beobachtungen und 77 begleitende informelle Gespräche vor Ort durchgeführt. Ausgewählt wurden Pflegeheime im ländlichen und urbanen Raum. Diese qualitative Erhebung wurde im Rahmen einer standardisiert durchgeführten Online-Befragung auf eine breitere empirische Grundlage gestellt. Insgesamt 135 Einrichtungsleitungen wurden kontaktiert. Als dritter und projektergänzender Zugang wurde eine „Good-Practice-Analyse“ angeschlossen, die vor allem aus trägerübergreifenden Experteninterviews bestand. Die Auswertung erfolgte im qualitativen Teil inhaltsanalytisch und im standardisierten Teil deskriptiv-statistisch.

Die Ergebnisse der qualitativen Analyse werden im vierten Kapitel ausführlich vorgestellt. Als Zwischenfazit wurde festgehalten, dass die Teilhabe multifaktoriell beeinflusst wird; hier spielen personale, qualifikatorische und organisatorische Merkmale eine zentrale Rolle. Konkret auf einzelne Themenbereiche bezogen wurde deutlich, dass die Wünsche der Bewohnerschaft zwar als zentral erachtet wurden, die konkrete Feststellung der Wunschäußerungen jedoch sehr heterogen erfolgte. Auch wurde beobachtet, dass Teilhabeförderung und -verwirklichung vor allem über die Planung und Gestaltung von Einzel- und Gruppenangeboten innerhalb und außerhalb der Einrichtungen stattfand. Normierungstendenzen dahingehend, möglichst viele Bewohnerinnen und Bewohner zu erreichen, machen eine individuelle und ggf. auf verschiedene Bewohnergruppen fokussierte Teilhabeförderung zu einer Herausforderung. Ebenfalls wurde erkennbar, dass bei der Qualität der entsprechenden Angebote sehr stark auf persönliche Eigenschaften und Kompetenzen der Mitarbeiterinnen rekurriert wurde – so jedenfalls der Tenor vieler Aussagen der interviewten Personen. Die Analyse zeigte jedoch, dass Aspekte der Organisationskultur insgesamt als wesentlicher Faktor zur Unterstützung der selbstbestimmten Teilhabe in Altenpflegeeinrichtungen wahrgenommen werden müssen. Diesbezüglich wurde auf die Verankerung in Konzepten sowie der Anpassung von organisatorischen Abläufen verwiesen. Es wurde auch herausgearbeitet, dass eine gute Vernetzung im Quartier eine wesentliche Ressource für die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung von Teilhabezugängen darstellt.

Im fünften Kapitel werden die Befunde aus der landesweiten Heimleiterbefragung vorgelegt. Untersucht wurden der Ist-Zustand, die Bewertung der durch die qualitative Analyse generierten fördernden und hemmenden Faktoren sowie die Frage, ob und inwieweit sich die Einrichtungen im Hinblick auf die genannten Aspekte unterscheiden. Zunächst wurde der Hinweis der Mitarbeiter/​innen bestätigt, dass es von den Bewohner/​innen selbst abhängt, ob Teilhabe gefördert wird oder nicht. Auch die Relevanz der in der qualitativen Analyse generierten hemmenden Faktoren für die Teilhabeförderung (z.B. fehlendes Bewusstsein für die Notwendigkeit der Teilhabeförderung, mangelnde Dokumentation oder inkonsistente Weiterleitung/​Teamabstimmung) und fördernden Aspekten (z.B. Fachwissen über Krankheitsbilder, Wahrnehmung als Aufgabe von Mitarbeitern, Angehörigen und Ehrenamtlichen oder Abstimmungskultur) wurde in der Online-Befragung bestätigt. Die Herausforderung besteht aber in der konkrete Umsetzung, auch und gerade unter den aktuellen Einschränkungen in der Corona-Pandemie. Als entscheidende Innovation wurde seitens der befragten Leitungen die Notwendigkeit bereichsübergreifenden Perspektive verstanden, das bezog sich auf Wohnbereiche aber auch auf die Zusammenarbeit der verschiedenen Professionen.

Entwicklung und Erprobung eines Musterrahmenkonzepts (MRK) ist der Gegenstand des sechsten Kapitels, Auszüge sind im Anhang abgedruckt. Für das MRK wurden vier Strukturkriterien (Organisationskultur, Kompetenzen der Mitarbeiter, Organisationsstruktur sowie zusätzliche Ressourcen, z.B. Beteiligung von Angehörigen, Finanzen, Vernetzung mit dem Quartier) bestimmt und weitergehend differenziert. Diese wurden durch zwei Prozesskriterien ergänzt, nämlich Umgang mit Wünschen sowie Selbstbestimmung, Alltags- und Angebotsgestaltung. Als Ergebniskriterien wurden die Evaluation der Konzepte und Maßnahmen sowie die Zufriedenheitsanalyse der Mitarbeiter konkretisiert. In einer Erprobungseinrichtung wurde das MRK in einem Zeitraum von ca. sechs Monaten getestet. Auf der Grundlage von Kurzinterviews mit der Mitarbeiter- und Leitungsebene wurden mehrere Konzeptmodifikationen durchgeführt. Am Ende ermöglichte das MRK einen Einblick in die verschiedensten Aspekte der Teilhabeorientierung in Altenpflegeeinrichtungen, die durch Beispiele Anregungen für eine Umsetzung enthalten. Darüber hinaus lässt sich der Ist-Stand in den Einrichtungen im Hinblick auf die zentrale Herausforderung gut diagnostizieren. Und schließlich ermöglicht das MRK die Ableitung teilhabefördernder Maßnahmen und trägt zur Sensibilisierung für das Thema bei. Und schlussendlich lässt sich bei den vor Ort beteiligten Mitarbeiter/​innen aus dem Pflege- und Betreuungssektor eine hohe Einstellungs- und Verhaltensakzeptanz gegenüber den Maßnahmen erzielen, die aus dem MRK abgeleitet werden können. Das Leitungs- und Lenkungsteam sowie die Mitarbeiter/​innen sind hier entscheidend.

Bei den Schlussbetrachtungen und Empfehlungen im siebten Kapitel werden abschließend die Ergebnisse noch einmal zusammengefasst und Forderungen an die Politik formuliert. U.a. geht es um die adäquate Abbildung der Teilhabeförderung im Vergütungsrecht des SGB XI, die Weiterentwicklung des WTG NRW (z.B. im Hinblick auf das Qualitätsmanagement oder die Notwendigkeit der Vorlage einer fachlichen Konzeption), eine Anpassung der Betreuungskräfte-Richtlinien nach § 53c SGB XI oder die Berücksichtigung der Bedeutung und Förderung selbstbestimmter Teilhabe in den Curricula der Pflegeausbildung. Ein ganz wichtiger Punkt scheint mir die letzte Forderung zu sein. Hier geht es um Anwendung des MRK bei der Durchführung des § 5 des WTG NRW. Denn wenn es gelingt im Landesausschuss „Alter und Pflege“ eine Empfehlung abzugeben, dann wäre ein erheblicher Fortschritt in Richtung Umsetzung des MRK gewonnen.

Fazit

Ohne Zweifel wird hier ein sehr wichtiges Thema verhandelt, das für die Praxis eine ganze Reihe von interessanten Impulsen bereithält. Man darf sich aber nicht darüber täuschen, dass die überwiegend positive Aufnahme der Thematik und der Betonung ihrer Relevanz – sowohl im qualitativen wie auch im quantitativen Untersuchungsteil – auch mit sozialer Erwünschtheit zu tun haben.

Bedürfnisorientierung, Selbstbestimmung und Teilhabe gehören heute zu den Essentials einer guten Pflege alter Menschen. Wer würde dem widersprechen? Auf der Vorderbühne ist also eigentlich kaum Kritik zu erwarten. Bestenfalls lässt sie sich an der Gegenüberstellung hemmender und fördernder Merkmale der Teilhabeförderung indirekt ablesen. Insgesamt müssen wir davon ausgehen, dass nicht bei allen Beteiligten ein hohes Reflexionsniveau im Hinblick auf die Bedeutung, die eigene Verantwortung und die interprofessionelle Kooperation hinsichtlich der Teilhabethematik nachhaltig ausgebildet wurde. Ebenfalls – und darauf wird in der Studie immer wieder hingewiesen – ist der organisationale Kontext zu beachten. Natürlich sind Aspekte der selbstbestimmten Teilhabe in den Leitbildern verankert, aber werden sie auch nachhaltig gelebt? Eine nicht unwichtige Frage ist, ob überhaupt ein Konzept in diese Richtung besteht, diese Thematik wird ebenfalls kurz angesprochen.

Damit möchte ich die Ergebnisse von STAP nicht relativieren, dennoch aber auf die Notwendigkeit gewisser Tiefenbohrungen verweisen, die uns noch stärker den Problemhorizont und die Potenziale einer selbstbestimmten Teilhabe in Altenpflegeeinrichtungen vor Augen führen. Ich denke hier u.a. an längerfristige ethnografische Beobachtungsstudien, z.B. in Verbindung mit rekonstruktiven Auswertungen. Unabhängig von diesem Hinweis liegt hier in jedem Fall ein für Forschung und Praxis wertvolles Buch vor, das nicht nur umfassend in das Thema einführt, sondern auch Ansatzpunkte zu einer nachhaltigen Umsetzung liefert. Vor allem die Einrichtungen selbst sind hier in der Bringschuld. Sie einzulösen wird wesentlich davon abhängen, ob eine Organisationskultur vor Ort etabliert wird, die sich offen, konstruktiv und kritisch mit dieser Thematik auseinandersetzt. Die Hinweise an die Politik sind substantiell, dem Gesamtprojekt ist ein dauerhafter Erfolg zu wünschen.


Rezension von
Prof. Dr. Hermann Brandenburg
Lehrstuhl für Gerontologische Pflege, Fakultät für Pflegewissenschaft, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Homepage www.pthv.de
E-Mail Mailformular


Alle 20 Rezensionen von Hermann Brandenburg anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hermann Brandenburg. Rezension vom 01.12.2020 zu: Christian Bleck, Laura Schultz, Ina Conen, Timm Frerk, Stefanie Henke u.a.: Selbstbestimmt teilhaben in Altenpflegeeinrichtungen. Empirische Analysen zu fördernden und hemmenden Faktoren. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2020. ISBN 978-3-8487-6709-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27616.php, Datum des Zugriffs 19.01.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht