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Das Veena: Textures of the Ordinary

Cover Das Veena: Textures of the Ordinary. Doing Anthropology after Wittgenstein. Fordham University Press (New York) 2020. 432 Seiten. ISBN 978-0-8232-8769-7. 31,95 EUR.
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Thema

Dieses Buch, das sich auf der Schnittstelle von Anthropologie und Philosophie, und manchmal auch Literatur, bewegt, enthält keine Ansammlung von neuen Kenntnissen, auch wenn es über andere Kulturen, vornehmlich über India, handelt. Es ist das Buch einer vor allem von Ludwig Wittgenstein und Stanley Cavell beeinflussten Anthropologin, die ihr Fach aus der Überzeugung betreibt, dass, wenn man zur Kern der Sache kommt, man sich durch die Kenntnis des anderen unterbrechen lassen sollte, anstatt den anderen zu brechen.

Autorin

Veena Das ist Krieger-Eisenhower Professor für Anthropologie an der Johns Hopkins University in Baltimore und Autorin von u.a.: Life and Words. Violence and the Descent into the Ordinary (University of California Press 2007) und von dem zusammen mit Arthur Kleinman und Margaret Lock herausgegebenen Buch, Violence, Social Suffering and Recovery (University of California Press 2001). Ihre Veröffentlichungen haben der Thematik des sozialen Leidens einen enormen Aufschwung gegeben.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist eine Sammlung von zum Teil bereits veröffentlichten, für dieses Buch überarbeiteten, Aufsätzen. Öfter schon hat Das auf die Bedeutsamkeit von Ludwig Wittgenstein für sie als Anthropologin reflektiert (Vgl.: Veena Das u.a. (eds.), The Ground Between. Anthropologists Engage Philosophy, Duke University Press 2014). In diesem Buch geht es ihr darum „ein Gebäude von Konzepten und Beschreibungen zu errichten, das aus einer Lesung von sowohl Wittgenstein als auch von Ereignissen und Charakteren hervorgeht“, die sie während ihrer Feldforschung in Delhi kennengelernt hat. Damit ist dieses Buch nicht zuletzt auch ein Buch über die Frage, wie philosophische Konzepte sich zu der anthropologischen Feldforschung verhalten: fundieren sie diese, oder ist eher von einem ständigen Austausch die Rede? Die wichtigsten Charaktere dieses Buchs sind, neben den Personen die Das in den Slums in Delhi kennenlernte, Konzepte aus Wittgensteins Philosophie, wie z.B.: Lebensform, Privatsprache, Schmerz und Sprachspiele. Diese Konzepte werden allerdings nicht einfach auf einem Bereich der Wirklichkeit angewandt, sondern funktionieren als Instrumente mit deren Hilfe die Undefinierbarkeit des Gewöhnlichen (elusiveness of the ordinary) beleuchtet werden kann.

Aufbau

Jedes der elf Kapitel hebt einen bestimmten Aspekt des alltäglichen Lebens hervor. Dabei geht es Das jeweils darum, zu zeigen, dass philosophische Probleme „im Gewebe des Lebens“ entstehen; die Philosophie besteht hier also nicht in der Suche nach besseren Grundlagen für die Anthropologie, sondern ist der Versuch um das Menschliche im „Engagement mit dem Konkreten in besonderen Milieus“ zu finden.

Inhalt

Das erste Kapitel, das eine zentrale Rolle im ganzen Buch spielt, beschäftigt sich hauptsächlich mit dem späten Wittgenstein, mit dessen Philosophie Das sich schon lange und öfter beschäftigt hat, direkt oder indirekt, über Stanley Cavells Wittgenstein-Interpretation. Wittgensteins Spätphilosophie scheint ihr vor allem für diejenige wichtig zu sein, die den ambivalenten Charakter des alltäglichen Lebens wiedererkennen. Diese Ambivalenz besteht daraus, dass das alltägliche Leben sowohl von Routine, Wiederholung und Gewohnheit, als auch von Zweifel, Verzweiflung, improvisieren-müssen und von Unordnung gekennzeichnet ist. Inspiriert vom berühmten Wittgenstein-Satz – „Ein philosophisches Problem hat die Form: >ich kenne mich nicht aus<.“ (Philosophische Untersuchungen, § 123) – fasst Das Anthropologie als eine Angelegenheit auf, bei der es darum geht, dass ich, sobald ich „auf dem harten Felsen“ (Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, § 217) angelangt bin, mich dazu entscheide den Widerstand des Anderen nicht zu brechen, sondern dass ich mich von meinen Kenntnissen des Anderen unterbrechen lasse. Hier spielen auch Wittgensteins berühmte Auseinandersetzungen über Privatsprache und Schmerz eine wichtige Rolle: Genauso wenig als ich den Schmerz eines Anderen lokalisieren kann, wie ich das mit meinem eigenen Schmerz tun kann, ebenso wenig kann ich meine Kenntnisse über andere objektivieren. Für Das ist die Anthropologie ein „body of writing“, das in der Lage sein sollte die Schmerzen des Anderen zu empfangen und denen einen Stimme zu verleihen.

In „A Politics of the Ordinary“ geht es Das zunächst darum erneut die bereits erwähnte „Unheimlichkeit“ des alltäglichen Lebens zu zeigen. Das entdeckte, dass das alltägliche Leben nicht nur die Möglichkeit zur Gewalt enthält, sondern auch die Möglichkeit zu seiner Unterbrechung. Der philosophische Gesprächspartner ist hier zunächst vor allem John Langshaw Austin (und Stanley Cavells Austin-Interpretation), allerdings hauptsächlich derjenige Austin der sich mit den ständigen Risiken und Misslingen von Äußerungen und mit der Instabilität des Kontextes beschäftigte. Es geht der Autorin vor allem darum die konstitutive Verletzlichkeit vom menschlichen Ausdruck und Handeln hervorzuheben, eine Verletzlichkeit die aber weder nur auf einer universalen Ontologie des Menschlichen zurückzuführen ist, noch nur auf sozial-historischen Umständen. Anders als viele andere Theoretiker des alltäglichen Lebens, wie z.B. Lefebvre und de Certeau, geht es Das weder darum dieses alltägliche Leben eindeutig den kategorisierenden und kolonisierenden Praktiken des Staates gegenüber zu stellen, noch darum „die“ Modernität zu kritisieren. Ihre lebenslange ethnographische Beschäftigung hat es Das erlaubt, um im alltäglichen Leben mehr als nur „Verfremdung“, „Gleichgültigkeit“ und „Gelassenheit“ wahrzunehmen. Genau die schwierige Arbeit die als Ethnologin geleistet werden muss, damit das gewöhnliche Leben erscheinen kann, enthält auch die Weise um über Politik nachzudenken, hier verstanden im Sinne von Projekten die eine Infrastruktur herstellen können die Menschen ein Fundament liefert auf dem man stehen kann.

Hier widmet sich Das der Thematik einer, bereits von Michael Lambek und Didier Fassin entwickelten, „ordinary ethics“: statt Ethik als einen separaten Bereich zu betrachten, mit seinem eigenen, abgehobenen, spezialisierten Vokabular, geeignet für das moralische Leben, schlägt auch Das einen Perspektivwechsel vor: Ethik hat nicht nur mit Urteilen zu tun, wofür zusätzlich gilt, dass man sie nur erreicht, wenn man sich vom alltäglichen Leben trennt – Das hat demgegenüber hier und da regelmäßig vom „Abstieg“ oder „Rückkehr“ (descent) im alltäglichen Leben gesprochen. Genauso wenig ist Ethik ein separater Bereich unseres Lebens, sondern eine Dimension des alltäglichen Lebens; Während es in der herkömmlichen Ethik vor allem um Krisenmomente ging, geht es hier darum zu zeigen, wie sehr eine solche Ethik die moralischen Qualitäten von alltäglichen Handlungen wie Fürsorge übersieht (21). Nochmals wird klar wie sehr hier eine bestimmte Philosophieauffassung, nämlich diejenige von Austin und Cavell, eine Rolle spielt: Philosophie hat nicht (nur) mit Denkexperimenten zu tun, sondern mit menschlichen Problemen, die in den realen Leben von Menschen auftauchen, und also nicht in den heiligen Hallen der Philosophie. Trotzdem: auch unter Anthropologen gibt es die Angst, dass die Suche nach dem Guten in unserer Gesellschaft durch eine solche „ordinary ethics“ gefährdet ist. Das verlest diese Angst mithilfe einer Überlegung der Philosophin Cora Diamond, die zeigte, dass obwohl unser Vermögen um zu urteilen und beurteilen wichtig ist, wir nicht immer Richter zu sein brauchen (118). Statt individuelle Handlungen isoliert zu betrachten, um sie zu Objekten von Urteilen zu machen, wäre es besser auf den „textures of being“ (Iris Murdoch) zu achten. Worum es letztendlich geht, sind ja nicht die dramatischen Momente einer Entscheidung, sondern eine subtile Aufmerksamkeit für Details, die ein genuines Denken des Lebens enthalten sollte.

Gegenüber dem naheliegenden Missverständnis, das alltägliche Leben sei auch das am allereinfachsten zu beschreibende und zu objektivierende Leben, thematisiert Das im 4. Kapitel, wie schwierig es ist um ausgerechnet das Vertraute und die Nähe des alltäglichen Lebens vor sich zu bringen. Aus der, an Cavells Philosophie anknüpfenden, Einsicht, dass das alltägliche Leben bestimmte „Abgesandte“ (emissaries) schickt um als solche anerkannt zu werden, widmet Das ihre Aufmerksamkeit genau den Worten die „nicht zu Hause“ sind, die plötzlich „anschwellen“, die aus der Ruder laufen. Das ist im Einklang mit der Sichtweise von Das auf Feldforschung, die für sie ja nicht im Versammeln von Geschichten oder kohärente Narrativen besteht, sondern darin, dass man auf Worte und Gebärden achtet, die plötzlich auftauchen, die aus dem Zusammenhang herausfallen, und die uns dadurch einen „Blick in die turbulenten Gewässer“ des alltäglichen Lebens bieten.

Zentraler Begriff ist im 5. Kapitel der Begriff des Verlangens, das im alltäglichen Leben in der Lage ist religiöse Unterschiede zu transzendieren. Selten wurde gefragt, wie ein solches Verlangen im Sozialen aufrechterhalten wird. Meistens wurden private Liebesgeschichten in der Form von „warnenden Geschichten“ dargestellt, oder als Allegorien für die Ähnlichkeit zwischen Liebe und Tod. Das zeigt in diesem Kapitel, dass nicht nur das hier beschriebene Liebespaar, sondern jedes Mitglied der Familie dieses Paars die Gelegenheit bekommt um sich zu verändern, zu lernen wie man diese neu entstandene Situation bewohnen könnte. Auch hier geht es also um die Entwicklung einer „gewöhnlichen Ethik“: Während die herkömmliche Ethik das Einnehmen eines abstrakten, nicht-subjektiven Standpunkts wichtig fand, geht es einer „ordinary ethics“ ausgerechnet darum auf das Leiden der Anderen zu achten. Überdies stellt Das hier, in Anlehnung an Stanley Cavell, die Idee vom „anliegenden Selbst“ vor: in Cavells Sichtweise auf Ethik geht es nicht darum zu einem höheren Ideal emporzusteigen, aber darum aus Situationen ein „anliegendes Selbst“ entstehen zu lassen. In dieser Sichtweise macht das moralische Streben, gerade in seiner Unsicherheit und Aufmerksamkeit für die Besonderheit des Anderen, eine Dimension des alltäglichen Lebens aus. Obwohl eine „gewöhnliche Ethik“ also auch einen Verlust zur Folge hat, nämlich die „Tiefe von moralischen Aussagen“, kann sie auch dazu führen, dass man die Fähigkeit gewinnt, „um das alltägliche Leben zu bewohnen und um diejenige Arbeit zu leisten die notwendig ist um zu entdecken was es meint, sich am Leben des Anderen zu beteiligen“ (171).

Erneut steht im 6. Kapitel die Zwiespältigkeit des alltäglichen Lebens im Vordergrund: jetzt liest Das die allmähliche Entwicklung von Michel Foucaults Gedanken über Macht in Tandem mit den Ereignissen die einem psychisch kranken jungen Mann und seiner Familie, in Delhi, widerfahren müssen. Die von Das dargebotene, detaillierte Interpretation von Foucaults unterschiedlichen Sichtweisen auf Macht – souveräne Macht, normalisierende Macht, disziplinierende Macht – ermöglicht es sie den Blick freizulegen dafür wie das „Leben des Gesetzes“ auch im Alltag, in seinen vielen Übergängen, präsent ist.

Die „pathologische Normativität“ (Canguilhem), die Das im vorigen Kapitel zunächst auf das alltägliche Leben bezogen hatte, wird im 7. Kapitel auf dem größeren, sozialen Kontext der Gesellschaft bezogen. Was bedeutet es, um Mitglied eines übergeordneten Ganzen zu sein, das tagtäglich mit Gewalt zu tun hat? Die wichtigsten intellektuellen Gesprächspartner sind hier der Schriftsteller Jonathan Coetzee und der Philosoph und Psychoanalytiker Jonathan Lear. Die literarischen Instrumente die Coetzee in einigen seiner Romane verwendet, helfen Das eine bessere Sicht zu bekommen in die Folgen für das alltägliche Leben von Menschen von struktureller Gewalt. Ein der prägnantesten, zum Nachdenken einladenden, Sätze kann man hier finden, am Ende des Kapitels. Wenn wir, die in ungerechten Gesellschaften leben und uns, auch wenn wir uns selber nie an Gewalt beteiligt haben, hilflos kompromittiert fühlen durch die Scham, dass wir Mitglied einer solchen Gesellschaft sind, dennoch Verantwortung für die Gegenwart übernehmen wollen, kann diese Verantwortung nur darin bestehen, dass wir dieses Leben „offen akzeptieren“.

Ausgehend von einem einzigen schrecklichen Ereignis, die Entführung eines Kindes, versucht Das im 8. Kapitel zur der Entwirrung der Erfahrung von alltäglicher Gewalt beizutragen. Meistens bleiben diese Ereignisse unthematisiert und mehr noch, kümmert sich niemand darum. Das beschreibt hier detailliert wie dieses Ereignis, das in diesem besonderen Fall zur Festnahme eines Verdächtigen geführt hat, durch den juristischen Diskurs repräsentiert wird, dass dieser Faktendiskurs aber selber auch ihre Fakten produziert, mithilfe von Fiktionen, und dass aber erst die „kleinere“, alltägliche Gewalttaten und Bestechungen, u.a. von Polizisten, die durch diese Repräsentationen überschattet werden, uns einen Einblick bieten in den Konditionen des alltäglichen Lebens in diesen Orten.

Die letzten drei Kapitel, 9 bis 11, beziehen sich unmittelbar auf die Frage der Beziehung von anthropologischer Kenntnis zur Literatur und Philosophie.

In Kapitel 9 bezieht Das sich direkt auf einen einflussreichen, oft diskutierten philosophischen Text über Anthropologie: Wittgensteins „Remarks on Frazer“. Statt diese Anmerkungen, wie meistens getan wurde, als einen Beitrag zur Theorie vom religiösen Glauben und Rituale zu interpretieren, liest Das seine Anmerkungen vor dem Hintergrund eines seiner Hauptinteressen, nämlich die Weltbilder. Ausgehend von dieser Interpretation kommt Das zu Fragen wie die Folgenden, ob wir nicht auch die Erfolge unserer Kenntnisse mit Argwohn betrachten sollten, da sie dazu führen können, dass man zu schnell zu einem Stillstand zwischen Philosophie und Anthropologie kommt.

Das 10. Kapitel ist ein Beispiel von postkoloniale Theorie in actu – das Wort wird allerdings nicht verwendet. Hier zeigt Das wie selbstverständlich das sogenannte „common sense“ Denken von europäischen Gesellschaften und vom Christentum in der Gestaltung von anthropologischen Konzepten eingeflossen ist, und dass man diese Konzepte demnächst auch auf nicht-Europäische Kulturen, wie die der Dinka und Nuer, meinte anwenden zu können. In einer Lesung von zwei anthropologischen Klassikern (Evans-Pritchard und Lienhardt) zeigt Das konkret, wie sehr deren Sichtweise auf diese Kulturen auf deren selbstverständliche, unausgesprochene Annahmen über die Universalität von christlichen Konzepten und von europäischen Erfahrungen zurückging. Lévi-Strauss‘ Unterschied zwischen Konzept und Zeichen ist Das dabei behilflich nochmals zu sehen wie Konzepte funktionieren, dass sie nicht vorab gegeben sind, obwohl sie den Anschein von Transparenz erwecken möchten.

Im Schlusskapitel reflektiert Das darauf wie Denken und das Führen eines anthropologischen Lebens miteinander verknüpft sind. Der Titel dieses Kapitels ist zumindest auffällig, und vielleicht sogar irritierend: „Das Leben von Konzepte. In der Nähe vom Sterben“. Was haben Konzepte und der Tod miteinander zu tun? In einem Denken das von der Hegemonie der Erkenntnistheorie geleitet ist, stellen wir uns es doch so vor, dass Konzepte entstehen, wenn wir uns z.B. statistische Daten anschauen; können sie aber nicht auch durch die meist alltäglichen Erfahrungen hervortreten? Für Das gilt, dass sie, gerade dann, als sie in ihrer Feldforschung mit dem Tod zu tun hatte, über die Eigenart vom Denken nachzudenken veranlasst wurde, und zwar als einen Akt der vielleicht immer und unausweichlich mit Todesfragen verbunden ist. Kann man zu Konzepten gelangen über einen anderen Weg als den klassischen, der davon ausgeht, dass Konzepte mit den Denkoperationen von Vergleichen und Abstrahieren zu tun haben? Eine der faszinierenden Fragen die Das hier aufwirft ist, ob es der Fall sein könnte, dass vielleicht vom sogenannten „Fluß der gelebten Erfahrung“ ausgerechnet da die Rede sein könnte, wo wir es eigentlich nur mit Fragmenten zu tun haben? Könnte es also so sein, dass dasjenige was wir meistens „gelebte Erfahrung“ nennen, eigentlich nur eine „gereinigte Repräsentation“ dieser Erfahrung ist?

Diskussion

Was Das anderswo mal über die Sprachen der Schmerz gesagt hat, dass sie sich ihr oft entziehen, das gilt leider auch hier und da für dieses Buch. Das hängt mit der ab und zu sehr eigenwilligen Sprache zusammen und mit den manchmal überkomplexen Formulierungen, die das Verstehen erschweren. Manchmal kann man gut nachvollziehen, dass die Komplexität dieser Formulierungen dem Inhalt zu verdanken ist, hier und da aber scheint die Komplexität gewollt zu sein. Das Verstehen des Buchs wird außerdem erschwert durch die oft zu kompakte Einführungen von und Auseinandersetzungen mit anderen Autoren: dadurch bleibt z.B. in der Schwebe, was genau mit „textures“ oder mit Cora Diamonds Idee einer „criss-cross philosophy“ gemeint ist.

Fazit

Trotzdem ist dieses Buch insgesamt ein bewundernswertes Beispiel für ein Genre das heute, leider, oft nicht mehr mit Wissenschaft identifiziert wird. Es liefert ja keine fertigen und unmittelbar anwendbaren Kenntnisse, weder über eine andere Kultur, noch über das Verhältnis von Philosophie und Anthropologie. Dieses Buch das, wie sie auch selber ankündigte, anstatt „neue Informationen“ zu liefern, dasjenige was wir bereits wissen neu „ordnen“ möchte, zeigt hervorragend wie äußerst gewinnbringend es sein kann, bestehende Kenntnisse aus neuen Perspektiven zu beleuchten. Dadurch entstehen ungeahnte Zwischenräume und bekommt jeder aufmerksame und geduldige Leser die außergewöhnliche Chance auf die Ambivalenz des eigenen alltäglichen Lebens aufmerksam zu werden; außerdem wird klar, manchmal auch peinlich klar, wie sehr unsere abendländische Philosophie und Wissenschaft die Stimme des alltäglichen Lebens noch immer nicht im Stande sind zu vernehmen, und manchmal vielleicht sogar aktiv ihre Unterdrückung fördern; nicht nur die Stimme anderer Kulturen übrigens, sondern auch die unserer eigenen Kultur, zum Beispiel: die Stimmen von Frauen, die Stimmen von allen am Alltag Leidenden, von Kranken, und von all denjenigen, die nicht einmal in der Lage sind wahrzunehmen, geschweige denn darauf aufmerksam zu machen, dass sie in den herrschenden Kategorien nicht und nie aufgehen – und dazu gehören nicht nur die sogenannten Unterdrückten und Marginalisierten. Durch einen intensiven Dialog mit diesem Buch könnte wiederum eine „offene Akzeptanz“ (215) der Ambivalenz des Alltags entstehen.

Obwohl der Name von Theodor W. Adorno in diesem Buch nicht erwähnt wird, erinnert es in vielen Facetten an seiner Formulierung (Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1966, 25), dass es darum geht „über den Begriff durch den Begriff hinauszugelangen.“ Das Buch wäre als eine konkrete Ausführung dieses Programms zu verstehen, und geht darin einen erheblichen Schritt weiter durch das Verlesen von Feldforschungs-„Daten“ im Kontext von, vor allem, philosophischen und literarischen Konzepten und Ideen; dabei wird zum Glück die ganze Problematik der Rückwirkung dieser Verlesung auf den verwendeten Konzepten und Ideen nicht vergessen.


Rezension von
Dr. Rob Plum
Koordinator DFG Forschungsgruppe „Sakralraumtransformation. Funktion und Nutzung religiöser Orte in Deutschland“ (FOR 273) und Postdoc des Projektes „Theorie des Sakralraums“
Homepage www.transara.de/dr-robert-plum
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Zitiervorschlag
Rob Plum. Rezension vom 26.03.2021 zu: Das Veena: Textures of the Ordinary. Doing Anthropology after Wittgenstein. Fordham University Press (New York) 2020. ISBN 978-0-8232-8769-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27619.php, Datum des Zugriffs 03.08.2021.


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