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Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit

Cover Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit. Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten 1933-1943. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2020. 396 Seiten. ISBN 978-3-608-96460-8. D: 25,00 EUR, A: 25,80 EUR.
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Thema

Die „finsteren Zeiten“ zwischen 1933 und 1943, um die Eilenbergers Kollektivbiografie kreist, sind in der westlichen Welt bekanntermaßen geprägt von totalitären Unterdrückungssystemen, massenmordenden Diktaturen und der restlosen Unterwerfung des Individuums unter einen absolutistischen und grausamen Kollektivwahn. Dass in dieser Zeit aber Philosophinnen, namentlich Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Ayn Rand und Simone Weil, gegen diese totalitären Unrechtssysteme kämpften und neu über das Verhältnis von Individuum und Kollektiv nachzudenken vermochten, ist Ausgangspunkt dieses Werks. Eilenberger zeichnet darin nach, wie – allen Widrigkeiten, aller Unterdrückung und aller Verfolgung zum Trotz – Arendt, Beauvoir, Rand und Weil auf ihre je eigenen Weisen in diesen finsteren Zeiten mit ihren Ideen ein „Feuer der Freiheit“ zu entzünden vermochten, das bis heute wirkt und im globalen Wiedererstarken rechtsnationaler Gruppierungen und totalitärer Tendenzen unvorstellbar aktuell bleibt.

Autor

Wolfram Eilenberger, zeitgenössischer und öffentlichkeitswirksamer Philosoph, war lange Chefredakteur des „Philosophie Magazins“, moderiert die „Sternstunde Philosophie“ und ist Mitglied der Programmleitung der „phil.cologne“.

2018 erschien „Zeit der Zauberer: Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919-1929“, das gewissermaßen als Vorläufer des hier rezensierten Buchs gelten kann. Hier stellt Eilenberger in einer gut verständlichen und elaborierten Kollektivbiografie die vier Philosophen Martin Heidegger, Ludwig Wittgenstein, Walter Benjamin und Ernst Cassirer sowie deren zentrale philosophischen Ansätze „in den Zeiten des Umschwungs, der Unsicherheit, der Desorientierung“ vor (vgl. https://www.socialnet.de/rezensionen/24111.php).

Aufbau

Das Werk gliedert sich in acht Kapitel, die mit je einem Schlagwort überschrieben sind, das die Situation der vier Protagonistinnen in einem angegebenen Zeitraum charakterisieren soll. Während sie sich 1933/34 etwa alle in existenziellem, politischem oder intellektuellem „Exil“ befinden, wagen sie 1934/35 ihre je eigenen „Experimente“, Rand in einem Theaterstück, Beauvoir in den Beziehungen zu Jean-Paul Sartre und Olga Kosakiewicz, Weil in ihrem „Fabriktagebuch“ und Arendt in ihrer politisch-theoretischen Abhandlung zur Frage nach den Fundierungen der Menschenrechte. 1941/42 schließlich entdeckten sie ihre jeweilige „Freiheit“, philosophisch, politisch, literarisch, existenziell, ehe 1943 das „Feuer“ gelegt wird, von dem der Titel der Biografie zeugt. Diesen Ausführungen folgen die Schneisen, in denen das weitere Leben und Wirken der Protagonistinnen skizziert wird.

Inhalt

Die inhaltliche Darstellung des Werks orientiert sich an der Struktur der Biografie:

Funken (1943)

Hier gibt Eilenberger eine kurze Vorschau auf die Situation der Protagonistinnen, wie sie sich am Ende der von ihm dargestellten „finsteren Zeiten“ darstellt. Während Beauvoir auf dem Weg ist, eine neue Art des Philosophierens und Lebens zu entdecken, die die Frage nach dem Sinn der eigenen Existenz vor dem Hintergrund der Relevanz anderer Menschen für das eigene Leben neu stellen, will Weil eine Spezialmission französischer Frontkrankenschwestern etablieren, die in einer letztlich selbstzerstörerischen Mission für Menschlichkeit in diesem Kulminationsunkt der Barbarei einstehen sollen – philosophisch schreibt sie „Die Entwurzelung“, ein Projekt, das über den Weltkrieg und die Hitler-Diktatur hinaus eine gerechte und lebenswerte Gesellschaftsordnung entwirft. Rand hat mit ihrem Roman „The Fountainhead“ eine fundamental neue Weltsicht entwickelt, die das Individuum absolut setzt und es gegen alle totalitären Systeme der Welt zu behaupten versucht. Arendt schließlich denkt, schreibt, philosophiert gegen das Exil und gegen die radikale Entwurzelung an, die sie als Geflüchtete am eigenen Leib zu ertragen hat.

Exile (1933/34)

Anschließend an dieses Kapitel skizziert Eilenberger das Leben und Denken der Protagonistinnen chronologisch. Der Jahreswechsel 1933/34 ist bei ihnen allen von Exilerfahrungen geprägt. Arendt befindet sich auf der Suche nach einem „Leben mit Halt, aber ohne Geländer“ (54). Sie erfährt den Naziterror in ihrem Alltag und sammelt antisemitische Aussagen, um diesen zu dokumentieren – was zu dieser Zeit bereits ein lebensbedrohliches Unterfangen war (nur knapp entgeht sie der Inhaftierung). Auch arbeitet sie an ihrer Studie zu Rahel Varnhagen, die zu einem Psychogramm der intellektuellen jüdischen Frau in Deutschland in ihrer dreifachen Marginalisierung werden wird. Weil studiert derweil die Situation der Arbeiterschaft in Deutschland und analysiert, zum Unmut ihrer linken Genoss:innen, die strukturelle Gleichartigkeit des faschistischen Deutschlands mit der stalinistischen Sowjetunion. Gegen den Stalinismus hält sie, dass der Sozialismus eigentlich darauf hinarbeite, jeden einzelnen Menschen als Individuum zu befreien und ihm ein sinnhaftes und freies Leben zu ermöglichen. Beauvoir wiederum lernt die Phänomenologie Edmund Husserls kennen und reist zu weiteren Studien eigens nach Deutschland, wo sie allerdings den alltäglichen Terror und die lebensweltlichen Folgen der Machtergreifung Hitlers wenig zu beachten scheint. In der Tat reflektiert sie später selbst, wie fern von jeder politischen Tätigkeit sie zu dieser Zeit war. Umso erschütternder war daher für sie die Begegnung mit ihrer Kommilitonin Weil, die auf dem Campus wegen einer Hungersnot in China in Tränen ausbrach und damit eine Offenheit für das Leid anderer Menschen zeigte, die Beauvoir gänzlich fern war. Rand wird durch die „Große Depression“ in den USA erschüttert. Als Immigrantin, die vor dem stalinistischen System in die USA flüchtete, verspürt sie eine fundamentale Andersheit. Zuflucht liefert die Philosophie Friedrich Nietzsches.

Experimente (1934/35)

In der Folge entwickelt Rand ein Gerichtsdrama in drei Akten, das seine Premiere in Los Angeles feiert. Sie strebt weiter, ganz im Sinne Nietzsches, nach ihren eigenen, höheren Werten und Idealen, die sie in einem „höchsten Egoismus“ verwirklicht sieht. Beauvoir steckt derweil in einer intensiven Dreiecksbeziehung mit Sartre und Kosakiewicz, die auf philosophischer Ebene über die Werte der Freiheit und Notwendigkeit, der Authentizität und Uneigentlichkeit, sowie der Unmittelbarkeit und Projektion in die Zukunft ihren Ausdruck finde. Weil schreibt ihr philosophisches Testament über die „Ursachen von Freiheit und gesellschaftlicher Unterdrückung“sowie ihr „Fabriktagebuch“, für das sie im Winter 1934 eigens als Fabrikarbeiterin zu arbeiten beginnt. Ihr gesundheitlicher Zustand ist in dieser Phase bedenklicher als er es gemeinhin ohnehin ist, philosophisch jedoch setzt sie sich in aller Intensität mit der Befreiung des Menschen auseinander. Diese Befreiung sieht sie in einer Reorganisation der Arbeit verankert sowie in einer Ausrichtung der Produktion von Maschinen an den menschlichen Bedürfnissen (statt der umgekehrten Praxis, die sie in der Fabrik am eigenen Leib erfährt). Arendt schließlich lebt als staatenlose Geflüchtete im Pariser Exil, als „Niemand im rechtlichen Niemandsland“ (123). Sie formuliert eine erste Kritik der Nationalstaatlichkeit und stellt die allgemeine Frage nach der Fundierung der Menschenrechte, dem Recht also, überhaupt Rechte zu haben.

Nächste (1936/37)

Rand arbeitet weiter an ihrer Konzeption des Egoismus, die das Ich gegen totalitäre Doktrinen zurückerobern soll. Ihr Held ist die spätere Romanfigur, der Architekt Roark, der die Verkörperung des Nietzscheanischen Übermenschen darstellen soll: Er weiß um seine Überlegenheit, setzt sich seine eigenen Werte, allein auf sich bezogen. Arendt erlebt den Einmarsch deutscher Truppen in das entmilitarisierte Rheinland, den Bürgerkrieg in Spanien und die Streikwellen in Frankreich. Ihre Situation spitzt sich mehr und mehr zu. Eilenberger referiert hier Arendts Doktorarbeit über den „Liebesbegriff bei Augustinus“ sowie die Beziehung zu Heinrich Blücher. Beauvoir sieht ihrBeziehungsnetz mehr und mehr als eine selbstgewählte Familie, die so ihren frühen existenzialistischen Idealen entspricht. Sie wagt ihr „Freiheitsexperiment auf philosophischer Basis“ (166) und bricht aus gewohnten Lebens- und Liebesmodellen aus. Weil dagegen leidet unter Migräneanfallen und einer starken Verbrennung, die sie in einem Lager an der Front des Spanischen Bürgerkriegs erlitten hat. Fortan sieht sie ihren politischen Auftrag als philosophischen: Die Begriffe, die zu leeren Worten diskreditiert wurden (Freiheit, Gemeinschaft etc.) und damit zu weltweiten Konflikten führten, gelte es, zu präzisieren und inhaltlich anzureichern.

Ereignisse (1938/39)

Inmitten des Vormarsches der Nationalsozialisten und ihrer eigenen schlimmsten Migränephase findet Weil in einem sakralen Erlebnis göttliche Liebe und bettet ihre Leiden in die Passion Christi ein – ihr Leben erfährt eine radikale Wende und ihr Denken wird fortan von dieser Erfahrung fundamental geprägt sein. Rand erfährt dagegen aus der Ferne den Stalinistischen Terror in Russland, der auch ihre Familie erreicht. Dabei stellen die Schriften Rands die größte Gefahr für ihre Familie dar. Arendt entdeckt in ihrer Auseinandersetzung mit Rahel Varnhagen die Bedeutung einer vorreflexiven Sensibilität für andere Menschen und damit die gesellschaftliche und persönliche Bedeutung einer Offenheit für die Welt und die Erlebnisse anderer Menschen. Beauvoir schließlich beginnt ihre Arbeiten an dem Roman „Sie kam und blieb“, der anhand der autobiografischen Erfahrung der Beziehung zu Sartre und Kosakiewicz das spannungsreiche Verhältnis von Selbst und Anderen philosophisch thematisiert.

Gewalt (1939/40)

Weil schreibt zu dieser Zeit ihren Essay über „Die Ilias oder das Poem der Gewalt“, in dem sie die Gewalt- und Verdinglichungstendenzen im Krieg analysiert. Sie fordert darin zu philosophischer Betätigung in finsteren Zeiten und zu Maß und Mitte auch und besonders im Krieg auf. Da der Krieg in wechselseitiger Entmenschlichung münde, sucht sie nach Formen der „Gnade“. Beauvoir wird derweil vom Einmarsch der Nazis nach Paris aus ihren gewohnten Bahnen geworfen. Gleichzeitig nehmen existenzialistische Grundthesen bei ihr und Sartre in der Auseinandersetzung mit Martin Heidegger Gestalt an. Arendt wird infolge des Einmarsches der Nazis mit der Auslieferungsklausel konfrontiert, die die Franzosen mit ihren Besetzern aushandeln. Auch häufen sich die Nachrichten von Selbstmorden jüdischer Menschen. Arendt erkennt die Grausamkeit der Nazis früh darin, die Menschen in Dinge zu verwandeln – ein Grundzug des Totalitarismus. Sie muss derweil nach Marseille reisen, dem letzten Transitort zur Flucht nach Amerika. Kurz nachdem sie vom Selbstmord Walter Benjamins in den Pyrenäen erfährt, reist sie mit Blücher in die USA. Rand sieht die Welt ebenfalls am Abgrund zum Totalitarismus, der auch vor der USA keinen Halt zu machen scheine. Sie versucht, dem Kollektivismus, den sie in Theodore Roosevelt verkörpert sieht, die Werte der amerikanischen Verfassung entgegen zu stellen. Sie verfasst einen offenen Brief an das amerikanische Wahlvolk, um die unantastbaren Rechte des Individuums gegen den Staat zu verteidigen.

Freiheit (1941/42)

Beauvoir entwickelt ihre „Freiheitsphilosophie wechselseitiger existenzieller Anerkennung“ (285) und erlebt in ihrer aktuellen Lebenssituation zunehmend eine befreiende Einsamkeit und metaphysische Solidarität. Weil arbeitet derweil an ihren „Cahiers“ sowie auf den Kartoffelfeldern Südfrankreichs. Philosophisch ist sie zunehmend von einer De-Création des Ichs und einem Detachement als Befreiung der eigenen Existenz geprägt. Arendt bezeugt währenddessen den Angriff auf Pearl Harbour, den Stellungskrieg in Leningrad und die Massendeportation von Juden in Nazideutschland. Doch auch von der zionistischen Bewegung entfremdet sie sich, da sie deren nationalstaatliche Pläne für Israel als Reproduktion der Wurzel des Übels in Europa (den Nationalstaat) wahrnimmt. Die Befreiung der Jüdinnen und Juden könne gerade nicht durch einen klassischen Nationalstaat europäischer Prägung erfolgen. (312) Rand arbeitet unermüdlich an ihrem Roman sowie der gesellschaftlichen Behauptung von Unabhängigkeit, Würde des Ichs und den unveräußerlichen Rechten, die gegen den Staat zu schützen seien.

Feuer (1943)

Hier schließt Eilenberger den Kreis und kehrt in das Jahr 1943 zurück. Der Roman „The Fountainhead“ von Rand verkauft sich sehr gut und soll sogar in Hollywood verfilmt werden. Auch Beauvoirs erster Roman „Sie kam und blieb“ wird ein Erfolg. Arendt dagegen bleibt mehr oder minder isoliert, beginnt aber mit „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. Weil wird vom Middlesex-Hospital in ein Sanatorium verlegt, trotz Tuberkulose lehnt sie eine Sonderbehandlung ab, sie verweigert aus Solidarität mit ihren Mitmenschen an der Front das Essen und bewegt sich auf die endgültige Auslöschung ihres Ichs zu.

Diskussion

Eilenbergers Kollektivbiografie zu vier der spannendsten Philosophinnen und politischen Theoretikerinnen des 20. Jahrhunderts kreist im existenziellen, philosophischen und politischen Sinne um das Verhältnis von Ich und Anderen, dem Individuum und dem Kollektiv. Diese Problemstellung drängt sich natürlich in einer Zeit auf, in der jede Form von Individualität droht, durch totalitäre Systeme kolonialisiert zu werden, in der aber auch die Philosophie, viel zu oft Kollaborateurin von Herrschenden, eine neue Rolle inmitten von Zensuren, Unrechtssystemen und bis dato wohl für unmöglich gehaltenen Grausamkeiten finden muss. Eilenberger, der in dem Werk häufig zwischen autobiografischer Darstellung und philosophischer Interpretation changiert, überführt dies am Ende des 2. Kapitels explizit in eine kurze Erörterung des atopischen Standpunkts der Philosophie. Denn Philosoph:innen erführen sich, wie er im Kapitel „Exile“ anhand seiner vier Protagonistinnen aufzeigt, „einfach grundlegend anders in die Welt gestellt. Und bleiben dabei tief im Innern gewiss, wer oder was das eigentlich zu therapierende Problem darstellt: nicht etwa sie selbst, sondern die anderen. Womöglich gar: alle anderen.“ (84) Damit ist das grundlegende Problem, das Arendt, Beauvoir, Rand und Weil auf je eigene Weise behandeln, auch auf einer Ebene philosophischen Selbstverständnisses gestellt. Und dies scheint das Beeindruckendste in der Lektüre von „Feuer der Freiheit“ zu sein. Natürlich gebührt Eilenberger das große Verdienst, eine Kollektivbiografie von vier wirkmächtigen Philosophinnen in verständlicher, spannender und anregender Weise verfasst zu haben. Diese vier Denkerinnen und politischen Aktivistinnen in einen existenziellen Zusammenhang zu bringen, gelingt ihm auch an den meisten Stellen problemlos. Lediglich Rand nimmt mit ihren sehr egozentrischen und kapitalistischen Prämissen eine gewisse randständige Rolle ein und hier sind die Parallelen, die Eilenberger zieht, an manchen Stellen artifiziell; etwa wenn er das Gedankenexperiment einführt, in dem Arendt, Beauvoir und Weil am Prozess des Theaterstücks von Rand teilnehmen. Und natürlich ist es auch die Rückbindung der philosophischen Gedankenentwicklung an das je individuelle Leben in einer auf bestimmte Weise zu verarbeitenden politischen Situation (Arendt als jüdische Intellektuelle, Weil als Sozialistin und Christin, Rand als emigrierte Russin in den USA und Beauvoir als junge Frau „aus gutem Hause“), die dieses Werk spannend und erkenntnisreich macht. Doch die zentrale Frage, nämlich nach dem Selbstverständnis der Philosophie und von Philosoph:innen in Zeiten der Unterdrückung und des Terrors, in dieser Form, lebensnah, unverblümt und in aller Schärfe zu stellen, dafür gebührt diesem Werk besondere Beachtung. Dass es dabei gerade die Andersheit der Philosophierenden selbst, ihr „atopischer“ Platz ist, der den Zusammenhang von Philosophie und Politik ausmacht, mit dieser Verortung bewegt sich Eilenberger parallel etwa zu Donnatella di Cesare, die diese Verortung kürzlich in einer philosophiegeschichtlichen Analyse unternommen hat (Di Cesare, Donnatella, „Von der politischen Berufung der Philosophie“, Berlin: Matthes & Seitz 2020). Doch auch außerhalb des philosophischen Diskurses lädt dieses Werk dazu ein, sich mit vier der spannendsten Denker:innen des 20. Jahrhunderts zu beschäftigen, oder einfach vier herausragende Weisen zu finden, mit weltumspannenden Ungerechtigkeiten und Unterdrückungen umzugehen. Insgesamt lohnt sich die Auseinandersetzung mit Arendt, de Beauvoir, Rand und Weil nicht nur für Philosoph:innen oder Wissenschaftler:innen im Allgemeinen, und auch nicht nur für Menschen, die täglich mit Formen der Unterdrückung konfrontiert sind, sondern letztlich für jeden Menschen, der in irgendeiner Form seinen Platz in der Welt sucht.

Fazit

In „Feuer der Freiheit“ legt Wolfram Eilenberger seine zweite Kollektivbiografie vor; diesmal behandelt er den Zeitraum zwischen 1933 und 1943, die „finsteren Zeiten“ in Europa, anhand der Denkerinnen und Aktivistinnen Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Ayn Rand und Simone Weil. Diese vier Protagonistinnen sind in je eigener Weise mit den brutalen Geschehnissen und Unterdrückungen dieser Zeit konfrontiert und existenziell wie intellektuell auf der Suche nach ihrem je eigenen Platz. Diese Suche mitzugehen und sich den Fragen nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, von Selbst und Anderem in vielfältiger Weise zu stellen, dazu lädt die sehr verständliche, spannende und anregende Kollektivbiografie Eilenbergers ein. Sie bietet somit einen guten Einstieg in die Situation und das Denken von vier wirkmächtigen Philosophinnen bzw. politischen Theoretikerinnen. Die Fäden zwischen den vier Protagonistinnen sind manchmal etwas lose, werden an der ein oder anderen Stelle auch eher künstlich gestrickt. Die Grundfrage, die jedoch alle vier verbindet, wird auf vielschichtige Weise behandelt und es bleibt dem:der Leser:in vorbehalten, diese Frage auf die heutige Zeit, auf die eigene Existenz oder auch auf die eigene Profession als Philosoph:in, Sozialarbeiter:in oder Wissenschaftler:in zu übertragen. Wer sich spezifischer mit einer der Denkerinnen befassen will, muss freilich zu einer Individualbiografie oder einer Werkeinführung greifen. Wer sich jedoch für die autobiografische Rückführung der Denkentwicklung, für eine historische und politische Verortung ihrer Situation interessiert, der tut sehr gut daran, sich mit diesem komplexen und tiefschichtigen Werk auseinanderzusetzen.


Rezension von
Marvin Luh
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Zitiervorschlag
Marvin Luh. Rezension vom 20.04.2021 zu: Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit. Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten 1933-1943. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-608-96460-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27627.php, Datum des Zugriffs 19.05.2021.


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