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Wolfgang Raack, Jürgen Thar: Leitfaden Betreuungsrecht

Cover Wolfgang Raack, Jürgen Thar: Leitfaden Betreuungsrecht. Ratgeber für Betreuer, Angehörige, Betroffene, Ärzte und Pflegekräfte. Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft (Köln) 2005. 4., überarbeitete und aktualisierte Auflage. 260 Seiten. ISBN 978-3-89817-402-2. 17,50 EUR.
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Die Autoren

  • Dr. jur. Wolfgang Raack war - bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2006 - Familien- und Vormundschaftsrichter und Direktor des Amtsgerichtes Kerpen.
  • Jürgen Thar ist Diplomsozialarbeiter und als Berufsbetreuer in Erftstadt tätig. Beide Autoren haben bereits mehrfach zu Themen aus dem Betreuungswesen publiziert.

Kurzcharakterisierung

Dieser in  4. Auflage erschienene Leitfaden für Anwender und Nutzer des Betreuungsrechts berücksichtigt, in Ergänzung der bisherigen Auflagen, die Neuerungen durch das Inkrafttreten des 2. Betreuungsrechtsänderungsgesetzes.

Das Konzept des Buches will - als ein besonderes Charakteristikum - vor allem auch die sozialen Komponenten des Betreuungsrechts herausarbeiten, um der Gefahr einer möglicherweise zunehmenden politisch gewollten weiteren Verrechtlichung des Betreuungsrechts mit einem interdisziplinären Konzept entgegenzuwirken.  Das Ergebnis dieser Absicht  muss sich also unter anderem daran messen lassen, inwieweit es gelungen ist, sozialarbeiterische Kompetenz mit dem juristisch Notwendigen lesbar und inhaltsreich zu verbinden.

Aufbau und Inhalt

Die Autoren wollen sich mit ihrem Ratgeber einer sehr breiten Zielgruppe empfehlen: Betreuern, Angehörigen, Betroffenen, Ärzten und Pflegekräften. Bei der Unterscheidung Betreuer und Angehörige wird deutlich, dass es eigentlich auch Sinn machen würde, die Teilgruppen innerhalb der Betreuertypen zu differenzieren und gesondert anzusprechen. Gerade unter den Betreuern gibt es ja eine große Anzahl von Angehörigenbetreuern. Ihre Rolle stellt sich oftmals im Blickfeld der übrigen Familienangehörigen als besonders belastend und gelegentlich ambivalent dar.  Aber auch die Doppelrolle als Pflegeperson und Betreuer schafft erschwerende Umstände, die oft nur durch aktive Unterstützung von außen geleistet werden kann. Die Vertiefung dieser Aspekte gehört nicht zum eigentlichen Schwerpunkt des Buches. Es konzentriert  sich vielmehr auf die Darstellung und Begründung einer  interdisziplinären Vorgehensweise in der Praxis des Betreuungswesens. Die Autoren  werben um eine nicht nur juristische Sichtweise des Betreuungsrechts sondern begründen inhaltsreich und überzeugend in vielen Einzelschritten wie eine bio-psycho-soziale Perspektive bei der Hilfe für Betreute in der Praxis umgesetzt werden könnte.

  • Im Unterschied zu vielen anderen Ratgebern beginnt der Leitfaden nicht mit den Voraussetzungen zur Bestellung eines Betreuers oder einer Betreuerin. Dieser Aspekt wird erst im zweiten Kapitel behandelt. Die Autoren beschäftigen sich zunächst ausgiebig mit den Möglichkeiten, autonome Entscheidungen des Individuums rechtzeitig in Form der Erstellung einer Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung oder Patientenverfügung zu treffen, um für Zeiten vorzusorgen, in denen man krankheitsbedingt nicht mehr selbst entscheiden kann. Erfreulich  die Hinweise, dass auch die Vorsorgevollmacht bestimmte Rahmenbedingungen setzt und nicht für alle Fälle und in jeder Situation die beste Vorsorge ist - wie es gelegentlich dargestellt wird.
  • Das folgende Kapitel befasst sich dann mit der Bestellung eines Betreuers. Neben den rechtlichen Bestimmungen zeigt sich hier beeindruckend das Konzept des Buches: in einem Unterkapitel wird ausführlich über die Rahmenbedingungen, Hintergründe und Bedeutung der Anhörung des betroffenen Menschen aus sozialarbeiterischer Sicht referiert. Dies wird ergänzt  mit einer Darstellung zur Zielsetzung der Betreuung als eine Hilfe zur Führung eines weitgehend selbstbestimmten Lebens - trotz gewisser unvermeidbarer Einschränkungen.
  • Vor allem Berufsbetreuer werden für die vielen detaillierten Ausführungen zum Betreuungsplan dankbar sein. Vormundschaftsrichter können davon profitieren weil ihnen einerseits dieses Instrument fachkundig vorgestellt wird und andererseits auch der Nutzen und die qualitativen Anforderungen an eine Betreuungsplanung ausführlich erläutert werden.
  • Fast 50 Seiten des Buches verwenden die Autoren mit der Beschreibung der Aufgabenkreise im Rahmen des Beschlusses zur Bestellung eines Betreuers mit zahlreichen Beispielen und einem Leitfaden für das Gespräch zwischen Arzt, Betreuten und Betreuer. Man kann zustimmen wenn festgestellt wird, dass der Gesetzgeber mit der Reform des alten Vormundschafts- und Pflegschaftsrechts auch für eine Stärkung der Personensorge eintreten wollte. Tatsächlich ist es häufig aber immer noch so, dass vor allem die vermögensrechtlichen Fragen im Vordergrund stehen und von den vielen Möglichkeiten einer differenzierten Festlegung auch kleinerer Aufgabenkreise in der Praxis wenig Gebrauch gemacht werden. Wann sieht man schon mal einen Beschluss mit den Aufgabenkreisen " Behindertengerechte Einrichtung der Wohnung" oder auch "Angebote zur Förderung sozialer Kontakte".
  • Die meisten betreuungsrechtlichen Regelungen gelten auch für Angehörigenbetreuer. Ein paar Ausnahmen gibt es. Hierzu zählen Regelungen zu gerichtlichen Genehmigungen im Rahmen der Vermögenssorge. Obschon in allen Bereichen ausführliche Listen vorgestellt werden, wird hier nur darauf hingewiesen, dass über den Umfang der Befreiungen der Rechtspfleger informiert - schade.
  • Der übersichtlich gegliederte Abschnitt "Vertiefende Gedanken zur Gesprächsführung" macht neugierig auf mehr Information zu den theoretischen Grundlagen der Kommunikation. Natürlich kann ein Leitfaden Betreuungsrecht keine Methodenlehre für Sozialarbeiter einbinden. Es könnte aber gelingen, anderen Berufsgruppen zu vermitteln, wie wichtig eine einfühlsame und unterstützende Gesprächsführung im Betreuungsverfahren ist. Dem Appell, in Gesprächen  mit den betroffenen Menschen Offenheit, Klarheit und Wahrheit zum Prinzip zu machen kann man nur unterstützen.
  • Abschließend bietet der Band in Auszügen alles, was man an rechtlichen Vorschriften immer zur Hand haben sollte.

Diskussion

Die Stärke des Buches ist  der gelungene Versuch, neben dem juristischen "know-how", zu verdeutlichen, in welchem Umfang sozialarbeiterischen Kompetenz  im Kontext mit der Bestellung eines Betreuers und der Führung einer Betreuung eingebunden und genutzt werden kann. Das Buch bietet  also allen Akteuren des Betreuungswesens ein  umfassendes, praxisnahes und gut verständliches Basiswissen. Es ist ein Nachschlagewerk und nützlicher  Begleiter und Berater für die Praxis.

Zu kurz kommen allerdings Beschreibungen zum Aufgabenfeld  in den Bereichen der Gremien- und Netzwerkarbeit. Auch für diese Arbeitsfelder könnte die Nützlichkeit interdisziplinäre Zusammenarbeit dokumentiert werden.

Fazit

Insgesamt ist den Autoren zu bescheinigen, dass sie mit diesem Buch einerseits einen sehr praxisnahen Helfer für die tägliche Arbeit anbieten und andererseits überzeugend belegen, dass das interdisziplinäre Zusammenwirken zwischen Sozialarbeitern bzw. Sozialpädagogen und anderen Fachkräften im Betreuungswesen gewinnbringend genutzt werden kann.


Rezensent
Dr. Peter Michael Hoffmann
freier Autor, Lehrbeauftragter Hochschule Düsseldorf
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Zitiervorschlag
Peter Michael Hoffmann. Rezension vom 02.03.2007 zu: Wolfgang Raack, Jürgen Thar: Leitfaden Betreuungsrecht. Ratgeber für Betreuer, Angehörige, Betroffene, Ärzte und Pflegekräfte. Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft (Köln) 2005. 4., überarbeitete und aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-89817-402-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2763.php, Datum des Zugriffs 14.12.2019.


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