Dieter Krowatschek, Gordon Wingert et al.: Das neue Marburger Verhaltenstraining (MVT)
Rezensiert von Prof. Dr. Carsten Rensinghoff, 12.01.2021
Dieter Krowatschek, Gordon Wingert, Friederike Blume u.a., Caterina Gawrilow u.a.: Das neue Marburger Verhaltenstraining (MVT). Kinder wahrnehmen - stärken - begleiten : ein ressourcenorientiertes Programm für die Praxis. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2019. 6., völlig überarbeitete Auflage. 343 Seiten. ISBN 978-3-8080-0846-1. D: 40,00 EUR, A: 41,20 EUR, CH: 64,80 sFr.
Thema
Das Marburger Verhaltenstraining ist ein Instrument zur Diagnostik, zum Training und zum Transfer. Die Kinder sollen angemessen wahrgenommen, in Übungssituationen gestärkt und das Gelernte in realitätsnahen Situationen umsetzen können.
Autoren
- Dieter Krowatschek ist 2011 im Alter von 69 Jahren gestorben. Er war Kinder- und Schulpsychologe in Marburg.
- Gordon Wingert ist Schulpsychologe und seit 2011 Vorsitzender des Vereins zur Förderung überaktiver Kinder e.V.
Entstehungshintergrund
Für die Diskussion von Verhaltensproblemen in der Schule machen die Autoren die Inklusion in die allgemeine Schule, wie sie über die UN-Behindertenrechtskonvention gefordert wird, verantwortlich.
Inhalt
Beim Marburger Verhaltenstraining (MVT) durchlaufen die Kinder nacheinander die Stationen Diagnostik, Training und Transfer.
Zur Zielgruppe des MVT zählen hauptsächlich motorisch unruhige Kinder. Die Autoren empfehlen die Anwendung des MVT in der Sozialform Gruppenarbeit. Dergestalt ermöglicht es Kindern, in einem realistischen Setting Neues zu erproben und bedeutsame Erfolge zu erfahren. Einen besonderen Blick wirft das MVT auf die Institution Schule, da Kinder und Jugendliche hier einen Großteil ihrer Lebenszeit verbringen. Das MVT bedient sich v.a. Elementen aus Psychologie, Verhaltenstherapie und Pädagogik. Das zu besprechende Training richtet sich an Kinder und Jugendliche von sechs bis etwa 13 Jahren.
„Vor dem Training steht die Entscheidung, ob das Kind von der Maßnahme profitieren kann“ (S. 22). Dieser Entscheidung soll u.a. das Ergebnis des Erstgesprächs sein. Die Anfangsdiagnostik besteht aus:
- dem Vorstellungsgespräch;
- der klinischen Diagnostik;
- dem Kennenlernen in einem Ferientraining: Bei „einem Ferientraining vor Ort hat das Trainer-Team eine Fülle an Möglichkeiten, die vielen Facetten der Kinder kennenzulernen und das Training im Anschluss daran auf sie abzustimmen“ (S. 24);
- die 3-Sitzungen-Regel, d.h. die Kinder können, anstelle des Ferientrainings, an drei Sitzungen teilnehmen. Hieran schließt sich die Entscheidung für oder gegen das Training, gemeinsam mit den Eltern des Kindes, an.
C. Gawrilow und F. Blume haben ihren diagnostischen Blick auf das ADHS gerichtet. Ihr Fokus richtet sich auf die Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Es wird illustriert wie sich diese Symptome in unterschiedlichen Lebensbereichen auswirken können.
Das Training ist in den Methodenplan und die Module unterteilt.
Um eine erfolgreiche Sitzung durchführen zu können, ist für Trainierende die Zusammenstellung der hierfür notwendigen Vorgehensweisen wichtig. Um dies zu gewährleisten enthält das MVT einen Methodenplan, der vom Trainier ausgefüllt wird.
Das Zentrum des MVT sind die Trainingssitzungen der Kinder. Die Trainingssitzungen gliedern sich in ein Grundmodul und fünf Erweiterungsmodule.
Das Grundmodul gliedert sich in:
- Sitzung 1: Kennenlernen und Prinzipien
- Sitzung 2: Kennenlernen und Regeln
- Sitzung 3: Eigene Stärken erkennen
- Sitzung 4: Etwas über mich preisgeben
- Sitzung 5: Mit anderen zusammenarbeiten
- Sitzung 6: Erfolge feiern: die Feier dient dazu das Geleistete wertzuschätzen und dem Zulassen von ein wenig Trubel. Die Trainer können darauf achten, inwieweit sich die Kinder in derartigen Situationen bewegen können.
Die Erweiterungsmodule befassen sich mit jeweils einem Problembereich:
- Modul I: Spielverhalten verbessern
- Modul II: Konzentration fördern
- Modul III: Regeln einhalten
- Modul IV: Emotionen bei sich und anderen wahrnehmen
- Modul V: Gemeinsames Erleben.
Ziel eines jeden Trainings ist die Umsetzung des Erlernten in alltägliche Situationen. Dies gelingt durch Expeditionen in die Realität, also der Schaffung von Alltagssituationen.
Das MVT macht hierzu folgende Angebote:
- Ausflüge
- Feiern
- Ferientrainings
Zur Begleitung von Eltern und Lehrern werden im MVT Ausführungen von Florian Erle gemacht. Diese Zusammenarbeit von Eltern und Lehrern ist ein wichtiger Bestandteil des MVT. Üblicherweise finden persönliche Gespräche zwischen Eltern, Lehrern und Kind, sowie zwei Informationstreffen für Eltern und Lehrer statt. Die erstgenannten persönlichen Gespräche sollten im günstigsten Fall auch während des Trainings durchgeführt werden. Die Informationstreffen dienen zur Information über Ablauf und Inhalt des MVT und zur Vermittlung von Methoden, welche sich im Umgang mit motorisch unruhigen Kindern bewährt haben.
Diskussion
Gerade in der derzeitigen Coronapandemie können wir wohl mit einer Häufung von Verhaltensauffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter rechnen. Zu begründen ist dies mit der Isolierung der Betroffenen durch den immer stärker werdenden Lockdown. Negativ wirkt sich in diesem Zusammenhang die seit März 2020 und derzeit (Stand: 05.01.2021) auf unabsehbare Zeit herrschende massive Kontaktbeschränkung aus, die ein kind- und jugendgerechtes Leben nicht zulässt.
Fazit
Es ist richtig, wichtig und sehr gut mit dem MVT ein zuverlässiges Instrument in der Hand zu haben, mit welchem motorisch unruhige Kinder wahrgenommen, gestärkt und begleitet werden können. Das Ganze im schulischen Kontext zu sehen ist notwendig, weil, wie die Autoren selbst schreiben, Kinder und Jugendliche hier die meiste Lebenszeit verbringen. Mithilfe von Prinzipien des Umgangs miteinander und Regeln soll die Klasse zum Lernerfolg geführt werden.
Rezension von
Prof. Dr. Carsten Rensinghoff
Hochschullehrer für Heilpädagogik und Inklusive Pädagogik an der DIPLOMA Hochschule
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