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Andreas Frewer, Sabine Klotz u.a. (Hrsg.): Gute Behandlung im Alter?

Cover Andreas Frewer, Sabine Klotz, Christoph Herrler, Heiner Bielefeldt (Hrsg.): Gute Behandlung im Alter? Menschenrechte und Ethik zwischen Ideal und Realität. transcript (Bielefeld) 2020. 280 Seiten. ISBN 978-3-8376-5123-2. D: 34,99 EUR, A: 34,99 EUR, CH: 42,70 sFr.

Reihe: Menschenrechte in der Medizin / Human Rights in Healthcare - 8.
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Thema und Autoren

Die Frage der »guten Behandlung im Alter« gehört zu den Schlüsselthemen unserer Gesellschaft. Einer der Gründe, weshalb viele Senioren und Pflegebedürftige nicht gerne in ein Heim möchten, ist die Angst, die Eigenständigkeit zu verlieren. Umsorgt zu werden wie ein kleines Kind kann schnell zur Ablehnung und zu Konflikten führen. Wie können wir gute Pflege für ältere Menschen im Alter bewerkstellen? Wie kann Inklusion auch für Menschen mit Handicaps erreicht werden? In diesem Band diskutieren Expertinnen aus Philosophie, Soziologie, Medizin, Ethik, Psychogerontologie und Pflegewissenschaft sowie weiteren Feldern, die Möglichkeiten gelingender Therapie für Ältere – und damit auch Grundfragen von Menschenrechten und Ethik auf allen gesellschaftlichen Ebenen.

HerausgeberInnen

Die HerausgeberInnen des Bandes sind Dr. Andreas Fewer, Professor für Ethik in der Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Sabine Klotz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kraft-Stiftungs-Projekt „Menschenrechte und Ethik in der Medizin für Ältere“ und arbeitet ebenfalls an der Universität in Erlangen. Weitere Herausgeber sind Dr. Christoph Herrler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am genannten Projekt wie Sabine Klotz und Prof. Dr. Dr. h.c. Heiner Bielefeldt, Inhaber des Lehrstuhls für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der gleichen Universität.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist neben einem Vorwort in zehn Kapitel mit Unterkapiteln unterschiedlicher Länge gegliedert.

Im „Vorwort“ wird betont, dass es niemals in der Geschichte der BRD so massive Grund- und Menschenrechtsrechtseinschränkungen gegeben hätte wie in der aktuellen Covid-19-Krise. Dabei seien Teile der Bevölkerung unterschiedlich betroffen. Jene, die über großzügigen Wohnraum verfügten, konnten wochenlange Ausgangsbeschränkungen leichter verkraften als jene, die in beengten Wohnverhältnissen lebten. Die Möglichkeit, Home-Office zu verrichten, blieb auf bestimmte Berufe beschränkt, vor allem Menschen mit schlecht bezahlten Berufen waren davon ausgenommen. Mit den Anforderungen von Home-Schooling konnten Eltern mit höherem Bildungsniveau besser umgehen als bildungsferne Familien. Des Weiteren traten traditionelle Geschlechterrollen mit unerwarteter Deutlichkeit wieder hervor und auch das Problem des familialen Missbrauchs, unter anderem auch bei der Pflege Älterer, dürfte sich verstärkt haben. Die Rechte älterer Menschen erhalte im Gesamtkontext der Menschenrechte spezifische Aufmerksamkeit und das sei der inhaltliche Schwerpunkt dieses Buches.

Es folgt Kapitel eins „Ältere im Gesundheitswesen“, was von den vier Herausgebern verfasst wurde. Das Buch spanne den Bogen zwischen Ideal und Realität, menschenrechtlichen wie ethischen Konzepten und dem tatsächlichen Verhalten mit Älteren in der Praxis. Es ist Resultat des Graduiertenkollegs der Universität Erlangen-Nürnberg.

Das folgende Kapitel von Susanne Wurm beschäftigt sich mit „Altersbilder und Gesundheit“. Die subjektive Gesundheitseinschätzung könnte die Lebensdauer besser vorhersagen als medizinische Daten zum Gesundheitszustand. Menschen entwickelten sich solange wie sie leben und dass es in allen Lebensphasen entwicklungsbezogene Gewinne und Verluste gäbe, auch wenn Gewinne mit steigendem Alter seltener, Verluste häufiger würden. Längsschnittstudien hätten gezeigt, dass Menschen mit einer positiven Sicht auf das Älterwerden weniger Krankheiten und eine bessere funktionale Gesundheit über die Zeit aufrechterhalten könnten als solche mit negativen Sichtweisen, letztere lebten über sieben Jahre weniger (S. 32).

Im Kapitel von Heiner Bielefeldt geht es um „Die Menschenrechte Älterer“. Menschenrechte würden für alle gelten unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Weltanschauung, Geschlecht, Bildungsabschluss etc. und sie gelte auch unabhängig vom Lebensalter. Es gehe bei der Diskussion um Rechte Älterer nicht darum, allgemeine Rechte durch Spezialrechte zu ergänzen, sondern darum, den Universalitätsanspruch der Menschenrechte durch explizite Berücksichtigung besonderer Lebenslagen genauer zu fassen. Als Ausdruck der Menschenwürde, die für alle Menschen und in allen Lebenslagen die gleiche ist, gelte auch das Recht auf Leben kategorisch für alle und jederzeit.

Mit dem Thema „Ältere Menschen in der Sprache der Medizin“ setzt sich Andreas Fewer in Kapitel vier auseinander. Ageism sei eine massive Diskriminierung wegen des Alters. Noch makabrer seien Sprache und Verhalten der Mediziner (S. 68ff). Der Mensch lebt und spiegelt sich in „Sprachwelten“ und die Sprache der Medizin sei nicht selten das „Krankenhaus des Seins“.

„Gutes Leben im Alter. Verletzlichkeit und Reife älterer Menschen“ ist ein Kapitel von Hartmut Remmers. Die Länge der Lebenszeit sage nichts aus über die qualitativen Eigenschaften des Lebens und vor allem nichts über seine Bewertung im Alter. Was gutes Leben im Alter bedeute sei abhängig von sehr unterschiedlichen Wertpräferenzen. Im Zentrum des weiteren Beitrages stehen Ausführungen zu Entwicklungsmöglichkeiten wie zu Abbauprozessen und Verlusten im Alter im Vordergrund.

Mit „(K)ein gutes Leben im Alter? Ethische Perspektiven auf Konzepte des Active Aging“ von Larissa Pfaller und Mark Schweda verfasst, ist Kapitel sechs überschrieben. Der Artikel will Vorstellungen aktiven Alterns aus einer ethischen Perspektiver genauer betrachten. So sei die Aufrechterhaltung von Aktivität und sozialer Teilhabe eine Voraussetzung für anhaltende Gesundheit, Lebensqualität und gesellschaftliche Produktivität im Alter. Allerdings eröffne das Leitbild des Active Aging nicht nur positive Möglichkeitshorizonte, sondern führe auch zu Formen von Exklusion (S. 129 ff), denn das werte systematisch die Personen ab, die dem Ideal der Aktivität nicht mehr entsprechen könnten. Aktivitäten hätten nicht nur einen inhärenten Wert für ein gutes Leben im Alter, sondern sie seien für die personale Identität, sinnvolle Praxis und letztlich für das menschliche Gedeihen überhaupt konstitutiv.

Das folgende Kapitel ist der Problematik „Menschenrechte und Fairness in der Versorgung dementer Patient*innen“ gewidmet und wurde von Lutz Bergemann verfasst. In jeder Situation der Pflege seien die zu Pflegenden in ihrer Verletzlichkeit wahrzunehmen, damit sie die verfügbaren Ressourcen, sich selbst zu bestimmen und der eigenen Autonomie Ausdruck zu verleihen, fachgerecht gefördert, unterstützt sowie befähigt werden. Für Menschen mit Demenz seien Krankenhäuser besonders ungünstige Orte, weil ein sensibler Umgang mit den an demenzerkrankten Menschen und ihren Bedürfnissen viel zu selten gelinge. So müssten die Versorgungsstrukturen und Institutionen demenzsensibel verändert werden.

Die „Menschenrechte und Lebensqualität in Alten(pflege)heimen“ von Marie-Kristin Döbler werden in Kapitel acht behandelt. Es sollten Erkenntnisse, Erwartungen und gute Beispiele gebündelt werden, um mittel- bis langfristig eine beispielsweise der Kinder- und Behindertenrechtskonvention vergleichbare Vereinbarung auf internationaler Ebene zu etablieren. Hintergrund ist, dass Altenheimbewohner*innen als Fürsorge und nicht als Rechtssubjekte wahrgenommen würden. In einem Forschungsprojekt wurden zwölf Altenpflegeheime unterschiedlicher Größe, Lage und Trägerschaft besucht, um Experteninterviews, schriftliche Leitfadenbefragungen und offene, unstrukturierte Gespräche mit Bewohner*innen und dem Personal durchzuführen. Diese wurden einer inhaltsanalytischen und einer hermeneutisch-rekonstruktiven Feinanalyse unterzogen. Ordnen ließen sich diese verschiedenen Ergebnisse entlang der Modalverben „können“ und „dürfen“. Es gehe darum, nicht auf eine einzige Rolle – die des alten pflegebedürftigen Menschen oder gar auf einen „Objektstatus“ reduziert zu werden. So sollte immer wieder neu und situativ austariert werden, wir der bestmögliche Schutz für alle Menschen im Hier und Heute gewährleistet werden kann.

Im vorletzten Kapitel geht es um die „Versorgung alter Pflegebedürftiger in der häuslichen Umgebung durch 24-Std.-Betreuungskräfte“ von Barbara Städtler-Mach geschrieben. Wenn sich Pflegebedürftigkeit entwickelte sei die 24-Stunden-Betreuung meist eine Wahl. Es ist eine nicht legal gefasste Form der Versorgung, weil sie in keiner Weise im Rahmen der Pflegebedürftigkeit im Alter nach dem SGB XI Leistungen vorsehe. Dennoch habe sich diese Form schnell entwickelt und hat sich als „Grauer Pflegemarkt“ etabliert. Die meisten Betreuungskräfte arbeiten ohne Vertrag und ohne klare Regelungen von Arbeits- und Freizeit. Agenturen, die sich entwickelt haben seien keine Lösung. Es sei unverständlich, warum auf politischer Seite mit selten großer Unbeirrtheit an einer Versorgungsform festgehalten werde, statt ihren Problemanzeigen nachzugehen (S. 244).

Im letzten Kapitel wirft Benjamin Brow die Frage auf „Inwiefern und warum mangelt es an konkreter Umsetzung des besonderen Schutzes der Menschenrechte älterer Personen?“. Es gäbe bisher noch keinen einheitlichen Rahmen, der die Menschenrechte Älterer schütze. Zwar gelten die vorhandenen Menschenrechtssysteme auch für alte Menschen, aber der spezifische Fokus auf Ältere fehle. Eine mögliche Antwort auf die Frage, warum sich der Blick auf die Rechte einer so großen Gruppe nicht schärfe, ist deren besondere Vulnerabilität und dass Ältere keine wirtschaftliche Kraft hätten, um ihre Rechte durchzusetzen.

Fazit

Es ist eine Publikation, die der Frage nachgeht, ob es eine gesamtgesellschaftlich gute Behandlung im Alter gäbe. Auf diese Frage gehen nicht alle Beiträge spezifisch ein. Dennoch lohnt es sich, dieses Buch zu lesen, zeigt es doch, wie vieler Anstrengungen es auch wissenschaftlich noch bedarf, um bessere Lebensbedingungen im Alter für alle zu schaffen.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 17.12.2020 zu: Andreas Frewer, Sabine Klotz, Christoph Herrler, Heiner Bielefeldt (Hrsg.): Gute Behandlung im Alter? Menschenrechte und Ethik zwischen Ideal und Realität. transcript (Bielefeld) 2020. ISBN 978-3-8376-5123-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27634.php, Datum des Zugriffs 22.04.2021.


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