socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Jeremias Thiel, Ulrike Strerath-Bolz: Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance

Cover Jeremias Thiel, Ulrike Strerath-Bolz: Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance. Wie sich Armut in Deutschland anfühlt und was sich ändern muss. Piper Verlag GmbH (München) 2020. 224 Seiten. ISBN 978-3-492-06177-3. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR, CH: 21,50 sFr.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Jeremias Thiel ist in Armut aufgewachsen und berichtet über seine Erfahrungen. Er formuliert in seinem Buch 14 Forderungen zur Armutsbekämpfung unter dem Schlagwort „Was sich in Deutschland ändern muss“. Dabei beruft er sich unter anderem auf einige jüngere wissenschaftlichen Studien zum Thema Kinderarmut.

In Deutschland sind heute rund 2,8 Mio. Kinder von Armut bedroht. Armut und insbesondere Kinderarmut gehört zu den Kernaufgabenfeldern der Sozialen Arbeit und ist ebenso ein wichtiges Thema innerhalb der Kindheitspädagogik, etwa im Zusammenhang mit Kinderrechten oder Begleiterscheinungen von Armut wie der Parentifizierung von Kindern. Seit der Globalisierung, dem Durchbruch neoliberaler Wirtschaftsmodelle sowie dem Rückzug des Staates aus der sozialen Sicherung gehört Kinderarmut auch in kapitalistisch geprägten Gesellschaften zu den großen Herausforderungen. Seit Jahren wird darüber diskutiert, wie sie entsteht und wie sie bekämpft werden kann. Die Erforschung der Kinderarmut dreht sich vor allem um sozioökonomische Phänomene wie etwa den Leistungsbezug und die Lebenslagen von Alleinerziehenden sowie kinderreichen Familien im Zusammenhang mit Erwerbstätigkeit. Zum anderen werden die elementaren Folgen der Kinderarmut intensiv erforscht. Inzwischen gibt es zahlreiche Belege dafür, dass Armut nicht nur die Kindheit in ökonomischer, sozialer und kultureller Hinsicht erschwert, sondern vor allem langfristig erhebliche Folgen auf die Lebensqualität hat. Gleichwohl werden auch Interventionen erörtert, mit denen es gelingt, die Folgen von Kinderarmut frühzeitig abzuwenden.

Das Buch steht andererseits im Kontext zuletzt publizierter autobiografischer Berichte über das Aufwachsen in Armut, so etwa des französischen Soziologen und Schriftstellers Didier Eribon: ‚Rückkehr nach Reims‘ oder der Journalistin Anna Mayr: ‚Die Elenden‘. Gemeinsam ist allen Bücher, dass die Autor*innen ihrem durch Chancenungleichheit und Einkommensarmut geprägten Herkunftsmilieu entkommen sind und heute erfolgreich als Autoren arbeiten.

Autor

Jeremias Thiel ist 2001 in Kaiserslautern geboren. Mit elf Jahren verließ er seine Eltern und seinen Bruder und lebte im SOS-Kinderdorf seiner Heimatstadt. 2019 machte er das Internationale Abitur am United World College in Freiburg. Er studiert Umwelt- und Politikwissenschaften am St. Olaf College in Minnesota, USA.

Entstehungshintergrund

Jeremias Thiel wurde bundesweit bekannt, als er im März 2018 als „Betroffener“ in der Talkshow von Sandra Maischberger zu Gast war und über „Die unfaire Republik“ diskutierte. Er war der Redaktion durch einen Artikel in der ZEIT aufgefallen, der zustande gekommen war, als Thiel Botschafter des SOS-Kinderdorfs wurde. Zweifellos ist Jeremias Thiel auch deshalb zu einer Stimme der von Armut betroffenen Kinder und Jugendlichen geworden, weil er seine Situation sehr reflektiert zu betrachten vermag. Darüber hinaus hatte er den Mut, seine Familie mit elf Jahren zu verlassen, um sich aus einer für ihn unhaltbaren Situation zu befreien. Mit dieser Entscheidung beginnt das Buch.

Aufbau

Der Aufbau des Buches folgt den Lebensumständen des Autors. Der erste Teil schildert seinen Weg seit der Abwendung von seiner Familie bis zum Fernsehauftritt. Im zweiten Teil diskutiert Thiel das Phänomen Kinderarmut aus politischer und zum Teil wissenschaftlicher Perspektive. Hier behandelt er kurz Daten und Fakten zur Kinderarmut, um sich vor allem den emotionalen, sozialen und kulturellen Folgen der Kinderarmut zu widmen. Es schließen sich die erwähnten politischen Forderungen an. In der Frage der Armutsprävention folgt Thiel Resilienz-Theorien, die davon ausgehen, dass es vor allem psychische Widerstandskräfte sind, die es Menschen ermöglichen, aus Krisen gestärkt hervorzugehen. Das Konzept stammt aus der Psychologie und erlangt in den vergangenen Jahren zunehmend Bedeutung im Bereich der Sozialwissenschaften, insbesondere der Sozialen Arbeit.

Inhalt

Jeremias Thiel wächst in Kotten auf, einem Stadtteil Kaiserslauterns mit einer Kinderarmutsrate von 23,4 Prozent. Seine Familie schildert Jeremias Thiel so: „Eine ADHS-kranke, oft aggressive und dazu spielsüchtige Mutter. Ein manisch-depressiver Vater. Und ein ADHS-kranker Bruder. Alle drei nicht in der Lage, Verantwortung für sich oder andere zu übernehmen.“ Thiel übernimmt die Rolle des Familienoberhaupts bis zu dem Tag, als er sich verzweifelt um Hilfe bemüht. Mit elf betritt er zum ersten Mal das Jugendamt, das schon seit zehn Jahren für seine Familie zuständig ist.

Thiel schildert weiter, dass er auf Initiative einer Lehrerin bereits in der zweiten Klasse nach dem Schulunterricht in einer Tagesgruppe gefördert wurde. Kurze Zeit danach wird Thiel im Jugendhaus des SOS-Kinderdorfs aufgenommen. Hier wird er drei Jahre später Junior-Botschafter der UNICEF, ein Jahr darauf tritt er in die SPD ein. Bei UNICEF engagiert er sich auf verschiedenen Positionen für Kinderrechte.

Jeremias Thiel bekommt trotz guter Noten keine Empfehlung für das Gymnasium und bezieht diese Entscheidung auf seine Herkunft. In der Gesamtschule ist es erneut ein Lehrer, der sich des Jungen annimmt und ihn fördert. So wechselt Thiel dank eines Stipendiums 2017 ans United World College und macht dort zwei Jahre später das Internationale Abitur.

Der Autor schildert in seinem Buch zahlreiche Erfahrungen, zu denen auch Forschungen vorliegen, etwa das Phänomen des zu frühen „Erwachsenwerdens“, Parentifizierung genannt, das Kinder in armen Familien häufig als Teil ihrer Ausweglosigkeit beschreiben, weil sie kaum Ressourcen für ihre eigene Entwicklung haben. Thiel schildert außerdem anschaulich, wie sehr die finanzielle Situation sowohl Ursache als auch Folge der Probleme von Familien in Armut ist und wie sehr diese auf praktisch alle Lebensbereiche ausstrahlen. So entsteht die berüchtigte Armutsspirale. Kindern gelingt es kaum, diese selbstständig zu durchbrechen. Stattdessen erfahren sie Stigmatisierung, Ohnmacht, Scham, Überforderung, Angst und permanenten Stress. Jeremias Thiel findet für diese beeindruckend offen geschilderten Gefühle zahlreiche Beispiele, die seinem Anliegen entsprechend Nachdruck verleihen.

Die Tagesbetreuung im SOS-Kinderdorf sichert ihm eine Struktur, die eine Grundlage bildet für spätere Lern- und Alltagskompetenzen, die Thiel schließlich das Bildungsniveau ermöglichen, das er als Jugendlicher erreicht. Die Hilfe, die ihm von der Grundschule bis zum Studium gewährt wird, ist ein Schlüssel für seinen Ausweg aus der Armut.

Im theoretischen Teil stellt Thiel entsprechend die Forderung, dass Kinder finanziell und rechtlich gestärkt werden sollten, damit das Kindergeld tatsächlich bei ihnen ankommt und die Interessen der Kinder im Grundgesetz bzw. in „Kinderparlamenten“ in den Kommunen berücksichtig werden. Diese Forderungen decken sich auch mit den politischen Argumenten der Wohlfahrts- und Kinderschutzverbände.

Daran anschließend schildert Thiel das Phänomen der Kinderarmut im Zusammenhang mit der Entstehung von Hartz IV, sowie anhand der aktuellen Studien, darunter die 4. World Vision Kinderstudie (2018), die AWO-ISS-Studie zu Lebenslagen und Lebenschancen bei Kindern und Jugendlichen (1997 bis 2020) sowie dem Kinderreport des Deutschen Kinderhilfswerks (2018). Er stellt außerdem die zehn Grundrechte der Kinder nach der UN-Kinderrechtskonvention vor, die auch Deutschland – neben 195 weiteren Staaten – mitratifiziert hat. Jedes der zehn Rechte wird vom Autor in Relation zur Kinderarmut erklärt.

Zu den Kinderrechten zählen

  1. Das Recht auf Gleichbehandlung und Schutz vor Diskriminierung unabhängig von Religion, Herkunft und Geschlecht.
  2. Das Recht auf einen Namen und eine Staatszugehörigkeit.
  3. Das Recht auf Gesundheit.
  4. Das Recht auf Bildung und Ausbildung.
  5. Das Recht auf Freizeit, Spiel und Erholung.
  6. Das Recht, sich zu informieren, sich mitzuteilen, gehört zu werden und sich zu versammeln.
  7. Das Recht auf eine Privatsphäre und eine gewaltfreie Erziehung im Sinne der Gleichberechtigung und des Friedens.
  8. Das Recht auf sofortige Hilfe in Katastrophen und Notlagen und auf Schutz vor Grausamkeit, Vernachlässigung, Ausnutzung und Verfolgung.
  9. Das Recht auf eine Familie, elterliche Fürsorge und ein sicheres Zuhause.
  10. Das Recht auf Betreuung bei Behinderung.

Thiel beklagt, dass im Grunde keines der Kinderrechte für arme Kinder umgesetzt werden: Sie werden diskriminiert, leiden häufiger als andere Kinder unter „Übergewicht, motorischen Störungen, Lücken im Impfschutz, und ADHS“ (S. 69), die im direkten Zusammenhang mit Armut stünden (Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbands „Armut und Gesundheit“). Weitere Risikofaktoren, die eine Verwirklichung der Kinderrechte im Bereich Gesundheit in armen Familien verhindern, sind die Ernährung, Alkohol- und Nikotinkonsum der Mütter während der Schwangerschaft, versäumte Vorsorgeuntersuchungen sowie psychische Erkrankungen.

Im Bereich der Bildung leistet Hartz IV zu wenig, der Satz liegt je nach Alter bei 23 bis 74 Cent pro Kind im Monat. Defizite entwickeln Kinder daher bereits im Kindergarten, häufig lassen sich diese in der Schule nicht mehr aufholen. 80 Prozent der Kinder in Förderschulen stammen laut Thiel aus armen Familien. Auch die Freizeitgestaltung ist eingeschränkt, sofern sie Geld kostet. Ferner schildet Jeremias Thiel, dass er kaum Zeit für Freizeit erübrigen konnte, solange er sich um seine Familie kümmern musste. Er beruft sich auf Studien des Paritätischen Wohlfahrtsverbands und der AWO, um aufzuzeigen, dass auch die Elternarbeit von Kommunen und freien Trägern chronisch unterfinanziert wird.

Im Kapitel „Was Armut mit der Seele macht“ folgt Thiel im Wesentlichen dem Lebenslagenkonzept der gegenwärtigen Forschung. Hier geht es nicht zentral um die finanzielle Ausstattung von Kindern, sondern um Aspekte eines guten Lebens in sozialer, emotionaler und kultureller Hinsicht. Seine Thesen und Fragen sind:

  • Armut überfordert.
  • Armut macht Stress.
  • Armut macht depressiv.
  • Armut macht Angst.
  • Armut macht misstrauisch.
  • Armut schadet der emotionalen Entwicklung.
  • Macht Armut dumm?
  • Macht Armut kriminell?
  • Armut entwertet und radikalisiert.

Im Kapitel „Was sich in Deutschland ändern muss“ stellt Jeremias Thiel schließlich seine politischen Forderungen zusammen:

  1. Kinderrechte gehören ins Grundgesetz.
  2. Kindergärten, Schulen mit Ganztagsangebot etc. müssen stärker gefördert werden.
  3. Ein Talentfonds für junge Menschen.
  4. Abschaffung der 75 %-Regel, wonach Jugendliche in der Jugendhilfe 75 Prozent ihres Einkommens an das Jugendamt abgeben müssen.
  5. Erhöhung der Sozialausgaben der Kommunen.
  6. Verringerung der sozialen Ungleichheit.
  7. Individuelle Förderung von Kindern und ihren Familien.
  8. Ausbau der psychosozialen Unterstützung der Familien.
  9. Kindergeld für Kinder.
  10. Diversere Jungendtreffs für alle Jugendlichen.
  11. Mentorenprogramme.
  12. Austausch.
  13. Jugendparlamente in Städten und Landkreisen.
  14. Erfolgsgeschichten.

Diskussion

Die Stärke des Buchs liegt zweifellos in der Verbindung von tatsächlichen Armutserfahrungen, Schilderungen des Forschungsstands und politischen Forderungen aus Sicht eines Jugendlichen. Wer sich noch nie mit Kinderarmut beschäftigt hat und einen schnellen, lesbaren Einstieg sucht, ist mit dem Buch von Jeremias Thiel gut bedient.

Die autobiografische Perspektive und die politischen Forderungen vermengen sich jedoch nicht immer ideal mit dem Forschungsstand, und dies ist leider die Kehrseite des Buches. Denn die genannten Studien sind nur ein Ausschnitt aus der Fülle von Forschungen zum Thema, auch sind die meisten Untersuchungen deutlich differenzierter, als Thiel sie darstellt.

Insbesondere erscheint die Verengung der Prävention auf das Konzept der Resilienz nach all den anschaulichen Schilderungen und drängenden Problemen, die das Buch ins Zentrum rückt, wie ein Verkürzung. Zum einen ist vor allem in den Sozialwissenschaften relativ unklar, was Resilienz ist. Sie ist im engeren Sinne kein „Präventionskonzept“, da Risikokinder zwar psychisch gestärkt werden können, eine Prävention jedoch vor allem im Sozialen und Politischen ansetzen muss, was ja auch Thiel betont. Dass individuelle Ressourcen ebenso wenig gleich verteilt sind, wie Chancen auf ein „gutes Leben“ ist ja gerade das Problem der Kinderarmut. Mit anderen Worten: Die Ungleichheit wird nur von der Lebenslage auf die Widerstandfähigkeit verschoben. Und ist unter Resilienz nun eine innere Stärke zu verstehen oder das Phänomen einer geglückten Entwicklung unter widrigen Umständen?

Entsprechend gelingt es Thiel nicht, zu erklären, ob ihm eine persönliche Resilienz zum Erfolg verhalf, oder ob die früh einsetzende Förderung ihm den Ausweg aus der Armut weisen konnte: „Haben mich meine frühen Erfahrungen ‚abgehärtet‘, haben mich meine späteren Erfahrungen geschützt…?“ (S. 200)

Die Vermischung von Resilienz und Coping mit dem Konzept der „Big Five“ legt nahe, dass Thiel hier zu einer psychologisierenden Selbsthilfe neigt. Damit ignoriert er die inzwischen sehr kritische Diskussion der Resilienz als Training von Bewältigungsressourcen (z.B. Margrit Stamm, Halberkann, I. (2015): Resilienz – Kritik an einem populären Konzept. In: Sabine Andresen, Koch, C., König, J. (Hrsg.): Vulnerable Kinder. Interdisziplinäre Annäherungen., Wiesbaden 2015, S. 61 ff.; Fingerle, M. (2007): Der „riskante“ Begriff der Resilienz – Überlegungen zur Resilienzförderung im Sinne der Organisation von Passungsverhältnissen. In: Opp, G. & Fingerle, M. (Hrsg.): Was Kinder stärkt: Erziehung zwischen Risiko und Resilienz. München, S. 299–309.). Schon in den von Thiel zitierten Forschungen von Emmy Werner aus den 1950er Jahren ging es ja nicht um Resilienz-Training, sondern um den Nachweis, dass Faktoren des Armutsrisikos eben nicht zwangsläufig zu den erwähnten negativen Langzeitwirkungen führen. Und dies bedeutete damals wie heute in erster Linie eine Ablehnung deterministischer Erklärungsmodelle verbunden mit der Forderung nach aktiver Prävention seitens der Sozialarbeit, mithin des Sozialstaats sowie einer aktiven Teilhabe. Resilienzforscher warnen daher zurecht davor, Resilienzförderung in eine neoliberal geprägte spätmoderne Selbstgestaltung umzudeuten. In eine ähnliche Richtung geht die von Thiel zitierte Langzeitstudie der AWO, die aufzeigte, dass Prävention langfristig positive Folgen hat und Armutsspiralen durchbrochen werden können – wenn die Gesellschaft, der Staat, seine Bildungs- und Erziehungseinrichtungen entsprechend agieren.

Nicht nachvollziehbar ist auch die unklare Abgrenzung zwischen Armut und Ungleichheit. Deutlich wird dies bei Thiels Auseinandersetzung mit der seit 1981 bestehenden internationalen World Values Survey (S. 119), die vorgeblich erklärt, „wie sehr das Aufwachsen in Armut das Wertesystem von Menschen prägt (…), die zu einer materialistischen Einstellung neigten“ (S. 119). Tatsächlich zeigt die Studie auf, dass Menschen umso mehr zu säkularen, rationalen Werten neigen, je mehr sie das Gefühl haben, ihre Existenz sei gesichert. Die Studie stellt dies vor allem in den historischen Zusammenhang des Übergangs in Industrie- und Wissensgesellschaften sowie in einen globalen geografischen Kontext. (http://www.worldvaluessurvey.org/WVSContents.jsp) Demzufolge hat die Sorge um die Existenzsicherung vor allem mit dem ökonomischen und politischen Status der Gesellschaft zu tun und die Unterschiede zwischen den Gesellschaften sind global gesehen immer noch wesentlich größer als innerhalb von Gesellschaften. Thiel macht daraus jedoch so etwas wie ein generelles Muster für demokratiefeindliche Überzeugungen in allen Gesellschaften. Aus seiner Interpretation zieht er den logisch und gesellschaftlich fragwürdigen Schluss, dass Armut eine Tendenz zum Nationalismus nach sich ziehe.

Fazit

Jeremias Thiel schildert eine Kindheit in Armut anschaulich und bemerkenswert offen. An keiner Stelle behauptet er, seine „Erfolgsgeschichte“ habe die Herausforderungen, mit denen er bis heute zu kämpfen hat, geschmälert. Somit ist sein Buch ein lesenswerter und authentischer Beitrag zu den Auswirkungen einer Kindheit in Armut. Auch seine politischen Forderungen decken sich in vielen Punkten mit bereits von anderen politischen und sozialen Akteuren verlangten strukturellen Verbesserungen, um Kinderarmut grundsätzlich zu verringern. In diesem gesellschaftlichen Ringen wäre es wünschenswert, wenn Jeremias Thiel eine Stimme der betroffenen Jugendlichen bleiben würde.

Leider kann aber auch er die Desiderate in der Armutsforschung nicht beheben. Zu unklar bleiben Begrifflichkeiten zwischen Ungleichheit und tatsächlicher Armut, zwischen Prävention als individueller Förderung und Resilienz. Somit beantwortet der Autor am Ende nicht eindeutig, was für seinen Ausweg aus der Armut entscheidend war, sieht man einmal von Initiativen einzelner Personen sowie seinem „Werbeblock“ für die United World Colleges ab. Und insofern ist seine Erfahrung doch kontingent und nicht verallgemeinerbar. Das allerdings ist dringend erforderlich: eine breite institutionelle Prävention gegen Kinderarmut.


Rezension von
Dr. Christine Kramer
E-Mail Mailformular


Alle 2 Rezensionen von Christine Kramer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christine Kramer. Rezension vom 27.11.2020 zu: Jeremias Thiel, Ulrike Strerath-Bolz: Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance. Wie sich Armut in Deutschland anfühlt und was sich ändern muss. Piper Verlag GmbH (München) 2020. ISBN 978-3-492-06177-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27639.php, Datum des Zugriffs 21.01.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht