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Johannes Heßler-Kaufmann, Peter Neudeck: Therapie-Tools Störungsmodelle in der Verhaltenstherapie

Cover Johannes Heßler-Kaufmann, Peter Neudeck: Therapie-Tools Störungsmodelle in der Verhaltenstherapie. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. 367 Seiten. ISBN 978-3-621-28728-9.

Reihe: Therapie-Tools.
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Thema

Die Autoren erklären die Störungsmodelle der Verhaltenstherapie, die alle gängigen psychischen Störungen betreffen. Die Erklärungen erfolgen sowohl für Therapeuten als auch Patienten gleichermaßen verständlich

Autoren

Dr. Johannes Heßler ist psychologischer Psychotherapeut und führt u.a. Verhaltenstherapie in einer Praxis für Psychotherapie, Paarberatung und Coaching in Lahr/Schwarzwald durch.

Dr. Peter Neudeck bietet Psychotherapie, Coaching und Supervision in der Praxis am Volksgarten in Köln an.

Entstehungshintergrund

Die Initialzündung zur Präsentation eines Therapie-Tools kam den Autoren beim Sprechen „über die verschiedenen Modelle zur Entstehung und Aufrechterhaltung von psychischen Erkrankungen“ (S. 15). Hierbei stellten sie fest, dass es in der verhaltenstherapeutisch orientierten Psychotherapie ganz unterschiedliche Erklärungsansätze und Modelle gibt, welche kein einheitliches Bild aufweisen.

Aufbau

  1. Allgemeine Modelle zu Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen
  2. Störungsspezifische Modelle

Inhalt

Für eine effektive Behandlung, so stellen die Autoren es im Vorwort heraus, muss ein Modell der Wirklichkeit konstruiert werden. Die Patienten sind als Experten ihrer Erkrankung aufzufassen, die selbstbestimmt Ideen zu Veränderung entwickeln.

Als grundlegendes Modell beziehen sich die Verfasser auf das biopsychosoziale Modell, bei dem es sich um ein ganzheitliches Krankheitsverständnis handelt.

Als weiteres Modell wird das Vulnerabilitäts-Stress-Modell aufgeführt, welches insbesondere „das Zusammenspiel von lerngeschichtlich erworbenen Auffälligkeiten (Vulnerabilitäten) und Belastungsfaktoren (Stress) bei der Entstehung von psychischen Erkrankungen“ (S. 24) in den Blick nimmt.

Für das verhaltenstherapeutische Verständnis sind das klassische und operante Konditionieren die grundlegenden lerntheoretischen Modelle.

Kognitionen aus einer getönten Brille zu betrachten ist eine gute Maßnahme zum Verständnis psychischer Störungen im Rahmen der Kognitiven Therapie. Die getönte Brille färbt die Sicht auf die Realität

Für die Behandlung psychischer Störungen wird von den Verfassern die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) beschrieben. Nach ACT werden sechs Prozesse beschrieben, die das Resultat einer psychischen Störung sind, als da wären:

  1. Erlebnisvermeidung
  2. Kognitive Fusion
  3. Anhaften an einem konstruierten Selbstbild
  4. Fehlende Klarheit über eigene Werte
  5. Untätigkeit und Impulsivität
  6. Dominanz von mentaler Simulation zu Vergangenheit und Zukunft.

Das Dual-Prozess-Modell befasst sich mit der experimenziellen und rationalen Informationsverarbeitung. Die Entstehung psychischer Probleme resultiert aus dem Überwiegen eines der beiden Verarbeitungsprozesse.

Für familientherapeutische Interventionen eignet sich das Expressed-Emotion-Modell. „Das Konzept der Expressed Emotion (EE) beschreibt die generelle Haltung von Familien und Bezugspersonen gegenüber ihrem Angehörigen, der unter einer psychischen Störung leidet“ (S. 87).

Bei den störungsspezifischen Modellen richten Heßler-Kaufmann/​Neudeck ihren Blick auf die Abhängigkeit. Diskutiert wird sowohl die Substanzabhängigkeit als auch die Verhaltensabhängigkeit.

Angststörungen werden über die Zwei-Faktoren-Theorie der Angst diskutiert: Ursprünglich neutrale Reize erwerben durch die räumlich-zeitliche Koppelung mit traumatischen Ereignissen eine angstauslösende Wirkung. Auf die Präsentation eines Angstreizes erfolgt eine negative Verstärkung, in Form eines Vermeideverhaltens.

Anpassungsstörungen sind psychische Störungen, die nach sehr belastenden Lebensereignissen oder Krisen auftreten. Das Auftreten erfolgt akut, chronisch, wiederkehrend oder langanhaltend. „Der Kern der Anpassungsstörung ist fehlgeschlagenes (oder noch nicht begonnenes) inneres Wachsen an der Konfrontation mit Umständen, für die das bisher bekannte Verhaltensrepertoire kein passendes ‚Werkzeug‘ bereithält“ (S. 171).

Für depressive Störungen wenden die Verfasser das Verstärkerdefizit-/​Verstärkerverlustmodell an. Leitsymptome und Folgen einer Depression sind Passivität und Rückzug. Für die Therapie chronischer Depressionen wird das Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy angeführt.

Die Dissoziation wird von den Betroffenen dann durchgeführt, wenn Kampf oder Flucht nicht mehr möglich sind. Es handelt sich hierbei um eine allerletzte Abwehr gegen einen aus nächster Nähe erfolgenden Angriff.

Das Teufelskreis-Modell der Anorexia nervosa basiert auf der Vorstellung, dass ein schlanker Körper alle Probleme löst.

Das Teufelskreis-Modell der Bulimia nervosa ist der Teufelskreis von Phasen eingeschränkter Nahrungszufuhr und unkontrollierten Heißhungerattacken, mit den nötigen Gegenmaßnahmen, die eine Gewichtszunahme vermeiden.

Zu den Persönlichkeitsstörungen wird auf das biopsychosoziale Modell der Persönlichkeitsstörungen verwiesen. Letzteres „betont die Interaktion von biologisch prädisponierenden Faktoren sowie wiederholten Erfahrungen von Missbrauch, Gewalt, Vernachlässigung und Abwertung im Kindes- und Jugendalter“ (S. 243).

Im Falle der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) wird der Blick auf das lerntheoretisch begründete Zwei-Faktoren-Modell gerichtet: Beim ersten Faktor, der klassischen Konditionierung, wird ein neutraler sensorischer Reiz mit Bedrohung verknüpft. Beim zweiten Faktor handelt es sich, im Rahmen der operanten Konditionierung, um die wiederkehrende Belastung, die PTBS.

Beim Netzwerkmodell handelt es sich um das wiederholte Erinnern von extremen Ereignissen und der Bildung neuronaler Angstnetzwerke.

Das Stress-Response-Modell „nimmt an, dass Betroffene zunächst versuchen, traumatische Situationen in ihre Grundannahmen über sich selbst und die Welt zu integrieren, dies angesichts der Singularität und Schwere der Ereignisse jedoch zunächst nicht möglich ist“ (S. 263). Wenn für die Integration die Aktivierung von Ressourcen misslingt, liegt eine PTBS vor.

Wenn Traumatisierte eine bedrohliche Situation dermaßen verarbeiten, dass sie diese Bedrohung in der Gegenwart wahrnehmen, dann sprechen wir von dem kognitiven Modell der chronischen PTBS.

Schließlich thematisieren die Autoren das multifaktorielle Rahmenmodell der PTBS. Im Kern sind Arousal und Wiedererleben des traumatischen Ereignisses zu betrachten.

Heßler-Kaufmann/​Neudeck führen für Schizophrenie und andere psychotische Störungen aus, dass es sich hierbei um Beeinträchtigungen im Denken, der sensorischen Wahrnehmung, der Selbstwahrnehmung, der kognitiven Fähigkeiten, der Volition, des Affekts und des Verhaltens handelt. Bei der psychotischen Störung wird im Rahmen der biologischen Vulnerabilität eine reduzierte Aufmerksamkeit und Informationsverarbeitung konstatiert. Letztgenanntes führt u.a. zu einer Erschwerung bis hin zur Verunmöglichung der Verarbeitung komplexer Situationen.

Eine psychotherapeutische Behandlungsnotwendigkeit zeigt sich als Folge einer krankhaften Schlafstörung, einer Insomnie. Das psychophysiologische Modell „basiert auf vier sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren:

  1. Aktivierung (Hyperarousal),
  2. schlafbehindernde Konditionen,
  3. dysfunktionale Schlafgewohnheiten und
  4. die Konsequenzen des gestörten Schlafs“ (S. 307).

Für die Schmerzstörungen, die im Kontext belastender Lebensereignisse entstehen, wird das Signal-Filter-Modell ins Gespräch gebracht. Hierbei handelt es sich um eine Störung der Körperwahrnehmung, die in ein Schmerzgedächtnis mündet.

Für die sexuellen Funktionsstörungen wird das multifaktorielle Modell angeführt. Dieses Modell wird relevant, wenn keine somatische Ursachen zugrunde liegen. Sieben Faktoren können für sexuelle Funktionsstörungen verantwortlich gemacht werden, wie z.B:

  • „Erwartungsängste vor Versagen, Schmerzen, Frustration, Konsequenzen […]
  • Informations- und Erfahrungsdefizite über physiologische Vorgänge, Anatomie, sexuelles Erleben, Sexualpraktiken, weibliche und männliche Sexualität“ (S. 338).

Ein medical shopping kann manchen körperliche Beschwerden keine Linderung oder Heilung verschaffen, weshalb es verhaltenstherapeutisch notwendig erscheint, sich den somatoformen Störungen zuzuwenden. Das kognitiv-behaviorale Modell macht für die somatoformen Störungen zwei Faktoren verantwortlich:

  1. bestimmte Auslöser, wie z.B. eine Aufmerksamkeit auf die Störung hin, haben körperliche Veränderungen und Reaktionen zur Folge. Eine verstärkte Hinwendung zu diesem Auslöser führt zu einer Symptomverstärkung.
  2. eine ungünstiges Krankheitsverhalten führt langfristig zu einer Aufrechterhaltung der Störung.

Für Zwangsstörungen beziehen sich Haußer-Kaufmann/​Neudeck auf das kognitiv-behaviorale Modell der Aufrechterhaltung von Zwängen. Dieses Modell basiert auf aufdringlichen Gedanken, die negativ bewertet werden. „Es handelt sich um ein Rückkopplungsmodell zwischen Gedanken, Emotionen und Verhalten“ (S. 355).

Diskussion

Beim Dual-Prozess-Modell stellen Heßler-Kaufmann/​Neudeck fest, dass in „traumatisierenden Situationen die rationale Verarbeitung als Schutzmechanismus ausgeschaltet wurde“ (S. 81). Dies kann eine Traumafolgestörung der Flutkatastrophen u.a. vom 14./15. Juli 2021 in Nordrhein-Westphalen und Rheinland-Pfalz sein.

In Verbindung mit der aktuellen Naturkatastrophe im Westen und Südwesten Deutschlands stehen die Posttraumatischen Belastungsstörungen im Fokus, die weiter oben aus diesem Grund eine intensivere inhaltliche Besprechung erfahren.

Fazit

Durch die Einführung über die allgemeinen Modelle zur Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen werden im zweiten Schritt die störungsspezifischen Modelle verstehbar. Einen sehr positiven Effekt haben die Arbeitsmaterialien, die jedem Kapitel angehängt sind und somit eine intensivere Beschäftigung mit dem jeweiligen Modell, v.a. für die verhaltenstherapeutische Tätigkeit, erlaubt.

Katastrophen, wie wir sie aktuell in geballter Form erfahren, wie die Coronapandemie, die Unwetterkatastrophe, politisches Versagen im Großen und z.B. Partnerschaftskonflikte, Arbeitslosigkeit, Krankheit im Individuellen, machen die verhaltenstherapeutische Maßnahmen verstärkt notwendig. Da ist ein Methodenpool, der ein individuelles Zuschneiden der Therapie erlaubt, ein Gewinn.


Rezension von
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
Homepage www.teilhabeberatung.de/beratung/malteser-hilfsdien ...
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 30.08.2021 zu: Johannes Heßler-Kaufmann, Peter Neudeck: Therapie-Tools Störungsmodelle in der Verhaltenstherapie. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. ISBN 978-3-621-28728-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27649.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


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