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Matthias Hammer, Irmgard Plößl: Irre verständlich

Cover Matthias Hammer, Irmgard Plößl: Irre verständlich. Methodenschätze: wirksame Ansätze für die Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2020. 295 Seiten. ISBN 978-3-88414-674-3. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
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Thema

Die Leser*innen erhalten Informationen über praxisnahes Vorgehen für den Umgang mit psychisch erkrankten Klient*innen in den verschiedensten psychosozialen Arbeitsfeldern.

Autorin und Autor

Dr. Matthias Hammer arbeitet, nach langjähriger Tätigkeit in den Bereichen Psychiatrie, Psychotherapie und Rehabilitation psychisch kranker Menschen, heute als Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis in Stuttgart. Zudem führt er Seminare und Weiterbildungen durch. Er veröffentlichte zu den Themen Stress, Achtsamkeit und Umgang mit psychischen Erkrankungen.

Dr. Irmgard Plößl ist Psychologin und Psychotherapeutin. Sie leitet die Abteilung für Berufliche Teilhabe und Rehabilitation des Rudolf-Sophien-Stifts in Stuttgart. Seit Jahren leitet sie Seminare und Weiterbildungen.

Aufbau

Nach einer Einleitung gliedert sich das Buch in die Kapitel:

  • Kommunikation und Gesprächsführung,
  • Umgang mit Emotionen,
  • Umgang mit Gedanken,
  • Motivation und
  • in ein Schlusskapitel.

Verdeutlicht werden diese Informationen in allen Kapiteln mithilfe von Beispielen. Im Anhang finden sich Hinweise zu den Downloadmaterialien und das Literaturverzeichnis.

Inhalt

In der Einleitung wird das grundlegende Modell der drei Regulationssysteme (nach Pauls Gilbert) vorgestellt. Dieses Regulationsmodell gliedert sich in das Antriebssystem, das Alarmsystem und in das Bindungssystem. Mithilfe dieser Systeme können die Grundbedürfnisse und das Überleben der Menschen in einer sich ständig veränderten Umwelt gesichert werden.

Das Alarmsystem soll uns vor Gefahren schützen, das Antriebssystem voranbringen und das Bindungssystem mit anderen Menschen verbinden. Die grundlegende Funktion des Alarmsystems ist der Schutz vor Gefahren und Bedrohung. Je häufiger eine Panikreaktion ausgelöst wird, desto leichter kann diese Reaktion auch in Zukunft ausgelöst werden und vermehrt viele Situationen als potenziell bedrohlich eingeschätzt werden. Eine zentrale Aufgabe ist daher durch den Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung das aktivierte Alarmsystem der Klient*innen zu beruhigen. Bei verschiedenen psychiatrischen Krankheitsbildern ist das Antriebssystem für die Autoren überaktiviert oder bei Depressionen zu schwach. Bei bipolaren Störungen wechsele es zu stark. Das Bindungssystem könne nur aktiv sein, wenn die anderen Regulationssysteme nicht im Vordergrund stehen. Daher sei es Aufgabe der Fachkräfte das Bindungssystem zu stärken und dazu beizutragen, dass die Klienten sich beruhigen und sicher fühlen können. Allerdings könne das Bindungssystem auch dazu führen, dass man in abhängige oder gewalttätige Beziehungen gerät. Bei psychisch kranken Menschen sind für Hammer und Plößl die drei Regulationssysteme oftmals nicht in der Balance.

Im folgenden Kapitel über die Kommunikation und die Gesprächsführung beschäftigen sich die Autoren mit dem wichtigsten Medium der Beratung, der Kommunikation mit den Klient*innen. Vorgestellt werden insbesondere einführende Informationen und Methoden, wie zum Beispiel die Gesprächsführung oder die Ressourcenorientierung. Im Weiteren werden eine Reihe von Methoden, zum Beispiel im Umgang mit Ambivalenzen, Pausen im Gespräch oder dem Feedback geben, erörtert.

Das dritte Kapitel fokussiert den Umgang mit den Emotionen der Klienten*innen. Die Autoren wollen Verständnis schaffen für die emotionalen Prozesse hinter den sichtbaren Störungen und Anregungen für einen hilfreichen Umgang damit geben. Einführend werden grundlegende Informationen gegeben. Anschließend werden erneut sogenannte Methodenschätze, z.B. Strategien der Emotionsregulierung oder der Emotionsvermeidung fokussiert.

Im anschließenden Kapitel steht der Umgang mit Gedanken im Mittelpunkt. Erneut werden wieder Grundlagen beschrieben, dem schließen sich die Darstellungen von praktischen Methoden an. Thematisiert wird beispielsweise das Unterdrücken von Gedanken oder die Problematik des Grübelns. Vorgestellt wird u.a. wie Achtsamkeit in der Natur oder beim Atmen gelernt werden kann.

Das fünfte Kapitel beschäftigt sich mit der Bedeutung der Motivation, denn diese kann nicht einfach vorausgesetzt werden. Aufgabe ist in der Beratung die Entwicklung und Aufrechterhaltung von Motivation. Vorgestellt wird hier unter anderem die motivierende Gesprächsführung. Diskutiert wird, wie Selbstwirksamkeit gefördert und Ressourcen aktiviert werden können.

Im abschließenden kurzen Schlusskapitel beziehen sich die Autoren nochmals auf das einführende Regulationssystem.

Diskussion

Der Autor und die Autorin richten sich mit ihrem Buch an Fachkräfte, die psychisch erkrankte Menschen im Alltag begleiten. Sie wollen theoretisch fundiert deutlich machen, wie dargestellte Methoden in der Arbeit wirken und wie sie eingesetzt und konkret angewandt werden können. Dabei knüpfen sie an ihren ersten Band von „Irre Verständlich“ an. Dieses Ziel wird weitgehend erreicht. Allerdings hatte ich nach dem Lesen der Einleitung explizite Informationen über die einzelnen Störungsbilder erwartet, beispielsweise waren die Ausführungen über den Umgang mit Wahnideen nur sehr kurz.

Zudem wäre ein zu ergänzendes Stichwortverzeichnis für die Praxis hilfreich. Die Downloadmaterialien ließen sich auf der Internetseite des Verlages zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Rezension nicht runterladen.

Fazit

Dieses Buch kann insbesondere als Einführung empfohlen werden. Den Leser*innen wird eine kompakte, praxisnahe, lebendige Darstellung geboten.


Rezension von
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit, Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Traumatherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 25.11.2020 zu: Matthias Hammer, Irmgard Plößl: Irre verständlich. Methodenschätze: wirksame Ansätze für die Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2020. ISBN 978-3-88414-674-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27651.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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