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Inge Seiffge-Krenke: Jugendliche in der Psychodynamischen Psychotherapie

Cover Inge Seiffge-Krenke: Jugendliche in der Psychodynamischen Psychotherapie. Kompetenzen für Diagnostik, Behandlungstechnik, Konzepte und Qualitätssicherung. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2020. 464 Seiten. ISBN 978-3-608-98359-3. D: 55,00 EUR, A: 56,60 EUR.
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Thema

„Jugendliche Patienten heutzutage unterscheiden sich deutlich von jenen, die noch vor 20, 30 Jahren therapiert wurden. Dieser Krankheitswandel hängt auch mit gesellschaftlichen Veränderungen zusammen, wie ich in diesem Buch belegen will“ [1]

Inge Seiffge-Krenke legt bereits die vierte Auflage (erste Auflage 1986 bei Kohlhammer) ihres Maßstäbe setzenden Praxishandbuchs für psychodynamische KJP vor. Den sperrigen Titel ‚analytisch und tiefenpsychologisch fundierte Therapie‘, hat sie, wie bereits Mentzos und Krause vor ihr, in ‚psychodynamisch‘ eingedampft. Vielleicht gehe ich zu weit, aber damit scheint ein Bekenntnis zu einer einheitlichen psychodynamischen Systematik verbunden, die das früher getrennt Gehaltene zu integrieren sucht.

Wie bereits in ihrer 2007 mit dem Heigl-Preis ausgezeichneten Neufassung (seither bei Klett-Cotta) haben die 12 Kapitel es in sich (das erste Kapitel ist signifikant umgestaltet, zwei sind völlig neu entstanden): Seiffge-Krenke versteht es, selbst geläufige Themen so zu bearbeiten, dass sie pointiert neue Bedeutungen zu erkennen geben. Selbst Vielleser oder auch langjährig berufserfahrene KollegInnen werden Neues entdecken oder zumindest Zusammenhänge aufgezeigt finden, die sie so bisher nicht gesehen haben.

Autorin

Inge Seiffge-Krenke ist emeritierte Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Mainz; sie hatte Gastprofessuren in Madrid und Lima inne, außerdem ist sie Psychoanalytikerin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Soweit ich es übersehe, war sie die letzte Psychoanalytikerin, die eine Professur für Entwicklungspsychologie an einer öffentlichen deutschen Universität bekleidete. Mit ihr endet an der Stelle eine große Tradition: Entwicklung nicht nur biologisch (Reifung) und sozial (Sozialisation), sondern auch subjektbezogen zu denken und auch entsprechende Forschungsthemen zuzulassen. So denke ich etwa an die berührende Arbeit über imaginative Gefährtinnen und deren Bedeutung für die Selbstentwicklung von Mädchen, die unter HochschulpsychologInnen aus heutiger Zeit einzig dastehen dürfte.

Die Autorin war aber auch eine wichtige Verfechterin einer empirisch begründeten Psychodynamik, was durch ihr Mitwirken an diversen Projekten dokumentiert ist; die bekanntesten sind OPD KJ 1 und 2. Für die jüngste Fassung ist sie Mitherausgeberin und Sprecherin der Arbeitsgruppe ‚Konflikt‘.

Entstehungshintergrund

Die Neuauflage von ‚Jugendliche in Psychodynamischer Therapie‘ wurde nötig, weil die Novellierung des Psychotherapeutengesetzes (von der Autorin wird begrüßt, dass erstmals Kindern die gleiche Qualifikation zugestanden wird wie Erwachsenen) nicht nur einen neuen „grundständigen“ Psychotherapie-Studiengang hervorbringen wird, sondern erstmals nicht überwiegend berufserfahrene Sozialpädagoginnen in die Ausbildung zur Kinder- und Jugendtherapeutin gelangen, sondern AbsolventInnen eines Studiengangs (die PädagogInnen wurden ausgesperrt, da ihnen die wissenschaftliche Kompetenz fehle. Meine Beobachtung der Expertenanhörungen haben eher den Eindruck hinterlassen, Sozialpädagogen und KJP-VertreterInnen wären der PsychologInnen-Lobby unterlegen gewesen).

Außerdem ist die für die Praxis in Deutschland sehr wichtige Psychotherapierichtline in der jüngsten Vergangenheit mehrfach novelliert worden, mit dem Ergebnis, dass wesentlich mehr Settigvarianten (kleine Gruppen, Kombinationsbehandlung etc.) aber auch weitere Indikationen zugelassen sind als bisher.

Aufbau

Die Kapitelüberschriften sind nach der Einleitung

  • 2. Theoretische Kompetenz: Das Jugendalter aus psychodynamischer und entwicklungspsychologischer Sicht,
  • 3. Ursachen für die Zunahme und Veränderung psychischer Störungen,
  • 4. Diagnostische Kompetenz: Der diagnostische Prozess,
  • 5. Diagnostische Kompetenz: Einige typische Störungsbilder,
  • 6. Psychodynamische Kompetenz: Was heißt „psychodynamisches Arbeiten“?,
  • 7. Behandlungstechnische Kompetenz: „Der Versuch auf einen fahrenden Zug aufzuspringen“,
  • 8. Behandlungstechnische Kompetenz: Begleitende Elternarbeit,
  • 9. Kulturelle Kompetenz: Die Arbeit mit ausländischen Familien,
  • 10. Behandlungstechnik bei traumatisierten Patienten und Patienten mit strukturellen Beeinträchtigungen,
  • 11. Flexibilisierung der Behandlungsformen: Von der KZT zum stationären Setting,
  • 12. Forschungskompetenz: Qualitätssicherung und Veränderung in psychodynamischen Behandlungen.

Die Veränderungen zur Neufassung 2007 sind unterschiedlich stark ausgeprägt, mehr noch als damals fasst die Autorin das psychotherapeutische Handwerkszeug in thematische Kompetenzen zusammen. Natürlich fußt alles auf einer reflexiven Beziehungskompetenz; insofern geht es weniger um die Beherrschung irgendwelcher Techniken als vielmehr um die Fähigkeit, Nähe und Distanz feinfühlig zu regulieren, ja sogar Intimität taktvoll herzustellen und wieder aufzulösen, ohne das Autonomiebedürfnis der adoleszenten PatientInnen zu verletzen.

Zwei zusätzliche Kapitel bringen einen Zuwachs von 24 Seiten.

Inhalt

Der Text enthält die Beschreibung aller Kompetenzen, die zur Behandlung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen nötig sind.

Relativ neu ist die immer mehr ausdifferenzierte Behandlungstechnik für PatientInnen mit unterschiedlich reifen strukturellen Fähigkeiten. War psychoanalytische Behandlung früher eher für neurotische Kinder geeignet, gibt es heute Behandlungsstrategien für alle Strukturniveaus, teilweise in manualisierter Form. Wesentlichen Anteil an dieser spannenden Entwicklung hatte im deutschen Sprachraum die umfassende Forschung rund um den OPD-Prozess, an dem die Autorin wesentlich mitgewirkt hat.

Besonders gut hat mir die Beschreibung kultursensiblen Vorgehens in der Therapie gefallen, auch wenn die Autorin sich im Wesentlichen an die Maßgaben der kleinen Monografie von Renate Schepker hält, war die Lektüre für mich sehr instruktiv und gleichzeitig emotional bewegend.

Dass auch auf die Forschung und Veränderungsmessung eingegangen wird, zeigt auf, dass die Kinderpsychotherapie endgültig zur Wissenschaftlichen Disziplin geworden ist. Auch wenn die Therapie viel Ähnlichkeit mit spielerisch künstlerischer Praxis hat, kann die Disziplin sich auch unter neuen ökonomischen Zwängen nur behaupten, wenn sie aufzeigt, dass sie tatsächlich Veränderungen bewirkt.

In den letzten zehn Jahren ist das für eine Reihe von Störungen gelungen. Dass die Datenlage für relativ kurze Behandlungen besser ist als für lange versteht sich, aber selbst die relativ lange stationäre Therapie von Borderline-Jugendlichen kann empirisch belegt als evidenzbasiert gelten.

Dass sich Patienten für Langzeittherapien nur schwer nach dem Zufallsprinzip einer Behandlungsform zuweisen lassen, macht den direkten Vergleich von kognitiv-behavioral mit psychodynamisch behandelten Stichproben schwierig, aber selbst das ist für bulimische PatientInnen über mittlere Distanz gelungen.

Es ist zu hoffen, dass in Zukunft Therapien nicht nur nach empirischer Evidenz sondern auch nach kultureller Passung ausgewählt werden.

Diskussion

Ich kann kaum etwas Kritisches sagen, denn dieses Buch ist wirklich rundherum gelungen, man merkt der Autorin beim Lesen an, dass sie keine Wissenschaftsmanagerin ist, sondern selbst eine erfahrungsgesättigte Therapeutin auch in Supervision und Weiterbildung. Ihre Texte sind im besten Sinne spannend, hoch relevant, auch didaktisch bewundernswert klar und schon für Anfänger gut verständlich.

Ihr Hintergrund als Hochschullehrerin und Forscherin ist gleichermaßen spürbar, Seiffge-Krenke referiert neue Forschungsergebnisse souverän und kritisch. Es ist nicht zu übersehen, dass die enormen Fortschritte in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in den letzten 20 Jahren vor allem der Säuglings- und der Bindungsforschung zu danken sind, zwei entwicklungspsychologischen Feldern, die ursprünglich aus psychoanalytischer Perspektive vor allen als Abweichung vom richtigen Weg verstanden wurden. In der vor 35 Jahren erschienenen ersten Auflage ihres Buchs ist von beiden Themen noch nicht die Rede, obwohl John Bowlbys revolutionäre Forschungen bereits 1975 in deutscher Übersetzung erschienen waren, original 1969.

Dass diese Fehlentwicklung korrigiert werden konnte, ist wesentlich auch ein Verdienst der Entwicklungsforscherin Inge Seiffge-Krenke.

Fazit

Nach ihrer furiosen ‚Psychoanalyse des Mädchens‘ ist auch die neue Auflage dieses Werks wieder ein großer Wurf; ich kann die Lektüre nicht nur angehenden PsychotherapeutInnen empfehlen, sondern auch allen anderen mit der Gesundheit und Erziehung von Kindern befassten Berufsgruppen.

Literatur

Bowlby, John (1976, engl. 1969): Bindung, eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung, Stuttgart: Kindler

Krause, Rainer (1997): Allgemeine Psychoanalytische Krankheitslehre Bd. 1: Grundlagen, (1998) Band 2: Modelle, Stuttgart: Kohlhammer

Krause, Rainer (2012): Allgemeine psychodynamische Behandlungs- und Krankheitslehre. Grundlagen und Modelle, Stuttgart: Kohlhammer

Mentzos, Stavros (2009): Lehrbuch der Psychodynamik. Die Funktion der Dysfunktionalität psychischer Störungen, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

Schepker, Renate (2017): Kultursensible Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen, in der Reihe Psychodynamik kompakt (hg. von Inge Seiffge-Krenke und Franz Resch), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

Seiffge-Krenke, I. (1986): Psychoanalytische Therapie mit Jugendlichen, Stuttgart: Kohlhammer

Seiffge-Krenke, I. (2001): »Liebe Kitty, du hast mich gefragt…«: Phantasiegefährten und reale Freundschaftsbeziehungen im Jugendalter, in: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 1, 1–15

Seiffge-Krenke, I. (2007): Psychoanalytische und tiefenpsychologisch fundierte Therapie mit Jugendlichen, Stuttgart: Klett Kotta

Seiffge-Krenke, I. (2017): Die Psychoanalyse des Mädchens, Stuttgart: Klett-Cotta


[1] Seiffge-Krenke 2000, Seite 15


Rezension von
Dr. phil. Ulrich Kießling
Dipl. Sozialarbeiter/Sozialtherapeut, Analytischer Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Familientherapeut und Gruppenanalytiker. Langjährige psychotherapeutische Arbeit an der Schnittstelle von Psychiatrie, Psychotherapie und Jugendhilfe, Supervision im klinischen und im Jugendhilfebereich. Niedergelassener Psychotherapeut in Treuenbrietzen und Berlin, Dozent, Supervisor und Selbsterfahrungsleiter in der Ausbildung psychodynamisch orientierter Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen (SIMKI,BAP), Psychotherapiegutachter der KV.
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Zitiervorschlag
Ulrich Kießling. Rezension vom 01.04.2021 zu: Inge Seiffge-Krenke: Jugendliche in der Psychodynamischen Psychotherapie. Kompetenzen für Diagnostik, Behandlungstechnik, Konzepte und Qualitätssicherung. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-608-98359-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27652.php, Datum des Zugriffs 27.10.2021.


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