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Andrea Keller, Gunter Geiger u.a.: Die Attraktion des Extremen

Cover Andrea Keller, Gunter Geiger, Andreas Büsch, Sandra Bischoff: Die Attraktion des Extremen. Radikalisierungsprävention im Netz. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2021. 96 Seiten. ISBN 978-3-7344-1162-5. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR.

Reihe: Wochenschau Wissenschaft.
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Thema

Wie funktionieren soziale Netzwerke, wie wird die Aufmerksamkeit dort gesteuert und wie kommt es, dass sich Menschen durch Funktionslogiken radikalisieren lassen? Dieser Frage gehen die Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Blickwinkeln nach. Das vorliegende Werk ist zugleich Ergebnis einer entsprechenden Fachtagung in der Katholischen Akademie Bonifatiushaus in Fulda, die in 2019 stattgefunden hat.

Herausgeber*innen

Herausgegeben wird das Werk von vier Personen: Dr. Andrea Keller ist Koordinatorin für das Projekt „Religionssensible politische Bildungsarbeit“ bei der Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke in der Bundesrepublik Deutschland e.V. (AKSB) in Bonn. Der katholische Theologe und Erziehungswissenschaftler Andreas Büsch ist Professor für Medienpädagogik und Kommunikationswissenschaft an der Katholischen Hochschule (KH) Mainz und Leiter der Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz. Sandra Bischoff ist Leiterin des Referats Prävention und Medienkompetenz der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR Hessen) in Kassel. Der Diplom-Volkswirt Gunter Geiger ist Akademiedirektor des Bonifatiushauses Fulda und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke in der Bundesrepublik Deutschland e.V. (AKSB).

Aufbau

Das Werk besteht aus zahlreichen, zuweilen recht kurzen Kapiteln verschiedener Autor/​innen:

Vorwort

  • Emotion versus Diskussion: Wie digitale Medien die Kommunikation beeinflussen (Interview mit Jürgen Rink, Chefredakteur c’t – Magazin für Computertechnik)

Radikalisierung und Prävention – Hintergrund

  • Andrea Keller: Religionssensible politische Bildung als Primärprävention gegen Extremismus im Netz
  • Joachim Becker: Fake News, Hate Speech und Extremismus im Netz – Wir können viel tun!
  • Andreas Büsch: Medienpädagogische Interventionsmöglichkeiten im Kontext von islamischer Radikalisierung

Bildungsarbeit und Extremismus im Netz

  • Julian Ernst: Rechtsextremismus in digitalen Medien als gesellschaftliche und pädagogische Herausforderung
  • Nava Zarabian: Islamismus im Netz – Extremistische Ansprache und Köderstrategien
  • Maryam Kirchmann, Canan Korucu: Soziale Medien als Ort politischer Bildungsarbeit gegen Extremismus – Chancen und Herausforderungen
  • Martin Fischer: Spielegemeinschaften als Orte der politischen Orientierung

Erfahrungen aus der Bildungspraxis

  • Claudia Nowarowski, Mathias Piwko: Gegen die Attraktion des Extremene. Mit dem simulierten Rollenspiel „X-Games“ durch Ost- und Mittelsachsen – ein Erfahrungsbericht
  • Katja Mayer, Mario Di Carlo: MEET – Media Education for Equity and Tolerance. Interkulturelles Lernen und Medienbildung für Gerechtigkeit und Toleranz
  • Andreas Büsch: „Comic Life“ als methodisches Instrument in der politischen Bildung
  • Ulrich Berger: Die App „Diskutier Mit Mir“ – Demokratieförderung durch digitalen Dialog

Schlussfolgerungen

Anhang

Inhalt

Jürgen Rink erklärt in einem einleitenden Interview, dass Facebook und Twitter „eher Lautsprecher als Diskussionsplattformen seien“: Wer am lautesten argumentiere, bekomme die meiste Aufmerksamkeit. Daran seien die Algorithmen der sozialen Netzwerke schuld, und Publikumsmedien würden durch ihre Berichterstattung solche Entwicklungen verstärken. Rink plädiert leidenschaftlich für mehr digitale Bildung und für vertrauenswürdige Marken in der Medienwelt. Die zuweilen „subtilen Kommunikationsformen“ des Extremismus sollten in der Prävention eine größere Rolle spielen.

Andrea Keller beschreibt, wie politischer und religiös begründeter Extremismus Gemeinschaftsgefühl, Anerkennung und Selbstwertgefühl durch die Abwertung anderer förderten. Bei der medienpädagogischen Arbeit müsse an die Lebenswelten Jugendlicher angeknüpft werden, argumentiert Andreas Büsch. Dazu gehöre auch die praktische Erfahrung in der Produktion von Medien, um kritisch über Angebote reflektieren zu können. Julian Ernst weist darauf hin, dass Extremistinnen und Extremisten stets versuchen würden, öffentliche Diskurse mit ihren eigenen Themen und Deutungsmustern zu besetzen. Insbesondere lenkt er den Blick darauf, dass die Rolle der Algorithmen dabei „pädagogisch unterbelichtet“ sei.

Nava Zarabian beschreibt, wie menschenverachtende Botschaften zielgruppenorientiert, jugendaffin und modern im Internet präsentiert werden. Gerade junge Menschen liefen Gefahr, dadurch „in einen Sog der Propaganda zu geraten und stufenweise mit immer problematischeren Inhalten konfrontiert zu werden“. Dabei werde thematisch häufig an persönliche Emotionen angeknüpft. Canan Korucu und Maryam Kirchmann erläutern dazu, dass in Social Media beispielsweise häufig das Opfer-Narrativ bedient werde, wonach Menschen muslimischen Glaubens „Opfer ‚des Westens‘ seien und trotz aller Integrationsbemühungen nie akzeptiert würden“. Mit selbst erstellten Bild-Beiträgen (Memes und GIFs) für das Netz und Workshops zu (rechts-)extremen Positionen könne man solchen Tendenzen entgegenwirken.

Wie sich Wertesysteme in Gemeinschaften von Computerspiel-Nutzerinnen und Nutzern gebildet werden, erklärt Martin Fischer. Hier bestehe die Gefahr von „Radikalisierungsspiralen“, die man mit Zivilcourage und solidarischer Unterstützung eindämmen könne. Mathias Piwko und Claudia Nowakowski beschreiben, wie im bundesweiten Programm „Respekt Coaches“ mit Hilfe eines Spiels gruppendynamische Strategien von Mobbing und Radikalisierungen für Jugendliche erlebbar und somit transparent gemacht werden. Weitere Ansätze, die vorgestellt werden, sich Foto-Statement-Projekte, Fake-News-Checks, die Umsetzung von Erfahrungen in Comics sowie die App „Diskutier Mit Mir“, bei der Menschen mit dezidiert unterschiedlichen Meinungen zusammengebracht werden.

Andrea Keller kommt in ihrem Fazit zu dem Schluss, dass Jugendliche verstehen lernen sollten, „wie es dazu kommt, dass Minderheiten im Netz plötzlich als Mehrheiten erscheinen können.“ Dazu gehöre auch, „alternative Geschichten im Netz zu erzählen und dadurch die Inhalte im Netz zu verändern.“

Diskussion

Mit dem Werk wird die Aufmerksamkeit auf Funktionsweisen von Sozialen Netzwerken und zuweilen subtile Strategien der Radikalisierung gelenkt. Durch die Kürze der Texte und den geringen Gesamtumfang des Buches bleiben einige Themenaspekte nur angedeutet. Weiterführende Literaturhinweise laden jedoch zur weiteren Beschäftigung mit den einzelnen Themengebieten ein. Hilfreich sind die Schilderungen konkreter Projekte, die sich zum Teil ohne großen Aufwand vor Ort umsetzen lassen.

Fazit

Ein übersichtliches und gut strukturiertes Werk, das erste Einblicke in Radikalisierungsprozesse vor allem junger Menschen im Internet gibt und darauf folgend erprobte Strategien der pädagogischen Medienarbeit beschreibt.


Rezension von
Prof. Dr. Frank Überall
Medien- und Politikwissenschaftler an der HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft; www.politikinstitut.de
Homepage www.politikinstitut.de
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Zitiervorschlag
Frank Überall. Rezension vom 02.06.2021 zu: Andrea Keller, Gunter Geiger, Andreas Büsch, Sandra Bischoff: Die Attraktion des Extremen. Radikalisierungsprävention im Netz. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2021. ISBN 978-3-7344-1162-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27658.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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