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Malve von Möllendorff: Kinder organisieren sich!? [... (südafrikanische Kinderbewegung)

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 24.05.2005

Cover Malve von Möllendorff: Kinder organisieren sich!? [... (südafrikanische Kinderbewegung) ISBN 978-3-8142-0948-7

Malve von Möllendorff: Kinder organisieren sich!? Über die Rolle erwachsener Koordinator(innen) in der südafrikanischen Kinderbewegung. BIS-Verlag (Oldenburg) 2005. 224 Seiten. ISBN 978-3-8142-0948-7. 10,00 EUR.
Reihe: Schriftenreihe des Instituts für Bildung und Kommunikation in Migrationsprozessen (IBKM), Band 15.

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Kindheit mit interkulturellem Blick: Eine Nachschau für die pädagogische und soziale Arbeit

In der Kinder- und Bildungsforschung wandelt sich (zögerlich) das erwachsenenzentrierte Bild des sozialen Konstrukts Kindheit von der stufenförmigen Entwicklung einer unfertigen Person hin zum Person-Sein. Das Plädoyer dafür, "Kindheit als sozialen Status und Kinder als soziale Akteure und handelnde Subjekte in ihrer Umwelt anzuerkennen", hat sich nicht zuletzt entwickelt aus dem Diskurs um Interkulturalität und den pädagogischen und soziologischen vergleichenden, interkulturellen Forschungen. Die Frage nach den Kinderrechten, wie sie in den einschlägigen, internationalen Menschenrechtsdeklarationen formuliert und in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gelangt sind, hat auch in der deutschen Kindheitsforschung zu einem Perspektivenwechsel geführt. Zum karitativ und bewahrenden, beschützenden Ansatz, bei dem die Dominanz bei den Erwachsenen liegt, treten seit wenigen Jahrzehnten "Empowerment"- Konzepte hinzu: "Anstatt Kinder in schwierigen Situationen als ’Problemfälle’ zu betrachten, die rehabilitiert werden müssen, um schließlich resozialisiert der Gesellschaft dienen zu können, wurde nun verstärkt auf ihre Potentiale hingewiesen und auf ihre Fähigkeit, Probleme selber zu lösen".

Entstehungshintergrund

Besonders in der globalen Partnerschafts- und internationalen Entwicklungszusammenarbeit gibt es, auch in der Entwicklungsforschung, verstärkt Ansätze, die sozialen Bewegungen in der immer interdependenter zusammenwachsenden Welt, unter den Gesichtspunkten einer "subjektorientierten Praxis" (Klaus Holzkamp), den gesellschaftlichen Stellenwert von Kindern in marginalisierten Lebenssituationen in den Blick zu nehmen. Hervorragende Arbeiten auf diesem Gebiet kommen seit Ende der 90er Jahre vom Interdisziplinären Zentrum für Bildung und Kommunikation in Migrationsprozessen (IBKM), einer Forschungseinrichtung der Universität Oldenburg. Im Rahmen der Nord-Süd-Kooperation, wie sie z. B. vom Land Niedersachsen mit der südafrikanischen Region Eastern Cape seit zehn Jahren durchgeführt wird (vgl. dazu: Partnerschaftliche Zusammenarbeit - Cooperation in Partnership, Hannover 2004), forscht und begleitet das IBKM die verschiedenen Partnerschaftsinitiativen, vor allem von niedersächsischen und südafrikanischen NGO (vgl. dazu: Wolfgang Nitsch, Nord-Süd-Kooperation in der Lehrerfortbildung in Südafrika. Bericht über einen von der Universität Oldenburg in Kooperation mit der Vista University in Port Elizabeth (Südafrika) veranstalteten Lehrerfortbildungskurs über Szenisches Spiel als Lernform im Unterricht, Bd. 16/IBKM, 2005). Aus dieser Zusammenarbeit ist die Studie von Malve von Möllendorff entstanden. Als Praktikantin hat sie mehrere Monate am Children’s Resource Centre (CRC) in Cape Town gearbeitet.

Inhalt

Die Forschungsfrage der Autorin bewegt sich zwischen den verschiedenen theoretischen, politischen und befreiungspädagogischen Ansprüchen und den Wirklichkeiten einer unter extremen Armutsbedingungen und durch unzureichend ausgebildete erwachsene ErzieherInnen und KoordinatorInnen initiierte und begleitete Kindergruppen-Arbeit, im übrigen überall in Südafrika, nicht nur in der Provinz Eastern Cape. In mehreren Fall- und Situationsbeschreibungen in englischer Sprache mit deutscher Zusammenfassung, auch um die weiterführende Kommunikation mit den südafrikanischen Partnern zu erleichtern, werden Bildungs- und Erziehungsvorstellungen der haupt- und ehrenamtlichen ErzieherInnen heraus gefiltert, die sich konzeptionell und adaptiv an verschiedenen Empowerment-Strategien orientieren. Interessant dabei die bewussten wie unbewussten Zugriffe auf Überlegungen und Theorien zur sozialen Arbeit, etwa aus der Pädagogik des Dialogs und der Befreiung Paulo Freires, dem Child-to-Child-Teaching, wie es im israelisch-palästinensischen Bildungskibbuz Givat Haviva entwickelt wurde und Reflexionen, die im Kontext der afrikanischen Befreiungsbewegungen von Julius Nyerere in Tansania in die interkulturelle Diskussion gebracht wurden. Immer geht es dabei um das Bemühen, "to assist children to organise themselves into a Children’s Movement". Die Zielvorstellungen, wie sie von den KoordinatorInnen genannt werden, erinnern an diejenigen, die gesellschaftliche Reformen und Veränderungen schon immer angetrieben haben; etwa an das "Gute im Kind zu glauben", wie dies Erich Fromm in seinem Vorwort zu A. S. Neills Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung (1965) propagiert hat, als Fähigkeit, am Leben interessiert zu sein und auf das Leben nicht nur mit dem Verstand, sondern mit der ganzen Persönlichkeit zu reagieren; im Kontext der Erziehung im CRC: Einerseits, "die Kinder in den Gruppen zu Verantwortung und Wertebewusstsein zu erziehen und ihnen soziale Kompetenz zu vermitteln" und andererseits ihnen zu helfen, ihre unmittelbare Lebenssituation menschenwürdig zu bewältigen.

Die Autorin formuliert aus ihren teilnehmenden Beobachtungen und ihrem subjektorientierten Mittun während ihrer Praktikumszeit im Children’s Resource Centre in Cape Town sechs Hypothesen, die der weiteren Diskussion bedürfen; nicht nur in der Hinsicht, dass die sich aus der südafrikanischen Kinderbewegung entwickelnden Empowerment-Ansätze übertragbar sind auf die schwierige Bildung der südafrikanischen, multikulturellen Gesellschaft, sondern auch, dass diese vergleichenden Befunde für die Entwicklung der EINEN WELT habhaftbar gemacht werden sollten. Die Oldenburger und Cape Towner WissenschaftlerInnen werden die Ergebnisse in ihre Partnerschaftsbilanzen einbringen können. Die Veröffentlichung trägt aber auch dazu bei, im Rahmen der interkulturellen und globalen Sozialen Arbeit einige Merk- und Diskussionspunkte einzusammeln.

Fazit

Das Oldenburger Interdisziplinäre Zentrum für Bildung und Kommunikation in Migrationsprozessen liefert auch mit dieser Studie wichtige Anstöße zum globalen Diskurs darüber, was Mangosuthu G. Buthelezi in seinem Buch "Südafrika" (1990) in seiner Vision für ein ausgesöhntes Südafrika so ausdrückt: "... ein Hand-in-Hand-Gehen auf breiter Front - eine nichtrassistische Mehrparteiendemokratie zu schaffen, Rechtstaatlichkeit und politische Vereinigungsfreiheit und alle anderen großen Worte der Internationalen Erklärung der Menschenrechte zu garantieren".

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1727 Rezensionen von Jos Schnurer.

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ISSN 2190-9245