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Anne Waldschmidt: Disability Studies zur Einführung

Cover Anne Waldschmidt: Disability Studies zur Einführung. Junius Verlag (Hamburg) 2020. 226 Seiten. ISBN 978-3-96060-319-1. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR.

Reihe: Zur Einführung.
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Thema

Es handelt sich bei der zu besprechenden Veröffentlichung um eine Einführung in das recht junge Wissenschaftsfeld der Disability Studies. „Dem im deutschsprachigen Raum neuen und noch immer eher unbekannten Forschungsfeld geht es um eine reflexiv-moderne, d.h. die Grundlagen des eigenen Denkens und der daran orientierten gesellschaftlichen Praxis hinterfragende, in diesem Sinne kritische Perspektive auf Behinderung“ (S. 11).

Autorin

Anne Waldschmidt ist Professorin für Soziologie und Politik der Rehabilitation und Disability Studies an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln. Die Autorin ist Leiterin der internationalen Forschungsstelle Disability Studies (iDiS).

Aufbau

  1. Einladung zu den Disability Studies
  2. Internationale Disability Studies – eine Bestandsaufnahme
  3. Modelle von Behinderung in den Disability Studies
  4. Theorieansätze in den Disability Studies
  5. Wissenschaftskritik und Forschungsansätze der Disability Studies
  6. Interdisziplinäre Disability Studies – der Forschungsstand
  7. Stand, Kontroversen und Perspektiven der Disability Studies

Inhalt

Anne Waldschmidt lädt zu den Disability Studies ein, indem sie für das akademische Feld eine Standortbestimmung vornimmt. Die Disability Studies verstehen Behinderung vorwiegend ungleichheitstheoretisch, „nämlich als eine kontingente Kategorie, die höchst unterschiedliche Attribute mit Marginalisierung und Exklusion verknüpft“ (S. 22). Behinderung ist eine soziale Konstruktion. U.a. sind terminologische Kunststücke erkennbar, die sich in einer wertneutralen Beschreibung von Behinderung zeigt. Als analytische Kategorie ist der Begriff Behinderung, in Anlehnung an Ernesto Laclau, als leeres Signifikant zu verstehen. „Leere Signifikanten sind offen für eine Vielzahl von Bedeutungen; sie sind umkämpft und werden durch diskursive Prozesse ‚gefüllt‘, die von hegemonialen Positionen bestimmt werden“ (S. 34). Die Disability Studies sind „eine Einübung in ein ‚anderes‘ Denken, ein Denken, das sich bewusst als ‚schräg‘, ‚schief‘, oder ‚ver-rückt‘ versteht“ (S. 39).

Bei der Bestandsaufnahme der internationalen Disability Studies nimmt die Autorin die Leserinnen und Leser mit auf eine Weltreise. Diese Weltreise erstreckt sich auf Afrika, Asien, Australien, Europa und Nord- und Südamerika.

Betrachtet werden die internationalen Disability Studies in den Sozialwissenschaften, die ihren Beginn gegen Ende der 1960er Jahre in den USA hatten. Um die Jahrtausendwende haben sich die sozialwissenschaftlichen Disability Studies im deutschsprachigen Raum etabliert. Hier existiert eine enge Verbindung zur Soziologie, zu den Rechts- und zu den Erziehungswissenschaften.

Neben der internationalen Disability History werden die internationalen Cultural Disability Studies betrachtet. „Inspiriert ist die kulturwissenschaftliche Forschung zu Behinderung […] von der Disability Culture & Arts, den weltweiten künstlerischen Tätigkeiten behinderter Menschen, die parallel und häufig aus der Behindertenbewegung heraus entstehen“ (S. 61).

In der Debatte über Modelle von Behinderung geht es um die unterschiedlichen Perspektivierungen von Behinderung.

Es werden betrachtet:

  • das individuelle, medizinische Modell oder der Rehabilitationsansatz, der Behinderung von der einzelnen Person aus betrachtet und die gesellschaftliche Komponente ausblendet;
  • das relationale Modell aus Skandinavien, welches „Behinderung als eine Interaktion zwischen Beeinträchtigungen und Umweltbedingungen versteht“ (s. 75);
  • das US-amerikanische Minderheiten- oder Randgruppenmodell;
  • das soziale Modell der britischen Disability Studies, nach welchem Behinderung eine soziale Ungleichheit ist; Behinderung (disability) von der Beeinträchtigung (impairment) systematisch zu differenzieren ist; Behinderung ein soziales und kein individuelles Problem ist;
  • das menschenrechtliche Modell, was sich v.a. auf die UN-Behindertenrechtskonvention bezieht
  • das kulturelle Modell, bei welchem es sich um eine gesellschaftsorientierte Variante handelt;

Bei den Theorieansätzen in den Disability Studies betrachtet Waldschmidt die Klassiker Erving Goffman und Michel Foucault. Goffman entwickelte das Konzept der totalen Institution. Er befasste sich mit dem Umgang von Stigmatisierungsprozessen, den mit einem Stigma verbundenen Beschädigungen von Identität und den Praktiken interaktiver Normalisierung. Foucault untersuchte Macht- und Herrschaftsstrukturen. Ihm ging es darum Hierarchisierungs-, Ausschließungs-, Differenzierungs- und Subjektivierungsprozesse zu betrachten, um so eine Diagnostik der gegenwärtigen Gesellschaft bereitzustellen.

Die Disability Studies bedienen die empirische Forschung, z.B. die Aktions- und Handlungsforschung in den 1940er Jahren. In den 1980er und 1990er Jahren wurde die qualitativ-empirische und interpretative Sozialforschung angewandt. „Shakespeare (1996) sprach sich für Forschung aus, welche die Lebenswirklichkeit behinderter Menschen reflektiert“ (S. 138).

Im deutschsprachigen Raum ist in den 2010er Jahren die Teilhabeforschung in den Vordergrund gerückt. Genannt werden u.a. die kooperative Forschung, die transformative Forschung, die transdisziplinäre Forschung, die emanzipatorische und die partizipative Forschung sowie die inklusive und betroffenenkontrollierte Forschung.

 Beim Forschungsstand zu den interdisziplinären Disability Studies ist aus sozialwissenschaftlicher Sicht die Analyse der Behindertenpolitik, der Stellenwert von Institutionen und Organisationen für Menschen mit Behinderungen, die politische Partizipation und die zivilgesellschaftliche Interessenvertretung sowie der Alltag und die sozialen Interaktionen von behinderten Menschen und die Identitätskonstruktionen und die Subjektivierungsweisen zu nennen.

„Die Disability History liefert historisches Wissen über die Ausgrenzungs- und Diskriminierungsmechanismen, die behinderte Menschen als soziale Randgruppe entstehen lassen“ (S. 158 f.). „Anliegen der kulturwissenschaftlichen Disability Studies ist es, die Verwobenheit von Kultur und Behinderung herauszuarbeiten“ (S. 164).

Immer wieder wird diskutiert, wer Disability Studies betreiben kann, darf und soll. Waldschmidt führt hierzu aus, „dass behinderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aufgrund persönlicher Erfahrung andere Forschungsfragen stellen, andere methodische Zugänge wählen und ihr Datenmaterial untere anderen Gesichtspunkten auswerten als nichtbehinderte Kollegen und Kolleginnen Die Forderung nach Selbstvertretung in Wissenschaft und Forschung führt jedoch auch zu dem Missverständnis, die Disability Studies wollten es Nichtbehinderten ‚verbieten‘, zu Behinderung zu forschen. Zwar geht es dem Diskurs darum, die hierarchisierten Bedingungen in der Wissenschaft einzuebnen und insbesondere Menschen mit Behinderungen Partizipations- und Karrierechancen zu eröffnen. Jedoch sind selbstverständlich auch die Disability Studies der Freiheit von Forschung und Lehre verpflichtet, weshalb es keine von persönlicher Betroffenheit abhängigen Zugangsbarrieren geben kann“ (S. 180).

Diskussion

Abschließend nehme ich noch einmal Stellung zur Diskussion, wer kann, darf und soll Disability Studies betreiben. 2007 hat Markus Dederich in seiner Einführung in die Disability Studies auf Seite 19 geschrieben: „Gerade auch mit Blick auf die politischen Wurzeln und Zielsetzungen der Disability Studies ist es strittig, ob diese ausschließlich als Forschung von Behinderten zu verstehen sind. Obwohl die Ansichten hier auseinander gehen, setzt sich gegenwärtig die Überzeugung durch, dass die Disability Studies auch für nicht behinderte Wissenschaftler offen sein sollten.“ Hier muss die Forschung durch nichtbehinderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler m.E. kritisch durch behinderte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diskutiert werden, da die Erfahrungen von nichtbehinderten und behinderten Wissenschaftlern, die Gegenstand der Forschungsaktivität sind, nur zu oft voneinander abweichen und dann die hierarchisierten Bedingungen wissenschaftlich eben nicht eingeebnet werden.

Fazit

Mit dieser Einführung in die Disability Studies liefert Anne Waldschmidt einen dringend notwendigen Beitrag in das, wie weiter vorne bereits angemerkt, neue Forschungsfeld. Hilfreich sind die Beiträge für die Leserinnen und Leser, die sich einen ersten Überblick zu den Disability Studies verschaffen wollen. Das umfangreiche Literaturverzeichnis am Ende des Bandes ermöglichen dann auch eine vertiefte Lektüre zu den einzelnen diskutierten Aspekten.

Literatur

Dederich, Markus: Körper, Kultur und Behinderung. Eine Einführung in die Disability Studies. Bielefeld 2007.


Rezension von
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
Homepage www.teilhabeberatung.de/beratung/malteser-hilfsdien ...
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 15.12.2020 zu: Anne Waldschmidt: Disability Studies zur Einführung. Junius Verlag (Hamburg) 2020. ISBN 978-3-96060-319-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27667.php, Datum des Zugriffs 10.04.2021.


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