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Alfried Längle, Dorothee Bürgi: Existentielles Coaching

Cover Alfried Längle, Dorothee Bürgi: Existentielles Coaching. Theoretische Orientierung, Grundlagen und Praxis für Coaching, Organisationsberatung und Supervision. Facultas Verlag (Wien) 2020. 2. Auflage. 296 Seiten. ISBN 978-3-7089-1992-8. D: 24,20 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 32,90 sFr.
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Thema

Existenzanalyse ist nach Längle eine „Psychotherapie mit dem Ziel, den Klienten zu einem geistig und emotional freien Erleben, zu authentischen Stellungnahmen und zu eigenverantwortlichem Umgang mit ihrem Leben und ihrer Welt zu verhelfen“ [1]. Sie geht zurück auf Viktor Frankl, dessen Logotherapie die Tiefenpsychologie Freuds und Adlers durch eine an Sinnsuche interessierten Höhenpsychologie ergänzte. Längle hat die Existenzanalyse über die Sinnfindung und Sinnrealisierung hinaus erweitert um die Förderung und Entwicklung personaler Ressourcen, Stellungnahmen, Authentizität, der Kraft der Gefühle und des Körpers sowie dem stimmigen Umgang mit sich selbst [2].

Existentielles Coaching, das 2020 in einer neuen Auflage erschien, baut auf der Existenzanalyse auf. Es stellt das Wesen über das Funktionieren und lädt zum Dialog über das Wesentliche im Berufsleben ein. Dabei geht es um die Grundstrukturen der Existenz und was zu tun ist, um zu einem erfüllten Leben zu kommen.

Autoren

Prof. Dr. med. Dr. phil. Alfried Längle ist Arzt für Allgemeinmedizin und psychotherapeutische Medizin, Psychotherapeut, klinischer Psychologe und Professor an der psychologischen Fakultät der HSE Moskau. Er war Gründer, langjähriger Präsident und ist jetzt Ehrenpräsident der Internationalen Gesellschaft für Existenzanalyse und Logotherapie, wissenschaftlicher Leiter der Existential Training und Leadership Academy (Wien/Zürich), hat eine psychotherapeutische Praxis in Wien und ist seit 2000 als Coach und Coachausbilder tätig.

Dorothee Bürgi, PhD ist Psychologin, Coach und Trainerin für Persönlichkeits- und Führungsentwicklung, Referentin im Bereich Leadership, Coaching und Healthcare sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Internationalen Gesellschaft für Existenzanalyse und Logotherapie. Seit 2008 ist sie in ihrem Beratungsunternehmen in Zürich tätig.

Aufbau

Das Buch beginnt mit einer Hinführung zu den Basiskonzepten des existentiellen Denkens in den Kapiteln 1 und 2 und einer Vorstellung der phänomenologischen Methodik (3). Die folgenden Kapitel stellen das Prozess-Modell zum Verstehen und Begleiten der Person (4), das Struktur-Modell für ein existentiell erfüllendes Leben und Handeln (5) sowie ein Modell der geistigen Fähigkeiten der Person (6) vor. In Kapitel 7 werden die Methoden für den Coaching-Prozess beschrieben, Kapitel 8 geht auf die Arbeit mit Gruppen ein, und in Kapitel 9 finden wir zwei ältere Aufsätze Längles zur theoretischen Vertiefung und Historie seiner Existenzanalyse, den Grundzügen der Anthropologie sowie den philosophischen Grundlagen dazu. Im Anhang ist ein Literaturverzeichnis sowie empfohlene Literatur.

Inhalt

1. Die Kunst, sein Leben persönlich zu leben

Auch in den praktischen Fragen des Führungskräfte-Coachings geht es darum, ein gutes und glückliches Leben zu leben. Damit geht es hintergründig auch um die philosophischen Fragen, was der Mensch ist und um was es im Leben geht. Es geht darum, eigene und individuelle Antworten auf die Fragen und Herausforderungen der Situation zu finden. Dank seiner geistigen Fähigkeiten geht das Wesen des Menschen über das Naturwissenschaftliche hinaus. Das macht ihn frei, um effektiv mit Möglichkeiten und Begrenzungen umzugehen. Dabei geht es weniger um Erfolg als um die Stimmigkeit mit sich selbst sowie um Übereinstimmung mit den Werten im Außen. Die Person (das Ich, das Freie im Menschen), kann nach Buber nicht sein ohne Begegnung und Umgang mit der Außenwelt (dem Du). Durch seine stimmige Wahl, wie er mit der Welt umgeht, trägt der Mensch Verantwortung dafür, wer er eigentlich sein könnte.

2. Existentielles Coaching

Existentielles Coaching will den Coachee an das heranführen, was für ihn in einer gegebenen Situation wesentlich ist, hin zur inneren Zustimmung: „ich kann, ich mag, ich darf, und ich sehe in meinem Tun einen Sinn“

Grundlagen des Existentiellen Coachings sind:

  • Ein existenzphilosophisches Menschenbild, in dem der Mensch versucht, die Fragen des eigenen Lebens zu verstehen und zu beantworten
  • Ein ganzheitlicher Ausgangspunkt von den Grundbedingungen der Existenz, ergänzt durch ein methodisches Vorgehen
  • Das Leben ist auf Sinn ausgerichtet und soll in Freiheit und Verantwortung gestaltet werden.
  • Das Menschenbild umfasst drei Aspekte mit je zwei Polen: Körper (Gesundheit – Krankheit), Seele oder Psyche (Lust – Unlust) und Geist (Erfüllung und Leere), mit der Psyche als Bindeglied zwischen Körper und Geist und als Spiegel der Befindlichkeit, die sich in unbewussten Reaktionen ausdrücken kann.
  • In einer Situation (z.B. einer Entscheidungsfindung) sind wir vom Leben Befragte. Leben heißt Antwort geben: Kann ich es? Mag ich es? Darf ich es? Ist es sinnvoll?

3. Phänomenologie – Das Wesentliche sehen

Im Existentiellen Coaching versucht der Coach das Wesentliche der Person im Dialog mit einer phänomenologischen Haltung von Offenheit, Vorurteilslosigkeit und Absichtslosigkeit zu erkennen. Die Person zeigt sich durch die Wirkung, die entsteht, wenn sie sich frei durch personale Entscheidungen realisiert, im Gegensatz zu Reaktionen oder Affekthandlungen. Der Mensch ist nur im Hier und Jetzt wesentlich, in der dynamischen Wechselwirkung mit einem konkreten Umfeld. Der Coach lässt sich beim Zuhören durch folgende Fragen leiten:

  • Was zeigt sich da? Was sagt der Coachee und wie?
  • Wie wirkt das auf mich?
  • Ist es wirklich so?

Der Dialog wird zum generativen Feld, in dem etwas „passiert“.

4. Prozess-Modell

Im Prozess steht die Person (das Freie in uns) im Mittelpunkt. Die Person kann man nicht festhalten, da sie immer auch anders sein kann, d.h. man kann sie nur im Hier und Jetzt, in ihrem Kontext antreffen. Existieren bedeutet, sein Leben in Freiheit und Verantwortung mitzugestalten, und das geht nur, wenn der Mensch entschieden, mit einem „inneren Ja“ dabei ist, handelt und erlebt. Erst nach diesem vierfachen, authentischen „Ja, ich kann, mag, darf und soll“ ist ein wirkliches Wollen möglich. In dieser Stimmigkeit wird die Person in ihrer Kraft und Ausstrahlung sichtbar. Sie erscheint auf drei Ebenen wahrnehmbar:

  • Die Person ist ansprechbar von außen -> führt zu innerem Eindruck
  • Die Person ist verstehend -> führt zu innerer Stellungnahme und Positionierung unter Einbindung von Erfahrung und Gewissen
  • Die Person antwortet -> bringt sich durch Handeln zum Ausdruck

Ergebnis: In diesem Prozess erschafft sich die Person immer wieder neu und integriert neue Inhalte oder löst sich von alten. „Was ich dem Eindruck entgegenstelle, das bin ich als Person.“

Der Coach begleitet und unterstützt die Person in diesem Prozess, z.B. bei Entscheidungsschwierigkeiten, beim Verstehen oder beim Planen.

Die vier Prozessfragen

  • Was liegt vor? (Beschreibung)
  • Wie ist das für Sie? (Eindruck)
  • Was halten Sie davon? (Stellungnahme)
  • Wie können Sie das realisieren, was Sie wollen? (Antwort)

werden weiter vertieft und mit einem Beispiel verdeutlicht.

5. Struktur-Modell

Während das Prozessmodell, die Schritte zum eigenständigen Erkennen und Handeln begleitet, geht das Strukturmodell von einem für den Menschen existentiellen Thema mit den daraus erwachsenden Aufgaben und Motivationen aus. Das Finden der inneren Zustimmung zu dem, was man tut, spielt sich in den vier Grundstrukturen der Existenz ab:

  • Der Welt, ihren Bedingungen und Möglichkeiten (Faktizität): Dasein können
  • Das eigene Leben und die erlebte Vitalität (Lebens-Wert): Leben mögen
  • Das Person-sein, die Einzigartigkeit (Identität, Selbst-Wert): Sosein dürfen
  • Die Zukunft und die Aufforderung zum Handeln (Sinn): sinnvolles Wollen

Aus dieser Struktur ergibt sich je nach Kontext der Fokus des Coachings. So beschäftigt sich zum Beispiel die erste Ebene der Faktizität mit der Akzeptanz der äußeren, objektiven Wirklichkeit sowie den inneren, subjektiven Ressourcen und Stärken, sich einzufügen, abzugrenzen oder Dinge zu verändern. Wie auf allen Ebenen finden wir auch auf dieser die automatischen Schutzreaktionen gegenüber dem „Nicht-Können“: Flucht/​Vermeidung, Aktivismus, Abwehr/​Aggression und Lähmung/​Verleugnung. Für das Dasein-Können lernt der Coachee das „Sein-Lassen“, die personalen Verarbeitungsfähigkeiten Aushalten und Annehmen. Hierzu werden personale Voraussetzungen wie Schutz, Raum, Halt und Vertrauen entwickelt.

Die vier Grundbausteine werden analog konzeptionell und mit Reflexionsfragen für Coach und Coachee vertieft.

Am Ende des Kapitels resümieren die Autoren, dass Existieren letztlich echtes ganzheitliches Wollen mit stimmigem Handlungsvollzug auf allen vier Ebenen sowie persönliche Hingabe an uns übersteigende Zusammenhänge bedeutet. Im Gegensatz zum Wunsch, dessen Gewährung wir passiv abwarten, erfordert Hingabe („commitment“) aktive Verantwortung, Einsatzbereitschaft sowie Handeln und führt so zur persönlichen Erfüllung und zu existentiellem Glück. „Im Coaching geht es vielfach darum, realisierbare Wünsche in Wollen zu verwandeln und sich selbst dafür einzusetzen statt passiv zu warten.“ (S. 144).

6. Geistige Fähigkeiten in uns

Kapitel 6 beschreibt die geistigen Fähigkeiten in uns und deren Wirkung entlang der Grundmotivationen:

  • Faktizität: Wahrheit und Erkennen als Grundlage für eigene Entscheidungen
  • Wert: Werte und Fühlen zur persönlichen Orientierung. Dies geht über das spontane Fühlen und Befindlichkeiten hinaus zum wertebasierten Gespür, der Intuition, die innere Resonanz und Stimmigkeit oder Unstimmigkeit aufzeigt.
  • Identität: Selbst-Sein, Gewissen und Verantwortung. Das Gewissen ist die Fähigkeit, Gut und Böse sowie richtiges und falsches Handeln zu erspüren und zu unterscheiden.
  • Sinn: Entwicklung und Abstimmung durch „sinnvolles“ (zustimmendes und verbindliches) Wollen. Mit Wollen ist untrennbar auch das Lassen (Sich Freimachen vom Diktat einzelner Strebungen) verbunden. Wir müssen uns von etwas lösen, um uns für das freigeben zu können, was uns wichtig ist, in Abstimmung mit der Realität, unseren Werten und unserem Gewissen.

7. Methoden

Ergänzend zur persönlichkeitsentfaltenden Arbeit mit dem Prozessmodell hat Längle Methoden entwickelt, um die Grundfähigkeiten bei Blockaden gezielt mobilisieren zu können:

  • Personale Persönlichkeitsfindung (PP): Entwicklung einer emotionalen Grundlage für authentische Entscheidungen unter Berücksichtigung der Realität, der eigenen Möglichkeiten und dem dahinterliegenden Wert
  • Methode zur Einstellungsänderung (EÄ): Arbeit mit problemerhaltenden Einstellungen
  • Willensstärkungsmethode (WSM): Arbeit entlang des Strukturmodells zur Überwindung von Unangenehmem, wenn etwas gewollt, aber nicht getan wird
  • Sinnerfassungsmethode (SEM): Entwicklung von Sinnmöglichkeiten, Sinnfindung bei Stagnation oder Entscheidungsfindung entlang der vier Grundfunktionen Wahrnehmen, Fühlen (werten), Denken (wählen), Handeln (wirken).

8. Arbeit in Gruppen

In diesem Kapitel übertragen die Autoren die Grundgedanken des Modells auf Teamentwicklung, Organisationsberatung und Supervision.

9. Theoretische Vertiefung

Im letzten Kapitel finden sich zwei frühere Artikel Längles zur Personalen Existenzanalyse über deren Entstehung, Methodik und theoretischem Hintergrund.

Diskussion

Existentielles Coaching richtet sich vor allem an Coaches, Organisationsberater*innen und Supervisor*innen, ist aber auch für reflektierte Führungskräfte und jeden, der sich fragt, um was es denn im Leben geht und was wirklich wesentlich ist, eine bereichernde Lektüre. Im Kern geht es darum, den Einzelnen zu ermutigen und zu befähigen, sein Leben eigenverantwortlich zu gestalten, eigene Potenziale zu entfalten und an der eigenen geistigen Kraft zu arbeiten. Gerade in der Coroana-Zeit tauchen im Coaching häufiger existentielle und Sinn-Fragen auf.

Die Grundlagen und Vorgehensweisen von Coaching in Organisationen werden vorausgesetzt. Die Autoren beschreiben entlang Längles Konzept der Existenzanalyse, wie die existentielle Philosophie für Themen wie Stärkung der persönlichen Gestaltungskraft, Ressourcen, wertebasiertes Handeln, Entscheidungsfindung und Sinngebung im Coaching eingesetzt werden kann. Dabei ist auch eine Integration in andere Coachingansätze möglich, da das existentielle Konzept nichts ausschließt, sondern ergänzt und vertieft. Gleichzeitig eignen sich das Prozess- und das Strukturmodell als roter Faden für die Coaching Sitzungen.

Das Buch folgt einer konsequenten Struktur und ist verständlich geschrieben. Die Systematik begleitet uns durch das Buch und wird durch viele Diagramme und Tabellen aufgegriffen, sodass die Leser immer die Orientierung behalten. Regelmäßige Praxisbeispiele veranschaulichen, wie die Bausteine in den Coachingprozess einfließen können.

Fazit

Alfried Längle und Dorothee Bürgi haben in „Existentielles Coaching“ Längles Existenzanalyse in ein strukturiertes, eigenständiges und in der Praxis anwendbares Coachingkonzept für Coaches, Organisationsberater*innen und Supervisor*innen übertragen. Es eignet sich als eigenständiges Coachingkonzept oder als Ergänzung zu anderen Coachingansätzen für Themen wie Erkennen von Gestaltungsmöglichkeiten und Ressourcen, werteorientiertes Handeln, Verantwortungsübernahme oder Sinn. Auch für Führungskräfte und andere, die an grundlegenden Fragen des menschlichen Lebens interessiert sind, ist das Buch zugänglich und kann wertvolle Einsichten geben.

Summary

In „Existential Coaching“, Alfried Längle and Dorothee Bürgi have transferred Längles' existential analysis into a structured, independent and practical coaching concept for coaches, organisational consultants and supervisors. It is suitable as an independent coaching concept or as a supplement to others when it comes to topics such as recognizing opportunities and resources, value-oriented action, assuming responsibility or meaning. The book is accessible to anyone who is interested in fundamental questions of human life and can provide valuable insights.


[1] Längle, A. (2011) Existenzanalyse und Logotherapie. In: Stumm G. (Hrsg.) Psychotherapie. Schulen und Methoden. Eine Orientierungshilfe für Theorie und Praxis. Wien: Falter (2011), 236–244

[2] Ebd.


Rezension von
Dipl.-Kfm. Tatjana van de Kamp
Dipl. Kauffr.; MA (Arbeits- und Organisationspsychologie)
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Zitiervorschlag
Tatjana van de Kamp. Rezension vom 19.03.2021 zu: Alfried Längle, Dorothee Bürgi: Existentielles Coaching. Theoretische Orientierung, Grundlagen und Praxis für Coaching, Organisationsberatung und Supervision. Facultas Verlag (Wien) 2020. 2. Auflage. ISBN 978-3-7089-1992-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27669.php, Datum des Zugriffs 27.10.2021.


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