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Kathrin Kaufmann, Laura Illig u.a.: Sektenkinder

Cover Kathrin Kaufmann, Laura Illig, Johannes Jungbauer: Sektenkinder. Über das Aufwachsen in neureligiösen Gruppierungen und das Leben nach dem Ausstieg. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2020. 160 Seiten. ISBN 978-3-86739-182-5. D: 15,00 EUR, A: 15,50 EUR.

Reihe: BALANCE Erfahrungen. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783867391931; 9783867391948.
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Thema

„Sektenkinder – über das Aufwachsen in neureligiösen Gruppierungen und das Leben nach dem Ausstieg“ ist ein Fachbuch von Kathrin Kaufmann, Laura Illig und Johannes Jungbauer und ist 2020 im Psychiatrie Verlag erschienen.

Thematisiert werden die gravierenden Einschränkungen, Belastungen und Traumatisierungen, die das Heranwachsen in einer Sekte zwangsläufig mit sich bringt und wie auch der Ausstieg nicht zu einer direkten Erlösung führt. Im Fokus steht also eine Gruppierung von Menschen, die aufgrund ihrer strikten Regeln, bedingungsloser Loyalität und Gehorsam innerhalb ihrer neureligiösen Gruppierung unscheinbar und von der Außenwelt abgeschottet ist. Die Bedeutung und Auswirkungen, die dies für Betroffene mit sich bringt, wird eindrücklich dargelegt, indem ehemalige Sektenmitglieder*innen, die den Mut zum Ausstieg aufbringen konnten, direkt zu Wort kommen. Mit großer Offenheit berichten sie von ihren Kindheitserinnerungen sowie von der Bedeutung, die das Aufwachsen in einer Sekte für sie hatte und immer noch hat.

Entstehungshintergrund

Entstanden ist das Buch durch ein studienintegriertes Forschungsprojekt im Rahmen des Aachener Masterstudiengangs „Klinisch-therapeutische Soziale Arbeit“. Da gerade in Deutschland bislang kaum wissenschaftliche Studien und Fachliteratur zum Aufwachsen in sogenannten Sekten und deren oft schwerwiegenden psychologischen Folgen zu finden ist, hatten die damaligen Masterstudentinnen Kathrin Kaufmann und Laura Illig die Idee, eine entsprechende Studie zu erarbeiten und diese Sektenaussteiger*innen zu ihren Kindheitserfahrungen zu befragen. Ziel der Studie war es, die besonderen Erfahrungen dieser Menschen zu untersuchen, ihre oft schweren Belastungen und Einschränkungen zu dokumentieren und den Hilfebedarf nach einem Sektenausstieg aufzuzeigen sowie die Gesellschaft für diese Gruppierung zu sensibilisieren. Heute sind Kathrin Kaufmann und Laura Illig Klinisch-therapeutische Sozialarbeiterinnen (M.A.) und analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen in Ausbildung. Für ihre gemeinsam verfasste Masterarbeit zum Thema »Sektenkinder« wurde ihnen 2019 der Förderpreis des Deutschen Berufsverbandes für Soziale Arbeit und des Fachbereichstags Soziale Arbeit für herausragende Abschlussarbeiten verliehen. Auf Grundlage dessen haben sie gemeinsam entschlossen, Inhalte und Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit als Buch zu verfassen.

Aufbau

Um den Leser*innen den Einstieg in die Lebenswelt der Sektenkinder zu erleichtern, leitet das Buch durch einen vollständigen Erfahrungsbericht einer in einer Guru Sekte aufgewachsenen jungen Frau in die Thematik ein. In den darauffolgenden Kapiteln werden maßgebliche Aspekte beschrieben, die dem Aufwachsen in Sekten zugrunde liegen. Dazu gehören vor allem die Beziehung zu den Eltern, die Glaubensgemeinschaft im Allgemeinen sowie die Abgrenzung zur Außenwelt. Neben dem Leben in einer Sekte, beschreiben ehemalige Sektenmitglieder*innen auch den Weg zum Ausstieg, der vor allem Heimatverlust und Neuanfang zugleich bedeutet.

Um andere Betroffene zu ermutigen und sie auf ihrem persönlichen Weg zu stärken, bezieht das Buch in dem Kapitel „Von Sektenkind zu Sektenkind“ persönliche Worte von Aussteigern ein, die diese anderen Sektenkindern mit auf den Weg geben wollen.

Die beiden letzten Kapitel richtigen sich an Fachleute. Unter anderem kommt hier auch Dieter Rohmann zu Wort. Der Münchener Psychotherapeut und einer der wichtigsten Sekten-Experten in Deutschland erarbeitete therapeutische Begleitungs- und Beratungsverfahren, die darauf abzielen, dass Betroffene besser verstanden werden, möglicherweise früher aufgefangen und ganz gezielt begleitet werden können.

Katharina Meredith, eine Sektenaussteigerin mit psychologischem Hintergrund und als Expertin für totalitäre Gruppen, bezieht im letzten Kapitel auch die Perspektive der Eltern mit ein und beantwortet folgende Fragen: Was veranlasst Eltern dazu, sogenannten Sekten beizutreten? Wieso bleiben oder blieben sie in geschlossenen Gruppen, wo wichtige Bedürfnisse ihrer Kinder nicht befriedigt werden können beziehungsweise konnten? Nahmen sie solche Situationen überhaupt wahr?

Inhalt

Inhaltlich werden viele Aspekte behandelt, die das Aufwachsen in einer sogenannten Sekte beeinflussen. Einen bedeutenden Fokus stellt hier die Beziehung zu den Eltern dar. Insbesondere wird hier vor allem das Thema „Unerfüllte Grundbedürfnisse“ in den Fokus genommen. So werden durch zahlreiche Erfahrungsberichte die Folgen fehlender oder distanzierter Eltern-Kind-Beziehung deutlich: „Zu meiner Mutter habe ich eine Nicht-Beziehung. Da ist nichts von Herz zu Herz“,berichtet eine Probandin. Aber wieso verhielten sich die Eltern so? Die Ergebnisse weiterer Studien beantworten genau diese Frage.

Ferner wird der erhebliche Einfluss der Gemeinschaft auf die Erziehung thematisiert, der dazu führt, dass Eltern den Erziehungsprozess nicht individuell und frei gestalten können. Auch hier werden weitere amerikanische Studien betrachtet und auf die Strukturen einzelner Sekten näher eingegangen. Im Zuge dessen werden vor allem die Aspekte der „Bestrafungen“, „rigide Regeln“, „Gewalterfahrungen“ sowie „Missbrauch“ thematisiert und mit den individuellen Erfahrungsberichten der Aussteiger*innen greifbarer gemacht. Darüber hinaus ist die Frage der Abgrenzung nach außen, thematisch sehr interessant dargestellt, sodass Leser*innen eine umfangreiche Vorstellung davon bekommen, unter welchem Druck und Gehorsam Sektenkinder stehen und wie es dazu kommen kann, dass Sektenmitglieder*innen sich bewusst nach außen hin abgrenzen müssen.

Durch das Buch wird deutlich, dass das Aufwachsen in einer sogenannten Sekte nachhaltig und oft ungünstige Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern mit sich bringt. Wie Johannes Jungbauer in einem Interview erzählt, sind Befragte zum Teil von massiver körperlicher Gewalterfahrungen der Bezugspersonen betroffen und berichten aufgrund rigider Sektenregeln von der fehlenden Freiheit zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit sowie keiner Möglichkeit, sich selbst Raum zu nehmen. „Obwohl ihnen vermittelt wurde, dass sie auserwählte „Gotteskinder“ sind, hatten sie gelernt, eigene Bedürfnisse als sündig zu betrachten. Nicht selten entwickelten sie eine generelle Angst davor, etwas Falsches zu tun oder zu denken und damit den Zorn Gottes, der Gemeinschaft oder des Sektenführers auf sich zu ziehen“ (Katholische Hochschule NRW, Interview mit Jungbauer, 2020). Alles in allem werden sowohl viele Aspekte beleuchtet und Folgen angesprochen, die das Aufwachsen und Leben in Sekten mit sich bringt als auch präventive Hilfsangebote beschrieben, um Experten, aber auch die Öffentlich im Allgemeinen für diese Thematik zu sensibilisieren. 

Diskussion

Es ist ein sehr aufschlussreiches und wichtiges Buch, welches sich an Betroffene sowie deren Angehörige und Freunde richtet, aber auch an alle, die beruflich mit Sektenkindern zu tun haben, wie Lehrkräfte, Ärzt*innen, Psychotherapeut*innen und Sozialarbeiter*innen. Es betrifft, wie bereits zu Beginn erwähnt, eine Gruppierung von Menschen, die gesellschaftlich abgeschottet und ausgegrenzt sind. Für sie ist ihre Realität eine ganz andere, als wir sie kennen. Gerade für Sektenaussteiger erweist sich der Weg in die Normalität als sehr schwer: Sie haben oftmals keinerlei Kontakte zu Menschen außerhalb ihrer Sekte und stehen dann plötzlich ganz alleine da. Daher erachte ich es als wichtig, Menschen hierfür zu sensibilisieren und ihnen die Bedeutung des Aufwachsens in Sekten deutlich zu machen. Diese fachlichen Auseinandersetzung der genannten Thematik wird immer wieder begleitet durch verschiedene aufschlussreiche Studien und untermauert durch interessante Erfahrungsberichte ehemaliger Sektenmitglieder*innen. Durch diese umfangreiche und ganzheitliche Betrachtung und Erörterung wird die Realität von Betroffenen greifbarer und verständlicher und ein intensiver Umgang ermöglicht.

Fazit

Spannend ist die Entstehungsgeschichte dieses Buches. Dadurch, dass es auf einem Forschungsprojekt basiert, sind viele Zitate eingebaut, die verschiedene Thematiken aus Sicht und mit den Worten der Aussteiger beschreibt. Man erhält zugleich spannende und grausame Einblicke in die Lebensgeschichte der Probanden. Das Buch richtet sich bewusst an ein breites Publikum und ist allgemeinverständlich geschrieben, um einen Großteil der Öffentlichkeit auf die Situation von Sektenkindern aufmerksam zu machen. Wie der Buchrücken beschreibt, zeigt dieses Buch eindrücklich, dass es ein Leben nach der Sekte und positive Perspektiven für Sektenaussteiger*innen gibt. Der beschriebene Lebensweg ermutigt andere, sich Hilfe zu suchen und das Erlebte in die eigene Biografie einzuordnen. Daher kann ich „Sektenkinder – über das Aufwachsen in neureligiösen Gruppierungen und das Leben nach dem Ausstieg“ allen Leser*innen empfehlen, die sich fachlich sowie auch aus reinem Interesse mit der Thematik auseinandersetzen wollen.

Quellenverweis

Katholische Hochschule NRW (2020). Publikationen zum Forschungsprojekt „Sektenkinder“ erschienen. Interview mit J. Junbauer. https://www.katho-nrw.de/aachen/​hochschule/ oder https://bit.ly/37fsfo3


Rezension von
Mona Skorna
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Zitiervorschlag
Mona Skorna. Rezension vom 24.02.2021 zu: Kathrin Kaufmann, Laura Illig, Johannes Jungbauer: Sektenkinder. Über das Aufwachsen in neureligiösen Gruppierungen und das Leben nach dem Ausstieg. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2020. ISBN 978-3-86739-182-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27675.php, Datum des Zugriffs 12.04.2021.


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