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Vielfalt leben - Haltung entwickeln - Qualität zeigen

Cover Vielfalt leben - Haltung entwickeln - Qualität zeigen. Manual zur Qualitätsentwicklung im Diskurs. verlag das netz GmbH (Kiliansroda) 2020. 128 Seiten. ISBN 978-3-86892-167-0. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR.
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Verfasser*innen und Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band wurde vom Institut für Bildung, Erziehung und Betreuung in der Kindheit I Rheinland-Pfalz (IBEB) herausgegeben, um die Dimension von Vielfalt in die Qualitätsentwicklung in Kitas einzubeziehen. An der Bearbeitung waren sieben Autor*innen beteiligt.

Aufbau und Inhalte

Der Ansatz Qualitätsentwicklung im Diskurs hat das Ziel, durch (Selbst-) Reflexion und Evaluation die Qualität der Kitaarbeit zu verbessern, insbesondere durch Zusammenarbeit mit Eltern und Sozialraumorientierung. Eine Qualitätsverbesserung im Kita-Alltag ist nur möglich, wenn die Vielfalt der Kinder einbezogen wird. Es gilt, Gleichheit in der individuellen Wertschätzung durch Zulassung von Differenzen zu ergänzen.

Die Arbeit besteht aus zwei Teilen. In Teil A werden die Grundlagen der Qualitätsentwicklung dargestellt, in Teil B einzelne Elemente vertieft. Im Anhang werden Reflexionsfragen, Materialien und Methoden aufgelistet.

Teil A

Das Grundverständnis des Ansatzes basiert auf drei Säulen: gemeinsam beobACHTEN, gemeinsam entwickeln und gemeinsam handeln. Dementsprechend ist die Qualitätsentwicklung im Diskurs so konzipiert, dass die Veränderungen gemeinsam gestaltet werden. Bei (Selbst-) Reflexion und Evaluation wird ebenfalls die Gemeinsamkeit betont.

Wesentliche Bestandteile sind „Vielfalt leben“ und die Entwicklung der hierfür notwendigen „Haltungen“. Im Unterschied zur Integration, die das einzelne Kind an die Gemeinschaft anpassen möchte, fordert Inklusion die Anpassung von Gemeinschaft und Gesellschaft, damit sich alle Menschen einbringen und am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Hierzu ist es notwendig, Haltungen, die als „Muster des Denkens, Wahrnehmens und Handelns“ (12) verstanden werden, so zu verändern, dass eine dialogische und forschende Haltung entsteht, die sich durch Offenheit und Vorbehaltlosigkeit gegenüber anderen Menschen auszeichnet. Als professionelle Haltung resultiert daraus, Eltern, Familien und Sozialraum in die Angebote und Aktivitäten einzubeziehen. Eltern- und Familienorientierung ist deswegen wichtig, weil für sie für eine Atmosphäre des Willkommens geschaffen werden muss.

Die Einbeziehung des Sozialraumes mit familienbezogenen Diensten, Einrichtungen und Treffpunkten ist notwendig, weil es sich hier um Orte handelt, in denen Kinder weitere elementare Bildungserfahrungen sammeln.

Der in diesem Manual vertretene Ansatz richtet sich an alle pädagogischen Fachkräfte, Leitungen, Fachberatungen und Träger mit dem Ziel, die Qualität in Bezug auf Eltern-, Familien- und Sozialraumorientierung zu verbessern. Die Planung sollte von einem „Tandem“ – bestehend aus der Leitung und einer pädagogischen Fachkraft – durchgeführt werden. Für den Qualitätsentwicklungsprozess sollte ein Zeitraum von einem Jahr eingeplant werden.

Teil B

In Teil B werden die drei Säulen „gemeinsam beobACHTEN, gemeinsam entwickeln und gemeinsam handeln“ ausdifferenziert. Säule I wird mit einem Zitat von Peter E Schumacher eingeleitet, das ein zentrales Anliegen des Ansatzes gut wiedergibt: „Beobachten ist gut, solange das Hauptaugenmerk auf liegt“ (27). Nach einer Klärung der wesentlichen Begriffe werden im zweiten Schritt diese in Bezug zur eigenen Praxis und im dritten Schritt Bedingungen für die Umsetzung analysiert. Solche Bedingungen können gesellschaftlich formulierte Visionen wie die Realisierung der UN-Kinderrechte sein.

Die gemeinsame Entwicklung in Säule II soll sich an übergeordneten Zielen und Visionen zur Gestaltung von Gesellschaft und Erziehung orientieren und ihre Umsetzung in der jeweiligen Kita konkretisieren. Abschließend werden Ziele, Maßnahmen und Erfolgsindikatoren formuliert, um eine Evaluation zu ermöglichen.

In Säule III (gemeinsam handeln) liegt ein Schwerpunkt darin, die erarbeiteten Materialien strukturiert und planvoll in den Alltag der Erziehung zu überführen. Da sich Situation, Menschen und Einrichtung ändern, ist eine kontinuierliche Reflexion erforderlich und auch die Bereitschaft, Unvorhergesehenes zu akzeptieren.

Anhang

Im Anhang werden zahlreiche Methoden und Reflexionsfragen zur Umsetzung der drei Säulen vorgestellt. Als Beispiele seien hier nur einige Fragen zum Thema „Haltung“ zitiert: „Wie sollte ein Sozialraum, der die Bedürfnisse von Familien und Kindern berücksichtigt, meiner Meinung nach gestaltet sein?“ (54). „Welche Erfolgsindikatoren haben sich bewährt? Sind sie gut zu handhaben und aussagekräftig?“ (56).

Im zweiten Teil des Anhangs werden Methoden und Materialien des Ansatzes ausführlich dargestellt. In der Methode „Erwachsenensätze“ werden zum Beispiel Machtstrukturen analysiert, um sich ihrer – möglicherweise auch diskriminierenden – Wirkung bewusst zu werden. Solche Sätze sind unter anderem: „Mit Puppen spielt man doch nicht als Junge“ oder „Sei doch nicht so kindisch“ (85). Diese Methode eignet sich auch zur autobiografischen Reflexion der eigenen Kindheit.

Diskussion

Vielfalt gerät zunehmend ins Blickfeld der Kindheitspädagogik, weil nur so dem Wandel in Familien, Elternschaft und Kindheit Rechnung getragen werden kann. Die Diversitätskategorien wie Behinderung, Migration, Gender und soziale Herkunft müssen stärker als bisher berücksichtigt werden, um Diskriminierung zu vermeiden und alle Kinder angemessen zu fördern. Hier bietet der Band gute Hilfen – auch wenn die theoretischen Hintergründe der Diversitätskategorien nicht näher beleuchtet werden.

Wichtig ist sowohl die aktive Beteiligung des pädagogischen Personals als auch der Eltern. Der Diskurs ist eine geeignete Methode hierzu, weil er im Unterschied zu Belehrungen und Verordnungen von oben die Betroffenen aktiviert und damit ihr Selbstbewusstsein stärkt – eine wichtige Voraussetzung für die Akzeptanz von Andersartigkeit. Auch die aktive Beteiligung der Eltern es wichtig, weil ihnen so Wertschätzung entgegengebracht werden kann.

Die dargestellten methodischen Ansätze sind zwar von unterschiedlicher Qualität, bieten aber wegen ihrer Vielfalt zahlreiche Möglichkeiten zur Verbesserung von pädagogischer Arbeit und Selbstreflexion.

Fazit

Der Band gibt pädagogischen Fachkräften, Leitungen und Trägern viele Anregungen für qualifizierten Umgang mit Vielfalt und kann deswegen als Lektüre und vor allem als Anregung für die Gestaltung von Diskursen und Veränderungen empfohlen werden.


Rezension von
Prof. i.R. Manfred Baberg
Hochschule Emden/Leer, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit. Arbeitsgebiete u.a. Behindertenarbeit und Integrationspädagogik in den Studiengängen Soziale Arbeit/Sozialpädagogik und Integrative Frühpädagogik
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Zitiervorschlag
Manfred Baberg. Rezension vom 12.05.2021 zu: Vielfalt leben - Haltung entwickeln - Qualität zeigen. Manual zur Qualitätsentwicklung im Diskurs. verlag das netz GmbH (Kiliansroda) 2020. ISBN 978-3-86892-167-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27679.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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