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Felix Hinz, Andreas Körber (Hrsg.): Geschichtskultur – Public History – Angewandte Geschichte

Cover Felix Hinz, Andreas Körber (Hrsg.): Geschichtskultur – Public History – Angewandte Geschichte. Geschichte in der Gesellschaft: Medien, Praxen, Funktionen. UTB (Stuttgart) 2020. 640 Seiten. ISBN 978-3-8252-5464-3. 40,00 EUR, CH: 48,70 sFr.
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Thema

Ein „neues Handbuch zu Geschichtskultur“ will der vorliegende Sammelband darstellen. Die Herausgeber verorten ihr Thema zwischen der wissenschaftlich-schulischen Beschäftigung mit der Geschichte auf der einen und nichtwissenschaftlichen Bedürfnissen auf der anderen Seite. Ziel des Buches ist eine koordinierte Zusammenschau aus verschiedenen Perspektiven, um Logiken und Formen historischen Lernens zu erkunden.

Autor*innen und Herausgeber

Herausgeber des Bandes sind Felix Hinz, Professor für Geschichte und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg sowie Andreas Körber, Professor für Erziehungswissenschaft unter Berücksichtigung der Didaktik der Geschichte und der Politik an der Universität Hamburg.

Unter den 49 Autorinnen und Autoren dominieren akademische Vertreterinnen und Vertreter der Geschichtsdidaktik an verschiedenen Hochschulen. Die meisten der praxisbezogenen Aufsätze des ersten Teils wurden im Tandem geschrieben, also jeweils von einer Vertreterin oder einem Vertreter der Wissenschaft und einer Praktikerin oder einem Praktiker aus dem in den Beiträgen beschriebenen Bereich. Den Artikel über „Stadtführungen in historischer Gewandung“ etwa verantworten eine Geschichtsdidaktikerin und eine einschlägig ausgewiesene Stadtführerin. Der zweite, eher theoretisch orientierte Teil des Bandes besteht ausschließlich aus Einzelaufsätzen von Fachwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern.

Drei der an dem Band Beteiligten haben ihr Betätigungsfeld in Österreich, eine in der Schweiz und nur einer im Osten Deutschlands.

Entstehungshintergrund

Der Band ist unter anderem aus einer Fachtagung von etwa 50 Didaktiker*innen und Praktiker*innen im März 2019 an der Pädagogischen Hochschule Freiburg hervorgegangen. Dort wurden die bereits vorliegenden praxisbezogenen Beiträge aus der „Ebene 1“, dem Teil I des Buches also, nach Kurzvorträgen diskutiert. Daraus und aus den Diskussionen in den Workshops dieser Tagung und ihrer Auswertung durch die Herausgeber sind dann die Ideen und Themen für die systematischen Analysen zur Geschichtskultur hervorgegangen, welche die „Ebene 2“ des Bandes bilden.

Aufbau

Der Sammelband besteht aus einer ausführlichen und den theoretischen Rahmen setzenden Einführung durch die Herausgeber. Es folgt der erste Hauptteil mit den „Einzelanalysen“, bestehend aus 20 Aufsätzen, die verschiedenste Facetten von Geschichtskultur im deutschsprachigen Raum vorstellen. Darauf folgen im zweiten Teil die mit „Zwischenbilanzen“ überschriebenen vergleichenden Analysen mit acht Beiträgen. Hieran schließen die Herausgeber ihre „Zusammenfassenden Reflexionen“ an. Der durchaus umfangreiche Anhang besteht aus einem Literatur- und Linkverzeichnis sowie vier Registern: Sach-, Personen- und Ortsregister sowie einem „Werk-, Event- und Institutionenregister“.

Grob unterteilt ist der Band also in zwei Teile; in deren erstem, wesentlich umfänglicherem, geht es um die Medien, Formen und Institutionen der Geschichtskultur, während im zweiten Teil systematische Perspektiven auf das Feld eingenommen werden.

Inhalt

In ihrer Einführung nehmen die Herausgeber Klärungen der wesentlichen Begrifflichkeiten – Geschichtskultur – Public History – Angewandte Geschichte vor. Sie erläutern ihre Entscheidung, sich auf den deutschsprachigen Raum zu beschränken und den Begriff der Geschichtskultur als „Mantel“ zu verwenden. Bewusst verzichten sie auf eine eindeutige, abschließende Definition. Der Begriff habe mehrere Facetten, es gehe eher um heterogene und hybride Kulturen als um eine einzige, bestimmte Kultur. Geschichtskultur sei „die Gesamtheit der innerhalb einer gesellschaftlichen Gruppe wirksamen Vorstellungen und Konzepte von Einstellungen und Haltungen zu und praktischen Formen des Umgangs mit Vergangenheit“ (S. 18). Mit dem Band werde nicht Vollständigkeit, sondern „Bedeutsamkeit im qualitativen Sinne“ (S. 22) angestrebt. So gehen die 28 Beiträge induktiv vor, ausgehend von den Phänomenen.

Die zwanzig Einzelanalysen des ersten Teils decken auf annähernd 400 Seiten ein breites Spektrum der Auseinandersetzung mit Geschichte im deutschsprachigen Raum ab:

  • Um Druckerzeugnisse geht es in fünf der Beiträge: Historische Romane, Geschichtsmagazine, historische Kinder- und Jugendliteratur, Geschichtsschulbücher und Comics werden erörtert.
  • Weitere mediale Produkte stehen im Mittelpunkt der Aufsätze zu historisierender Musik, Spielfilmen und TV-Dokumentationen. 
  • Geschichtskulturelle Praktiken werden durch Beiträge zu Living History und Stadtführungen in historischer Gewandung repräsentiert. Im weiteren Sinne gehören dazu auch die Aufsätze zu Gesellschaftsspielen, Digitalem Spiel und Spielzeug.
  • Orte und Stätten der Geschichtskultur behandeln die Ausführungen zu den touristisch aufbereiteten historischen Stätten, den Geschichtsmuseen und Dokumentationszentren sowie den Gedenkstätten.
  • Mit verschiedenen institutionellen Rahmungen historischer Bildung setzen sich die folgenden Beiträge auseinander: Geschichtsvereine, Geschichtswerkstätten, außerschulische Jugendbildung und Geschichtsagenturen.

Im kürzeren, gut 135 Seiten umfassenden zweiten Teil nehmen acht Historikerinnen und Geschichtsdidaktiker vergleichende Analysen zu verschiedenen Aspekten der Geschichtskultur vor:

  • Cord Arendes setzt sich in seinem Beitrag zu „Geschichte als politisches Argument“ pointiert mit Geschichtspolitik(en) im weitesten Sinne auseinander.
  • Anabelle Thurn erweitert den Blick auf „Geschichte als moralisches Lehrstück“ und fordert, für die Funktionalisierung der Verbindung von Geschichte und Moral zu sensibilisieren.
  • Wolfgang Hasberg befasst sich mit dem Verhältnis bzw. der Verbindung von Religion und Geschichte und lenkt das Augenmerk auf ein fröhliches Fortleben der Religion in der Geschichtskultur.
  • Für Béatrice Ziegler ist Geschichte ein „sozialer Fluchtort“, der allerdings nicht nur als „eskapistisch eingeschätzt“ werden, sondern auch als Ausweitung von Existenz- und Erfahrungsmöglichkeiten verstanden werden kann.
  • Die nächsten vier Aufsätze von Björn Onken, Thomas Martin Buck, Christine Pflüger und Markus Furrer leuchten den Platz der Epochen in der Geschichtskultur aus: die altehrwürdige Antike, das erkaltete Mittelalter, die Frühe Neuzeit als „Epoche der Aufbruchsstimmung“ und schließlich die Zeitgeschichte als „Zeit des ‚heißen Erinnerns‘“.

In ihrer ausführlichen Auswertung des Bandes fragen die Herausgeber Hinz und Körber zunächst nach den leitenden Interessen als Determinanten von Geschichtskultur sowie den hinter deren Umsetzung stehenden Mechanismen. Dabei wollen sie den „längst“ angezeigten Dialog anstoßen. Als strukturelle Merkmale der Geschichtskultur im deutschsprachigen Raum heben sie deren Gesellschaftlichkeit und Öffentlichkeit hervor. Sodann richten sie den Blick noch einmal auf die Akteurinnen und Akteure. Weiter gehen Hinz und Körber auf narrative Logiken und „Feldpositionierungen“ ein. Nach einer knappen Klassifikation der Beiträge setzen sie sich mit epochenspezifischen Umgangsweisen in der deutschsprachigen Geschichtskultur auseinander. Hier werden die verschiedenen Epochen, gegliedert nach „Bedeutung“, „Besonders betonte Aspekte“, „Zugeschriebene Eigenschaften“, „Verhältnis zur Gegenwart“ und „Typische Objektivationen“, ausgehend von den vier Aufsätzen, in tabellarischer Form veranschaulicht (S. 574). Es folgen Ausführungen zu zukünftigen Forschungs- und Ausbildungsansätzen.

Am Ende steht das Fazit von äußerst vielfältigen und nicht nur hinsichtlich der (Rüsen‘schen) Dimensionen Kognition, Ästhetik und Politik eng untereinander verwobenen Ausdrucksformen und Praktiken der Geschichtskultur. Vieles wäre, so sind sich die Herausgeber klar, zum Gegenstand einer weiterführenden und vertieften Auseinandersetzung zu machen. Das „Handbuch“ endet mit der Feststellung, es erhebe „gerade keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Abgeschlossenheit“ (S. 592).

Diskussion

Der Band bietet einen höchst informativen, durch die darin ausführlich zu Wort kommenden Vertreterinnen und Vertreter von geschichtskultureller Praxis durchaus multiperspektivischen Blick in ein äußerst weites Feld. Auch die acht Aufsätze mit vergleichenden Analysen sind instruktiv. Der Anspruch, ein „neues Handbuch zu Geschichtskultur“ vorzulegen, wird eingelöst, wenngleich es eine Reihe von empfindlichen Fehlstellen gibt. Beispielsweise fehlt eine ostdeutsche Perspektive, die (außerschulische) Erwachsenenbildung hätte einen eigenen Beitrag verdient und weite Bereiche des durchaus bedeutsamen Teils von Geschichtskultur, der sich, teils staatlich gefördert, im „politischen Raum“ befindet, werden zwar thematisch angeschnitten, erfahren aber keine eingehendere Darstellung. Es gibt eine Reihe von Akteuren und Themen, die in den Verzeichnisapparaten fehlen. Das ist den Herausgebern aber bewusst, und es schmälert das Verdienst des lesenswerten, gewichtigen und anregenden Bandes keineswegs.

Fazit

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit liefern die beiden Herausgeber sowie die 49 Autorinnen und Autoren des Sammelbandes ein „neues Handbuch zu Geschichtskultur“. In 20 Beiträgen werden – meist – in Teamarbeit von einer Vertreterin oder einem Vertreter der Praxis gemeinsam mit einer Wissenschaftlerin oder einem Wissenschaftler thematische Facetten des breiten Spektrums von Geschichtskultur im deutschsprachigen Raum vorgestellt. Acht vergleichende Beiträge aus fachwissenschaftlicher Perspektive liefern verschiedene inhaltliche und nach Epochen differenzierte Analysen. Das mit dem Band verbundene Projekt ist keineswegs als abgeschlossen anzusehen, sondern es wirft die Frage nach weiteren, thematisch erweiternden und inhaltlich vertiefenden Auseinandersetzungen mit Geschichtskultur(en) auf.


Rezension von
Prof. Dr. Christoph Meyer
Historiker, Hochschule Mittweida, Fakultät Soziale Arbeit,
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Zitiervorschlag
Christoph Meyer. Rezension vom 04.03.2021 zu: Felix Hinz, Andreas Körber (Hrsg.): Geschichtskultur – Public History – Angewandte Geschichte. Geschichte in der Gesellschaft: Medien, Praxen, Funktionen. UTB (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-8252-5464-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27684.php, Datum des Zugriffs 22.04.2021.


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