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Kai Fritzsche: Ego-State-Therapie bei Trauma­folgestörungen

Cover Kai Fritzsche: Ego-State-Therapie bei Traumafolgestörungen. Handbuch für die Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. 386 Seiten. ISBN 978-3-8497-0345-5. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR.

Reihe: Hypnose und Hypnotherapie.
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Thema

Kai Fritzsche stellt in seinem Buch die Praxis der Ego-State-Therapie vor. Einführend werden in einem kürzeren Theorieteil ein Überblick über die Formen der Traumatisierung und die Ego-State-Therapie gegeben. Anschließend wird ein umfassendes, differenziertes, praxisorientiertes Behandlungskonzept vorgestellt.

Autor

Der Diplom-Psychologe Dr. phil. Kai Fritzsche arbeitet als Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis mit dem Schwerpunkt der Behandlung von Traumafolgestörungen. Er ist Trainer für die Ego-State-Therapie sowie Gründungsmitglied der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Ego-State-Therapie (EST-DE). Kai Fritzsche leitet zudem das Instituts für klinische Hypnose und Ego-State-Therapie.

Entstehungshintergrund

Aufbauend auf dem Buch des Autors aus dem Jahr 2018 über die Praxis der Ego-State-Therapie möchte Fritzsche in seinem neuen Buch eine umfassende Konzeption der Behandlung von Traumafolgestörungen vorstellen.

Aufbau

Das 386-seitige Buch enthält nach einem Vorwort von Prof. Dr. Martin Sack und einem Vorwort des Autors im ersten Teil mit dem Titel „Orientierung“ einen Überblick über die Topographie der Traumafolgestörungen. Anschließend fokussiert der Autor neuere Entwicklungen der Ego-State-Therapie und ordnet diese in den Kontext bekannter Konzepte zur Behandlung von Traumafolgestörungen ein. Im zweiten umfangreichen Teil des Buches werden praxisbezogen fünf zentrale Interventionen vertieft und ausführlich erläutert. Jede der fünf Interventionen folgt einer Struktur, die einen schnellen Überblick über die Behandlungsschritte ermöglicht und einen Leitfaden für die tägliche Praxis bildet. Ergänzend beschäftigt sich der Autor mit der Prognose im Rahmen traumatherapeutischer Behandlungen. Abschließend beinhaltet das Buch ein kurzes Fazit, eine Übersicht über die vorgestellten Checklisten, das Literaturverzeichnis und Angaben über den Autor.

Inhalt

Im Vorwort betont Fritzsche die Notwendigkeit integrativer Ansätze, die er mit der Ego-State-Therapie gegeben sieht.

Im ersten Teil des Buches mit dem Titel Orientierung gibt Fritsche zunächst einen Überblick über die Traumata, ihre Folgestörungen und Möglichkeiten der Behandlung. Er fokussiert hierzu fünf orientierende Perspektiven: die Symptomatik von Traumafolgestörungen, die unterschiedlichen traumatischen Ereignisse, das aktuelle Funktionsniveau und Aspekte der Persönlichkeit (z.B. das Stabilitätskontinuum), die diagnostische Klassifikation von Traumafolgestörungen und die Orientierung mittels traumatherapeutischer Verfahren von Prozessen und Wirkfaktoren. Mit dem letzteren wird eine Unterteilung nach Behandlungsphasen und grundlegenden Behandlungsstrategien eingeführt.

Im dritten Kapitel gibt der Autor eine Übersicht über die „Topografie der Ego-State-Therapie“. Die Leser*innen werden eingeladen die Behandlung von Traumafolgestörungen mittels eines Teile-Modells zu betrachten. Einführend werden eine Definition und Merkmale von Ego-States aufgeführt, dem schließt sich eine praxisbezogenen Erörterung über die Typologie von Ego-States, ihre Entstehungsmechanismen und die Beziehungsebenen der Ego-State-Therapie an. Zudem wird das SARI Konzept, ein spezifisches vierphasiges Behandlungsmodell des Autors, vorgestellt. Abschließend werden die wichtigsten Prinzipien zusammengefasst.

Im zweiten Buchteil wird die Behandlung beschrieben, der Autor beschreibt hierzu im vierten Kapitel zunächst in einer kurzen Übersicht die Grundkonzeption der Ego-State-Therapie in der Behandlung von Traumafolgestörungen.

Die therapeutische Beziehung und die therapeutische Haltung in der Ego-State-Therapie stehen im Mittelpunkt des fünften Kapitels. Hierzu gehören eine Darstellung des Konzeptes und eine Beschreibung schulenübergreifender Aspekte der therapeutischen Beziehungen und der therapeutischen Haltungen.

Im sechsten Kapitel thematisiert Fritzsche kurz die Prognose im Rahmen traumatherapeutischer Behandlungen, um dann ausführlich im siebten Kapitel die Vorbereitung und Stabilisierung für die Behandlung vorzustellen.

Im umfangreichen achten Kapitel wird als erste komplexe Intervention die traumafokussierte Arbeit mit Hilfe der inneren Reise erörtert. Dies schließt die Vorbereitung und Stabilisierung, die Installation eines Wohlfühlortes, einen inneren Treffpunkt als Vorbereitungsort ein. Bedingungen für eine Konfrontation mit der traumatischen Szene werden erörtert. In einem Exkurs werden Argumente für die Konfrontation mit traumatischem Erinnerungsmaterial diskutiert. Anschließend wird differenziert die Konfrontation mit der traumatischen Szene erörtert.

In den folgenden Kapiteln werden Ergänzungen, Kombinationen und Alternativen zur Methode der inneren Reise vorgestellt. Im neunten Kapitel erfolgt die Vorstellung der Arbeit mit der Metapher der inneren Bibliothek, ebenfalls zunächst mit der Imagination eines Wohlfühlortes. Es folgt ein Besuch der „Abteilungen“ der „inneren Stärken“ und der „inneren Helferinnen und Helfer“. Anschließend erfolgt in mehreren Schritten die Konfrontation mit dem traumatischen Material.

Im zehnten Kapitel wird die die Therapie mit den Ego-States in der Arbeit mit einer sogenannten Affektbrücke (nach Watkins) integriert. Darunter wird eine biografische Rückführung ausgehend von aktuellen Affekten (z.B. Wut) und somatischen Erlebniszuständen (z.B. Bauchschmerzen) verstanden.

Die Arbeit mit einem inneren Treffpunkt und die Stühle-Arbeit thematisiert der Autor im elften Kapitel. Zunächst werden die Besonderheiten der Arbeit an einem inneren Treffpunkt sowie der Stühle-Arbeit dargelegt. Vorgestellt wird u.a. die „nicht-hypnotische Technik mithilfe von Stühlen“ nach Helen Watkins.

Im zwölften Kapitel liegt der besondere Fokus auf der Vorstellung von Methoden, bei denen der Schwerpunkt auf der körperlichen Ebene liegt.

Zum Abschluss des Buches erfolgen ein kurzes Fazit und Ausblick, das Verzeichnis der Checklisten, das Literaturverzeichnis und die Angaben über den Autor.

Diskussion

Hervorzuheben ist zunächst, dass der Autor andere traumatherapeutische Verfahren würdigt und Verknüpfungen zu anderen Therapieverfahren herstellt. Positiv zu betonen sind auch neben der differenzierten Beschreibung der Interventionsmöglichkeiten und -abfolgen die 16 eingefügten prägnanten Fallbeispiele und die hilfreichen zusammenfassenden „Merksätze“. Idealerweise wäre ein Stichwortverzeichnis für eine zweite Ausgabe wünschenswert, obwohl dieses Fehlen teilweise durch das sehr ausführliche Inhaltsverzeichnis ausgeglichen wird.

Fritzsche stellt ein umfassendes Behandlungskonzept vor, das sich gut an die unterschiedlichen Ausprägungen von Traumafolgestörungen anpassen lässt. Er erläutert praxisnah konkrete Interventionen, die breit gefächert sind und sich einzeln oder in Kombination anwenden lassen. Für die Praxis ergibt sich daraus die Möglichkeit, verschiedene Therapieansätze, Konzepte und Techniken zu integrieren. Deutlich wird, der Autor ist insbesondere ein Fachmann für Menschen mit schweren Traumafolgestörungen.

Beeindruckend ist es, wie Kai Fritzsche die Patienten ausführlich in die Arbeit einführt, sie daran partizipieren lässt, die Bedeutung der Teilziele erörtert und allgemein in der Behandlung sehr kleinschrittig und systematisch arbeitet.

Kritisch ist nur wenig anzumerken. Mir fehlt die Erörterung der Bedeutung sozialer Faktoren auf verschiedenen Ebenen: Fritzsche benennt (Kap. 2.5.1) weitere ergänzende wirksame Behandlungsverfahren. Hierzu gehören Techniken der Ressourcenaktivierung und Stabilisierung, körperorientierte Verfahren (z.B. Feldenkrais und Tai-Chi), Entspannungsverfahren und Behandlungskonzepte der Kunst- und Musiktherapie. In dieser komplexen Darstellung fehlt jedoch die Bedeutung sozialer Komponenten, wie zum Beispiel die Netzwerkarbeit oder Kooperation mit Selbsthilfegruppen. Es wird zudem nicht thematisiert, dass viele traumatisierten Personen in vielfältigen psychosozialen Unterstützungsangeboten begleitend Hilfe erhalten und wie hier eine Zusammenarbeit zu gestalten wäre. Die Erörterung einer Einbeziehung dieser Hilfsangebote in einem gemeinsamen Unterstützungsprozess wird ebenso vernachlässigt, wie auch die Bedeutung sozialer Faktoren auf die Entstehung und die Aufrechterhaltung von Traumata (zum Beispiel durch beengte Wohnverhältnisse, Schulden, Armut oder Gewaltstrukturen). Ebenso wird nicht thematisiert, welche Bedeutung der gesellschaftliche Umgang mit traumatisierten Menschen auf ihre Behandlung hat.

Fazit

Dem fachkundigen Publikum mit therapeutischer Ausbildung wird auf verständliche Weise nahegebracht, warum die Ego-State-Therapie eine für die Behandlung von Traumafolgestörungen bedeutsame Methode ist, die wirksam und passgenau eingesetzt werden kann. Beeindruckend stellt der Autor die vielen möglichen aufeinander aufbauenden Interventionsschritte vor. Hilfreich sind die vielen Fallbeispiele, die aufgeführten Checklisten und die hervorgehobenen Merksätze.

Das Buch richtet sich insbesondere an bereits spezialisierte Therapeut*innen im Kontext der Traumatherapie, bzw. der Ego-State-Therapie.

Dieses Buch kann insbesondere den Fachleuten empfohlen werden, die über eine psychotherapeutische Ausbildung verfügen und die Ego-State-Therapie nutzen möchten. Ihnen wird sehr differenziert eine umfassende, lebendige Darstellung geboten.


Rezension von
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit, Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Traumatherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 11.01.2021 zu: Kai Fritzsche: Ego-State-Therapie bei Traumafolgestörungen. Handbuch für die Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. ISBN 978-3-8497-0345-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27686.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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