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Andrea Dischler, Dieter Kulke (Hrsg.): Politische Praxis und Soziale Arbeit

Rezensiert von Michael Bertram, 22.11.2022

Cover Andrea Dischler, Dieter Kulke (Hrsg.): Politische Praxis und Soziale Arbeit ISBN 978-3-8474-2422-2

Andrea Dischler, Dieter Kulke (Hrsg.): Politische Praxis und Soziale Arbeit. Theorie, Empirie und Praxis politischer Sozialer Arbeit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. 300 Seiten. ISBN 978-3-8474-2422-2. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR.
Reihe: Theorie, Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit - 22.

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Thema

In der sozialarbeiterischen resp. administrativ-politischen Praxis ist die „Projekteritis“ ein weit verbreitetes Phänomen. Um ein Beispiel anzuführen: Ein Projekt, das seit ca. 15 Jahren bestand und über 1000 Menschen beraten hat, wurde kürzlich vom zuständigen Ministerium nicht verlängert. Bemerkenswert ist dabei, dass das angesprochene Projekt alle Landkreise des Bundeslandes abgedeckt hat, ohne, dass es alternative Träger im Feld gegeben hätte, die dies 'aus dem Stand' hätten leisten können. Den Zugschlag haben stattdessen Träger bekommen, die bis dato nicht im betroffenen Bundesland aktiv waren. Damit geht einher, dass sowohl die unzähligen lokalen und landesweiten Netzwerkstrukturen, in denen konkret an sozialräumlichen Bedingungen gerarbeitet werden konnte, als auch die vertrauensvollen Beziehungen zu den Nutzenden abgebrochen und neu aufgebaut werden müssen; außerdem verlieren über zehn Fachkräfte ihre Lohnarbeit.

Das ist – leider – nicht außergewöhnlich. Ähnliches ereignet sich regelmäßig in der Praxis, und auch Kolleg:innen, die Erfolg (oder Glück) hatten, die ihrer Arbeit weiter nachgehen können, mussten – und müssen dies i.d.R. auch in Zukunft weiterhin – 'auf Sicht fahren', können im besten Fall für wenige Jahre in die Zukunft planen. Nicht selten ist Fluktuation eine Folge dieser Arbeitsbedingungen, von der häufig kleinere Träger betroffen sind. Diese Konsequenz eines (neoliberalen) politischen und/oder administrativen Steuerungsinteresses wirkt sich also in der Praxis Sozialer Arbeit dramatisch aus (vgl. hierzu die Diskussion um das sog. „Demokratieförderungsgsgesetz„ https://www.sueddeutsche.de/politik/​demokratiefoerderungsgesetz-extremismus-rassismus-paus-1.5644760).

Dieses Beispiel vermag nur einige Aspekte der„Politikimmanenz“ (Rieger in diesem Band, S. 52 f.) Sozialer Arbeit deutlich zu machen. Ob Sozialarbeitende wollen oder nicht – dieser Politikimmanenz kann sich nicht entzogen werden. Vor diesem Hintergrund ist es zu begrüßen, dass der Strom von Publikationen zur Kritischen Sozialen Arbeit (zuletzt etwa: Anhorn/​Stehr 2021 oder Wendt 2022) bzw. Sozialarbeitspolitik (Rieger/​Wurtzbacher 2020, Amann/​Kindler 2021, Rieger i.E.) nicht abreißt. Mit der Fokussierung auf die politische Praxis Sozialer Arbeit wird nun ein weiterer Aspekt des Forschungs- und Praxisfeldes zum Gegenstand gemacht.

Herausgeber:innen

Dr. Andrea Dischler ist studierte Sozialpädagogin (FH) und Professorin für Familien-, Kinder- und Jugendhilfe an der Katholischen Stiftungshochschule München.

Dr. Dieter Kulke ist diplomierter Sozialwirt und Professor für Soziologie an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt.

Beide sind in der Sektion Politik Sozialer Arbeit der DGSA aktiv; das vorliegende Werk ist im Rahmen der Buchreihe „Theorie, Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit“ erschienen, die von der DGSA herausgegeben wird.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband von Dischler und Kulke gliedert sich in drei Teile: nachdem die Herausgebenden in ihrer Einführung schlaglichthaft auf das „Verhältnis von Sozialer Arbeit und politischer Praxis“ eingehen, folgt der erste Teil, in dem Grundlagen dargestellt werden. Empirische Erkenntnisse sowie Praxis und Lehre politischer Sozialer Arbeit versammeln die Beiträge in Teil zwei und drei.

Teil 1: Grundlagen

Oscar Gabriel problematisiert, dass zwischen „dem demokratischen Ideal einer breiten und gleichbereichtigen Beteiligung aller Mitglieder der politischen Gemeinschaft am politischen Leben und der politischen Wirklichkeit … eine Lücke“ (S. 25) besteht, was ihn dazu veranlasst, nach dem „Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft der Bundesbürger und dem Ausmaß ihrer politischen Aktivität“ (S, 26) zu fragen. Dabei geht es darum, Überlegungen anzustellen, „über die Erfordernisse und Möglichkeiten …, wie man die deutsche Gesellschaft dem Ziel einer Gleichverteilung politischer Rechte näherbringen kann und welchen Beitrag die Sozialarbeit hierzu leisten kann“ (ebd. f.). Abschließend attestiert Gabriel der Sozialen Arbeit einen wichtigen Aktionsradius, da sie es vermag, Kontexte zu schaffen, die für Partizipation förderlich sein können (vgl. S. 41 f.).

Günter Rieger nimmt den wegweisenden Aufsatz von Otto, Müller und Olk zur kommunalen Sozialarbeitspolitik (1981) als Ausgangspunk dafür, eine Aktualisierung des Konzeptes der Sozialarbeitspolitik vorzuschlagen, welches er „zugleich [als] gesellschaftskritisch und pragmatisch reformistisch“ verstanden wissen will (S. 52 Hervorh. i.O.). Es folgen Differenzierungen und Konkretisierungen, die sich auf die Einbindung Sozialer Arbeit im politischen Mehrebensystem, das ihr eigene methodische Handeln und die Besonderheiten des Politikfeldes der Sozialarbeitspolitik beziehen. Geschlossen wird mit der Feststellung, dass ausschließlich die Soziale Arbeit „einen professionsimmanenten politischen Auftrag“ (S. 64) habe.

Jens Wurtzbacher setzt sich zum Ziel „über die Konsequenzen für das Verhältnis zwischen Sozialpolitik und Sozialer Arbeit nachzudenken, die sich aus der … Selbstdefinition der Sozialen Arbeit und damit in Verbindung stehenden theoretischen Reflexionen ergeben“ (S. 70). Dabei kritisiert er, dass Vertreter:innen der Disziplin (hier: Silvia Staub-Bernasconi und Werner Schönig) und der Berufspolitik (DBSH) der Profession ein Primat bzw. eine Unabhängigkeit gegenüber der Sozialpolitik bescheinigen würden. In Abgrenzung zu diese Positionen formuliert Wurtzbacher: „Politisches Handeln ist kein zusätzlicher und wünschenswerter Aspekt, keine besondere Facette des sozialprofessionellen Handelns, sondern Soziale Arbeit ist per se ein Teil von Sozialpolitik, der seine Alltagspraxis in Form der Street Level Bureaucracy als wirkmächtig anerkennen und deshalb beständig sowohl in seiner Wirkmacht wertschätzen als auch kritisch hinterfragen muss“ (S. 83).

Tobias Kindler nimmt sich vor, den deutschsprachigen sowie US-amerikanischen Forschungsstand zur Sozialarbeitspolitik zu systematisieren, Desiderate abzubilden und Schlussfolgerungen anzubieten. So arbeitet er heraus, dass, Stand jetzt, fünf Faktoren Einflussreich für politisches Handeln von Sozialarbeitenden ist: Mitgliedschaften in politischen Organisationen (insb. Berufsverbänden), das Vertrauen in die eigene politische Wirksamkeit, politisches Interesse, die Befürwortung eines politischen Mandates Sozialer Arbeit sowie schließlich die Arbeit in bestimmten Handlungsfeldern (in Deutschland v.a. der Gemeinswesenarbeit) (vgl. 101 f.). Abschließen plädiert er für eine „Intensivierung der Erforschung des Politischen in der Sozialen Arbeit“ (S. 102).

Teil 2: Empirische Erkenntnisse

„Konsumieren die Studierenden lediglich die Fachinformationen oder befähigt bzw. motiviert sie das Studium zu einem aktiven Engagement, welches dem politischen Mandat der Disziplin gerecht wird“ (S. 112). Diese Fragen versucht Sandra Majer zu klären, „indem die soziopolitischen Einstellungen und die aktive politische Teilhabe der Studierenden der Sozialen Arbeit mit ihren Kommiliton*innen anderer Fächergruppen verglichen werden“ (ebd.). Neben der Bestätigung bereits bekannter Erkenntnisse, „konnten [dabei] zum Teil gravierende Unterschiede zwischen den Fachdisziplinen ausgemacht werden“ (S. 134). Um einen wesentlichen Aspekt herauszugreifen: „Bedauerlicherweise schlägt sich diese Orientierung am Gemeinwohl nicht im politischen Interesse oder in einem politischen Engagement der Studierenden [Sozialer Arbeit] nieder (ebd.).

Ähnlich gelagert ist Dieter Kulkes Erkenntnisinteresse, wenn er fragt, „wie … sich die mehr oder weniger große Zustimmung zum politischen Auftrag erklären [lässt], welche politische Einstellungen [hierzu] erklärungskräftigt dahinter [stehen] und wie … diese auch die tatsächlische politische Partizipation der Studierenden“ beeinflussen (S. 139). Die durchgeführte Befragung bringt den Autor zur Einsicht, das eine Mehrheit der Studierenden „gute Dispositionen für eine politische Soziale Arbeit mitbringen“ (S. 160), wenngleich sich abzeichnet, dass diese auf förderliche Bedingungen treffen müssen.

Tobias Kindler interessiert sich für die politischen Einstellungen und Aktivitäten von Sozialarbeitenden in der Schweiz sowie dafür, was deren Engagement beeinflusst (vgl. S. 154). Auch wenn er mit seiner quantitativen Studie keine Repräsentativität erreichen kann, geht es ihm darum, „den Diskurs zu einer politischen Sozialen Arbeit Empirie-basiert weiter voran[zu]treiben“ (S. 176). Schmerzlich ist dabei die Einsicht, dass sich die Befragten „trotz überdurchschnittlichen politischen Interesses, unterdurchschnittlich kompetent zu fühlen [scheinen], wenn es um aktives politisches Engagement geht“ (S. 177).

Benedikt Angstenberger geht von der Beobachtung aus, dass die anhaltende Hochkonjunktur der politischen Dimension Sozialer Arbeit in wissenschaftlichen Diskursen keine Entsprechung in der Praxis finde (vgl. S. 181). Seine im Modus der Grounded Theory durchgeführte qualitative Untersuchung führte erstens zu einem zirkulären Modell politischen Handelns von Sozialarbeitenden, wobei das spezifische Wissen von Praktizierenden an der „Basis“ von entscheidender Bedeutung für die Initiation und Gestaltung von Einmischungen ist; zweitens werden ebendiese Einmischungsstrategien – hier „politische Interventionen“ genannt – systematisiert und beschrieben, wobei vor allem die „Mischformen“ aus Empowerment und Stellvertretung interessant und praxisnah sind (S. 199).

Philipp Spieß u.a. nähern sich der konkreten Praxis ebenfalls aus einer qualitativen Perspektive an, legen den Fokus aber auf Führungskräfte Sozialer Arbeit. Da es sich um Leitungskräfte zweier Wohlfahrtsverbände handelt, ist es nicht überraschend, dass ein politischer Auftrag anerkannt wird. Perspektiven für weitere Forschungen ergeben sich eher aus der Feststellung, dass sich die Ausgestaltung dieses Auftrages „im Ausmaß, [den] … Herangehensweisen und Schwerpunkten“ unterscheidet, was „auf die Berufsbiografie, die sozialen Netzwerke und die Verbandsstruktur und -größe zurückzuführen“ (S. 223) ist.

Urban Nothdurfter, Andrea Nagy, Sabina Frei gehen davon aus, dass es heute unstrittig ist, dass „Soziale Arbeit ein politische Mandat habe“, es aber „vielmehr um die Frage wie und wo dieses überhaupt realisierbar sei“ (S. 228) gehe. Indem sie den Begriff der Qualität bzw. den Prozess der Qualitätsentwicklung thematisieren, spüren sie der Frage nach der Realisierbarkeit politischen Handelns nach. Dabei wird deutlich, dass die Qualität Sozialer Arbeit sowie die wahrnehm- und ergreifbaren Möglichkeiten zum politischen Handeln stark von durch Politik, Verwaltung und Organisation gesetzten Rahmenbedingungen abhängen (vgl. S. 237 ff.).

Teil 3: Politische Soziale Arbeit in der Praxis und Lehre

Andreas Schwarz „gibt Hinweise, in welchem Verhältnis die Profession Soziale Arbeit in ihrer Praxis zur 'Sphäre des Politischen' gesetzt ist“ (S. 245) und arbeitet die These heraus, dass politisches Handeln in der Sozialen Arbeit „eine Querschnittsaufgabe dieser Profession [ist], die aber auch eine eigenständige Positionierung erfahren hat“ (ebd.). Nachdem verschiedene „Zugänge“ und „Strategien“ vor dem Hintergrund eines mehrdimensionalen, aktionsorientieren Machtbegriffs (vgl. S. 249) dargestellt werden, kommt Schwarz zu der Einschätzung, dass „das Durchdringende, Umfassende des Politischen für und in der Sozialen Arbeit im Bewusstsein allgegenwärtig werden könnte“ (S. 256), was insb. eine weitere Konturierung des Machtbegriffs nach sich ziehen müsse (vgl. ebd.).

Anschließend präsentiert Kirstin Röseler die Struktur und Arbeitsweise der Jugendorganisation des bayrischen DBSH (Junger DBSH) und reflektiert ihre praktischen Erfahrungen. Diese sind eindeutig: „Es lässt sich … ableiten, dass der Weg, welchen der Junge DBSH Bayern … eingeschlagen hat und der sichtbar in die Richtung der … politischen Positionierung verläuft, ein … bewährter Weg ist“, denn so „kann auf die politische Dimension sowie das politische Mandat der Sozialen Arbeit aufmerksam gemacht … und politische Bildung auf diversen Wegen ausgestaltet und ermöglicht werden“ (S. 273).

Wie können Sozialarbeitende nicht nur auf eine Bewältigung, sondern auch eine Verhinderung sozialer Probleme hinwirken?“ (S. 280, Hervorh. i. O.) fragt Miriam Burzlaff. Anders formuliert: wie können Studierende im Rahmen ihres Studiums für die Politikimmanenz Sozialer Arbeit sensibilisiert und analytisch sowie methodisch vorbereitet werden? Im Zentrum, der von der Autorin unterbreiteten „Denkanstöße“ (S. 281) steht dabei des Konzept der „Policy Practice“. Darauf aufbauend stehen Prinzipien der „Policy-Practice-Lehre“ und vor allem Instrumente, die sich laut Burzlaff in der Lehre bewährt haben, im Fokus des Beitrages, welcher mit „Herausforderungen und Potenzialen“ geschlossen wird.

Anna Pappenstaller geht schließlich der Frage nach, „wie eine rassismuskritische Beratungspraxis in der Sozialen Arbeit etabliert und umgesetzt werden kann“, die die Macht- und „Dominanzverhältnisse“ in die sie eingebettet ist und die sie reproduziert oder modifziert, reflektiert und in einem politischen Kontext stellt (vgl. S. 299). Dazu entwickelt sie ein Drei-Ebenen-Modell, bestehend aus Individuum, Institution und Gesellschaft, welches auf einer Trias aus rassismuskritischem Wissen, Handeln und Reflexion besteht (vgl. S. 300) und detailliert ausgearbeitet wird.

Diskussion

Der vorliegende Band führt, wie einleitend bemerkt, eine Reihe von in der näheren Vergangenheit vorgelegten Publikationen fort. Dabei lässt sich unzweifelhaft ein Trend hin zu mehr empirischen Forschungsarbeiten erkennen. Diese Entwicklung ist notwendig, um die Wissenschaft Sozialer Arbeit (weiter) von der Abhängigkeit referenzwissenschaftlicher Forschungsbefunde zu emanzipieren. Insofern ist es zu begrüßen, dass die Präsentation und Einordnung empirischer Erkenntnisse einen großen Teil der vorliegenden Veröffentlichung ausmachen.

Gleichwohl stellt sich bei der Lektüre auch Ernüchterung ein. Zur Erinnerung (s.o.): „Bedauerlicherweise schlägt sich diese Orientierung am Gemeinwohl nicht im politischen Interesse oder in einem politischen Engagement der Studierenden nieder“ (Majer, S. 134). Und: Praktizierende in der Schweiz scheinen sich „trotz überdurchschnittlichen politischen Interesses, unterdurchschnittlich kompetent zu fühlen, wenn es um aktives politisches Engagement geht“ (Kindler, S. 177). Ferner: Obwohl Studierende eine „gute Dispositionen für eine politische Soziale Arbeit mitbringen“ (Kulke S. 160), wird diese nicht entsprechend realisiert. Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse trifft die Frage danach, wie und wo denn nun politisch gehandelt werden kann und soll (vgl. Nothdurfter/Nagy/Frei, S. 223) den sprichwörtlichen Nagel wohl auf den Kopf.

Einiges spricht also dafür, dass wir es mit einem Umsetzungsproblem zu tun haben – ein Zustand, der eine Handlungswissenschaft unzufrieden stimmen muss. Einige Autor:innen ziehen entsprechende Schlüsse, wenn sie insb. mehr rekonstruktive Forschungen fordern und die Lehre in die Pflicht nehmen (z.B. Kindler, S. 178 oder Burzlaff). Vor allem ist aber – auch das wurde in den Beiträgen angesprochen – die Rolle außerhochschulischer Organisationen für die politische Sozialisation von (zukünftigen) Angehörigen der Profession herauszuarbeiten. Neben den Arbeitskreisen Kritische Soziale Arbeit liegt die zentrale Verantwortung wohl bei den Berufsverbänden, die sich klar und in erster Linie als politisch agierende Organisationen zu erkennen geben sollten (vgl der Beitrag von Röseler).

Wenn man sich ansieht, dass ein Beitrag Leitungskräfte klar als politisch aktiv abbildet (Spieß u.a.), der folgende aber deutlich macht, dass der politische Auftrag vielmehr von Sozialarbeitenden an der Basis wahrgenommen wird (Nothdurfter/Nagy/Frei), wird nicht nur weiterer Forschungsbedarf sichtbar. Es wird außerdem offenkundig, dass auch innerhalb der Profession, in Abhängigkeit von der konkreten beruflichen Stellung, widersprüchliche Interessen vorherrschen können, was einmal mehr die Notwendigkeit gewerkschaftlicher Organisierung betont. Dazu wäre eine vertiefte Analyse der Finanzierung- und Trägerstrukturen mit handlungsfeldtypischen Wissensbeständen und Handlungsformen zu kombinieren, um praktisch umsetzbare Aktionsmöglichkeiten auszuloten und anzubieten. 

Ganz so einseitig-negativ fällt die Diagnose aber nicht aus. Vor allem Angstenberger macht mit seinem Beitrag empirisch deutlich, was die Erfahrung bestätigt: fortwährend agieren Sozialarbeitende politisch und beweisen dabei, oft unter schwierigen Bedingungen, Kreativität, Entschlossenheit, Spontanität, Beharrlichkeit uvm. – ohne dabei methodische Aspekte ihres Handelns auszublenden.

Und an dieser Stelle setzt auch der einzige Kritikpunkt an. Trotz aller Vorzüge des Bandes hätte man bei der Titulierung neben den vielen gehaltvollen Einblicken in politische Praxis auch solche erwartet, die unmittelbar aus ihr berichten. Wünschenswert wären z.B. Beiträge von Praktizierenden gewesen, die von ihren Erfahrungen mit politischen Kämpfen – in der Lobby-, Gremien- und Kampagnenarbeit, der Interessenvertretung, dem Community Organizing, der politischen Bildungsarbeit usw. usf. – berichten, Herausforderungen umreißen und Schlussfolgerung vorstellen.

Fazit

Der Sammelband von Andrea Dischler und Dieter Kulke verbindet grundlegende, eher der Theorie zuzuordnende Beiträge mit quantitativen und qualitativen Forschungsergebnissen sowie mit ausgewählten Schlaglichtern der politischen (Lehr-)Praxis Sozialer Arbeit. Die präsentierten Befunde erweitern das vorliegende Wissen zur politischen Praxis und arbeiten dabei zugleich Desiderate heraus, die zukünftig zu bearbeiten sein werden. Gerade für die wissenschaftliche Sozialarbeitspolitik handelt es sich daher um eine wichtige Veröffentlichung. Aber auch Praktizierende dürften – v.a. in den rekonstruktiv vorgehenden Beiträgen und im letzten Teil – hilfreiche Anregungen für die eigene politische Praxis finden.

Literatur

Amann, K., Kindler, T. (Hg.): Sozialarbeitende in der Politik. Biografien, Projekte und Strategien parteipolitisch engagierter Fachpersonen der Sozialen Arbeit, Berlin 2021)

Anhorn, R., Stehr, J. (Hg.): Handbuch Soziale Ausschließung und Soziale Arbeit, Wiesbaden 2021

Olk, T., Müller, S., Otto, H.-U.: Sozialarbeitspolitik in der Kommune – Argumente für eine aktive Politisierung der Sozialarbeit; in: dies. (Hg.): Sozialarbeit als soziale Kommunalpolitik. Ansätze zur aktiven Gestaltung lokaler Bedingungen. Neue Praxis Sonderheft 6, 1981: 5–25

Rieger, G., Wurtzbacher, J. (Hg.): Tatort Sozialarbeitspolitik. Fallbezogene Lehre für die Soziale Arbeit, Weinheim/​Basel 2020

Rieger, G.: Lobbying in der Sozialwirtschaft. Eine Einführung, Wiesbaden, i.E.

Wendt, P.-U. (Hg.): Kritische Soziale Arbeit, Weinheim/​Basel 2022

Rezension von
Michael Bertram
B.A. Soziale Arbeit, M.A. Soziologie/Politikwissenschaft
Beruflich in der Sozialen/politischen Arbeit mit geflüchteten Menschen tätig
Lehrbeauftragter an der Hochschule Magdeburg-Stendal
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Es gibt 21 Rezensionen von Michael Bertram.

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Zitiervorschlag
Michael Bertram. Rezension vom 22.11.2022 zu: Andrea Dischler, Dieter Kulke (Hrsg.): Politische Praxis und Soziale Arbeit. Theorie, Empirie und Praxis politischer Sozialer Arbeit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. ISBN 978-3-8474-2422-2. Reihe: Theorie, Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit - 22. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27689.php, Datum des Zugriffs 04.12.2022.


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