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Hans Thiersch: Lebensweltorientierte Soziale Arbeit – revisited

Cover Hans Thiersch: Lebensweltorientierte Soziale Arbeit – revisited. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 212 Seiten. ISBN 978-3-7799-5614-3. 19,95 EUR.
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Thema

Im vorliegenden Buch fasst Hans Thiersch nicht nur das Konzept der „lebensweltorientierten Sozialen Arbeit“ zusammen, sondern erweitert und aktualisiert einige Theorieteile. Das Konzept wird so an die Herausforderungen der aktuellen Gesellschaft angepasst.

Autor

Dr. Hans Thiersch, 1935 geboren, war von 1970 bis zu seiner Emeritierung 2002 Professor für Erziehungswissenschaften und Sozialpädagogik an der Universität Tübingen.

Entstehungshintergrund

Die Intention des vor 40 Jahren entstandenen und mittlerweile etablierten Konzepts der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit ist laut Thiersch in großen Bereichen noch nicht eingelöst. Ziel des vorliegenden Buches ist es, zum einen das Konzept noch einmal in den Grundzügen darzustellen und zu profilieren und zum anderen in Hinblick auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu schärfen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in drei große Kapitel. Im ersten Kapitel wird das Konzept der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit im Entstehungskontext dargestellt und der Frage nach der Notwendigkeit von Theoriekonzepten in der Sozialen Arbeit nachgegangen. Besonderes Augenmerk wird im zweiten Teil dieses Kapitels auf den Alltag und seine Bedeutung für die Soziale Arbeit in der Moderne gelegt.

Im zweiten Kapitel „Die Welt der Alltäglichkeit“ wird dieser Gedanke erneut aufgegriffen. Die aus dem Konzept der Lebensweltorientierung bekannten Dimensionen der Alltäglichkeit werden als „Alphabet der Alltäglichkeit“ ausdifferenziert. Neu sind hier vor allem Aspekte der Sorge, Erledigung und Selbstzuständigkeit sowie die Bedeutung des Leibes. Wie aus früheren Werken des Autors bereits bekannt, werden Übergänge und Biografie gesondert behandelt. Im Abschnitt „Alltäglichkeit und Alltagswelten der zweiten Moderne“ bezieht Thiersch das Konzept auf aktuelle gesellschaftliche Veränderungen: Deutungs- und Handlungsmuster dramatisieren sich vor dem Hintergrund des Primats von Produktion und Kapital sowie der neoliberalen Konkurrenzgesellschaft. Behandelt werden zudem der Klimawandel und die Bedeutung der virtuellen Welten.

Im dritten und längsten Kapitel „Lebensweltorientierte Soziale Arbeit“ werden zentrale Aspekte des Konzeptes im Hinblick auf die aktuelle Lebenswelt dargestellt. Die Herausforderungen, die die Soziale Arbeit durch ökonomische, soziale und ökologische Veränderungen erwartet, werden ebenso behandelt wie die Rolle der Adressat*innen. Bereits bekannte Struktur- und Handlungsmaxime werden aufgegriffen und vor allem im Hinblick auf die Sozialraumorientierung geschärft. Des Weiteren wird aus der Maxime der Integration die Inklusion, die als Aufgabe der gespaltenen und entgrenzten Gesellschaft gesehen wird.

Eine Ausdifferenzierung findet zudem im Bereich der Gestaltungsprinzipien Sozialer Arbeit statt. Hier werden neben Raum und Zeit unter anderem pädagogisch-sozialarbeiterische Beziehungen, advokatorische Ethik, sowie Liebe, Vertrauen und Neugier behandelt. Ein weiterer Abschnitt widmet sich dem professionellen Handeln. Besonders hervorzuheben ist hierbei ein Textteil über die Berufsidentität von Sozialarbeiter:innen und den Beitrag der lebensweltorientierten Arbeit zu einer solchen. Erweitert wird dieser Abschnitt um Handlungskonstellationen wie „Leben in Einrichtungen“ oder den von Renate Thiersch beigetragenen Ausführungen zur „Kindertagesbetreuung“. Zum Ende des Buches werden sozialpolitische Fragen und die Frage der Einmischung sowie der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit als kritische Soziale Arbeit aufgeworfen.

Diskussion

Die Publikation von Thiersch ist, wie in der Einleitung bereits zu lesen ist, in essayistischer Form verfasst. Dies muss bei der Betrachtung der Inhalte mit bedacht werden. Durch diese Form werden die Inhalte und die Intention des Konzeptes leicht greifbar und erfassbar. Andererseits führt dies auch zu Irritationen, wenn beispielsweise in den Betrachtungen zur Digitalisierung implizit von getrennten Welten (online vs. offline) ausgegangen wird, wo hingegen im Fachdiskurs der Medienwissenschaft eher von einer postdigitalen Kultur ausgegangen wird. Thiersch greift, neben der angesprochenen Digitalisierung viele aktuelle Fragestellungen wie Populismus, der in seiner Argumentation durch Unsicherheiten wächst, auf. Auch die Klimakrise und ihre Folgen spielen eine zentrale Rolle.

Sichtbar wird, nicht nur durch diese neuen Akzente, in der Publikation die Weiterentwicklung des Konzeptes. Die Neuordnung der „Dimensionen der Alltäglichkeit“ als „Alphabet der Alltäglichkeit“ und die Schärfung der Sozialraumorientierung tragen zur angestrebten Schärfung und Profilierung des Konzeptes bei.

Fazit

Mit „Lebensweltorientierte Soziale Arbeit- revisited“ legt Thiersch eine an die aktuelle Gesellschaft angepasste Version des Konzeptes Lebensweltorientierung vor. Neben altbekanntem sind neue Aspekte und neue Profilierungen zu finden. Die Lektüre des Werkes ist empfehlenswert. Dadurch, dass sich dort nicht nur Neues, sondern auch Bekanntes finden lässt, ist diese Publikation sowohl als Einstieg als auch als Vertiefung der Theorie geeignet.


Rezension von
Prof. Dr. Angelika Beranek
Prof. Dr. Angelika Beranek Hochschule München
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Zitiervorschlag
Angelika Beranek. Rezension vom 03.12.2020 zu: Hans Thiersch: Lebensweltorientierte Soziale Arbeit – revisited. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-5614-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27690.php, Datum des Zugriffs 11.04.2021.


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