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Stephan Russ-Mohl: Streitlust und Streitkunst

Cover Stephan Russ-Mohl: Streitlust und Streitkunst. Diskurs als Essenz der Demokratie. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2020. 472 Seiten. ISBN 978-3-86962-552-2. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.

Reihe: Schriften zur Rettung des öffentlichen Diskurses - 3.
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Zur Rettung des öffentlichen (freien) Diskurses

Natürlich: Gedanken-, Gewissens- und Meinungsfreiheit sind allgemeingültige, nicht relativierbare Menschenrechte, wie sie in der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 von den Vereinten Nationen proklamiert wurden. Es sind die humanen, zivilgesellschaftlichen, demokratischen Grundlagen und Kompetenzen des kritischen Umgangs mit öffentlicher, politischer Sprache, die der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt charakterisierte als: „Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine“. Die Wochenzeitung DIE ZEIT hat mit diesem Zitat ein neues Ressort aufgemacht mit regelmäßigen Beiträgen über richtiges, journalistisches, politisches öffentliches Streiten (vgl. dazu auch: Jos Schnurer, 5. 3. 2019, https://sozial.de/meinungsfreiheit-und-manipulation.html). Ideologische Meinungsmacher und Fake Newser freilich pfeifen auf die Menschenrechte, um ihre eigenen, abstrusen, diktatorischen und menschenfeindlichen Auffassungen öffentlich zu äußern und darstellen zu lassen. In beispielhafter Weise hat der Königsberger Philosoph Immanuel Kant (1724 – 1804) die „Kritik der reinen Vernunft“ als das entscheidende, konstitutive Element des intellektuellen menschlichen Denkens und Handelns dargestellt (siehe dazu: Oskar Negt, Politische Philosophie des Gemeinsinns. Ursprünge europäischen Denkens: Die griechische Antike, Bd. 1, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​26023.php; sowie: ders., Bd. 2, Moral und Gesellschaft: Immanuel Kant, 2020).

Entstehungshintergrund und Herausgeber

Der Diskurs darüber, wie demokratische Verfasstheiten und Strukturen durch antidemokratische, ego, ethnozentristische, nationalistische, faschistische, rassistische und populistische Kräfte attackiert werden und gefährdet sind, hat vielfältige Widerstände hervorgerufen und aktiv werden lassen: Zu nennen sind die zahlreichen Einsprüche und Appelle, gegen „Dishonesty“ (Unehrlichkeit, Fake News, Dan Ariely) vorzugehen, „Misbehaving“ (Verhaltensökonomik, Richard Thaler) zu bedenken, „Celebrity“ (kollektive Manipulationen, Irving L. Janis) zu analysieren und „Confirmation Bias“ (Bestätigungsfehler, Rolf Dobelli) zu erkennen. In den Zeiten der Covid-19-Pandemie werden die löchrigen Wissens- und Wahrscheinlichkeiten des menschlichen Daseins augenfällig, existentiell spürbar und die unzulänglichen Fähigkeiten zur Risikoeinschätzung offenbar (siehe dazu auch: Gerd Gigerenzer, Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/​15271.php). Das Paradox bleibt: „Demokratie setzt mündige Bürgerinnen und Bürger voraus, de facto verhalten wir uns aber allesamt immer wieder unmündig, unvernünftig und halten an liebgewordenen Gewohnheiten fest“.

Der (em.) Medienwissenschaftler von der Università della Svizzera italiana in Lugano, Stephan Russ-Mohl, hat sich schon mehrmals zu Fragen der Demokratie-Begründung und -Verteidigung zu Wort gemeldet. Im Herbert von Halem-Verlag begründet er mit der Schriftenreihe „Zur Rettung des öffentlichen Diskurses“ einen Hau-Ruck zur (Wieder-)Belebung der ins Stocken geratenen, öffentlichen Pro- und Contra-Auseinandersetzung um die richtigen, menschenwürdigen Konzepte für ein gutes, gelingendes Leben für alle Menschen auf der Erde: Welche Rolle spielen und welche Bedeutung haben dabei die Digitalisierung der Welt? Wie kann erreicht werden, die Menschen dazu zu bringen, dass sie gebildet und aufgeklärt sein wollen? (siehe dazu auch: Jos Schnurer, Die Menschen motivieren, dass sie aufgeklärt und gebildet sein wollen, in: Pädagogische Rundschau, 3 2018, S. 363ff).

Aufbau und Inhalt

Zum Titel „Streitlust und Streitkunst“ versammelt Russ-Mohl Expertinnen und Experten, die in unterschiedlicher, wissenschaftlicher Weise in den Zeiten des Pandemie-Lockdowns über die kontroversen Fragen, Meinungen und Kakophonien Position beziehen. Aus journalistischer, informations- und meinungsbildender Form werden die einzelnen Beiträge differenziert dargestellt. Im ersten Teil „Öffentliche Kommunikation in der Krise“ werden verschiedene Konzepte und Theorien des öffentlichen, gesellschaftspolitischen Diskurses vor- und gegenüber gestellt. Im zweiten Teil „Diskursvariationen und Diskursdefizite in der Aufmerksamkeitsökonomie“ konfrontieren jeweils ein Autorenteam unterschiedliche Sichtweisen bei medialen, öffentlichkeitswirksamen Themen, wie: Klimawandel, Migrations-, Integrations- und Islamdebatte, populistische und extremistische Äußerungen. Im dritten Teil „Vernachlässigte (Meta-)Diskurse“ werden die journalistischen An-, Herausforderungen und Konfrontationen für eine objektive Berichterstattung thematisiert. Das vierte Kapitel „Auslands-Diskurse und Auslandsberichterstattung in deutschsprachigen Medien“ bringt Beispiele aus Italien, Israel und der Türkei, und geht Fragen nach, „unter welchen Bedingungen wir heutzutage über das Ausland informiert werden, und wer auf welche Weise die jeweilige Berichterstattung und die zugehörigen Diskurse beeinflusst“. Der fünfte Teil „Diskursverengung in einer überkomplexen Welt – trotz vielfältiger Kanäle“ fragt nach der Rolle von Intellektuellen im öffentlichen Diskurs. Mit dem Schlusstext will Stephan Russ-Mohl zur „Diskurs-Belebung“ beitragen, indem er „Tipps für Jedermann und Jedefrau, für Journalisten und für Wissenschaftler“ formuliert.

23 Autorinnen und Autoren beteiligen sich an dem Diskurs. Die Kommunikationswissenschaftlerin Ulrike Klinger von der European New School of Digital Studies der Universität Viadrina in Frankfurt/Oder fragt: „Diskurskiller Digitalisierung?“. Mit dem Eingeständnis – „Wir wissen, dass wir nichts wissen“ – setzt sie sich damit auseinander: „Warum das Internet nicht an allem schuld, aber trotzdem ein Problem ist“.

Der Medienwissenschaftler Christian P. Hoffmann von der Universität in Leipzig bringt mit dem Schlagwort „Techlash“ die Diskrepanzen der digitalen Plattformen zwischen Utopie und Dystopie zur Sprache. Er fordert auf, „den Techlash als den weitgehend unfundierten, zutiefst politischen Alarmismus zu entzaubern“.

Der Wiener Architekt und Philosoph Georg Franck setzt sich im Beitrag „Reflexion in einer medialen Öffentlichkeit“ mit der Frage auseinander, ob und inwieweit der „mentale Kapitalismus“ ein humanes Da-Sein ermöglicht. Er plädiert für eine „ontologische Differenz zwischen der Präsenz des Bewusstseins und der (physikalischen) Realität der Informationsverarbeitung“.

Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen äußert sich zur „Journalistenkrise und Diskursverschiebung in Zeiten der Medienrevolution“. Er greift ein in das journalistische und kollektive Öffentlichkeits-Dilemma, das sich einerseits als Allzeit- und Sofort-Erwartung von Information darstellt, andererseits als Wirklichkeits- und Wahrheitsleugnung zeigt. Er plädiert für einen „dialogischen Journalismus und eine redaktionelle Gesellschaft“.

Der Chefredakteur der Tageszeitung DIE WELT, Ulf Boschardt, problematisiert: „Abgemeldete Mündigkeit und Freiheit“. ‚Er erkundet, warum wir eine neue Diskurs-Kultur brauchen. Sein Plädoyer für die freie und soziale Marktwirtschaft ist ge-(ver-)salzen mit der Vision des Liberalismus, der sich eher als neoliberaler, ungerechter, lokaler und globaler Kapitalismus machtvoll munitioniert.

Der Luganer Wirtschaftsethiker Peter Seele unternimmt mit dem Beitrag „Vom Biohof zur Animal Farm?“ ein Gedankenexperiment, mit dem er über die Gefahren und Imponderabilien eines „totalitären“ Nachhaltigkeitsdenkens reflektiert. Am (ungeeigneten?, JS) Beispiel des landwirtschaftlichen und technologischen Biohofs führt er das idealistische Symbol des #TooLittleTooLate ins Feld und fordert, anstelle eines vordergründigen, ein aufgeklärtes, nachhaltigkeitskritisches Bewusstsein.

Der Chefreporter der WELT, Axel Bojanowski, beginnt den zweiten Teil des Readers mit der Analyse vom „Ende der Klimadebatte“. Er verdeutlicht, dass die wissenschaftlichen und populistischen Positionen der Debattenbefürworter und -gegner unversöhnlich und polarisierend aneinander vorbei argumentieren und damit die Klimatologie politisieren und notwendige, ergebnisoffene Forschungen vernachlässigen und zurückdrängen: „Der Gut-Böse-Diskurs sperrt die Klimadebatte in ein Sozialkorsett“.

Der Mainzer Kommunikationsforscher Hans Mathias Kepplinger (em.) stellt beim öffentlichen Diskurs „Systemversagen an der Grenze von Wissenschaft, Journalismus und Politik“ fest. Er zeigt auf, wo (an welchem Ort), wer (in welchen Systemen), wie (mit welchen, verständlichen Kommunikationsmitteln und -methoden) und was (sachlich und rational) in die Informationskanäle gelangt.

Der Leiter des Leipziger Europäischen Instituts für Journalismus- und Kommunikationsforschung, Michael Haller, setzt sich mit dem Beitrag „Corona und die Flüchtlingskrise -Über die Anstrengung, Wert- und Vorurteile beiseite zu schieben“ mit den individuellen und gesellschaftspolitischen Ambivalenzen, Interessen und Mächten auseinander und fragt nach den normativen Bedeutungen und Möglichkeiten der Medien. Er verweist darauf, dass in diesen Prozessen „viele Journalisten aus der Rolle der Tatsachenverkünder ausstiegen und in diejenige des Moderators schlüpften“.

Die Migrationsforscherin der PH Schwäbisch-Gmünd, Sandra Kostner, ergänzt und relativiert mit ihrem Beitrag „Identitätslinke und Identitätsrechte Sichtweisen zum Migrations- und Islamdiskurs“ die Argumentationen von Michael Haller. Der Zwiespalt und die gewollten wie ungewollten Wirkungen des rassismuskritischen Journalismus und die Öffentlichkeitsarbeit der Identitätslinken mit den Ideologien der Identitätsrechten zeigt sich deutlich: „Zur Verantwortung für das Gemeinwesen gehört, dass Medien die Spaltung der Gesellschaft entlang ideologisch motivierter Moralkategorien nicht anheizen“.

Der Mainzer Politik- und Medienwissenschaftler Tanjev Schultz positioniert sich mit dem Beitrag: „In der Aufmerksamkeitsfalle. Über den medialen Umgang mit Rechtspopulisten und Rechtsextremen“. Es ist das Dilemma zwischen objektivem Informationsrecht und psychologischen Verstärkungen von Ungewolltem, das im medialen und Öffentlichkeitsdiskurs unterschiedliche Modelle, Strategien und Methoden wirksam werden lässt, wie z.B. Ausgrenzungs-, Empörungs- und Neutralitätsstrategien. Die Ratschläge liegen auf der Hand: „Gelassen reagieren, wenn Rechtsextremisten Wirbel machen wollen; nüchterne Sachlichkeit walten lassen, wenn sie die Journalisten dazu verleiten wollen, die Fassung zu verlieren; kraftvolle moralische und politische Grenzziehung vornehmen, wenn Rechtsextremisten versuchen, die liberalen Grundlagen der Gesellschaft zu zerstören“.

Der Politikwissenschaftler Klaus Schroeder und Monika Deutz-Schroeder setzen sich mit ihrem Beitrag „Linksextremismus“ mit den unterschiedlichen Aufmerksamkeiten und Bewertungen von politisch und ideologisch motivierten Taten bei Rechts- und Linksextremen auseinander. Sie stellen fest, dass dabei die linksextremen Aktivitäten eher medial verdrängt und verharmlost werden. Die hergeleiteten, historischen und globalpolitischen Begründungen verführen allzu leicht zu Annahmen, dass „kommunistische bzw. linksextreme Ideologien ( ) …attraktiv und verführerisch (sind), versprechen sie doch eine bessere Welt für nahezu alle Menschen: Eine Welt ohne Unterdrückung und Ausbeutung“.

Den dritten Teil beginnt der Zürcher Management- und Medienberater Markus Spillmann mit der Feststellung: „Der Schutzwall bröckelt“. Er fordert auf, den Journalismus wieder als gesellschaftliches Werk zu erkennen und zu verankern. Dazu ist notwendig, die in den demokratischen Verfassungen implementierten Aufgaben von Journalisten, die in der Gewaltenteilung festgelegten demokratischen Kontrollen transparent zu vermitteln, durch objektive Recherche und faktische Berichterstattung.

Die an der Münchner Universität der Bundeswehr als Medienwissenschaftlerin tätige Annika Sehl fragt: „Öffentlich rechtlicher Rundfunk: Überholt oder wichtiger denn je?“. Sie führt empirische Studien an, die sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, dass zunehmend JournalistInnen in öffentlich-rechtliche Medien parteiisch informieren und berichten würden. Sie fordert auf, die unabhängige Bedeutung von öffentlich-rechtlichen Medien lokal, regional und global zu stärken.

Der Zürcher Medienforscher Mark Eisenegger plädiert für „Medienforschung als Diskurs-Stimulanz“, indem er das Schweizer Jahrbuch „Qualität der Medien“ vorstellt, das sich mit den vielfältigen Fragen der Begründung, Verteidigung und Weiterentwicklung der Demokratie auseinandersetzt und begründet, dass die „Qualität der Demokratie ( ) von der Qualität des Journalismus abhängig (ist)“. Weil Journalismus wie Wissenschaft Kinder der Aufklärung sind, braucht es ein freies, demokratisches, aufgeklärtes Bewusstsein.

Die an Göttingen Georg-August-Universität lehrende Wissenschaftlerin Senja Post setzt sich mit dem Beitrag „Einmütig in Krisenzeiten“ mit Forderungen und Erwartungshaltungen auseinander, Gewissheiten und Wirklichkeiten präsentiert zu bekommen. Sie führt Forschungsergebnisse an, wie sich das individuelle und öffentlich-gesellschaftliche Gewissheitsstreben zeigt und wirkt. Ihr Plazet: „Der Journalismus benötigt zuallererst eine Erkenntnistheorie. Journalisten sollten sich nicht mit einem unhaltbaren Gewissheitsanspruch überfordern, sondern ihre Erkenntnisse stärker zur Disposition stellen – durch die Thematisierung von Ungewissheiten, Wissenslücken und Zweifel“.

Der Politikwissenschaftler von der Hamburger Helmut-Schmidt-Universität, Gary S. Schaal, nimmt sich die „Hybride Diskurs-Beeinflussung“ vor, indem er „Angriffe auf die demokratische Öffentlichkeit durch ausländische Propaganda“ thematisiert. „Hybrid Influencing“ stellt sich als strategisches Ziel dar, „das fragile Gleichgewicht im Herzen der Demokratie, jenes zwischen Vernunfthoffnung und Zweifel, außer Balance zu bringen“. Mit mehreren Fallbeispielen verdeutlicht er, dass im demokratischen, freizeitlichen Prozess die menschlichen Werte – Vernunft, Zweifel, Öffentlichkeit – unverzichtbar sind.

Die Mitbegründerin der NGO „Reporter ohne Grenzen“, die Journalistin Gemma Pörzgen, betrachtet mit dem Beitrag „Die Fata Morgana vom ‚Hybriden Krieg‘“, kritisch die Charakterisierung, wie sie von Gary S. Schaal als Hybridisierung aufgezeigt wird, indem sie sie als überholte Kalte-Kriegs-Mentalität einschätzt, die außeracht lässt, dass die globalen Entwicklungen völlig neue, unbekannte und unerforschte Machtphänomene hervorbringt.

Der „Rejoinder“ Schaals auf Gemma Pörzgens Kritik fällt dabei eher „kommunikations(ver-)störend“ aus, was als Beispiel dient, wie schwierig es auch intellektuell ist, verständlich und einvernehmlich zu kommunizieren. Eine Lösung: „Häufig müssen wir unsere tiefsten Wahrheiten und Überzeugungen aus Diskursen ausschließen, um sie möglich zu machen“ (!).

Im vierten Teil macht sich die in Venedig lebende Schriftstellerin und Journalistin Petra Reski in ihrem Beitrag „Politik zwischen Pop, Populismus und Mafia“ Gedanken zur Italien-Berichterstattung. Es klingt wie eine Philippika, wenn sie die korrupten Strukturen erwähnt, die hierarchischen Mentalitäten und die egozentristischen und populistischen Politiken anführt, und wie diese in der deutschen Berichterstattung aufgenommen und übermittelt werden. Sie verweist aber auch auf positive Beispiele und ermuntert: „Wie soll Europa funktionieren, wenn wir nicht mal in der Lage sind, vernünftig über unsere nächsten Nachbaren zu berichten?“.

Die taz-Journalistin Susanne Knaul reflektiert als ehemalige Nahost-Korrespondentin: „Seltsame Allianzen, übliche Verdächtige“ über die Israel-Berichterstattung und -Diskurs in Zeiten des wiederauflebenden Antisemitismus. Es sind die Entwicklungen, wie sie sich seit Jahrzehnten in Israel vollziehen – von Konfrontation und Annäherung, von nationalistischer und kooperativer Politik – bis hin zur aktuellen Situation: „Bei Netanjahu geht es nicht länger um Wege oder Strategien. Es gibt keine Grauzonen, kein Verhandlungsmaterial… Man kann nur für ihn und Israel sein – oder dagegen“.

Der Erfurter Bildungswissenschaftler und Theologe Christoph Bultmann setzt sich mit dem Beitrag „Türkei-Korrespondenz – im Netz des Sultans“ mit den tatsächlichen und gemachten Entwicklungen und Zuständen auseinander, wie sie sich beim Putschversuch 2016 und die regierungsamtlichen, Erdoğansschen Schuldzuweisungen gegen die Gülen-Bewegung ereigneten und weiterhin parteiisch in der ausländischen Berichterstattungen niederschlagen.

Mit dem fünften Kapitel stellt der deutsch-amerikanische Romanist und Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht mit dem Beitrag „Diskurs(Liebes)Töter“ eine Textcollage zusammen und zeigt blinde Flecken im intellektuellen Selbstbild auf. Es waren (und sind?) die überwiegend studentischen Proteste gegen die Wahl Trumps als US-amerikanischen Präsidenten und die deutlich werdenden, populistischen Entwicklungen in der Gesellschaft, die der Autor als „Halbbildung“ bezeichnet.

Den Sammelband beendet Stephan Russ-Mohl mit „Diskurs-Belebung“. Sie bietet die Chance, sich der eigenen, selektiven und subjektiven Wahrnehmung zu vergegenwärtigen, und sich der Vielfalt der eigenen Informationsquellen zu vergewissern: „Der Weg ist … das Ziel, also: das Gespräch, die Gesprächsbereitschaft und die Bereitschaft, zuzuhören und zu lernen“.

Diskussion

In den Zeiten der Covid-19-Pandemie werden die löchrigen Wissens- und Wahrscheinlichkeiten des menschlichen Daseins augenfällig, existentiell spürbar und die unzulänglichen Fähigkeiten zur Risikoeinschätzung offenbar (siehe dazu auch: Gerd Gigerenzer, Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15271.php). Das Paradox bleibt: „Demokratie setzt mündige Bürgerinnen und Bürger voraus, de facto verhalten wir uns aber allesamt immer wieder unmündig, unvernünftig und halten an liebgewordenen Gewohnheiten fest“.

Fazit

„Streitlust und Streitkultur“, das sind Anforderungen an eine kritisch bewusste Conditio Humana. Sie entstehen durch einen humanen, demokratischen, freien und gleichberechtigten Dialog. In den Zeiten der Unsicherheiten, von physischen und psychischen Gefährdungen, wie z.B. der Covid-19-Pandemie, des Klimawandels und der globalen Ungerechtigkeiten, kommt es darauf an, den demokratischen, öffentlichen Diskurs zu stärken. In besonderer Weise sind dabei WissenschaftlerInnen und JournalistInnen gefordert.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.05.2021 zu: Stephan Russ-Mohl: Streitlust und Streitkunst. Diskurs als Essenz der Demokratie. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2020. ISBN 978-3-86962-552-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27691.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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