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Marion Laging: Soziale Arbeit in der Suchthilfe

Cover Marion Laging: Soziale Arbeit in der Suchthilfe. Grundlagen - Konzepte - Methoden. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. 2., aktualisierte Auflage. 212 Seiten. ISBN 978-3-17-039014-0. 28,00 EUR.

Reihe: Grundwissen soziale Arbeit - Band 28.
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Thema

Wie die Autorin gleich im Vorwort betont, sind Suchtgefährdung ebenso wie Suchtentwicklung und -bewältigung „eng verwoben mit sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen und Problemlagen, die ihnen vorausgehen oder die in der Folge zutage treten und die die Lebenswelten der Menschen entscheidend prägen.“ All dem wendet sich Marion Laging zu, und zwar vorrangig mit Fokus auf Bewältigungsstrategien, ihren theoretischen und praktischen Anleitungen seitens der Sozialen Arbeit, der als „Spezialistin für die sozialen und für Teile der psycho-sozialen Dimensionen des Krankheitsgeschehens“ nächst präventiven auch solche nicht minder relevanten Aufgaben der Bewältigung von Abhängigkeitserkrankungen zufallen (S. 7). Das Suchtgeschehen insgesamt ist wesentlicher Schwerpunkt Sozialer Arbeit auch darum, weil es vielfach am Risiko-Klientel der Sozialen Arbeit aufscheint, wo es zunächst allgemeiner um zum Beispiel Jugendhilfe in zumeist unteren sozialen Schichten geht oder um etwa Wohnungslosenhilfe u.a.m., also um gesellschaftliche Problemzonen und mehr oder minder eklatante Verwerfungen, die – auch – Suchtkarrieren begünstigen können. Das Buch erhebt den Anspruch (und löst ihn ein), systematisches Grundlagenwerk für Soziale Arbeit in der Suchtprävention und Suchthilfe zu sein. Theoretische Erklärungsansätze wie ebenso Erkenntnisse über Ursachen für diesbezüglich abweichendes Verhalten und möglichst ganzheitliche Hilfestellungen werden vorgestellt und für den Zweck diskutiert, sinnvolle Handlungskonzepte für berufliche Anforderungen in Sozialer Arbeit an die Hand zu geben. Insofern ist das Buch mehr als nur ein „Versuch“ und eine „Skizze“, wie die Autorin selbst meint, „eines eigenständigen transdisziplinären Wissenskorpus für die Soziale Arbeit in der Suchthilfe“ (S. 8), zumal Marion Laging an etlichen Stellen signalisiert, welche Ansätze sie favorisiert.

Die Autorin

Dr. Marion Laging ist Diplom-Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin und Professorin für Theorien und Konzepte der Sozialen Arbeit mit den Schwerpunkten Suchtprävention und Suchtarbeit an der Hochschule Esslingen. Ihre aktuellen Forschungsarbeiten liegen im Bereich der Suchtprävention.

Inhalt

Neben Vorwort und Literatur- sowie Stichwortverzeichnis ist das Buch in zwölf Hauptkapitel mit zahlreichen Unterkapiteln gegliedert. Jedem Hauptkapitel ist ein grau hinterlegter Text vorausgeschickt: „Was Sie in diesem Kapitel lernen können“. Ebenfalls grau hinterlegt finden sich über das Buch verteilt Einschübe, die weitergehend über einzelne Gegenstandbereiche informieren. Tabellen fehlen nicht und dienen als Belege, ohne dass der Fließtext damit überfrachtet wäre.

Am Anfang steht im ersten Kapitel die Frage: Sucht – Eine Erkrankung wie jede andere auch? Wie üblich wird zwischen substanzgebundenen und substanzungebundenen Süchten unterschieden und ausgelotet, ob es sich um Krankheit oder Fehlverhalten handelt, wobei auch ein Blick darauf geworfen wird, ob und wie es sich um ein Phänomen der Moderne handelt. Nach Vorstellung von Verständnissen des Geschehens und Perspektiven verstehender Einflussnahmen pointiert die Autorin enge Zusammenhänge von „sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit“ und rückt nicht nur die Frage in den Vordergrund, welche „Bevölkerungsgruppen voraussichtlich besonders profitieren“, sondern auch, „inwieweit neue Programme und Angebote einen Beitrag leisten können zur Verminderung von sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit.“ Da bringe die „Soziale Arbeit eine „kritische Reflexivität in Hinblick auf normative Zuschreibungen ein und sucht hier grundsätzlich die Spielräume von Normalität zu erweitern, statt diese zu verkürzen“ (S. 22 f.).

Modelle der Entstehung von Sucht, Inhalt des zweiten Kapitels, werden vorgestellt, die bekanntlich sehr breit und da noch innerhalb disziplinärer Zugänge gefächert sind. Herangezogen werden Erklärungsansätze aus der Gesundheitswissenschaft, der Psychologie, der Wissenschaft Sozialer Arbeit und der Sozialpädagogik. Hervorgehoben und schematisch dargestellt wird der jugendliche Substanzkonsum für die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben. Lebensbewältigung ist prominentes Stichwort und darin ‚Abspaltungsprozesse‘, wie sie allenthalben auflasten. Die Autorin betont zusammenfassend, dass es sich „bei der Suchtentstehung um ein multifaktorielles, komplexes Geschehen handelt“ (S. 35); dies sei für weitere Forschungen und für praktische Interventionen von Relevanz.

Im dritten Kapitel Psychotrope Substanzen werden Wirkungen von Cannabis bis Heroin und Alkohol vorgestellt sowie die historischen und kulturellen Kontexte des jeweiligen Drogengebrauchs beleuchtet, um damit auch auf die Hintergründe aus Lebensauffassungen und Wertvorstellungen aufmerksam zu machen, um auf der Folie solcher Kenntnisse die Drogennutzer*innen besser verstehen zu können, was für Hilfestellungen optimieren dürfte.

Das vierte Kapitel ist der Verbreitung von Alkohol, Drogen, Glücksspielsucht und Internetabhängigkeit gewidmet. Epidemiologische Daten legen zumal beim missbräuchlichen Umgang mit Alkohol eine Konzentration präventiver und für den Fall manifester Abhängigkeit ein Spektrum unterstützender Maßnahmen nahe, wie sie in Arbeitsansätze und Konzepte der Sozialen Arbeit begründet und ausgewiesen werden sollten und können. Wenn auch beim Alkohol eine tendenzielle Abnahme riskanten Konsum zu beobachten ist und (etwa) der Cannabiskonsum weitere Verbreitung findet, sind in toto alle Formen süchtig machenden Verhaltens auch unter epidemiologischen Gesichtspunkten und mit differenzierenden statistischen Methoden weiterhin zu beforschen.

Soziale Ungleichheit und Sucht ist das fünfte Kapitel betitelt. Hier wird der empirische Zusammenhang zwischen Sozialstatus und Gesundheit resp. Gesundheitsverhalten problematisiert, und zwar anknüpfend an den Nachweis, „dass eine geringe Bildung, eine niedrige berufliche Stellung und ein geringes Einkommen häufig und überzufällig mit einem besonders schlechten Gesundheitszustand verbunden sind“ (S. 67). Was Suchtmittelmissbrauch bis -abhängigkeit betrifft, ist gleichwohl zu beobachten, dass sich „Abstinenzraten (…) auch zu einem relativ hohen Anteil bei einkommensschwachen Menschen“ finden (S. 73)“. Weiterhin ist an „Optimierung des Versorgungssystems“ zu arbeiten. Die Einschätzung der Autorin: „Doch all diese Maßnahmen werden nicht die erwünschten nachhaltigen Effekte zeigen können, wenn sie nicht in eine entsprechende Sozial-, Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik eingebettet sind, die die Bildungschancen der unteren Einkommensschichten erhöht, die soziale Ausgrenzung in Arbeitslosigkeit und Armut verhindert bzw. die Menschen wieder aus der Armut herausführt“ (S. 76 f.).

Geschlechtsspezifische Unterschiede im Substanzkonsum sind für Interventionen Sozialer Arbeit zu erkennen und zu berücksichtigen, was im sechsten Kapitel Geschlecht und Sucht vorgestellt wird. Bekannt ist, dass Frauen „eine stärkere Vulnerabilität gegenüber sozial unauffälligeren Süchten wie z.B. einer Medikamentenabhängigkeit“ zeigen (S. 87); zu beachten ist allerdings auch, dass Frauen gegenüber Männern „oftmals stärker biographisch vorbelastet“ sind und der Einstieg in den Drogenkonsum „eher im Zusammenhang mit einem drogenkonsumierenden Partner“ stattfindet (S. 83). Soziale Arbeit, Prävention und Umgang mit Abhängigkeit, muss daher gendersensibel sein.

Die Autorin geht davon aus, dass Menschen mit Migrationshintergrund bislang nicht hinreichend von der Suchthilfe erreicht werden, weshalb im siebten Kapitel Migration und Sucht zunächst die Begriffe Multi-, Inter- und Transkulturalität erklärt werden, um darauf spezifische Suchtgefährdungen abzubilden, die eben auch und wesentlich in Sozialer Arbeit zu berücksichtigen sind, zumal die „Ausgestaltung sozialer Dienste wie der Suchthilfe (…) immer direkt oder indirekt bestimmten Kulturkonzepten verpflichtet“ ist (S. 96). Hier können muttersprachliche „Keypersons“ (S. 108) eine wichtige Rolle spielen.

Im achten Kapitel wird das System der Suchtkrankenhilfe mit seinen Leitbildern und Paradigmen wie zentralen Strukturen und Angeboten dargestellt, wobei auch das sogenannte Abstinenzparadigma kritisch diskutiert wird. Sich neu stellende „Anforderungen gemeinsam aufzugreifen“, an einer „besseren Abdeckung von Versorgungsbereichen und der höheren Differenzierung und Individualisierung von Leistungen“ zu arbeiten (S. 119 f.), steht weiterhin auf der Agenda.

Breiteren Raum nimmt das neunte Kapitel Prävention von Suchterkrankungen ein, in dem Marion Laging mit einem Blick auf die Geschichte der Suchtprävention beginnt, um im Anschluss verschiedene Konzepte vorzustellen und kritisch zu diskutieren, was zu fachlichen Anforderungen an Akteur*innen und schließlich Handlungsfeldern und Projekten der Suchtprävention überleitet. Gerade für die Soziale Arbeit gilt, dass „Suchtprävention (…) in vielen Fällen Projektarbeit“ ist (S. 140): „Die Aufgaben der Sozialen Arbeit in der Suchtprävention – vormalig vor allem pädagogisch ausgerichtet – erweitern sich nun in Richtung Moderation, Fachberatung und Präventionsmanagement“ (S. 144).

Auch Angehörige von suchtkranken Menschen dürfen in der Sozialen Arbeit – inzwischen – selbstverständlich nicht außen vor bleiben, weshalb die Autorin im zehnten Kapitel über zum einen deren spezifische Belastungslagen aufklärt, zum anderen exemplarisch zeitgemäße Ansätze der Arbeit mit Angehörigen vorstellt. Dabei problematisiert sie auch eine bislang basale Regel der „‚Nicht-Hilfe‘“ (S. 153), also der Versagung von Unterstützungsleistungen gegenüber dem/der abhängigen Partner*in (Freund*in, Nachbar*in, Kolleg*in etc.). Kritisch wird angemerkt, dass das „Risiko einer Funktionalisierung der Angehörigen besteht“ (S. 158).

Im Kapitel elf werden Diagnostik und Diagnosen in der Suchthilfe in einem Überblick behandelt. Die Autorin unterschlägt dabei nicht, „dass sich hinter den Fragen von Diagnosen und Diagnostik auch stets Machtfragen verbergen“, wer überhaupt wodurch autorisiert und legitimiert ist, „die Grenzen zwischen ‚gesund‘ und ‚krank‘, zwischen ‚normal‘ und ‚abweichend‘ zu ziehen und immer wieder neu herzustellen (S. 160)“. Doch zuvor stellt sich für die Soziale Arbeit aufgrund ihres ganzheitlichen Ansatzes die Frage und das zugleich (Komplexitäts-)Problem, die „Person und die Umgebung, die psychischen, physischen und somatischen Aspekte, die Biographie und die subjektiven Wahrnehmungen und Zuschreibungen“ einzubeziehen (S. 169). Gleichwohl ist ein „professioneller und disziplinärer Umgang mit Diagnoseinstrumenten und Diagnoseprozessen möglich und angezeigt“ (S. 172).

Profil und ausgewählte Arbeitsansätze der Sozialen Arbeit im multidisziplinären Feld der Suchthilfe ist Thema des zwölften Kapitels. Hier wird das Verhältnis Sozialer Arbeit zu anrainenden Disziplinen behandelt, Aufgaben der Sozialen Arbeit im Hinblick auf Suchthilfe bestimmt, wobei im Anschluss der ambulanten Suchthilfe besondere Aufmerksamkeit gilt, hier dann von der Autorin, wie gleich eingangs hervorgehoben, „die Motivierende Gesprächsführung als eine Schlüsselkompetenz für die Profession der Sozialen Arbeit in der klientenbezogenen Arbeit in der Suchthilfe“ herausgearbeitet (S. 173), was umso wichtiger scheint, als in der Suchthilfe und auch unter Sozialarbeiter*innen „nach wie vor bio-medizinische Konzeptionen und Handlungslogiken faktisch (…) dominieren“ (S. 176). „Integrationshilfen“ (S. 191) verlangen da Horizonterweiterungen ab, gerade in der ambulanten Suchthilfe und auch in Verbindung mit „multidisziplinären Teams“, in denen Sozialarbeiter*innen „die mit Abstand am stärksten vertretene Berufsgruppe“ darstellen (S. 182), die besonderes Augenmerk auf „Motivierende Gesprächsführung“ legen sollte, um den/die Klient*in dabei zu unterstützen, „die Gründe für eine Veränderung verstärkt in die bewusste Wahrnehmung zu rücken und der eigenen Veränderungsfähigkeit (Selbstwirksamkeitsüberzeugung) zu vertrauen“ (S. 194).

Diskussion

„Selbstwirksamkeitsüberzeugung“ (s.o.) sollte am besten mit Resilienz gepaart werden, wie sie inzwischen dem „unternehmerischen Selbst“ (Bröckling) als zusätzliche Ausstattung seiner Subjektivität angedient wird, so es mit seinen Bemühungen der Selbstoptimierung häufiger oder dauernd vor die Wand rennt. Die Grenzen der Selbstwirksamkeit, ökonomische und sozioökonomische, werden immer enger gezogen, gerade für Jugendliche und generell für die Kohorten, die in den unteren Segmenten der sozialen Schichtung angesiedelt oder bereits ausgemustert sind. „Überzählige“ und „Überflüssige“ (Vogel) werden sie seit Anfang dieses Jahrtausends genannt. Doch nicht allein daraus rekrutiert sich die Menge der suchtkranken Menschen, auf die sich schon weit länger der ordnungspolizeiliche bis fürsorgliche Blick richtet. Inzwischen wissen wir, wie es Marion Laging formuliert, dass „Sucht (…) keine Entartung, sondern Risiko in einer schnelllebigen Gesellschaft (ist), die ihren Mitgliedern immer härtere Anforderungen zumutet im Hinblick auf ihre Leistungsfähigkeit und auf ihre Fähigkeit, spannungsreiche Zustände auszuhalten“ (S. 7).

Dieser kulturkritisch eingefärbte Begriff der „schnelllebigen Gesellschaft“ wäre zuvörderst aus einer ökonomische Entwicklung zu erklären, ihren Tendenzen zu veränderten funktionalen und extrafunktionalen Qualifikationsanforderungen, zu schnelleren Dequalifizierungen, folgend technologischen Innovationen, forcierter Werteverwertung und darin einer so systemischen wie systematischen Gleichgültigkeit gegenüber kontraindizierten menschlichen Belangen (und denen von Natur). Das alles ist historisch gesehen nicht neu. Dagegen prallt in jener „schnelllebigen Zeit“ (s.o.) (auch), Kürzel für eine sich merklich verändernden sozioökonomischen Entwicklung, was die Autorin für die „Zukunft der Suchtprävention“ als „entscheidend“ ansieht, „dass sie noch konsequenter die Enpowermentperspektive und damit die Gestaltungsmöglichkeiten hinsichtlich der eigenen Lebensbedingungen in den Blick nimmt und diese (…) zum Qualitätsmaßstab werden“ (S. 145). Wie weit und unter welchen Bedingungen eigene Lebensbedingungen gestaltbar sind und auf ihrer Folie je individuelle Befindlichkeit, wirft ersichtlich innerhalb ökonomisch Entwicklung, die – weltweit – die Lage des Gros der Menschen nicht verbessert und eher einfriert bis desolater macht, mit all ihren Folgen dringendere Fragen sowohl eines möglichen Widerstandes als auch subjektiver Verarbeitung auf, für deren Beantwortung es nicht mit Aufforderungen zur „Annahme von Ambivalenzen“ (S. 194) getan ist, was vormals im sozialpsychologischen Begriff einer erforderlichen „Ambiguitätstolerenz“ (Frenkel-Brunswik) oder gar „Identitätsbalance“ (Krappmann) anklang. Die in solchen Begriffen verdichteten Ansinnen sind mit Adorno zu kritisieren, nämlich „dem Individuum jene Balance der Kräfte“ zuzumuten, „die in der bestehenden Gesellschaft nicht besteht und auch gar nicht bestehen sollte, weil jene Kräfte nicht gleichen Rechts sind. (…) Seine Integration wäre die falsche Versöhnung mit der unversöhnten Welt, und sie liefe vermutlich auf die ‚Identifikation mit dem Angreifer‘ hinaus, bloße Charaktermaske der Unterwerfung.“ Werkzeug solcher ‚Unterwerfung‘, so hier nur holzschnittartig eine kritische Einschätzung, kann (u.a.) „Motivierende Gesprächsführung“ sein, eine Intervention, die „zugleich non-direktiv und direktiv“ sein soll (S. 194), somit dann dem alten Muster der Verinnerlichung der Disziplinierungsfunktionen folgt, den optimierten Integrationshebel ansetzt. – Allerdings sind therapeutische Hilfestellungen, wie sie auch in das Aufgabenspektrum Sozialer Arbeit hineinreichen, und kapitalimus- wie gesellschaftskritische Fundierungen nicht zwingend zwei grundverschiedene Seiten (vgl. dazu bspw. die Arbeiten von Ingenkamp); des Weiteren sind durch solche Kritiken die Bemühungen von u.a. Sozialer Arbeit keineswegs für nichtig zu erklären oder gar besserwisserisch zu desavouieren, auch da nicht, wo es um „Integrationshilfen“ (s.o.) resp. Überlebenshilfen in letzten Endes als krankmachend zu identifizierende gesellschaftliche Verhältnisse geht.

Gesellschaftskritik, in Kapitalismuskritik vergewissert, ist sicherlich nicht prominente Aufgabe von Theorie und Praxis Sozialer Arbeit, wenngleich sie da aufscheint, wo – mit der Autorin und nicht nur ihr – die „Machtfrage“ (s.o.) in der Form gestellt wird, wer über das entscheidet, was ‚gesund‘ oder ‚krank‘ und schlussendlich ‚normal‘ ist (der Umgang mit Homosexualität ist da ein übles Lehrstück). Was als Vorwurf verstanden werden kann, (auch) Soziale Arbeit betreibe das Geschäft der Integration über „Integrationshilfen“ (s.o.) und trüge somit zur moderierten Stabilisierung von gesellschaftlicher Ordnung bei, wie sie entsprechend zum ökonomischen und sozialen wie psychosozialen Entwicklungsgang als Normalität im nicht grundsätzlich neuem Gewand erheischt ist, wird all jenen ‚Hilfen‘ nicht gerecht, wie sie im Hier und Heute möglich sind und den ersichtlich und eklatant betroffenen Menschen in der Tat zuträglich sind resp. sein können. Ob es sich um „schulische und berufliche Bildungsmaßnahmen“ handelt, um „Beratung und Betreuung in Arbeit und Beschäftigung“, um „Entschuldung“ und „Krisenintervention“, gar „Rückfallprophylaxe“ u.v.a.m. (S. 191), all das frommt den Betroffenen im Erfolgsfall erst einmal, der natürlich nicht immer gegeben ist.

Die in zweiter Auflage erschienene Arbeit von Marion Laging wurde bereits in der ersten Auflage von Rita Hansjürgens bei socialnet rezensiert (was als Lektüre zu empfehlen ist: socialnet Rezensionen: Marion Laging: Soziale Arbeit in der Suchthilfe | socialnet.de). Abgesehen davon, dass Rita Hansjürgens im Kapitel über ‚Sucht‘ eine Beschäftigung mit der Krankenrolle in Orientierung an Parsons gewünscht hätte, geht die Rezensentin auch auf das „Abstinenzpradigma“ ein (S. 114). Auch wenn laut Laging „ein akzeptierender Umgang mit Lebensentwürfen, die gesundheitsbewusstes Handeln nicht zum Maßstab der Dinge erklären“, angezeigt ist (S. 23), ist Abstinenz ein neuralgischer Punkt, nicht allein als politisches und rechtliches Kriterium für auf die Betroffenen entfallenden Entscheidungen, sondern vor allem für die Arbeit in Selbsthilfegruppen (mit unterschiedlicher Gewichtung), die sich – was Forschungsergebnissen entlehnt ist – z.T. darauf verständigen können, dass der ‚Rückfall‘ insb. von Alkoholiker*innen insofern ‚heilsam‘ sein kann, als sie oder er daran erinnert wird, dass durch die Droge nichts besser noch leichter wird, eher im Gegenteil. Zum einen ist dies ein dünnes Eis, dessen Tragfähigkeit immer ein Risiko bleibt, zum anderen aber verweisen die Rückfallzahlen, ob man sie vorab in die Schublade eines ‚Craving‘ oder eine andere verstaut, die je nach Katamnese nach wie vor düpierend hoch liegen, den Blick auf äußere Belastungen zu richten, so sie auch in abstinenter Lebensführung bestehen und außerhalb je individueller Einflussnahme bleiben.

Diese Blickrichtung ist ebenso banal wie nicht zu unterschlagen und wird von anderer Seite unterfüttert, soweit das Abstinenzgebot bei Alkohol- und Drogenabhängigen auf möglichst reibungsloses Agieren in der vorausgesetzten Normalität mit insbesondere ihren Anforderungen aus der sogenannten Arbeitswelt abzielt. Auch wo diese Welt für eine große Anzahl von Arbeitnehmer*innen bröselt, bleiben ihre Desiderate erhalten, selbst für Nicht-Beschäftigte. Das erhellt am Rande auch der Umgang von verschiedenen Versicherungsträgern mit mehrfachabhängigen resp. multitoxikomanen Jugendlichen, die einen Klinikaufenthalt zwecks Überwindung ihrer Sucht beantragen. Diese Jugendlichen kommen nicht nur, aber gehäuft aus unteren sozialen Schichten und broken-home-Situationen, sind so genannte Schulversager und haben keine Ausbildung, und sie sind folglich keine Hoffnungsträger für den Arbeitsmarkt. Es ist belegbar, dass es Listen mit Kriterien gibt, nach denen eine kostenintensive Rehabilitation einer solchen Klientel nicht ‚lohnt‘, insbesondere was zukünftige ‚Einzahlungen‘ in die Kassen betrifft. – Was gleichwohl bleibt in der Auseinandersetzung um Abstinenz, ist, dass „‚Schadensminimierung‘“ und „‚harm reduction‘“ zur „Abwehr der schwersten Schädigungen“ (wie z.B. „Substitutionsbehandlung“) aus einer anderen denn kalkulatorischen Optik sinnvoll bleiben (S. 114), auch wenn sie eben nicht im vorrangigen Sinne zu Buche schlagen und auf dem gesellschaftlichen Widerspruch zwischen ökonomischem Kalkül und moralischem Anspruch ‚balancieren‘, sieht man davon ab, dass durch Beschaffungskriminalität u.a.m. entstehende Folgekosten minimiert werden.

Auch im Zusammenhang von Abstinenz bzw. der Hinleitung zu ihr ist das Problem der ‚Hilfe durch Nicht-Hilfe‘ aufzuwerfen, das in Treffen von Selbsthilfegruppen immer wieder abendfüllend ist, und zwar ganz konkret und je situativ gebunden. Die Autorin ist da moderat skeptisch und sieht einen Widerspruch zu „einer zieloffenen Vorgehensweise“. Mit dem „Konstrukt der Co-Abhängigkeit“ sei verbunden, „dass effektive Hilfe sowohl für den Angehörigen als auch für das suchtkranke Familienmitglied nur in Form von Abgrenzung zum Suchtkranken, in einem Versagen jeder Unterstützung, eben in ‚Nicht-Hilfe‘ bestehen würde“ (S. 153). Es kursiert schon lange die summarische Einschätzung, Suchtkranke lügen und betrügen, ‚tun so als ob‘ und instrumentalisieren jeden, um an ihr Suchtmittel zu kommen, sie können nicht anders. Zumal ‚Hilfe‘ positiv besetzt ist und insonderheit unter die Erwartungen an weibliches Rollenverhalten fällt, ist es oftmals gerade, aber nicht nur, für die Partnerinnen von Alkoholabhängigen sehr schwierig, eben nicht zu vertuschen, zu beschönigen, zu entschuldigen, dem Partner Aufgaben abzunehmen – kurzum: ihn wie einen ‚normalen‘ Kranken zu behandeln. Sicherlich bleibt eine „chronisch stressbelastete Situation“ auch bei Abgrenzung gegenüber dem oder der Suchtkranken bestehen (ebd.), andererseits jedoch verlängert solche ‚Hilfe‘ die Suchtkarriere des oder der Betroffenen und hinterlässt psychische und sogar physische Beeinträchtigungen der Partner*innen. – Damit sind dann insb. Selbsthilfegruppen beschäftigt, die daher eine ‚Hilfe durch Nicht-Hilfe‘ im beschriebenen Sinne anraten, womit Sozialarbeiter*innen zu rechnen haben, was sie feinnervig zu moderieren haben.

Weitere Punkte provozieren Nachfragen: „Bewusste Integration frauenspezifischer Aspekte in traditionelle Frauenkliniken“ (S. 79) ist ein Aspekt, den die Autorin unter dem Thema Gender und Sucht aufwirft. Bekannt und über Daten erhoben ist, dass Frauen beim ‚Fordern-Können‘ weit schlechter abschneiden als männliche Patienten, was für eine suchtmittelfreie Lebensführung ungünstig ist. Es fragt sich, wann vorrangig und wozu frau diese Fähigkeit haben muss und warum sie für den Fall, dass sie diesbezüglich nicht über hinreichende Ressourcen verfügt, eher (wieder) suchtgefährdet ist, auch im Hinblick auf „sozial unauffälligere Süchte wie z.B. einer Medikamentenabhängigkeit“ eine höhere „Vulnerabilität“ aufweist (wohl wegen ihrer „weiblichen Rollenvorgaben“), die wohl auch zur Folge haben, dass „typisch weibliche“ Strategien etwa bei der „Finanzierung des Drogenkonsums durch Prostitution“ zum Tragen kommen (S. 87). Faktisch ist das richtig. Man kann analytisch tiefer graben, was in der Frauen- und Geschlechterforschung längst geschehen ist: Fordern, sich positionieren, sich durchsetzen etc. sind unter Verhältnissen, wie sie sind, strategisch und taktisch vorderhand für Vorteilsnahmen im allgemeinen Konkurrenzgerangel auch zwischen den Geschlechtern im Interaktionsgeschehen nutzbar zu machen. Ob dafür die sozialen und psychosozialen ‚Kosten‘, und zwar letztendlich für alle Beteiligten, nicht zu hoch sind, ob vorgeblich weibliche Defizite nicht ein Wink für Umorientierung sind, bleibt immerhin diskussionswürdig. – Marion Laging regt zu solchen Überlegungen an, verweist auf dilemmatische Situation aus überkommenen und sich zäh haltenden Rollenzuschreibungen und macht völlig zu Recht darauf aufmerksam, dass hier Handlungsbedarf besteht, der aber mit Blick auf Ursachen und Funktionalität nicht therapeutisch und sozialarbeiterisch aufgeht.

Fazit

Was wie hier nur kursorisch angemerkt zu erörtern wäre, und zwar angeregt durch die Behandlung des Themas, kann in keiner Weise die Leistung von Marion Laging schmälern, die wenn auch in einem „‚Parforce-Ritt‘“ (Hansjürgens) und gleichsam im Duktus eines Lehrbuches komplexe Zusammenhänge auch mit kritischen Implikationen darstellt. Das Buch ist durchdacht gegliedert und dankenswert allgemeinverständlich, weshalb es nicht nur für Studierende der Sozialen Arbeit zu empfehlen ist, sondern auch für Student*innen verwandter Disziplinen und mit dieser Thematik befasste Laien. Nicht unterschlagen werden darf, dass die Autorin an etlichen Stellen weiteren Forschungsbedarf aufzeigt, gegen Schluss gar auf einen ihrer Meinung nach unterbelichteten Aspekt hinweist, nämlich „die Benefits z.B. eines moderaten Substanzkonsums oder auch die von Rauscherfahrungen“ (S. 144). In Engführungen auf Drogengefahren bleibt diese Dimension von Drogengebrauch meist außen vor.


Rezension von
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 17.12.2020 zu: Marion Laging: Soziale Arbeit in der Suchthilfe. Grundlagen - Konzepte - Methoden. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. 2., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-17-039014-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27696.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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