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Dieter Wälte, Michael Borg-Laufs (Hrsg.): Psychosoziale Beratung

Cover Dieter Wälte, Michael Borg-Laufs (Hrsg.): Psychosoziale Beratung. Grundlagen, Diagnostik, Intervention. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2021. 2., aktualisierte Auflage. 340 Seiten. ISBN 978-3-17-039158-1. 39,00 EUR.

Reihe: Grundwissen Soziale Arbeit - 24.
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Thema

Psychosoziale Beratung bezeichnet eine professionelle Art von Beratung, die Klienten in ihren verschiedenen Lebensbereichen und Lebensphasen unter Einbezug ihrer persönlichen Ressourcen präventiv und entwicklungsorientiert unterstützt, damit sie spezifische alltagsrelevante Kompetenzen entwickeln können. Dieser Band stellt Bausteine zur psychosozialen Beratung zur Verfügung, die es ermöglichen sollen, in unterschiedlichen Arbeitsfeldern eine systematische Fallarbeit vom Erstkontakt bis zum Abschluss zu gewährleisten.

Autoren

Herausgeber dieses Bandes sind Dieter Wähle, Professor an der Hochschule Niederrhein, Psychologischer Psychotherapeut und Prof. Dr. Michael Borg-Laufs, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut.

Aufbau

Das Buch ist nach einem Vorwort in weitere dreizehn Kapitel mit differenzierten Unterkapiteln in unterschiedlicher Länge verschiedener Autoren gegliedert.

In der genannten Reihe erscheinen Bände in kompakter Form, die das Grundwissen für das Studium der Sozialen Arbeit bereitstellen und die sich für das Selbststudium besonders gut eignen sollen. Der vorliegende Band ist modular aufgebaut und ermöglicht dadurch fallspezifische Schwerpunktsetzungen in der Beratung und es ist zudem an einem Phasenmodell der Beratung orientiert.

Inhalt

Das erste Kapitel von Anne de la Motte ist den „Grundlagen psychosozialer Beratung“ gewidmet. Beratung wäre Aufklärung und es sei ein populärer Container – Begriff. Psychotherapeutische Beratung sei nur eine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung, wenn sie dazu diene, Krankheit zu erkennen, zu heilen und Beschwerden zu lindern. Fünf Grundrichtungen ließen sich entsprechend verschiedener Ansätze bzw. Schulen unterscheiden: Psychodynamisch Verhaltenstherapeutisch, humanistisch-existentialistisch, systemisch und körperorientiert.

Das zweite Kapitel haben die beiden Herausgeber des Bandes verfasst „Prozessmodell der Beratung“. Sie stellen das Sieben-Phasen-Modell nach Kanfer (2012) vor, das aus einer Makroperspektive die Strukturierung eines psychosozialen Beratungsprozess ermögliche.

Ebenfalls von den Herausgebern ist das folgende Kapitel „Gestaltung einer professionellen Beziehung in der Beratung“. Je besser die professionelle Beziehung sei, desto stärker werde sich der Klient öffnen und desto stärker wird er auch die Hilfen des Beraters annehmen können (S. 62). Im Mittelpunkt dieses Kapitels stünden anhand von Fallvignetten die Basistechniken der Gesprächsführung, ohne die eine professionelle Beratungsbeziehung nicht hergestellt werden könne.

Die „Änderungsmotivation“ von Barbara Beck und Michael Borg-Laufs wird in Kapitel vier in den Blick genommen. Motivation sei ein mehrdimensionales Konstrukt. Menschen suchten dann professionelle Hilfe, wenn das Alltagswissen nicht mehr ausreiche, um aufkommende Herausforderungen zu lösen oder wenn bisherige Veränderungsversuche fehlgeschlagen seien. So seien 15 bis 50 % der Therapieabbrüche einer motivationalen Problematik geschuldet.

„Analyse und Klärung der Probleme Im Kontext von Ressourcen“ ist das Thema des fünften Kapitels. Dieter Wähle schreibt ein Unterkapitel zu „Diagnostische Grundlagen zum Fallverständnis nach dem bio-psychosozialen Modell“. Letzteres fördere eine Betrachtungsweise, die an die Lebenswelt der Klienten anschließen und der den aktiven Status bei der Bewältigung von Belastungen und Krisen unterstütze.

Die „Ressourcendiagnostik“ greift Franz-Christian Schubert in einem weiteren Unterkapitel auf. Es gehe in der Zusammenarbeit mit Klienten darum, die Ressourcen wahrzunehmen, zu entfalten und zu nutzen. Ressourcenorientierung sei somit eine grundlegende Haltung mit Hilfebedürftigen, wobei Klienten-eigene und externe Ressourcen zu erfassen seien. Ressourcen seien auch als Stärken, Kraftquellen oder Potenziale zu verstehen (S. 118).

Es folgt ein Unterkapitel mit dem Thema „Analyse psychischer Grundbedürfnisse“ von Michael Borg-Laufs. Psychische Grundbedürfnisse seien Bindung, Selbstwertschutz/​Selbstwerterhöhung, Orientierung und Kontrolle sowie Lustgewinn und Unlustvermeidung. Anhand von verschiedenen Fallvignetten werden diese näher erläutert.

„Die Analyse und Vereinbarung von Beratungszielen“ wird im sechsen Kapitel von Dieter Wähle und Melanie Meyer behandelt. Das entspricht der vierten Phase des Ablaufmodells nach Kanfer. Bei der Analyse von Beratungszielen kann eine Reihe von Techniken hilfreich sein, die es dem Klienten erleichtern, sich seiner Ziele bewusst zu werden.

Die „Problemaktualisierung“ ist Gegenstand von Kapitel sieben. Hier stellt Michael Borg-Laufs zunächst in einem Unterkapitel das „Rollenspiel“ vor. Es sei eine in vielen Therapieschulen verwendete Methode der Problemaktualisierung. Es finde Einsatz in der Gestalttherapie, der Tiefenpsychologie oder in der Verhaltenstherapie. Hauptziel sei das Erlernen und Üben neuer Verhaltensweisen (S. 168).

Dieter Wähle und Lara Sieben wählen für ihr Unterkapitel die Überschrift „Konfrontative Techniken (Verhaltensexperimente)“. Sie werden eingesetzt, um Meidungsverhalten abzubauen und Verhaltensexzesse zu reduzieren.

Die „Ressourcenaktivierung“ hat das achte Kapitel von Franz-Christian Schubert zum Inhalt. Es erfolgt zunächst eine theoretische Fundierung verschiedener psychotherapeutischer Ansätze bevor die Arbeit mit personellen und sozialen Ressourcen näher beschrieben wird.

Im neunten Kapitel stehen die „Hilfen zur Problembewältigung“ im Vordergrund, wobei Michael Borg-Laufs und Barbara Beck in einem Unterkapitel die „Methoden der Einzelberatung“ thematisieren. Grundthese ist, dass psychisches Leid oft durch verzerrte kognitive Prozesse, insbesondere dysfunktionale automatische Gedanken und irrationale Grundüberzeugungen hervorgerufen werden (S. 216). Ziel der kognitiven Beratung sei es, die automatischen Kognitionen zu verändern.

Ein weiteres Unterkapitel trägt den Titel „Methoden der systemischen Paar- und Familienberatung“, das von Franz-Christian Schubert, Dieter Wähle und Melanie Meyer verfasst wurde. Systemische Beratung lege den Schwerpunkt auf den sozialen Kontext von Problemen, die im Zusammenhang mit sozialen Bezügen stehen und sich zirkulär beeinflussen. Es erfolgt in der Beratung meist eine systemische Hypothesenbildung, die eine Ordnungsfunktion erfüllt, um das System strukturieren zu können.

Michael Borg-Laufs und Julia Tiskens greifen im zehnten Kapitel das Problem der „Evaluation des Beratungsprozesses“ auf. Gegenstand der Evaluation könne sowohl die Prozessevaluation als auch die Ergebnisevaluation sein. Es kann mit dem Klienten eine Zielerreichungsskala entwickelt werden.

Das vorletzte Kapitel setzt sich mit dem „Beratungsabschluss“ auseinander. Ein Beitrag von Melanie Meyer und Dieter Wähle. Der Beratungsabschluss hat folgende Funktionen zu erfüllen: er ist als Abschlussevaluation gedacht, es gehe um die Festigung und Sicherung der Ergebnisse, es sollte ein Blick in die Entwicklung der Zukunft gewagt werden und es gehe um die schrittweise Auflösung der Beratungsbeziehung.

Das letzte Kapitel zwölf beschäftigt sich abschließend mit der „Supervision“ und ist von Franz-Christian Schubert geschrieben Supervision sei eine Kombination aus Reflexion, Beratung und Fortbildung und habe zur Aufgabe, zu einer Veränderung, Differenzierung und Weiterentwicklung von beruflichen Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsschemata beizutragen (S. 299).

Diskussion

Das Buch hält, was es verspricht, es ist für Studierende verschiedener Fachrichtungen modular angelegt und soll ebenso für Fachkräfte in unterschiedlichen Beratungsstellen dienen. Es ist eine Publikation, die tiefgründigen wissenschaftlichen Ansprüchen genügt und dennoch ist sie leicht verständlich. Das ist bei dieser komplexen Thematik relativ selten, dass einerseits der Spagat höchsten wissenschaftlichen Niveaus mit guter Lesbarkeit gelingt. Jedes Kapitel beginnt mit einem grau unterlegten Kasten in dem steht „Was Sie in diesem Kapitel lernen können“. Zugegebenermaßen sind die Kästchen manchmal etwas sehr lang, sodass der Leser gleich von vornherein die Motivation verlieren könnte, was aber wegen des Interessantheitsgrades am Stoff kaum passieren dürfte. Dieses Buch ist vollumfänglich gelungen und wird Studierenden und anderen Fachkräften eine unerlässliche Grundlage ihres Wissenserwerbes sein.

Fazit

Dieses Fachbuch ist ein gelungener Versuch, Beratungskonzepte als Ablaufschema zu gestalten. Die Autoren der differenzierten Kapitel sind ausgewiesene Experten, die es ermöglichen, einen spezifischen Einblick in den Beratungsprozess zu erhalten. Der Sprachstil ist angepasst und nicht akademisch überzogen. In der Regel wird eine Fallvignette vorangestellt, um daran sowohl die Formen und Ansprüche an die Beratung als auch mögliche Interventionen zu verdeutlichen. Ausgezeichnet sind auch die vielen Bilder und Schemata, die helfen, den Beratungsprozess optimal zu gestalten.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 14.07.2021 zu: Dieter Wälte, Michael Borg-Laufs (Hrsg.): Psychosoziale Beratung. Grundlagen, Diagnostik, Intervention. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2021. 2., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-17-039158-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27698.php, Datum des Zugriffs 23.07.2021.


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