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Gesa Lindemann: Die Ordnung der Berührung

Cover Gesa Lindemann: Die Ordnung der Berührung. Staat, Gewalt und Kritik in Zeiten der Coronakrise. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2020. 128 Seiten. ISBN 978-3-95832-226-4. D: 12,90 EUR, A: 13,30 EUR.
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Thema

Ausdrücklich will sich die Autorin nicht an den zahllosen Krisendiagnosen und Vorschlägen beteiligen, wie die Corona-Krise zu bewältigen sei. Auch ihre langfristigen Folgen stehen nicht im Zentrum ihrer Überlegungen. Sie fragt: Was können wir aus der Coronakrise über moderne Gesellschaften lernen?

AutorIn

Gesa Lindemann ist seit 2007 Professorin für Soziologie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.

Aufbau und Inhalt

Wenn wir von der Struktur der modernen Gesellschaft reden, kann man das staatliche Gewaltmonopol nicht übergehen, das in legitimer Weise über den Einsatz aller staatlicher Gewalt entscheidet. Zweitens gilt die Rechtsstaatlichkeit, die Bindung des Staates an Recht und Gesetz, und drittens gibt es die staatliche Garantie von Grundrechten einschließlich des Rechts auf freies Eigentum.

Unser Alltagsverhalten zeigt anschaulich, wie wir uns berühren lassen sollten und wie wir andere berühren können. Normalerweise sind diese Vorgänge eingespielt und akzeptiert. Die Formen der Berührung werden darüber hinaus durch eine verfahrensmäßige Ordnung der Gewalt abgesichert. Eine den einzelnen Gruppen überlegene staatliche Zentralgewalt garantiert in neutraler Weise die Funktionsfähigkeit der Berührungsordnung.

In der Coronakrise wird dieses normale Spiel der Berührung nun komplett den Gesetzen und Vorgaben des Staates unterworfen. Die Selbstregulation wird durch Staatsregelungen ersetzt. Der Staat bestimmt, wie man zu leben hat, wen man berühren darf oder nicht und zu welcher Stunde und wo Berührungen stattfinden dürfen. Arbeiten, Essen, Schlafen, Freizeit, Einkaufen, Lernen, Kleidung, Sport, Spiel und Spannung- alles, was zum freien Leben zählt, eignet sich der Staat mit dem Hinweis der tödlichen Gefahr einer Pandemie zur Regulation und Rettung von Leben an. (Man tut so, als ob Corona die einzige tödliche Bedrohung der Menschen sei.)

Vor diesem Hintergrund erläutert die Autorin folgende Themen und Bezugspunkte:

  • Das Verständnis der Welt sollte sich immer wieder von der Wissenschaft belehren lassen. Nur auf dieser Basis erkennt man die Ursachen und kann das Virus bekämpfen. Keineswegs soll man „Verschwörungstheorien“ folgen, die darauf zielen, Gewalt gegen bestimmte Personen oder/und Gruppen zu legitimieren.
  • Das Verhältnis von Staat, Medizin und Bürger ist so gestaltet, dass zwar wir alle der Gewalt des Staates unterworfen sind, aber bei dieser Unterwerfung der Medizin eine besondere Rolle zukommt.
  • Allerdings gibt es Grenzen für die dauerhafte Einsetzung des staatlichen Gewaltmonopols gegen das Virus. Zwar soll der Staat die Wirtschaft in der Corona-Krise retten, doch darf er sich nicht den Vorstellungen der an Gewinnen orientierten Geschäftsführung widersetzen.
  • Zum Schluss wird die Frage nach der Gesellschaftskritik gestellt: Kann die Corona-Krise dazu beitragen, diese sich schon vorher artikulierende Kritik ruhigzustellen.

Diskussion

Es fällt schwer mir, einer Autorin zu folgen, die an der deutschen Krankheit der Vergottung des Staatsbegriffes leidet. Kein kritisches Wort fällt etwa zum Gewaltmonopol des Staates, seiner Machtausübung, seiner Interessenbasis und seiner Strukturen. Ist es doch die Coronakrise selbst gewesen, die jedem gezeigt hat, wie mangelhaft die Unterrichtung der Öffentlichkeit war und bis heute ist, wie eng der Kreis gerade auch der medizinischen Berater von Anfang an gezogen wurde, wie Kritiker als Verschwörungstheoretiker und Rechtsaußen öffentlich gebrandmarkt wurden, wie planlos auf allen Ebenen gehandelt und, wie wir jetzt wissen, verdient wurde, wie gebetsmühlenartig uns Zahlen repräsentiert wurden, die wenig Aussagekraft besaßen, aber großen Eindruck machten. Hinzu kommt, eine Gesundheitspolitik, die weder nach der Richtigkeit der Maßnahmen noch nach deren Verhältnismäßigkeit gefragt, sondern Macht und Herrschaft demonstriert hat. Dann wird noch so getan, als ob diese Art der Demokratie ohne jede Alternative wäre. Seit Jahren fragen sich viele Menschen im Lande, wie wir überhaupt noch einen Regierungswechsel bewerkstelligen können, wie wir wieder ein halbwegs kontrolliertes System von checks and ballance einrichten können, damit der Missbrauch der Macht eingegrenzt wird und eine politische Fehlentwicklung verhindert werden kann. Auch die Frage, wie der Bürger überhaupt noch an der Ausübung der Macht beteiligt werden kann, bleibt höchst virulent. Der Bürger erscheint bei unserer Autorin nur noch als Attrappe oder Störenfried! Das kann doch nicht der Lernprozess aus der Corona-Krise sein?

Fazit

Es mag für den einen oder anderen Leser merkwürdig sein, dass ich dennoch dieses Buch für eine Lektüre empfehle. Es ist ein wohl beispielhafter Versuch, die Corona-Krise und deren unprofessionelle Handhabung durch alle Aktivisten des Merkel-Koalition zu glätten. Dieses Bündnis reicht über den Regierungsapparat von Bund und Ländern über alle Medien bis hin in die gesellschaftlichen Verbände, Organisationen und Vereine und lässt sich durchaus diese Haltung der Anpassung noch fürstlich honorieren.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 08.04.2021 zu: Gesa Lindemann: Die Ordnung der Berührung. Staat, Gewalt und Kritik in Zeiten der Coronakrise. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2020. ISBN 978-3-95832-226-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27703.php, Datum des Zugriffs 14.05.2021.


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